Mein Weg zurück zum Islam

Atorin: Huda Yousif

Alex Holyoake

Mein früheres Verständnis vom Islam hat mir viel Halt, Spiritualität und Lebenskraft gegeben. Das Gebet hat mich erfüllt. Das Fasten hat mich gelehrt. Aber zugleich habe ich mich wie in einem Korsett eingeschnürt gefühlt. Das Korsett war so festgeschnürt, dass ich meine Lebenslust verloren habe. Ich konnte mich nicht frei bewegen. Frei sein. Deshalb habe ich den Islam verlassen. Erst als ich die Ibn-Rushd-Goethe Moschee kennengelernt habe, bin ich Gott und dem Islam wieder nähergekommen.

Ich bin sehr konservativ, islamisch und traditionell erzogen worden. Mit neun Jahren mussten meine Schwestern und ich das Kopftuch tragen. Wir mussten jeden Tag fünf Mal beten und am Wochenende zum Koran-Unterricht gehen.

Mit 16 Jahren war mir klar, dass ich dieser strengen Auslegung des Islams nicht folgen wollte. Entgegen dem Willen meiner Eltern bin ich deshalb in viele andere Moscheen gegangen. Nicht nur in die konservative Al-Nour Moschee, in der mir schnell klar wurde, dass ich hier fehl am Platz war, sondern auch in viele andere Berliner Hinterhofmoscheen. Als ich eine liberale Gemeinde der S.-Moschee kennenlernte, praktizierte diese die liberalste Form des Islam, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Dieser Gemeinde schloss ich mich an. Der spirituelle Islam gab mir viel Kraft und in meiner damaligen Identitätskrise ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Aber ich war immer noch nicht glücklich in meinem Leben. Nach einigen Jahren wusste ich, dass ich auch hier in einem Korsett steckte. Auch wenn dieses nicht so eng geschnürt war, wie das, welches ich aus meinem familiären Umfeld kannte. Auch in der S.-Moschee konnte ich nicht verstehen, warum eine Frau ihr Haar verdecken muss. Warum meine homosexuelle Freundin nicht mit ihrer Freundin zusammen sein darf und warum ich nicht einen Mann lieben darf, der nicht Muslim ist. Ich verstehe nicht warum in unserer heutigen Gesellschaft das Abhacken einer Hand überhaupt als eine Strafmaßnahme

in Betracht gezogen wird und Frauen getrennt von den Männern beten sollen. Und dass Sexualität nur im Rahmen der Ehe stattfinden darf – was zur Doppelmoral bei vielen in meinem Umfeld führt – verstehe ich auch nicht.

Ich spürte eine Ungerechtigkeit, die ich jahrelang verteidigte, weil ich Angst hatte alles zu verlieren was ich hatte -meine Moschee-Gemeinde, meine muslimischen Schulfreunde und das Allerwichtigste, meine Familie.

Das Korsett machte mich unglücklich. Ich wusste, dass ich weggehen müsste, um wieder atmen zu können und mein Leben zu genießen. Ich wollte mit meinem damaligen Partner eine Beziehung ohne schlechtes Gewissen und ohne Angst führen. Ich wollte ihn berühren können ohne Angst vor der Hölle haben zu müssen. Ich war wütend auf Gott und auf die Gemeinde. Ich fragte mich warum Gott dieses Bedürfnis nach Liebe und Nähe in uns eingepflanzt hatte, aber zu gleich mein muslimisches Umfeld dieses wunderbare Gefühl der Nähe als schmutzig bezeichnete.

Ich konfrontierte meine Religionslehrer in der Moschee mit meinen Zweifeln. Sie haben sich Wochen und Monate mit mir unterhalten. Es gab einen Teil in mir der erhoffte sich, dass diese Gespräche mich von meinen Zweifeln befreien würden. Ich hatte Angst davor, dass ich mein Leben sonst entscheidend ändern müsste. Die Gemeinde konnte mir keine für mich plausiblen Antworten geben. So verließ ich die Gemeinde und mit ihr den Islam.

Als mich letzte Woche eine Freundin in die Ibn-Rushd-Goethe Moschee einlud, ging ich sehr skeptisch hin. Das lag daran, dass meine muslimischen Freunde mich vor der Moschee und vor Seyran Ates gewarnt hatten. Sie sei eine Frau, die nichts vom Islam verstehen würde, eine Frau, die lieber „ungläubig“ sein sollte, als sich als Muslimin zu bezeichnen.

Im Gespräch mit Seyran wurde mir klar, dass sie eine friedliche und gläubige Muslimin ist, eine die sich für eine zeitgemäße Auslegung des Korans einsetzt. Sie ist eine liebevolle Frau, die Menschen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung und Religionszugehörigkeit annimmt und respektiert.

Nach einigen Gesprächen mit ihr wurde mir klar, dass es in der Ibn-Rushd-Goethe Moschee plausible Antworten gibt auf mir damals unverständliche Regeln. Es geht hier tatsächlich nicht um Grundsatzfragen, auf denen der Islam aufbaut, sondern um uneindeutige Koranverse, die durchaus unterschiedliche Interpretationen zulassen und deren wortwörtliche Auslegungen sie ihrer Spiritualität beraubt.

Bisher dachte ich, dass Islam und Demokratie nicht vereinbar sind, dass es keinen liberalen Islam gibt. Heute bin ich davon überzeugt, dass das sehr wohl möglich ist. Die Ibn-Rushd-Goethe Moschee hat mich Gott und dem Islam nähergebracht. Ich kann auch als Muslimin gleichzeitig Feministin und Demokratin sein. Das Eine schließt das Andere nicht aus.

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