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Erinnerungen

Jon Tyson

In meiner heutigen Khutba geht es eigentlich darum, wie wir den Koran lesen. Aber der Weg zur Antwort führte mich über den Umweg der Erinnerungen. Auf diesen Weg – oder Umweg – möchte ich euch gerne mitnehmen.

Nun ist er endlich vorbei, der Winter, und sogar die Eisheiligen sind vorüber. Auch der Ramadan, unser selbst gewählter Winter, ist vorbei und fast vergessen. Als Erinnerung bleiben die Geschenke, die wir unseren Kindern machten, um am Ende des Monats ein frohes Fest zu feiern.

Die kahle Welt hat sich in ein Blütenmeer verwandelt. Wie schön es ist, wenn die Magnolien blühen, die Kirsch- und Mandelbäume, und der Kastanienbaum vor meinem Fenster den Schaulustigen den Blick auf mein Wohnzimmer verweigert.

Mein Weg zur Arbeit führt durch eine Prachtallee, deren Weiß und Rosa der Obstbäume auch der noch so trübsinnigen, gelangweilten oder empörten Seele Freude und Ruhe verleiht. Das Schönheitsspektakel dauert leider selten länger als ein paar Tage, denn dann kommt ein wilder Regenguss, und die in der Blüte des Jahres stehenden Bäume werden kahlgeschüttelt. Glücklicherweise bleibt ein sattes Grün und es sind ja nicht nur die Bäume bunt, sondern auch die in den Gärten und an des Wegrändern blühenden Büsche und Blumen. Farbe als Erinnerung –

Farbe ist ein wunderbarer Aspekt unseres menschlichen Daseins. Wer wie ich seine Kindheit in den 1970er Jahren verbracht hat, der weiß, wovon ich spreche. Die Tapete meiner frühen Lebensjahre kann sich kein Spätgeborener vorstellen. Zumindest nicht die Tapete des Badezimmers in Verbindung mit der Tapete des Wohnzimmers, Kinderzimmers usw. Ein zartes Blütenmeer ist nichts gegen die Kakophonie aus orange und lila, braun, rot und rosa, die sich da in unserer Wohnung abspielte. Als ich vor einigen Jahren bei Ikea einkaufte, sah ich genau dieselben Gläser, die wir früher zu Hause hatten. Ein komisches Gefühl entsteht wenn das passiert. Ganz tief sitzt die Erinnerung, und man sucht nach dem Gefühl, das sie verbreitet und nach den Situationen, in denen es schon einmal aufgetaucht ist. Ganz tief in sein Inneres wird man getrieben, von so einem kleinen visuellen Reiz.

Farben sind in der Tat etwas Wunderbares. Sie bleiben uns tief in der Erinnerung erhalten. Als Kind bekam ich zweimal derart besondere Stifte geschenkt, dass ich heute noch von der Erinnerung zehre. Womit ich meine, dass beim Malen und Kombinieren der Farben ein Gefühl entstand, das ich als aufregend, abenteuerlich, spannend, oder einfach wohlig wahrnahm. Sehe ich heute diese Farben, überkommt mich das, was man ein Flashback nennt. Ganz unzusammenhängend mit der Situation, allein auf Grund der Farbe, stellt sich die früher erlebte Befindlichkeit wieder ein. Hoffen wir, dass es eine gute war! Rosa und Orange sind zwei Farben meiner Wachsmalstifte, die ich gerne kombiniert habe. Sie finden sich wieder im eiskalten Himmel eines Januarmorgens, wenn sich unserer Teil der Erde sehnsüchtig der Sonne zuwendet. Das Rot-Orange des Himmels ist ein unglaubliches Geschenk der Schöpfung an den, der es empfangen mag. Grün, eine Art helles Olivgrün, kombiniert mit orange, war die Farbe meiner Filzstifte, die zuvor in keiner Filzerpackung vorhanden waren. Ich liebt sie, und noch heute male ich gerne mit diesen Stiften, ein kleines Mandala zum Ausmalen vielleicht – einfach nur so, zur Entspannung.

Und sehe ich eine blaue Klarsichtfolie, so katapultiert mich mein Sehnerv komplett und gleichsam zeitlos in die erste Klasse meiner Schulzeit, als meine Fibel in ebenso eine blaue Folie eingschlagen war. Mit dieser Fibel lernte ich lesen, und empfand es, klein wie ich war, als das Beste des Lebens, neben Gummitwist und Rollerfahren.

Die Erinnerung an etwas Schönes macht unser Leben über die Vergangenheit hinaus auch im Moment der Gegenwart schön und erfüllt. Altes, „lange Heres“ wird zu Gegenwärtigem und bereichert uns jetzt, in diesem Moment.

Erinnerungen holen uns dabei willkürlich ein – nicht nur die traumatischen, von denen ich ein andermal reden mag, sondern auch die schönen, wunderbaren. Ich denke, es sind besonders die Erinnerungen aus der Kindheit, die uns schnell und stark bewegen, geradezu überfallen, und sofort in den Bauch ziehen, um dort fröhlich oder ängstlich zu rumoren. Sie sind so besonders stark, weil sie neu sind, nie Erlebtes darstellen, und sich ganz tief in unseren Geist und Körper einnisten.

Die olfaktorischen Erinnerungen, also die Gerüche, sind machmal noch stärker und wirken subtiler, zum Teil auch gänzlich unbemerkt. Der Geruch des Putzmittels aus dem ersten Kindergarten, vielleicht aus dem Krankenhaus, in dem wir geboren wurden, macht etwas mit uns, oft ohne dass wir das aufziehende Gefühl überhaupt benennen können. Eine tiefe Erinnerung des vegetativen Nervensystems, ohne Kopf sozusagen.

Die Erforschung der Erinnerungen ist Teil verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, zum Beispiel der Medizin oder der Psychologie oder auch der Linguistik, wo ich ihr begegnet bin und gelernt habe, meine Erinnerungen zwar zu genießen, aber ihnen nie über den Weg zu trauen.

Es ist gefährlich, eine Khutba über ein Thema zu schreiben, das man studiert hat, denn eine Khutba ist keine wissenschaftliche Hausarbeit. Und auch wenn diese Khutba vorgetragen wird, so ist sie kein Vortrag sondern eine Anregung, das eigene Leben um eine neue Perspektive zu erweitern.

Erinnerungen, auf diesen einen Aspekt möchte ich mich beziehen, sind zustandsabhängig. Ich finde, hierin liegt ein nützliches Wissen für uns. Zustandsabhängig bedeutet, dass unser gegenwärtiger Zustand beeinflusst, wie wir uns an Vergangenes erinnern. Geht es uns heute schlecht, erinnern wir uns an die schlechten Dinge in unserem Leben. Geht es uns gut, erinnern wir uns an die guten. Dies konnte ich neulich am eigenen Leib erfahren, als ich mit Mo spazieren ging.

Mein Leben lang fand ich meine Kindheit schrecklich. Ich war ja immer alleine, meine Mutter im Schichtdienst des Fernmeldeamtes, mein Vater kein besonders zuverlässiger Musiker. Die Scheidung meiner Eltern hatte mich verletzt und ich fühlte mich meine ganze Kindheit hindurch einsam. Das war bisher die ehrliche und wahrhafte Erinnerung an meine Kindheit. Ein einsames, allein gelassenes, viel zu kleines Kind mit viel zu viel Verantwortung und entschieden zu wenig Zuneigung.

Bei besagtem Spaziergang sagte Mo also: „Erzähl mir von deiner Kindheit.“ Gerade wollte ich das wieder einmal so dahin erzählen, wie es immer gestimmt hatte, da bemerkte ich, dass es sich nicht erzählen lassen wollte. Ich begann zu erzählen, langweilte mich plötzlich selbst, stocherte noch ein wenig wahllos in der Erinnerung herum, und sagte dann: „Weißt du Mo, ich hab heute keine Lust darüber zu sprechen. Es langweilt mich ganz fürchterlich.“

Was war geschehen? Die Geschichte, die ich eigentlich hatte erzählen wollen, verblasste immer mehr und mehr, bis sie im Nebel der Erinnerung vollständig verschwand. Ihr Verschwinden konnte ich vor meinem inneren Auge regelrecht wahrnehmen. Und da, plötzlich, formten sich aus dem Nebel heraus neue Bilder. Bilder des Pflückens von Gänseblümchen. Das Gefühl von Kniewelle auf der Reckstange im Wilmersdorfer Volkspark, oder das Gefühl von Schönheit auf dem Weg zur Geburtstagsfeier meines Freundes Klaus. Damals war ich ungefähr sechs. Und ungefähr sechs Jahre alt war für mich zuvor einer der Höhepunkt meiner Einsamkeit gewesen. Nun wurde es zu einem Höhepunkt der Leichtigkeit und Lebensfreude.

Es war dieselbe Kindheit derselben Person, doch in der Menge all dessen woran man sich erinnern konnte, traten die traurigen Ereignisse zurück, um den guten und frohen Erinnerungen Platz zu machen. Und der Grund? Nun, die tatsächlichen Geschehnisse konnte ich ja nicht verändert haben. Was sich aber verändert hatte, in den letzten Monaten, war mein Jetzt-Zustand. Ich war lange unglücklich gewesen. Das war nun offensichtlich vorbei. Und der Glückszustand der Gegenwart übertrug sich auf die Erinnerung. Er machte mein Leben nachträglich schön.

Es wirkt in beide Richtungen. Schöne Erinnerungen bewirken gegenwärtige Glücksgefühle und eine glückliche Gegenwart verursacht glückliche Erinnerungen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch die gegenwärtige Wahrnehmung durch Glücksgefühle verändert wird und wir die Dinge anders hören, anders sehen, anders riechen und auch anders lesen,wenn wir glücklich sind.

In der Tat hatte ich lange Jahre den Koran als Straf und Höllenbuch gelesen. Plötzlich jedoch las ich die Sure 55 – AlRahman – und fand die liebevolle Zuneigung Gottes zu all seiner Schöpfung und besonders zum Menschen darin verbildlicht. Anderen Tags las ich ihn jedoch wieder als Buch der Höllenstrafe. Wie konnte das sein? Gab es nun einen Islam, oder zwei? Richtig, der Koran ist der Koran, aber die Magie eines jeden guten Buches liegt darin, dass es mit jedem Leser etwas Anderes macht. Es gibt Menschen, die den Koran nutzen um andere zu töten und andere die in ihm nichts als Liebe und Barmherzigkeit finden.

Was wir im Koran finden, welche der Verse wir wahrnehmen, hängt davon ab, wie wir uns fühlen. Ich möchte behaupten, dass jemand, der zu Hause viel Strafe erfährt, vielleicht am ehesten geneigt ist, die Strafaspekte des Korans zu bemerken. Jemand, der in einem liebevollen und barmherzigen Umfeld aufwächst, wird hingegen zu allererst die Gnade Gottes herauslesen. Alles stimmt, alles geht. Es hängt eben davon ab, in welchem Zustand sich der Leser, die Leserin, befindet.

Es gibt ihn nicht, den einen Koran. Jeder liest ihn anders. Wer heute Wut verspürt, weil er vom Vater geschlagen wird, sich die Mutter mit dem Schläger verbindet, weil er nicht bekommt, was er wirklich braucht, weil es niemanden interessiert – wer also wütend ist, wird die Wut lesen, die durchaus im Koran zu finden ist. Wer aber liebt und wer heute glücklich ist, liest ihn als Buch des liebevollen Verständnisses und sieht Mohamed als einen lachenden Herrscher, voller Freude und Hingabe. Dieser Leser sieht Freiheit in der Hingabe, nicht Unterwürfigkeit. Dieser Leser liest über die vielen Geschenke und die Gnade, nicht über die Bestrafung im Feuer der Hölle.

Im Umkehrschluss hieße das: Viele Muslime sind nicht Teil einer glücklichen Gemeinschaft. Sie lachen und sie haben Spaß, aber in ihnen drin ist eine Verunsicherung, eine Angst, eine Wut auf die Eltern vielleicht, die sie schützen sollen, eine Wut oder Angst, keinen guten Weg zu finden, weil die so genannte Mehrheitsgesellschaft ihn versperrt usw.

Wer den Koran als Höllenbuch lesen, mag einmal tief in sich hineinhören, ob da vielleicht eine Wut wohnt, oder eine Angst, oder ein ganz allgemeines Unglück.

Schöne Gefühle kann man nicht erzwingen, auch keine schönen Erinnerungen oder schönen Lesarten. Doch eine Perspektive eröffnen sie allemal, denn man kann versuchen, sie zu verstehen. Das führt zu Selbstakzeptanz und damit zu mehr Vertrauen und ultimativ auch zu mehr Glück. Der Wesenskern liegt im Hier und Jetzt. Das muss glücklich sein, dann wird auch die Erinnerung gut und alles, was wir lesen, wenn es denn gute Elemente hat.

Ich wünsche euch ein wundervolles Gebet und alles Gute.

Einen kurzen Einblick dazu möchte ich geben. Narrativitätsforscher zeigten beispielsweise einer Reihe von Probanden einen Film über zwei Kinder, die aus einem Birnbaum Birnen pflückten, und dann damit fort liefen. Fast alle Probanden sagten später, es sei ein Apfelbaum gewesen. Viele Einzelheiten des Films wurden von ihnen falsch erzählt, falsch erinnert. Die Bilder im Kopf hatten die Bilder des Filmes überschrieben. Schon während uns eine Geschichte erzählt wird, entsprechen die Bilder im Kopf oft nicht dem, was wir hören, sondern dem, was wir zu hören erwarten. Trauen wir also unseren Erinnerungen nicht zu sehr. Wir können sie trotzdem genießen.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der Erinnerung ist, dass sie Wörter braucht. Im zweiten Weltkrieg verließen viele Juden Deutschland, um in Amerika zu leben bzw. zu überleben. Die literarische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des zweiten Weltkriegs setzte aber nicht unmittelbar nach Kriegsende ein. Die Erinnerungswelle setzte dann ein, als Worte gefunden waren, die man sich kollektiv erarbeitet hatte, um so eine Erinnerung zu schaffen, die von allen verstanden und nachvollzogen werden konnte und so identitätsstiftend wirkte. Wörter wie Holocaust, oder Vernichtung mussten erst geprägt oder auf die Situation bezogen werden, und trugen dann eine Konnotation mit sich, die von allen Kommunikationspartnern einigermaßen einheitlich verstanden werden konnten. Wenn man heute Holocaust sagt, sind Begriffe wie Vernichtung, Verfolgung, Qual, Unterdrückung, Genozid, Rassissmus, Diktatur und viele mehr implizit, aber darüber hinaus denkt man sofort an die Vernichtung der Juden während des so genannten Dritten Reiches. Ein Volk, hier zum Beispiel die amerikanischen Juden des 20. Jahrhunderts, kann sich eine Erinnerungskultur nur schaffen, indem sie Worte dafür findet.

Als Muslime versuchen wir auch immer wieder, gemeinschaftsstiftende Erinnerungskultur aufzubauen. Wir nennen uns eine Umma und sind von uns selbst enttäuscht, wenn wir es im Ramadan nicht schaffen, am selben Tag die Fastenzeit einzuläuten und sind stolz darauf, wenn wir wie in diesem Jahr alle am selben Tag das Fasten beenden. Dann spielen wir, dass wir eine Umma sind, weil dieser Begriff zu Beginn des Islam geprägt wurde und heute noch wichtig scheint. Wir versuchen,

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