Mein Islam – Meine Art, Gott zu dienen und meine Befindlichkeiten

 

Adli Wahid

Heute möchte ich mal über meine Befindlichkeit in der Moschee resümieren und ich denke, das trifft auf die meisten von uns zu. Ständig werden wir mit irgendwelchen Kommentaren überschüttet, über einige freue ich mich, bei manchen kann ich nur den Kopf schütteln. Dennoch belasten sie mich, will ich doch einfach nur eine gute Muslimin sein.

Ich denke, jeder Muslim hat seinen eigenen Islam, seinen eigenen Draht zu Gott und seine eigene Rechenschaft Gott gegenüber.

In Sure 21:93 steht: „Diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft, und ich bin euer Herr. Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit. Sie alle aber werden einst zu Uns zurückkehren.“

Das heißt für mich: Es ist eine Gemeinschaft aus Menschen unterschiedlicher Sprachen, unterschiedlicher Mentalität, Nationalitäten, Orte und Zeit, mit ihrer Geschichte und Aufgaben, eine Gemeinschaft aus Männern und Frauen, die durch den Dienst an Gott vereint sind. Ja, wir haben unterschiedliche Meinungen, aber wir sind dennoch Muslime, die an Gott glauben und unseren Dienst mehr oder weniger an Ihn mit bestem Willen und Gewissen tun.

Wer hat das Recht, uns als Nichtmuslime zu bezeichnen? Niemand, auch eine hohe Instanz oder gar Einzelpersonen nicht. Denn immer wieder wird betont, wir in dieser Moscheewären ja keine Muslime.

Als der Koran gesandt wurde, richteten sich die neuen Gläubigen nach dem, was Ihnen der Prophet Muhammad erklärte oder wie sie den Koran selbst verstanden, denn er war ja an ihre Adresse gerichtet.

Erst später wurden von Menschen die Scharia- Regeln aufgestellt, die die Muslime in ihrer freien Glaubens- und Entscheidungsweise einschränkten.

Heute stehen wir mitten in einen Entscheidungskampf: Sind wir mündige oder unmündige Muslime. Es hat immer wieder in der islamischen Geschichte Meinungsunterschiede gegeben, aber letztlich erstarkte immer mehr ein starrer, nach gestern orientierter, in Zwänge gelegter Islam. Man folgte einigen wenigen, deren Richtung man Schulen genannt hat oder ernannte Heilige, die man sogar als Vermittler zwischen Gott und dem Gläubigen benutzte. Das waren aber auch nur Menschen und wir wissen, dass Menschen sich irren können. Sie sind nicht unfehlbar.

Und Gott sagte ja selbst im Koran, dass keiner die Last eines anderen tragen soll. Es darf also keinen Vermittler zwischen Gott und dem Menschen geben, da hilft nur ein richtiges, nachdenkliches und verständnisvolles Anwenden des Korans.

Ja, manchmal brauchen wir jemanden, der den Koran erklärt, aber letztendlich muss jeder für sich entscheiden, ob er über eine Definition oder Rat nachdenkt oder nicht, einfach nur übernimmt, so wie er es vermag.

Sure „Al-Baqara- die Kuh“, Vers 286 betont: „Allah fordert von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag. Ihr wird zuteil, was sie erworben hat, und über sie kommt, was sie sich zuschulden kommen lässt.“ Und Gott gibt uns gleich darauf Hilfestellung, indem Er uns ein Bittgebet vorgibt: „Unser Herr, mache uns nicht zum Vorwurf, wenn wir (etwas) vergessen oder Fehler begehen.“ Es ist die Verheißung Seiner großen Verzeihung, sollten wir im Glauben des guten Handelns Fehler begehen.

Es sind keine Befehle, die uns Gott gibt, sondern Aufforderungen, Wünsche von Ihm. Aber die Gelehrten haben daraus Regeln über Gut und Böse gemacht.

In Sure 2:30 steht: „Als dein Herr zu den Engeln sagte: ‚Ich will auf der Erde einen Statthalter bestellen,‘ sagten sie: ‚Willst du auf ihr einen bestellen, der auf ihr Unheil stiftet und Blut vergießt, wo wir doch dein Lob preisen und deine Heiligkeit rühmen?‘ Er sagte: ‚Ich weiß, was ihr nicht wisst.‘“

Ein Mensch, ein ganz normaler Mensch ist der Wichtigste für Gott! Mit dem Rang eines „Stellvertreters“ Gottes auf Erden werden nicht die Engel betraut, die mit unfehlbarer Zuverlässigkeit Gottes Lob singen. Als Gottes Vertreter auf Erden wird ein Geschöpf bezeichnet, in dem schon von Anfang an die Möglichkeit eingebunden ist, sich dem Willen seines Schöpfers zu widersetzen, sich frei zu entscheiden. Also wie ich handele, ist nicht von Gott abhängig, sondern mein freier Wille. Wir sind keine Diener oder Knechte, die jemandem zu willen sein müssen, sondern selbstentscheidende Helfer von Gott. Deshalb kann keiner sagen, wie ich nach Gottes Willen handeln muss oder nach dem Koran als Gottes Wort. Diejenigen, die mir das vorschreiben wollen, sind im Irrtum. Frei nach den Worten. Du kannst mir gar nichts…. vorschreiben, solange ich auf dem Boden des Grundgesetzes bleibe. Und Gott wird verzeihen, wen Er will.

Eigentlich müsste mir das, was so manch einer über unsere Moschee schreibt, egal sein. Nein, das kann ich nicht, denn ich bin traurig, wenn ich das lese:

Ich zitiere: „Also das ist für mich keine Moschee, sondern ein Theater voll mit Menschen, die ignorant sind und eine eigene Religion gründen wollen.“

– „Wenn es Null Sterne geben würde, gäbe ich eine Null. Was die Frau macht, ist Blasphemie in Höchstform. Was sie gegründet hat, ist schlichtweg eine Sekte.“

– „Ihr seid weder eine Moschee noch repräsentiert ihr die Interessen der Muslime. Ihr repräsentiert euch selbst und eure verwirrten Ansichten.“

– „Diese Moschee hat nichts mit dem Islam zu tun. Es ist, als würde man selbst erdachten Dreck einen ehrenvollen Namen geben.“

– „Ich war da und muss euch sagen, dass Ates eine Sekte gegründet hat. Macht einen weiten Bogen um diesen Tempel. Unfassbar!“

– Ich zitiere genau: „Liberalische Moschee. Was ein Witz!“

– „Hat nichts mit einer muslimischen Moschee zu tun.“

Und ich freue mich echt, wenn ich lese:

– „Ich habe seit langem nicht mehr so freundliche und aufgeschlossene Menschen kennenlernen dürfen. Der gestrige Tag war ein sehr schönes Erlebnis. Ich bin noch immer überwältigt von den Eindrücken und inneren Bildern. Wir werden gerne öfter bei euch sein. Vielen, vielen lieben Dank für diesen “unseren” speziellen Tag.“

„Gegen den Islam als friedliche-spirituelle Religion hat NIEMAND etwas. DAS ist auch das, was mit Religionsfreiheit gedacht war ALLEN Religionen gegenüber.“

– „Hier wird das gelebt – mit Respekt und Toleranz anderen Einstellungen gegenüber.

Finde es großartig, was die bewundernswerte Seyran Ates und ihre Mitarbeiter und -innen hier auf die Beine gestellt haben.“

– „Weiter so! Leider findet das mit vielen Bedrohungen und Beschimpfungen statt.

Habe vor, die Moschee auch mal zu besuchen, obwohl ich mich nicht mehr als religiös bezeichnen würde.“

– „Ein wunderbarer Ort, der den Zahn der Zeit trifft und endlich auch liberalen Muslimen einen gemeinsamen Ort des Betens anbietet. Ich bin absolut stolz darauf, dass diese weltweit erste liberale Moschee in meinem Stadtviertel entstanden ist! Ein Traum!“ – „Hass, Hass, Hass… Das ist die einzige Botschaft, die die Gegner dieser liberalen und grundgesetzkonformen Moschee, verbreiten wollen. Die gleichen Leute, die Moslems in “richtig” und “falsch” einteilen. Die Art Menschen, für die eine Welt nur in schwarz und weiß existiert. Gewöhnt euch daran, dass wir im Jahr 2018 leben.“

– „Ich hoffe es wird (in Zukunft) mehr solcher Orte geben! Die aggressive Kritik von einigen Leuten belegt in einer gewissen Art und Weise die Notwendigkeit.“

Und meine Antwort darauf: Wenn man nur von uns gehört haben, unbedingt weiter mit den Leuten sprechen, sie einladen, mit uns zu diskutieren. Und wenn sie hier waren und weiterhin über uns schlecht denken, warum haben sie nicht den Mut, mit uns zu kommunizieren! Wir könnten ja auch einfach unter uns bleiben, die Türen hinter uns schließen, wie es die anderen Moscheen ja auch tun. Aber je mehr Muslime diskutieren, umso besser!

Nein, wir haben keine Geheimnisse und wollen jeden in die Augen sehen.

Die Al-Azhar-Universität in Kairo ist strikt gegen eine liberale Reform des Islam und hat gegen unsere Moschee eine Fatwa – ein Rechtsgutachten- erlassen. Die Fatwa-Behörde meint: „Es verstoße gegen die islamischen Glaubenspflichten, wenn sich Frauen gegen das Tragen eines Kopftuchs entschieden, wie in der neuen Moscheegemeinde (sie meint uns) üblich. Dies sei keine Diskriminierung von Frauen, sondern entspreche den von Gott auferlegten Regeln.“ Besonders verurteilt das Dar al-Iftam, das ägyptische Fatwa-Amt, das in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee praktizierte gemeinsame Gebet von Männern und Frauen. „Der Islam verbietet Körperkontakt zwischen Männern und Frauen während des Gebetes. Denn das verletzt die Grundlagen des islamischen Rechts.“ Frauen sei zudem nicht erlaubt, Imam zu sein, wenn auch Männer anwesend sind. Sie meint auch: „Die Bekämpfung des islamischen Extremismus dürfe nicht durch eine extreme Moschee stattfinden.“ Ich weiß, was Extremismus bedeutet. Aber um jeden Zweifel auszumerzen, habe ich nachgesehen: „Als Extremismus bezeichnen Behörden in Deutschland seit etwa 1973 politische Einstellungen und Bestrebungen, die sie den äußersten Rändern des politischen Spektrums jenseits der freiheitlich demokratischen Grundordnung zuordnen.“ Also jenseits der freiheitlich demokratischen Ordnung, also meine Moschee, eigentlich der ganze Reformislam stehen fern von aller Freiheit und Demokratie. Sie setzen uns durch diesen Ausspruch auf die gleiche Ebene mit dem IS, mit Bok Haram, den Taliban usw. Eigentlich müsste ein Schrei der Empörung durch die ganze muslimische Gemeinschaft gehen. Es gipfelt in der Feststellung: „Die Moschee ist ein Angriff auf den Islam!“ Man stelle sich vor, diese kleine Moschee greift den ganzen Islam an. Toll! Aber ich denke, Kairo greift zwar verbal unsere Moschee an, aber sie meint damit den ganzen liberalen Islam.

Man verlangt von mir und den anderen, die hier sitzen, dass wir uns der Umma, der islamischen Gemeinschaft unterordnen, z.B. den Imamen folgen.

Nein, jeder einzelne Mensch oder Muslim ist anders, denkt anders, lebt sein Leben anders, jeder Muslim hat seinen eigenen Islam. Und jeder sieht Gott von einer anderen Ebene aus. Ich sehe Gott, besser gesagt: Ich fühle Ihn, wenn ich z.B. eine Blume betrachte, ich sehe Ihn in dem Licht meiner brennenden Kerze in Seiner Eigenschaft als An-Nur, das Licht, und ich bin stolz darauf, den islamischen Namen Manaar zu tragen als eine Ableitung Seines Namens.

Ich denke, jeder hat irgendwelche Momente, in der er sich erhaben fühlt, eins mit sich und der Welt – und vielleicht auch mit Gott.

Wir sind Persönlichkeiten, die sich entfalten dürfen und sein Eigenes für die Gemeinschaft bereitstellen. Das geht nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll.

Wir haben den “wahren” Islam nicht gepachtet, sondern wir wollen den Islam gemeinsam mit anderen Gläubigen neu denken und leben.

Die Sure 3, Vers 110 „Das Haus Im’ran“ weist darauf hin: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah. Und wenn die Leute der Schrift glauben würden, wäre es wahrlich besser für sie. Unter ihnen gibt es Gläubige, aber die meisten von ihnen sind Frevler.“

In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf eine Frage, die im Zusammenhang von Gottvertrauen und eigenem Handeln steht: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue (auf Allah)!“ Dasselbe sagt auch die Sure At-Talaq, die Scheidung, Vers 3: „Und wer auf Allah vertraut, für den ist Er Sein Genüge“ Das bedeutet: Gott hilft uns erst dann, wenn wir uns selbst helfen.

Oftmals am Tage rufe ich nach einer gelungenen Aktion spontan meinen Dank an Gott aus, z.B. wenn mir ein Pinselstrich besonders gut gelungen ist. Es ist aber nicht nur das Lob an Gott, was zählt. Ich bin zufrieden, glücklich, lächle sogar über mich selbst. Und wenn sich dann noch ein wirklich erhebendes Gefühl in mir breit macht, denke ich, dass Gott mir damit, mit diesem schönen Gefühl ein Geschenk machen will. Kennt ihr dieses Empfinden? Gott und ich, wir beide interagieren dann. Und das wiederum macht mich dann noch mehr zufrieden. Ich will damit feststellen, dass Gott nicht auf unsere ständigen Bittgebete angewiesen ist, Er ist da, wenn wir uns selbst helfen oder etwas tun. Das zu wissen, ist mir viel wichtiger, als ein Bittgebet in Arabisch aufsagen.

Fazit: Es kommt also auf uns darauf an, ob wir handeln oder nicht, und wie wir handeln, ob wir uns aus der Bevormundung von den Konservativen und Orthodoxen befreien oder nicht.

Das heißt auch für mich: Da sich Gott nicht in unser Zeit- Raum-Kontinuum befindet, steht Er auch nicht im Mittelpunkt, sondern der Mensch – wir! Und damit sind wir freie Menschen.

Das ist doch ein gewaltiger Gedanke!

Manaar

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