Zeit vor dem Islam

 

Heute möchte ich euch auf eine gedankliche Reise in die Zeit des Vorislam begleiten, um zu erfahren, wer eigentlich die Leute waren, an die Gott sich durch den Koran gewendet hat.

     Seit der Neuzeit und der Aufklärung setzt ein kritisches Denken in vielen Wissensbereichen ein, so auch über religiöses Wissen. Kritisches Denken bedeutet Unterscheidung, was Geschichten, mündliche Überlieferungen oder was belegbare Dokumente, philologische oder archäologische Untersuchungen, also überprüfbare Daten an Wissensinhalte übermitteln. Auch die Frage, wie der Islam entstanden ist, wird heute zunehmend stärker erforscht und diskutiert. Viele oft widersprüchliche Thesen wurden aufgestellt.

     Aber warum das alles? Gibt es nicht eine ziemlich konkrete Vorstellung der Entstehungsgeschichte des Islam? Wie viele Bücher und Geschichten wurden über den Propheten und der Entstehung des Islam geschrieben und das sogar ins Detail gehend und sehr überzeugend. Und so lehrt man es auch bis heute.   

    Aus dem Koran wissen wir, dass es immer wieder Propheten gab, die eine Botschaften für ihr Volk brachten oder sie bestätigten, um ihr Volk zum Besseren aufzurufen. Und so sicher auch unser Prophet Muhammad. Aber wie geschah es und wer waren neben dem Propheten die eigentlichen Adressaten?

    Aber woher will man das alles wissen, es klafft doch eine Lücke von einigen Jahrhunderten an überlieferten Dokumenten über diese Zeit der Geschichte von Arabien, besonders von der neuen islamischen Seite. Nur einiges ist von christlicher und jüdischer Geschichte bekannt.

    Aber gerade in dieser dunklen Zeit wurde Muhammad geboren und liegt der Anfang einer neuen Religion. Wie können wir da wissen, wie Muhammad die Verse des späteren Koran erhalten hat, wie war die Zeit und Situation und wer waren seine Zuhörer?  Sind die Geschichten um den Propheten ausgedacht oder nur annähernd mündlich weitergegeben und warum? Es gibt fast nichts Schriftliches aus dieser Zeit. Einige beschriebene Knochen habe ich im Museum in Kairo gesehen. Und das könnte vieles bedeuten, denn die Buchstaben waren noch nicht eindeutig. Man konnte bestimmte Laute noch nicht den entsprechenden Buchstaben zuordnen.   Allenfalls stützt man sich heute auf einige wenige Informationen, die in Pahlavi, der Schrift der Sassaniden, in der griechischen Schrift der Christen, in der hebräischen Schrift der Juden verfasst wurden. Die Zeit von 570 bis Mitte, Ende des 8. Jahrhunderts liegt im Dunkeln.

     Einer der ersten, der Daten gesammelt hatte, von denen auch nur noch Abschriften existieren, war Ibn Ishaq, gestorben 768, also auch kein Zeitgenosse.

     Al-Buchārī, gestorben im Jahr 870, also runde 240 Jahre nach dem Tod des Propheten, soll an seinem Ṣaḥīḥ 16 Jahre gearbeitet haben. Angeblich suchte er aus 600.000 Hadithen rund 2.800 nach den strengsten Kriterien der Traditionskritik aus. Haben da wirklich nur 16 Jahre gereicht, um im ganzen Land bei den Verkehrsmöglichkeiten damals 600.000 Hadithe aufzuspüren und erst einmal aufzuschreiben? Ein Unding! Und wie viele Generationen an Überlieferern liegen dazwischen, 6, 8, bis sie aufgeschrieben wurden?

     Was ich heute als Widersprüchlichkeit empfinde, ist, dass mir früher suggeriert wurde, dass Arabien hauptsächlich von Polytheisten besiedelt war mit Orten sesshafter jüdischer Stämme und einigen Christen. So habe ich es zumindest verstanden.   Aber warum spricht der Koran dann immer wieder Juden und Christen an und greift auf ihre religiösen Schriften zurück?

     Ich glaube, um das alles besser einzuordnen, muss man die Zeit davor stärker in Augenschein nehmen, um eine Grundlage und Verständnis überhaupt zu bekommen.

   Dennoch: Der Schmelztiegel, in dem eine neue Religion geformt wurde, ist auch heute noch schwer zu erfassen. Man muss sich vor unkritischer Übernahme späterer muslimischer Traditionen hüten, aber auch vor einer gänzlichen Ablehnung. Das trifft genauso für eine komplette Bezugnahme jüdischer und christlicher Schriften über die Entstehung des Islam zu.

   Auch aus dem Koran allein ist dieser Zeitraum nicht erklärbar, denn er beruht ja auf den Diskurs zwischen Gott und seine verschiedenen Zuhörer, auf Frage und Antwort, eben für diese Zeit geltend.

     Genauso herrscht Unsicherheit, über den Text des Koran, wie er schriftlich fixiert und verbreitet wurde. Bis heute wird gelehrt, dass der Koran unter dem Kalifen Uthman zusammengestellt wurde. Und vor nicht langer Zeit hat man in Sanaa frühe Pergamente gefunden, was diese Version infrage stellen könnte. Und auch die Inschriften im Felsendom in Jerusalem, der zwischen 687 und 691 errichtet wurde und lange Zeit als die ältesten Zitate von Koranversen galten, stimmen nicht mit der kanonischen und heute bestimmenden Textfassung überein.

     Werfen wir einen Blick in die Geschichte, in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor 570 wechselten in Arabien sich christliche und jüdische Herrschaften ab.

     Besonders der Westen der Halbinsel war Teil eines großen Macht- und Handelsnetzes. So rivalisierten das christliche byzantinische Reich, das sassanidische Perserreich und im Süden das christliche Äthiopien um die Beherrschung des Landes.

   Jüdische Siedler, die aus Jerusalem vertrieben wurden, gründeten um Jathrib große Gemeinschaften. Wahrscheinlich erst einige Jahrzehnte vor Muhammads Geburt nahm der Stamm der Quräisch Mekka in Besitz.

    Die Äthiopier   hatten im Südwesten Himyar, das Gebiet des heutigen Jemen, erobert und später christianisiert. In der neueren Forschung wird nach ihrem Abzug nicht bezweifelt, dass sich die himyarischen Stämme seit dem späten 4. Jahrhundert dann zum Judentum bekannt hatten.

    Um 525 eroberte der äthiopische Negus mit Aufmunterung durch den byzantinischen Kaiser den Süden zurück und setzte dort Stellvertreter ein. Das Land wurde wieder christianisiert.

    Einer der Stellvertreter war Abraha. Er hat sich auf einer Inschriftenstele aus dem Jahr 547 am Staudamm von Marib verewigt.  Um seine Bedeutung der Welt zu zeigen, berief er eine große Konferenz ein. Es kamen unter anderem Gesandte der beiden Großreiche, Christen aus Konstantinopel und Perser aus Ktesiphon, belegt durch einen Brief vom persischen Schah Chosrau an den byzantinischen Kaiser Mauritios, in dem er von den „beiden Augen der Welt“ sprach.  Er führte verschiedene militärische Feldzüge durch. Inschriften aus Bi‘r Murayghan in Zentralarabien berichten von mehreren Feldzügen.  Bei einem dieser Vorstöße in den Hedschas kam er um 552 der Stadt Mekka ziemlich nahe. Dieser nördliche Vorstoß könnte man als Warnzeichen an die Perser sehen, dass Zentralarabien ihm gehören würde. Inwieweit das Geschehen, was die Sure 105 „Der Elefant“ beschreibt zutrifft, kann nicht genau gesagt werden. Sie lautet: „Sahst du denn nicht, was dein Herr den Leuten des Elefanten antat? Ließ er nicht ihre List das Ziel verfehlen und sandten auf sie nieder Vogelscharen, die sie mit Steinen aus gebranntem Ton bewarfen?“

    Vielleicht gab es auch einfach nur einen heftigen Sturm, der Steine mit sich trug? Aber naheliegend ist, dass dieser Feldzug seine Absicht verdeutlichte, den Wallfahrtsort Mekka mit seiner Kaaba zu schwächen und die Pilgerzüge zu seiner Kirche umzuleiten. Abarahas wundervolle Kirche in Sanaa war als neuer Wallfahrtsort gedacht. Es ging ja neben dem religiösen Einfluss um die wirtschaftliche Macht.  Auf die Pilgerzüge weist auch die darauffolgende Sure „Die Quraisch“ hin, die höchstwahrscheinlich mit der vorangegangenen Sure eine Einheit bildete. Sie erwähnt die Winter- und Sommerreisen mit der Garantie einer sicheren Reise und Aufenthalt. „Beim Brauch der Quraisch, ihrem Brauch der Karawanenreisen im Winter und im Sommer. So sollen sie dem Herrn des Hauses dienen, der sie mit Nahrung versorgt und ihnen Sicherheit vor Furcht gewährt hat.“

     Durch Abraha erstarkte das Christentum im südlichen Teil von Arabien wieder,

    Später, um 570 wandten sich die Himyariten an das sassanidische Perserreich   und baten um Unterstützung bei der Vertreibung der Äthiopier. In den Jahren darauf eroberten die Perser den Süden und machten es zu einer persischen Provinz. Um 620 hatte das sassanidische Reich der Perser die ganze östliche Seite entlang dem Persischen Golf und das südwestliche Jemen unter ihrer Kontrolle. Das Ende dieser Religionsmisere war: Der letzte Statthalter in Jemen wurde 628 Muslim.

    Mit diesen Ausführungen wollte ich eigentlich nur zeigen, dass die unterschiedlichen Religionen ziemlich stark präsent waren. Es gab also viel mehr Christen, als man mir weiß gemacht hatte. Es haben sich  beide ersten abrahamischen Religionen etabliert.

    Trotz dieses Hin und Her wurde nicht nur Warenaustausch auf der Handelsroute, die das ganze Arabien durchquerte betrieben, sondern es kam ebenfalls zum kulturellen, sozialen und religiösen Austausch zwischen Süden und Norden, und Mekka war mittendrin.

  Man müsste eigentlich annehmen, dass die einzelnen Stämme in ganz Arabien Kenntnisse der unterschiedlichen Religionen, der Christen, Juden und den Zoroastriern hatten. Die polytheistischen Araber waren sicherlich mit diesen Religionen gut vertraut. 

    In Mekka trafen sich diese Vertreter und sprachen sicherlich auch über ihre Religionen. Es herrschte gewiss reger Austausch an Informationen und Diskussionen, auch über religiöses Wissen. Warum sollten diese Menschen nicht ihre Runden um die Kaaba vollzogen haben, wie es die Polytheisten der Stämme in und um Mekka taten und wie es damals Brauch war?

   Und das alles spiegelt sich im Koran wider. Diese Menschen dieser unterschiedlichen Religionen waren Muhammads Zuhörer. Vielleicht nahmen sie auf ihren Handelsreisen Teile der Gottesübermittlungen an Muhammad als geistiges Gepäck mit?  Wer dort blieb oder wohnte, dessen Frage ist vielleicht von Gott im Koran beantwortet worden.

      Dennoch, die Zeit des Propheten Muhammad und die Entstehung des Islam liegt immer noch wie hinter einem dunklen Schleier. Langsam erst beginnt durch eine neue und kritische Aufarbeitung und Auseinandersetzung der islamischen Geschichte sich dieser Nebel zu lichten. Vieles wird wohl für immer im Dunkel versunken sein.

Und heute ist die Zeit gekommen, diese Geschichte mit neuen, anderen Augen zu sehen.

Manaar

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