Wörter – Gottes Wörter und unsere Wörter

 

Raphael Schaller

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott. Dies ist der Anfang der fünf Bücher Moses. Am Anfang war das Wort.

Der Koran beginnt genauso. Ein berühmtes Hadith berichtet über die Erfahrung des Propheten Mohammeds in der Höhle, in die er sich schon vor seinen Offenbarungen immer wieder zurückzog, um in sich zu kehren, der Höhle von Hira. Eines Tages besuchte ihn der Engeln Jibreel, und forderte ihn, den Analphabeten, auf, zu lesen. „Iqra“, sagte Jibreel – es bedeutet sowohl zu lesen oder aus dem Gedächtnis zu rezitieren.

„Iqra!“, sagte Jibreel.

Mohamed antwortete: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest; ich bin kein Lesender.  Jibreel nahm ihn und drückte ihn, bis Mohamed es nicht mehr ertrug. Dann ließ er ihn los. Wieder sagte Jibreel zu Mohamed: „Iqra!“ Lies! Und wieder antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Ich bin kein Lesender. Jibreel packte ihn wieder und drückte ihn, bis er es nicht mehr ertragen konnte. Doch ließ er ihn dann los, um nun zum dritten Mal zu befehlen: ​​“Iqra!“ Lies! Und ein letztes Mal antwortete Mohamed: „Ma ana bqa’ir“. Ich bin nicht derjenige, der liest. Nun ergriff Jibreel Mohammed nicht noch einmal, sondern rezitierte für ihn diese erste Offenbarung und Mohamed folgte seinem Beispiel.

بِسۡمِ ٱللهِ ٱلرَّحۡمَـٰنِ ٱلرَّحِيمِ

ٱقۡرَأۡ بِٱسۡمِ رَبِّكَ ٱلَّذِى خَلَقَ (١) خَلَقَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مِنۡ عَلَقٍ (٢) ٱقۡرَأۡ وَرَبُّكَ ٱلۡأَكۡرَمُ (٣) ٱلَّذِى عَلَّمَ بِٱلۡقَلَمِ (٤) عَلَّمَ ٱلۡإِنسَـٰنَ مَا لَمۡ يَعۡلَمۡ

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen!
Lies im Namen deines Herrn, Der erschuf. (1) Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen. (2) Lies; denn dein Herr ist Allgütig, (3) Der mit dem Stift lehrt, (4) lehrt den Menschen, was er nicht wußte.

Der Prophet lief nach Hause, wo seine Frau Khadija sah, dass er in großer Not war. In seiner Angst, er habe den Verstand verloren, bat er sie zitternd: „Bedecke mich, bedecke mich“. Khadija bedeckte ihn mit einem Umhang und sprach freundliche Worte zu ihm. Sie lobte seine Integrität, seine friedliche Natur und sein hilfsbereites Verhalten, bis er ruhig wurde und akzeptieren konnte, was mit ihm geschehen war; dass dies der göttliche Wille war, und dass er von nun an aufgerufen sein würde, nicht nur für Jibreel zu rezitieren, sondern der Menschheit weiterzugeben, was Gott ihm mitteilte. Er würde ein Botschafter Gottes sein. Was er an die Menschheit weitergeben würde, wären Worte. Nun hat Mohamed nicht nur Worte weitergegeben. Sein größtenteils sanfter, freundlicher und liebevoller Umgang mit Familie, Freunden und Feinden, seine Art zu beten, zu essen, sich zu waschen und seine Bereitschaft, alles, was er besaß, zu teilen, werden alle als die Sunna weitergegeben. Wir können sie kopieren oder nicht kopieren, wie wir es für uns selbst im Hinblick auf unser eigenes Verständnis ihres Wertes und mit Verantwortung für unser eigenes Handeln entscheiden. Aber die Offenbarungen, die er für uns hat, werden in Form von Worten weitergegeben.

Das Wort ist offenbar eine wichtige Einheit, obwohl es ja irgendwie gar nicht existiert. Zumindest nicht das gesprochene Wort. Es ist nicht greifbar. Das Wort ist ein Nomen, man schreibt es groß, doch in dem Moment wo es gesprochen wurde, ist es bereits weg. Seine Lebensdauer ist mit die Kürzeste, die wir uns von etwas vorstellen können.  Doch welch wundersames Paradox! Denn zugleich haben Wörter mit das längste Leben, was wir uns von irgendetwas vorstellen können, selbst, wenn sie nicht niedergeschrieben werden. Worte dringen in unser Gehirn und bleiben dort auf ewig gespeichert, entfalten dort eine Wirkung, die unserem ganzen Leben in die eine oder die andere Richtung weisen kann. Worte dringen in unser Herz und verursachen die wunderschönsten Gefühle, verursachen Kraft und Mut, und zugleich können sie zerstören. Dazu kommt die Fragestellung nach der Bedeutung. Kein Wort bedeutet für zwei Menschen genau dasselbe. Wörter unterliegen unserer Interpretation, und die beruht auf unseren Erfahrungen.

Daher muss den Worten in unserem täglichen Leben besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, nicht nur im gewissermaßen heiligen Moment des Gebets in der Moschee, sondern unter allen Umständen, selbst den alltäglichsten.

 

In Sure 49 lesen wir

„O ihr Gläubigen! Kein Mann darf über einen anderen spotten; vielleicht ist dieser besser als er. Keine Frau darf über eine andere spotten; vielleicht ist diese besser als sie. Verleumdet euch nicht gegenseitig! Sagt einander keine bösen Wörter und Schimpfnamen! Es gibt nichts Schlimmeres, als diesen Frevel zu begehen, nachdem man den Glauben angenommen hat. Wer nicht reumütig davon abläßt, gehört wahrhaftig zu den Ungerechten.

O ihr Gläubigen! Meidet viele Mutmaßungen, denn einige darunter sind sündhaft! Bespitzelt keinen, verleumdet einander nicht mit Nachreden! Möchte etwa jemand vom Fleisch seines toten Bruders essen? Wie ihr das verabscheut, verabscheut auch die Nachrede! Fürchtet Gott! Gott ist voller Barmherzigkeit und nimmt die Reue an.“

 

An unseren alltäglichen Worten und  Gesprächen sind oft unsere Kinder beteiligt, die zu den Verletzlichsten zählen, wenn es darum geht, Worte schlecht zu gebrauchen. Manchmal werden Kinder ja sogar geschlagen. Eine aktuelle Studie in Deutschland zeigt, dass etwa ein Viertel der Kinder geschlagen wird, 5% so stark, dass die Schläge Spuren hinterlassen. Es ist jedoch falsch zu glauben, dass Gewalt den physischen Körper einbeziehen muss. Während in einkommensschwachen Familien mit niedrigem Bildungsstand häufiger geschlagen wird, kommt es in allen Haushalten zu verbaler Gewalt, auch wenn sie sich eines besonders zivilisierten Verhaltens rühmen.

Lächerlich machen, schreien, niedermachen und dergleichen führen zu körperlichen Folgen, die sich in Form von Lispeln oder Nörgeln in der kindlichen Sprachentwicklung zeigen oder im nächtlichen Einnässen, in Aggressionen, Depressionen, oder sogar Selbstmord.

 

Nette und freundliche Worte zu hören, gibt uns hingegen das Selbstvertrauen, das wir für all unsere täglichen Begegnungen mit neuen Menschen und Situationen brauchen, den Mut, neue Dinge auszuprobieren, um zu wachsen, und die Ausdauer, um weiter zu üben, wenn uns Dinge noch schwerfallen.

Gleichzeitig profitieren Kinder, wie alle anderen, von Worten der Güte und Liebe. Wir alle gedeihen, wenn uns gesagt wird, dass wir gut darin sind, etwas zu tun. Wir tun es dann gerne noch einmal, um der Welt zu beweisen, dass wir wirklich gut darin sind, und um das Lob noch einmal zu hören. Auf diese Weise werden wir in all unseren Unternehmungen tatsächlich immer besser, bis wir den Worten, die über uns gesagt wurden, gerecht werden.

Der Prophet sprach häufig über Spott, Lästerei und Verleumdungen, und bat eindringlich, sie zu unterlassen. Wir haben es gerade aus dem Koran gehört. Unsere Zunge sei einer unserer größten Feinde, habe er gesagt. Die Gleichsetzung mit dem Kannibalismus zeigt, es ähnelt dem Töten.

Im Strafgesetzbuch steht das ähnlich. Da gibt es die Begriffe „üble Nachrede“, „Rufschädigung“, „Verleumdung“, „Beleidigung“, und im allgemeinen Sprachgebrauch sprechen wir gar von „Rufmord“, als hätte man diese Person selbst tätlich angegriffen. Die üble Nachrede nach § 186 Strafgesetzbuch (StGB) ist ein Ehrdelikt, das sich von der Beleidigung (§ 185 StGB) dadurch unterscheidet, dass nicht die Äußerung eines bestimmten negativen Werturteils unter Strafe gestellt wird, sondern das Behaupten oder Verbreiten ehrenrühriger Tatsachen. Der Begriff der Ehre ist in allen Kulturen ein Wertbegriff, er wird lediglich mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt. Die Missachtung der Ehre unserer Mitmenschen steht in Deutschland unter Strafe.

 

 

 

Mit der Erzählung über ein solches Ehrendelikt oder eine Verleumdung möchte ich meine Khutba heute beenden. Vielleicht sollte man die Geschichte irgendwann einfach mal unter den Teppich kehren. Doch zeigt sie uns explizit, wie leicht es ist, solchen Verleumdungen Glauben zu schenken und wie lange sie sich aufrecht zu erhalten. Die folgende Geschichte wird, ich muss es hier unbedingt sagen, sehr unterschiedlich überliefert. Auch, um welche Frau es sich handelt, variiert. In meinen Quellen geht es um Aisha – Aisha, die ich persönlich sehr verehre. Aisha hatte Mohamed sehr früh geheiratet und war sicherlich emotional besonders eng mit ihm verbunden. Sie war vielfältig im Ausleben ihres Islamverständnisses. Einerseits hat sie ihren Besitz immer wieder minimiert, indem sie ihn an Bedürftige verteilt und wenig für sich selbst übrig gelassen hat. Andererseits hat sie sich stets gebildet. Sie war eine intelligente Frau, die sich nach Mohameds Tod in Anliegen der Religion und Politik als Führungspersönlichkeit hervortat. Aisha war schamlos ehrlich mit sich selbt, was ich vielleicht an ihr am meisten schätze. In ihren Erzählungen über den Propheten Mohamed schönt sie ihr eigenes Verhalten nicht.

Die folgende Geschichte gibt uns einen Einblick in die Folgen der Verleumdungen und darin, dass auch ausgesprochen integre Menschen nicht davon verschont werden.

 

Der Skandal um Aisha, der auch der Lügenskandal, Hadith al-Ifk, genannt wird, ereignete sich im Jahre sechs n.H., kurz nach der Heirat Muhammads mit Saynab bin Dschahsch. Als Muhammad sich für die Schlacht mit den Banu al-Mustaliq vorbereitete, loste er – wie üblich vor jeder Schlacht – unter seinen Ehefrauen aus, welche er mit sich nehmen sollte. Das Los fiel auf ‘Aischa. ‘Aischa freute sich darüber, ihrem Mann für einige Tage das Geleit zu geben und mit ihm allein zu sein. Muhammad und die Muslime gewannen diese Schlacht. Auf dem Wege zurück nach Medina, während einer Rast des Heeres, entfernte sich ‘Aischa kurz nach dem Morgengrauen aus dem Lager, um einem Bedürfnis nachzukommen. Dabei verlor sie ihre Halskette. In der Suche nach ihrer Kette verspätete sie sich dermaßen, dass bei ihrer Rückkehr das Lager bereits abgebrochen und ihr Kamel mit den anderen fortgeführt worden war. Die Leute hatten in dem Glauben gehandelt, sie befinde sich bereits in dem Zelt, das auf dem Sattel ihres Kamels aufgerichtet war.

Als ‘Aischa feststellte, dass sie allein zurückgeblieben war, hoffte sie, dass der Gesandte ihr Fehlen bemerken und jemanden schicken werde, sie abzuholen. Als Nachzügler war Safuan ibn al-Mu’attal as-Salami ebenfalls zurückgeblieben.

Safuan sagte zu ihr so etwas wie: „Wahrlich, Allah gehören wir, und zu Ihm kehren wir heim. O du Frau des Gesandten Allahs, was ließ dich von dem Lager zurückbleiben? Allah erbarme sich deiner!“. Safuan fühlte sich für die Sicherheit ‘Aischas verantwortlich, deshalb führte er sein Kamel vor und lies ‘Aischa aufsteigen. Dann führte er sein Kamel zurück nach Medina. Mit großer Verspätung traf ‘Aischa in Begleitung Safuans, im hellen Licht des Tages, lange nach der Ankunft des Heeres in Medina ein.

Dies war der Anlass für böswillige Menschen und Heuchler, ‘Aischa und Safuan zu verdächtigen, sich unzüglich erhalten zu haben. Menschen verbreiteten Verleumdungen und Verdächtigungen über ‘Aischa und Safuan. Selbst innerhalb der islamischen Gemeinschaft führte dieses Gerede zu einer Art Spaltung. Warum? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Gott sei dank seid ihr beide wohl behalten? Warum war nicht das Erste, das sie sagten: Zum Glück war Safuan dort, und konnte Aisha unterstützen!? Mein bester Freund sagte mir schon oft in seinem nicht ganz perfekten Deutsch, wenn ich mal wieder eine Vermutung anstellen wollte: „Denk mal immer gut“. 

‘Aischa selbst kam von der Reise schwach, erschöpft und krank zurück. Aus diesem Grund hielt sie sich die meiste Zeit in ihrem Hause auf und ging fast nicht aus der Tür. Die Gerüchte und Verleumdungen breiteten sich indessen immer weiter aus. Normalerweise kümmerte sich der Gesandte, wenn ‘Aischa krank war, mehr als gewöhnlich um sie und erleichterte ihr Leben bis sie wieder gesund war. Diesmal verhielt er sich anders und kümmerte sich nur wenig um sie. ‘Aischa hatte sogar das Gefühl, dass es dem Gesandten sehr schwer falle, sie zu betreuen und nach ihrem Wohlergehen zu fragen, wie er es früher getan hatte. Da sie den Grund für das veränderte Verhalten des Gesandten ihr gegenüber nicht kannte, erhoffte sie Hilfe und Betreuung von ihrer Mutter und bat den Gesandten, zu ihrer Mutter gehen zu dürfen. Dieser erlaubte es ihr sofort. Dies zeigt, wie stark die Verleumdung in der Öffentlichkeit das Verhältnis des Gesandten zu ‘Aischa gestört hatte. Er war über diese Verleumdungen sehr betroffen und es fiel ihm schwer, zu glauben, dass es in seiner Gemeinschaft Leute gab, die solche Lügen weiterverbreiteten. Muhammad kannte ‘Aischa, aber auch Safuan, vom Grunde ihrer Seele und war deshalb sicher, dass es sich bei diesem Gerücht um nichts anders als eine Verleumdung handeln könne.

Schließlich konnte sich Muhammad nicht länger zurückhalten und entschloss sich, vor der Gemeinschaft darüber zu sprechen. Nachdem er zuvor Allah angerufen und Ihn gepriesen hatte, sprach er vor der Gemeinschaft, ohne dass ‘Aischa davon wusste: „O ihr Menschen“ Wie ist es mit einigen unter euch, die mich beleidigt haben in einer meiner Angehörigen (‘Aischa)? Sie sprechen nicht die Wahrheit; bei Allah, ich habe von ihr nur Gutes gekannt. Und sie sprechen auch Schlechtes von einem Manne (Safuan), von dem ich auch nur Gutes gekannt habe. Niemals ist er in eines meiner Häuser ohne meine Begleitung eingetreten.“

Doch eine Verleumdung kann man niemals aus dem Weg schaffen. Einmal gesagt, bleibt ein bitterer Nachgeschmack, und häufig meint man, es könne ja vielleicht doch etwas Wahres dran sein.  So entfaltet eine Verleumdung auch nach vielen Jahren noch ihre bittere Wirkung.

Welche Worte sind es denn aber, die wir verwenden sollen? Zunächst einmal, Taten sagen oft mehr als Worte. Wir sollten vielleicht gar nicht immer Wörter verwenden, sondern könnten uns stattdessen überlegen, wie wir unseren Gefühlen wortlos aber handlungsreich Ausdruck verleihen können. Und dann die schönen Worte – es freut mich, gerne, schön, das ist wunderbar, du bist wunderbar, und sicher fällt uns auch die eine oder andere gute Geschichte über unsere Mitmenschen ein. Über Aisha zum Beispiel, wie bereitwillig sie ihre Besitztümer an Bedürftige abgegeben hat. Wie tapfer sie ein schweres Leben ertragen hat. Sie hingebungsvoll sie dem Propheten gegenüber war. Über unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Ehemänner, unsere Kinder – schnell sagen wir ein schlechtes Wort. Aber, „denkt mal immer gut!“ Lasst uns gute und schöne Wörter füreinander und für unsere Handlungen finden.

In diesem Sinne Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

 

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