Tabufragen werden angestoßen – Farideh Akashe-Böhme setzt sich mit der Sexualität im Islam auseinander

Sara Rampazzo

Die deutsch-iranische Autorin und Soziologin Farideh Akashe-Böhme wurde im Jahre 1951 im Iran geboren und starb mit 57 Jahren 2008. Ihre Jugend verbrachte sie in mehreren iranischen Städten, wie z.B. in Abadan und Isfahan. Durch eine vom Vater arrangierte Ehe kam sie nach Deutschland. Nachdem Akasha-Böhme ihr Abitur im Iran absolviert hatte, ging sie nach Deutschland, wo ihr Mann in Darmstadt studierte. Jedoch ließ sie sich von ihm bald scheiden und nahm ein Studium der Soziologie, Politik, Geschichte sowie Germanistik in Frankfurt und Darmstadt auf. Ihre wissenschaftliche Karriere führte sie zur Promotion im Fach Soziologie. In ihrer Doktorarbeit setzte sie sich mit Fremdheitserfahrungen von Frauen auseinander, vor allem fokussiert sie sich dabei auf Migrantinnen. Ihre Forschungsschwerpunkte konzentrierten sich auf die breiten Themenfelder Islam, Migration, Gender sowie der Soziologie des Alltags. Thematisch ging sie auf Fragen der Gewalt gegen Migrantinnen, das Leben zwischen mehreren Kulturen und viele weitere Fragen ein, die sich auf alltägliche und zwischenmenschliche Beziehungen beziehen. Zudem war sie eine diplomierte Konflikt – und Familienberaterin sowie Mediatorin. Sie wurde oft zu Vorträgen eingeladen, wie im Jahre 2005 vom „Forum für einen fortschrittlichen Islam“1 in Zürich. In ihrem Vortrag setzte sie sich mit dem Thema „Tabus im Islam“ auseinander, ein Thema, was selbst nach fast 15 Jahren weiterhin in vielen Köpfen Bestand hat. Das sollte aber nicht daran hindern, sich mit den Tabufragen im Islam zu beschäftigen, die Akashe-Böhme kritisch anstößt.

Wie bereits erwähnt, bildete der Islam ebenso einen Forschungsfeld für sie. Dabei interessierte sie vor allem das Verhältnis zwischen dem Westen und dem Islam. Wodurch ist es bestimmt? Wie sehe ich den jeweils anderen? Wo treffen Vorurteile und Realität aufeinander? All diese Fragen exerziert sie vor allem an der Frauenfrage. Beispielsweise spart sie nicht mit Kritik, wenn es um Vorstellungen über den Islam im sog. „christlichen Abendland“ geht, die ihre Quellen aus Märchenbüchern herhaben. In ihrem Buch: „Die islamische Frau ist anders. Vorurteile und Realitäten“ zeigt sie auf, wie zum einen Vorurteile und Fantasien im Westen die gelebte Wirklichkeit im islamischen Orient nicht zur Kenntnis nahmen, und zum anderen, auf die Punkte Sexualität und Körperlichkeit im Islam selbst eingeht. Akashe-Böhme’s Kritik am westlichen Denken hört sich so an: „Der islamische Orient wurde im christlichen Abendland vielfach als eine Art Märchenland angesehen. Die Welt aus Tausendundeine Nacht diente als Quelle populärer Vorstellungen wie der von der Grausamkeit lüsterner Sultane, von Harem, Bauchtanz und Schleier. Solche Vorstellungen, verbunden mit der Projektion verdrängter Wünsche, nennt man Orientalismus. Die orientalistischen Schwärmer interessierten sich vor allem für das erotische Haremsleben. Der Orientalismus prägte das Bild der Orientalin, das im 19. Jahrhundert in der Malerei, in der Literatur und im Märchen zum Stereotyp wurde, entschieden mit“ (vgl. Akashe-Böhme 1994: S.12). Im weiteren Verlaufe des Buches stellt sie die verschiedenen imaginären Ansichten über orientalische Männer und Frauen dar, die jedoch keinen Bezug zur Realität haben.

Angesichts der Tatsache, dass die Sexualitätsfrage in der islamischen Welt und in weiten Teilen der muslimischen Communities in Europa als tabuisiert gilt, hält sie nichts davon ab, diesen islamischen Vorstellungen einer Kritik zu unterziehen. Dabei beweist sie sich in ihrer Kritik als Soziologin, weil sie die möglichen gesellschaftlichen Folgen anspricht, die durch das Rütteln an islamischen Traditionen entstehen können: „Die weibliche Sexualität ist nach islamischer Auffassung als destruktiv anzusehen, da sie Chaos und Unordnung schaffen kann. Der Begriff Fitna (Rebellion, Verschwörung) deutet an, daß das orgiastische2 Ausleben der weiblichen Sexualität dem sozialen Gefüge schaden könnte, wenn Männer von dieser Sexualität beherrscht werden. Um die Fitna, d.h. das Chaos einer Gesellschaft zu verhindert und die Stabilität der Sozialordnung zu gewährleisten, müssen die Männer vor dieser >>aktiven weiblichen Sexualität<< geschützt werden, indem die Geschlechter getrennt werden. Frauen sollen das Haus am besten nicht verlassen und so wenig wie möglich in Erscheinung treten. Wenn sie dies tun, dann müssen sie ihren Körper verhüllen (vgl. Akashe-Böhme 1997: S.46).“

Dass ein bestimmtes Frauen – und Männerbild durch diese Vorstellung nach außen den Nichtmuslimen und nach Innen den Muslimen vermittelt wird, hinterfragt sie kritisch. Was wären denn die Konsequenzen einer solchen Denkweise? Akashe-Böhme antwortet und betont zusätzlich noch die Relevanz des Patriarchats: „Als rationaler Grund für die Segregation und Verschleierung wird häufig der Schutz der Frauen angegeben. Sie sollen vor der Zudringlichkeit der Männer bewahrt werden – wobei natürlich auf Seiten der Männer eine immer bereite Potenz und ein allgegenwärtiges Begehren unterstellt wird. Sicherlich aber spielt faktisch das patriarchale Eigentumsdenken hier eine Rolle. Frauen sollen überhaupt nicht >>öffentlich werden<<, weil sie eigentlich zum Haus gehören, in den Umkreis patriarchaler Verfügungsgewalt. Noch tiefer scheint aber ein anderes Motiv zu liegen, das die Verhältnisse in der Ökonomie des Begehrens geradezu umkehrt. Es ist zu vermuten, daß das Verschleierungsgebot für die Frauen in einer verschleierten Männerangst sein wahres Motiv hat: Die Angst vor den Frauen, die sie begehren könnten, also Angst vor ihrem eigenen Begehren, aber auch die Angst vor der weiblichen Sexualität (vgl. Akashe-Böhme 1994: S.64).“ Eine solche „verschleierte Männerangst“ wäre eine beachtliche Projektion, wie man ihr klassisch im Fach der Psychoanalyse häufig begegnet.

Wenn sie sich mit dem Islam auseinandersetzt, so bemüht sie sich auch darum, dass die islamischen Überlieferungstexten mitzitiert werden. In den vielen Koranversen und Hadithstellen, die ihren Platz in ihrem Buch „Sexualität und Körperpraxis im Islam“ finden, erklärt sie, dass aus ihnen keine direkten Gebote oder Verbote abzuleiten sind, da sie vielfache Deutungen zulassen. Dennoch geht sie auch auf historischen Umständen bestimmter Verse im Koran ein, um zu zeigen, dass der Blick der damaligen Reaktionen auf bestimmte soziale und gesellschaftliche Anlässe nicht zu kurz geraten darf. Diese Erkenntnis kontextualisiert sie mit dem Thema der Sexualität im Islam.

Im selben Buch findet man im Titel den Begriff „Körperpraxis.“ Akashe-Böhme schreibt über den Begriff: „[…] Das ist der ganze Bereich der Bemühung um Schönheit und Fitness, die Aufmerksamkeit, die man auf Ernährung und Gesundheitsvorsorge richtet, und schließlich die Sexualität. […]. Sich um sich selbst zu kümmern, ist im Wesentlichen Körperpraxis und nimmt einen Teil der Lebenszeit und des Lebensraumes ein, der im Umfang durchaus den Bereich der gesellschaftlichen Praxis vergleichbar ist (vgl. Akashe-Böhme 2006: S.12).“ Interessant wird dieser Begriff vor allem dann, wenn er in Beziehung zu Religionen und ihren normativen Verhältnissen zum Körper der Individuen gesetzt wird. Auf den Islam bezogen, gibt es eine Dichotomie, was im Bereich rein/unrein zu erkennen ist: „Der Begriff der Reinheit ist eine der zentralen Vorstellungen, die das, was sich gehört und was zu unterlassen ist, regelt. Genauer besehen ist es eher sein Gegenteil, der diese Funktion ausübt: Unreinheit. Denn Reinheit ist kein Ideal, nichts was sich irgendwie steigern ließe oder das ein Ziel eines religiösen Lebens bezeichnete. So etwas wäre denkbar als Überwindung des Irdischen und Erreichen eines Zustandes geistlicher Existenz. Davon ist im Islam keine Rede und insofern ist der Zustand der Reinheit eher der Normalzustand eines Menschen. Dieser ist allerdings dauernd gefährdet und wird von ganz gewöhnlichen, natürlichen Lebensvorgängen beschädigt, von Ausscheidungen jeder Art, insbesondere Menstruationsblut, aber auch Ejakulation. […]. Bis man sich von der Unreinheit – meistens durch Waschungen – wieder befreit hat, steht man unter Umständen für eine gewisse Zeit außerhalb der Gemeinschaft, der Umma. Dadurch wird nicht nur das, was einen verunreinigt tabuisiert, sondern auch der unreine Mensch selbst (ebd. S.15).“ Dabei merkt sie ebenso an, dass es hier nicht um Hygiene geht, sondern um als „rein“ vor Gott zu treten. Konsequenterweise entwickelt sich daraus ein prekäres Verhältnis zum eigenen Körper. Oder anders ausgedrückt: „Die Internalisierung der Verhüllungs – und Reinheitsgebote kann dazu führen, dass der Mensch sich immer wieder selbst als ekelhaft empfindet und eine ungezwungene Identifizierung mit sich nicht zustande kommt. Das alles trifft das weibliche Geschlecht wesentlich mehr als das männliche. Sie hat die Last der geschlechtlichen Existenz allein zu tragen. Man könnte das so ausdrücken: Der Mann ist der Mensch und die Frau das Geschlechtswesen (ebd. S.42).“ Sie verbindet ihre Schriften mit einem Reform-Plädoyer in Bezug auf den Islam: „Eine Öffnung für eine neue Anstrengung in der Lektüre der islamischen Schriften würde dreierlei bedeuten: die Zulassung von Schriftkritik, die Kontextualisierung der einzelnen Aussagen in den heiligen Schriften und die Historisierung der Texte wie ihrer Inhalte. Was die Schriftkritik angeht, muss man sagen, dass es vor der Kanonisierung der islamischen Schriften eine explizite Schriftkritik gegeben hat, die gerade für den Prozess der Kanonisierung ernst genommen hat, dass die Schriften von Menschenhand stammen und unterschiedliche Autoren haben. Ferner gab es bis zur Schließung3 eine ausgedehnte islamische Philologie. Die Öffnung hieße also, diese verschütteten Traditionen aufzunehmen und mit modernen Methoden fortzusetzen. […]. Die Historisierung berücksichtigt einerseits die Entstehungsgeschichte der islamischen Schriften, andererseits den Ursprung des Islam selbst aus einer bestimmten sozialhistorischen Epoche. Das bedeutet, der Islam hat einerseits eine bestimmte Sozialstruktur, die er vorfand, als religiöse Lehre transportiert, andererseits richten sich seine Schriften an Menschen, die ein bestimmtes Vorverständnis mitbrachten. Was aus einer solchen neuen Bemühung um den Islam herauskommen wird, lässt sich schwer antizipieren, aber einige Möglichkeiten zeichnen sich doch ab (ebd. S.148).“

Farideh Akashe-Böhme hat mit ihren Werken zum Islam durchaus lesenswerte Beiträge geschrieben. Man muss nicht allem zustimmen, aber darum soll es ja nicht gehen. Letztlich sollte eine interessante und respektvolle Streitkultur zu bestimmten Inhalten über den Islam entstehen, wobei Akashe-Böhmes soziologischen Ergebnisse sicher eine hervorragende Grundlage für eine solche Diskussion bieten.

Quellen:

Akashe-Böhme, Farideh (1994): Frausein Fremdsein. Fischer Taschenbuch Verlag: Frankfurt am Main.

Akashe-Böhme, Farideh (1997): Die islamische Frau ist anders. Vorurteile und Realitäten. Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh

Akashe-Böhme, Farideh (2006): Sexualität und Körperpraxis im Islam. Brandes & Apsel Verlag: Frankfurt am Main

http://akashe-boehme.de/

https://de.wikipedia.org/wiki/Farideh_Akashe-B%C3%B6hme

https://www.nzz.ch/articleDERJ1-1.190812

1 Das Forum wurde im Jahre 2004 von Reformmuslimen gegründet, zu denen Saida Keller-Messahlli zählt, die zur Gründung maßgeblich beitrug. Das Ziel einen zeitgemäßen Islams zu etablieren, ist eines der erklärten Ziele des Forums.

2 Zügellos, enthemmt, unbändig

3 Mit der „Schließung“ ist die Position von Islam-Gelehrten gemeint, dass die Tore des islamischen Prinzips „Idschtihad“, also die selbständige Auslegung der religiösen Quellen im Islam, geschlossen seien.

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