Interreligiöser Dialog

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Im Islam besteht eine Verpflichtung zum Frieden und damit zum Dialog. Zwei Dialogformen können
unterschieden werden. Interreligiöser Dialog bedeutet, mit Vertretern anderer Religionen ins
Gespräch zu kommen. Er unterscheidet sich vom innerreligiösen Dialog, bei dem die Gespräche
innerhalb derselben Religion, meist von Vertretern unterschiedlicher Strömungen, stattfinden.
Im Bereich der Religionen gibt es derzeit in Deutschland zwei sich widerstrebende Bewegungen.
Zum Einen bewegen wir uns hin zu einer Einheit der Religionen, die tatsächlich über ein friedliches
Miteinander hinausgeht und nach gemeinsamen Grundlagen in den Offenbarungen sucht. Zum
Anderen erkennen wir Elemente der Radikalisierung und Abschottung und damit eine Ablehnung der
anderen Religionsgemeinschaften bzw. deren Vertreter. Der interreligiöse Dialog ist daher von
besonderer Bedeutung. Er hat das Ziel, eine lebenswerte und zugleich gottgefällige soziale
Gemeinschaft aufzubauen, die sich auszeichnet durch Frieden und Freiheit von Körper und Geist für
alle ihre Mitglieder. Frieden und Freiheit des Einzelnen, so lehrt uns die Geschichte, sind nur möglich
durch die Wahrung des Friedens und der Freiheit aller.
An vielen Stellen des Korans finden wir Verse zum interreligiösen Miteinander, so beispielsweise in
Sure 42:13, wo wir darauf hingewiesen werden, dass die Offenbarungen der früheren Propheten auch
für uns Muslime weiterhin gelten.
„In Sachen des Glaubens hat er für euch das verordnet, was er Noah geboten hatte – und worin wir
dir (O Muhammad) durch Offenbarung Einsicht gaben – , wie auch das, was wir Abraham und Moses
und Jesus geboten hatten: Haltet den wahren Glauben standhaft aufrecht und spaltet nicht eure Einheit
darin“ (Übersetzung Muhammad Asad, Patmos Verlag).
In Sure 3:64 lesen wir, dass die Religionen ein wesentliches gleiches Wort teilen: „Sag: O Anhänger
früherer Offenbarungen! Kommt zu dem Grundsatz, den wir und ihr gemeinsam haben, dass wir
keinen anderen anbeten sollen außer Gott und dass wir nicht etwas Anderem neben ihm Göttlichkeit
zuschreiben sollen, und dass wir nicht Menschen als unsere Herren neben Gott nehmen
sollen“ (Übersetzung ebd.).
Dass der Glaube an denselben Gott das vereinende Moment der Religionen ist, entnehmen wir auch
der Diskussion um Ibrahim in Sure 3:67:
„Abraham war weder ein Jude noch ein Christ, sondern war einer, der sich von allem abwandte, was
falsch ist, da er sich Gott ergeben hatte; und er war nicht von jenen, die etwas anderem neben Ihm
Göttlichkeit zuschreiben“ (Übersetzung ebd.). Die Wertschätzung des Propheten Jesus entnehmen
wir unter anderem Sure 3:59: „Wahrlich, in der Sicht Gottes ist die Natur von Jesus wie die Natur
von Adam, den er aus Staub erschaffen hat, und zu dem er dann sagte: „Sei!“ – und er ist.“
Der interreligiöse Dialog umfasst also mit Selbstverständlichkeit die so genannten Buch- oder
Schriftreligionen, also Judentum und Christentum, aber er darf auch gerne andere Gruppen mit
einschließen, denn nur wer miteinander im Dialog ist, kann einander kennenlernen. In Sure 49:13
werden wir vor unserer eigenen Überheblichkeit gegenüber Anderen gewarnt: „O Menschen! Siehe,
wir haben euch alle aus einem Männlichen und einem Weiblichen erschaffen, und haben euch zu
Nationen und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander kennenlernen möget. Wahrlich der Edelste
von euch in der Sicht Gottes ist der, der sich Seiner am tiefsten bewusst ist“ (Übersetzung ebd.).
Die Edelsten unter den Gläubigen sind damit nicht automatisch die Anhänger des Islam, sondern
diejenigen Gläubigen, die die innigste Beziehung zu Gott haben und diese in ihrem Alltag mit dem
Herzen umsetzen.
Wir Mitglieder der Ibn Rushd-Goethe Moschee führen den interreligiösen Dialog mit Freude, Respekt
und mit einem Verständnis von Gleichberechtigung auf Augenhöhe. Unsere Moscheeräume
innerhalb des Gebäudes der St.Johannis Kirche verbildlichen dies ganz konkret. Der Wunsch des
Dialogs mit den anderen Religionen unserer Umgebung entspringt dem Bemühen um ein
konstruktives Miteinander. Er dient damit auch dem gemeinsamen Schulterschluss gegen jene, die
einzelnen Menschen oder der Gesellschaft als Ganzes Schaden zufügen möchten. Jedwede
Verfolgung oder Verstoßung einer Minderheit stellt immer auch eine Gefahr für alle anderen
Minderheiten dar, beweist sie doch eine gesellschaftliche Atmosphäre, die Erniedrigungen zulässt.
Betroffen sind wir also stets alle gemeinsam und brauchen daher deutliche Zeichen, dass dies von
keiner Religionsgemeinschaft akzeptiert wird. Um Zeichen dieser Art zu setzen, müssen die Dialoge
durch Liebe und Verständnis geprägt sein; schließlich ist der Glaube nicht immer rational zu erklären,
sondern eng gebunden an Erziehung, Tradition, Kultur, Erfahrungen und innere Bilder. Der
interreligiöse Dialog ist niemals ein Versuch der Missionierung, sondern ein Reichen der Hände.
Dialogformen sind dabei vielfältig. Neben formellen und informellen Gesprächen sind das
gemeinsame Feiern von Festen, wie zum Beispiel Weihnachten, Hannukkah oder das Ramadanfest,
Momente gelebter Gemeinsamkeit. Vorlesesituationen für Kinder, Einladungen in die Moschee,
Besuche der Kirche, Gespräche mit Rabbinern, die Teilnahme an Veranstaltungen anderer Gemeinden
etc. sind Möglichkeiten, in den Dialog zu treten. Um ihren gesellschaftlichen Zweck zu erfüllen,
sollten diese Dialoge hin und wieder auch öffentlich sichtbar sein.
Unabhängig von der Abwehr des Schadens dient der interreligiöse Dialog aber natürlich auch der
Freude und dem Erkenntnisgewinn; denn im Gespräch und in der Erklärung eigener Positionen
erkennen wir deren Wert und Begrenztheit. „Augenhöhe“ steht sowohl für das Finden von
Gemeinsamkeiten als auch für gegenseitige Wertschätzung trotz unterschiedlicher Positionen.
Wir freuen uns auf derlei wertschätzende Begegnungen, den Austausch über unseren Glauben und
unsere Positionen, die gegenseitige Unterstützung und die daraus entstehende Harmonisierung des
Zusammenlebens möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen in Berlin und darüber hinaus. Alle
unsere aktiven Mitglieder stehen für einen solchen Dialog zur Verfügung.

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