Hilferufe und viel Zuspruch

Die liberale Moschee in Berlin sorgt unter Muslimen für viel Aufregung. Doch Gründerin Seyran Ates lässt sich nicht entmutigen.

Von Esteban Engel, Berlin

In der Berliner Ibn-Rushd-Goethe Moschee beten Sunniten, Schiiten und Aleviten so wie auch Männer und Frauen gemeinsam – für Fundamentalisten völlig inakzeptabel.

© imago/Emmanuele Contini

Für Seyran Ates gibt es keine Normalität – auch nicht im Jahr Eins nach Gründung der Ibn-Rushd-Goethe Moschee. Wer das Ein-Raum-Gotteshaus in einem Hinterhof in Berlin-Moabit besuchen will, wird erst von Sicherheitsleuten gebeten, sich auszuweisen. Nur dann geht die Tür auf, drei Etagen hoch in das Gebetszimmer. Dort empfängt die Anwältin die Besucher mit einem Lächeln – an die Rundum-Bewachung hat sich Ates längst gewöhnt.

„Der Druck ist nicht weniger geworden, ich bekomme sogar noch mehr Drohungen“, sagt Ates. „Die Leute sehen, dass das hier ein großer Erfolg ist.“ Nachdem sie Mitte Juni 2017 zusammen mit anderen liberalen Muslimen die Gemeinde in einem Nebengebäude der evangelischen St.-Johannis-Kirche gegründet hat, stellt ihr die Berliner Polizei Personenschützer zur Seite. In Hass-Mails wird ihr gedroht, auf der Straße wird sie angepöbelt.

Eine Moschee, in der Sunniten, Schiiten und Aleviten, Männer und Frauen gemeinsam beten – für Fundamentalisten völlig inakzeptabel. Doch nicht erst jetzt wird Ates mit Gewalt und Intoleranz konfrontiert. Als Juristin ist sie verprügelt worden, wurde fast umgebracht und immer wieder körperlich angegriffen. Die in der Türkei geborene und in Berlin aufgewachsene Juristin vertrat junge Frauen, die sich von ihren Einwandererfamilien lösen wollten. Dafür wurde sie 1984 angeschossen und schwer verletzt. Aus jener Erfahrung habe sie viel Kraft für ihren Glauben gezogen.

Auch die Botschaft, die von Ates‘ Moschee ausgeht, birgt Konfliktstoff. Die religiöse Grundlage des Vereins ist ein säkularer Islam, der weltliche und religiöse Macht voneinander trennt. Ates und ihre Mitstreiter setzen sich für eine zeitgemäße Auslegung des Korans ein – und für Gleichberechtigung. Eine Geschlechtertrennung gibt es in der Moschee nicht, Männer und Frauen beten gemeinsam auf dem weißen Plüschteppich. Eine Holzskulptur zeigt neuerdings, in welche Richtung Mekka liegt. Auch wer die Predigt halten darf, ist Auslegungssache. In der Ibn-Rushd-Goethe Moschee kann jeder Imam oder jede Imamin sein – „wenn er der Gemeinde was zu sagen hat“. Diese Auslegung sei theologisch vertretbar, sagt Ates.

Auch der Moscheename ist Programm. Der andalusische Arzt und Philosoph Ibn Rushd, bekannt als Averroes (1126–1198), und Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) seien Vordenker einer west-östlichen Verständigung.

Rund 35 Aktive hat Ates für ihr Projekt gewonnen, etwa 700 Besucher kommen jeden Monat in die Moschee. „Wir können uns vor Anfragen kaum retten.“ Schulen gehörten auch dazu, es seien schon Klassen mit muslimischen und jüdischen Jugendlichen da gewesen. Und immer wieder erreichten sie Hilferufe von Muslimen und Musliminnen, die dem engen Glaubensverständnis der Traditionalisten entkommen wollten. Viele Frauen sagten ihr, dass sie nun endlich in die Moschee gehen könnten, ohne ein Kopftuch tragen zu müssen.

Auch international hat die Berliner Moscheegründung Aufmerksamkeit bekommen. Nur schwer lasse sich aber so ein Projekt in der aufgeheizten Stimmung realisieren, sagte Ates. „Die Leute haben Angst.“ Die Gewaltbereitschaft in der muslimischen Welt sei auch Teil der Krise jener Regimes, die sich auf Mohammeds Lehren beriefen. Nur schwer verstehen kann Ates deshalb, warum die Politik immer nur Konservative als Ansprechpartner hinzuziehe – etwa bei der Islamkonferenz oder der Gründung eines Instituts für islamische Theologie an der Humboldt-Universität. Hier sind in den Beirat, der unter anderem bei der Besetzung von Professoren-Stellen mitreden soll, drei konservative Verbände aufgenommen. „Es wird verhindert, dass liberale Muslime eingeladen werden.“

Aber Ates lässt sich nicht entmutigen. Sie hat angefangen, Islamwissenschaften zu studieren, gerade hat sie ihre erste Arabischklausur bestanden. Und eines Tages werde sie auch ohne Leibwächter auskommen. „Sie sind bald ohne Job“, ruft Ates in der Moschee einem Polizisten in Zivil zu. Sein Lächeln verrät, dass er Seyran Ates nicht ganz glaubt. (dpa)

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