Kopfkino

 

Als das Jahr 2019 begann, setzten sich meine beste Freundin und ich in unsere Kämmerlein und überlegten uns ein Wort. Es sollte eine Art Motto für das neue Jahr werden, unter dessen Bedeutung wir uns verändern würden. Eine Art Mantra also. Ich für meinen Teil wählte das Wort „loslassen“, da ich bemerkt hatte, dass ich mich an vielen Dingen krampfhaft festhielt und vor allem Herzensangelegenheiten durch die standhafte Anwendung meines Intellekts regeln wollte, statt dem Gefühl nachzugeben.  Darüber hinaus fühlte ich mich von diesen Herzensangelegenheiten gefesselt und schien auch meinen Partner zu fesseln, der sich wehrte.  Als langjährige Lehrerin einer Grundschule leide ich unter der Berufskrankheit so vieler Lehrerinnen, alles lenken zu wollen, indem ich nicht nur meine eigene Zukunft, sondern auch die Zukunft anderer gut durchplante und alle Personen darin fest verankerte, ihnen Aufgaben zuweise, Verhaltensweisen erwarte – um dann immer wieder festzustellen, dass der Umgang mit den Mitmenschen so irgendwie nicht funktioniert. Besonders meiner Partnerschaft tat es nicht wirklich gut, dass ich innerlich schon alles für uns geregelt hatte und den Ring längst an der rechten Hand trug, obwohl es sich nur um einen einfachen Freundschaftsring handelte.

So kam ich mit meiner Beziehung nicht weiter und wir litten zu sehr. In diesem Zustand beschloss ich also, kurz nach Silvester als Jahresmotto das Wort „loslassen“ zu wählen und nahm mir fest vor, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen, das Schicksal einfach mal hinzunehmen, mit Freude zu akzeptieren – es war ja schließlich im Großen und Ganzen immer gut zu mir gewesen.

Schon nach etwa zwei Monaten hatte ich mein Wort geflissentlich vergessen, genauso, wie wir es mit allen Neujahrsversprechen tun, und hielt also wieder an allem fest, lenkte, führte, plante, entschied für andere, und kommunizierte auch, was für meinen Partner sicher das Beste sei. Ohne mich sah ich ihn vor meinem inneren Auge arbeits- und obdachlos werden. Das Gefühl leiten und lenken zu müssen war wiedermal sehr dominant. Natürlich hat es auch etwas Positives, lenken und leiten zu wollen. Wenn ich nicht lenken und leiten wollte, hätten wir heute keine weibliche Muezzinin gehört und keine Predigt, jedenfalls nicht von mir.

Jede Macke entspringt einer Angst oder einer Notwendigkeit, und jeder Glaubenssatz wird nur deshalb so lange aufrechterhalten, weil er irgendetwas Positives in sich birgt. Als Mutter von sechs Kindern und Grundschullehrerin ist es nicht ganz unsinnig, Verantwortung für Nahestehende zu übernehmen, mitzudenken, und schon mal das Pflaster in der Hand zu halten, wenn das Kind zum ersten Mal mit den Rollschuhen unterwegs ist. Aber loslassen ist oft genauso wichtig, damit der Andere nämlich überhaupt erst ein Individuum mit einer eigenen Vorstellung, anderen Interessen und Freuden und einer echten, eigenen Identität werden kann.

Oft entspringen solche Wünsche des Lenkens und Leitens Ängsten und Sorgen und sind nicht mehr oder weniger als die auf der Verpackung vermerkten Nebenwirkungen. Wovon? Von der Liebe. Die Liebe fesselt gern. Doch muss sie sich immer wieder bemühen, loszulassen, die Freiheit des Anderen zu akzeptieren, ohne Angst zu haben, vernachlässigt zu werden, zu vereinsamen oder gar vollkommen abgestellt zu werden. Die Liebe, das sage ich bei jeder Hochzeitszeremonie hier in der Moschee, braucht die Freiheit.

Doch zwischen der Akzeptanz dieser Worte und ihrer tatsächlichen Anwendung liegt manchmal ein unmenschlicher Akt der Willenskraft. Viele Menschen haben Angst verlassen zu werden, möglicherweise besonders häufig Frauen, wenn ich mir da auch nicht sicher bin.

Jedenfalls ist die Angst, verlassen zu werden, mit dem Wort „loslassen“ nur schwer kompatibel. So habe ich für dieses Jahr zwar ein Leitwort für mein Leben aktiv ausgesucht, doch zugleich entwickelte sich zunächst in meinem Unterbewusstsein und später auch im vollen Bewusstsein, ein mächtiges Unwort, um das es heute eigentlich gehen soll. Dieses heißt „Kopfkino“. Loslassen ist das Wort, das Hoffnung auf Besserung verspricht. Es führt dazu, dass ich Freiheit gewähre, dass diejenigen, die zu mir kommen, dies freiwillig tun und nicht aus Pflichtgefühl. Kopfkino hingegen ist das Wort, das Missverständnisse verspricht und sein Versprechen hält. Es ist das Wort, das letztlich Beziehungen zerstören kann. Jeder Mensch hat Kopfkino. Wir sollten uns mit der Systematik beschäftigen, denn nur wenn wir unseren Feind kennen, können wir ihn besiegen. Kopfkino ist ein Feind.

Beispiele für dieses Kopfkino habe ich zahlreich. Meine Mutter hat zum Beispiel Kopfkino, wenn ich sie mal wieder ein paar Wochen lang nicht besuche. Dann denkt sie, sie habe mich als Kind vernachlässigt, mir nicht genügend Aufmerksamkeit gegeben, mich viel zu früh in den Kindergarten gesteckt und überhaupt mir keine schöne Kindheit ermöglicht. Sie denkt, dass ich ihr Schuld zuschreibe und verärgert über sie bin. Ja, Aufmerksamkeit zu schenken war nicht die Stärke meiner Mutter. Sie hat unheimlich gern gearbeitet, genau wie ich heute. Aber ich bin darüber nicht verärgert und mache ihr keine Vorwürfe. Das ist reines Kopfkino. Der einzige Grund, warum ich sie nicht besuche, ist dass der Weg weit ist, und ich nach der Arbeit zu meinen Kindern nach Hause möchte, mich dringend ausruhen muss, und noch die üblichen Dinge verrichten muss. Außerdem möchte ich Zeit mit oben genanntem Partner verbringen. So sitzt meine Mutter zu Hause mit unnötig schlechtem Gewissen über etwas, was sich nicht lohnt. Mein eigenes Kopfkino ist ebenso intensiv: Mein Partner textet heute nicht. Warum? Er hat keine Lust. Ah, das heißt, er ist mit Freunden unterwegs. Sie sind ihm offensichtlich wichtiger als ich. Er könnte ja mal wenigstens ein paar Emojis schicken. Das kann man immer, egal ob Leute dabei sind oder nicht. Also er hat mich vollkommen vergessen. Er will auch nicht später mit mir spazieren gehen, sonst würde er ja mal auf sein Handy schauen. Früher hat er viel öfter angerufen. Unsere Beziehung ist sicher bald vorbei. Wahrscheinlich hat er sich in eine andere Frau verliebt. Ich sollte mich wohl auch langsam nach jemand anderem umschauen. Heute melde ich mich nicht bei ihm. Er soll merken, dass ich viel mehr Wert bin als er denkt. Kopfkino. Nichts von all dem ist wahr.  Eine mir liebe Seniorin hat Kopfkino, wenn sie eine Frau im Tschador sieht. „Nee, wenn ich sowas bei Edeka sehe“, sagt sie, „verlasse ich sofort den Laden. Wer weiß, was die da drunter hat.“  Sobald „sowas“ mit ihr reden würde, wäre die Senioren höchst erfreut und würde sich auf angeregte Weise unterhalten. Sie hat nicht nämlich überhaupt kein Problem mit anderen Ansichten. Aber von Weitem macht ihr diese Kleidung Angst und entfacht eben die Fantasien, die die Medienwelt in den letzten Jahrzehnten beständig genährt hat. Kopfkino per Knopfdruck.

Kopfkino entsteht meist da, wo wir einen wunden Punkt haben. Dass meine Mutter sich solche Schuldgefühle macht, funktioniert nur, weil ihr als Kind ständig Schuld zugeschoben wurde. Dass ich mich so schnell von meinem Partner ignoriert fühle, triggert mich nur, weil ich als Kind tatsächlich so häufig verlassen wurde. Und dass man hinter der weiblichen Stimme die potenzielle Verführung vermutet, verärgert vielleicht, weil man so gerne mal verführt werden würde, doch es nicht zulassen darf, oder die eigene Frau nicht dazu geneigt ist. Kopfkino sagt uns immer mehr über uns selbst als über die Situation, in der wir uns befinden. Psychologisch interessant ist darüber hinaus, dass wir durch unser Kopfkino Situationen herbeiführen. Je mehr wir uns im Kopfkino verlieren, desto mehr verhalten wir uns entsprechend unseres Kinofilms, woraufhin unser Gegenüber auch entsprechend reagiert. Unsere vermeintlich korrekte Wahrnehmung schafft so genau die Realität, die wir vermeiden wollen. So sind unsere Prägungen der frühesten Kindheit auch im hohen Alter noch dafür verantwortlich, dass das Miteinander in Krisen gerät. Und zwar immer wieder in dieselben.

In Watzlawicks Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ steht dieser Witz. Auch er beschreibt Kopfkino.

Einst ging ein Mann in die Hände klatschend durch die Straßen. Ein Passant wunderte sich und fragte den Mann: „Warum klatschen Sie denn ständig in die Hände?“ Der erwiderte: „Um die Elefanten zu vertreiben.“ Der Passant verstand nicht und fragte nach: „Aber hier sind doch gar keine Elefanten?“ „Richtig“, gab ihm der Mann zurück, „sehen Sie, es funktioniert.“

Kopfkino. Bei uns gibt es keine Elefanten und mein Partner hatte einfach keine Zeit zu texten, aber hat jede Sekunde an mich gedacht; die Frau im Tschador hat darunter, was alle Frauen unter ihrer Kleidung haben, nicht mehr und nicht weniger, und in dieser Moschee werden übrigens die Männer nicht durch den Ruf der Muezzinin zur Unzucht verführt. Auch das ist Kopfkino.

Ein letztes Beispiel für die zerstörerische Wirkung des Kopfkinos kommt ebenfalls von Watzlawick. Es funktioniert genau so, wie mein Handybeispiel. Hier wird besonders deutlich, wie unsere innere Verletztheit in jeden kleinen Winkel der Bewertung unseres Lebens eindringt.

Watzlawick und die Anleitung zum Unglücklich Sein:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er “Guten Tag” sagen kann, schreit ihn unser Mann an: “Behalten Sie Ihren Hammer”.

Unser armes Gegenüber hat keine Ahnung von unserem Kopfkino, denn der Grund seines Handelns ist ein ganz anderer. Der hat aber auch Kopfkino. Und so bewegen wir uns in einer Welt hin und her, die real aussieht, und deren Interpretation ganz real erscheint, doch ist das Meiste davon verkehrt.

 

Auch der Prophet Mohamed , Friede und Segen auf ihm, hatte solches Kopfkino. Nach den ersten göttlichen Offenbarungen gab es eine lange Pause der Botschaften Gottes an den Propheten. Dieser wartete und wartete, doch nichts kam. So gab er langsam die Hoffnung auf. Die Furcht, es habe sich bei seinem ersten Kontakt mit Jibreel nicht um eine Offenbarung gehandelt, sondern er sei schlicht verrückt geworden, mag zurückgekommen sein. Fast wollte er sich das Leben nehmen. Jedenfalls empfand er sich von Gott vollkommen verlassen. Das intensive Gefühl der Verlassenheit stellte sich ein, weil er als Kind ständig verlassen worden war. So entstand beim Propheten ein ganz grandioses Kopfkino. Es gilt die Regel: Je stärker die eigene Wunde, meist aus der Kindheit, desto größer ist die Angst vor einer neuen Verletzung und desto fürchterlicher ist das nun entstehende innere Drama. Mohamed hatte bereits vor seiner Geburt seinen Vater verloren. Als er nun noch recht jung war, verlor er auch die Mutter und war nun ein Waisenkind. Mit sieben Jahren verlor er den Onkel, der sich seiner angenommen hatte und muss sich fürchterlich allein gefühlt haben. Die Angst, von jemandem verlassen zu werden, der ihm Schutz und Hilfe bietet muss groß gewesen sein. Gott, der sich ihm zuvor als eben solche großartige, beschützende Vaterfigur gezeigt hatte, war nun verschwunden, wie der leibliche Vater, die leibliche Mutter, und der Onkel es zuvor getan hatten. Das Kopfkino des Verlassenseins gibt es, aber auch das Kopfkino der Kontrolle bei Menschen, die von Eltern oder Regierungen ständig kontrolliert wurden, das Kopfkino der Schuldgefühle und viele mehr. So nahm Mohamed also an, Gott habe ihn verlassen. Einige Monate später wurde ihm die Sure 94 offenbart. Ihr Wortlaut beweist, dass Gott, der uns geschaffen hat, unser Kopfkino kennt.

 

Beim Morgen!

Bei der Nacht, wenn sie sich still verbreitet!

Dein Herr hat dich weder verlassen, noch haßt Er dich.

Das Jenseits ist besser für dich als das Dieseits.

Dein Herr wird dir hier und dort so viele Gaben gewähren, bis du zufrieden bist.

Hat Er dich nicht als Waise gefunden und dich in Seine Obhut genommen,

und dich umherirrend gefunden und dich rechtgeleitet,

und dich arm gefunden und reich gemacht?

Du sollst die Waise nicht unterdrücken

und den Bettler nicht hart abweisen.

Über die Gaben deines Herrn sollst du dankbar sprechen.

 

Was tun wir gegen Kopfkino, bevor es unsere Beziehungen zerstört?

Ich persönlich habe mir angewöhnt, die Dinge anders zu interpretieren. Wenn mich jemand mal wieder nicht anruft, dann denke ich: „Diese Person hat heute den ganzen Tag an mich gedacht und wollte diesen Gedanken nicht stören. Ich war den ganzen Tag in seinem oder ihrem Leben dabei.“ Oder „Diese Person hat sicherlich Zahnweh oder Migräne“ oder „Diese Person wollte mich gerne anrufen, aber in Ruhe mit mir sprechen, doch es gab keine Ruhe für ein Gespräch“ oder diese Lehrerkollegin, die gerade an mir vorbeiging ohne meinen Gruß zu erwidern, denkt wahrscheinlich gerade an ihre nächste Unterrichtsstunde. Oder: Gott will mir sagen, dass ich nicht schon wieder soziale Kontakte vorschieben soll, sondern endlich mal mit dem Aufräumen der Kammer zu Potte kommen sollte. Es gibt eintausend und eine gute Interpretation für jede Handlung, die uns zunächst als schlecht erscheint. Es ist schön, wenn man eine Freundin oder einen Freund hat, der oder die einen daran erinnert, die guten Interpretationen zu aktivieren und das Kopfkino als solches benennt. „Das ist Kopfkino, Liebes, es hat mit der Realität nicht viel zu tun, auch wenn es sich ganz echt anfühlt – finde mal besser besser eine schöne Interpretation“.

 

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