Wege der Erkenntnis – Zusammenspiel von Glaube und Wissen

In vielen Zusammenhängen benutzen wir die beiden Wörter: Glaube und Wissen.
Aber in welchem Verhältnis stehen beide zueinander?
In der Antike wurde die Wissenschaft bzw. das Wissen als die bestimmende Erkenntnisform gegenüber dem Glauben angesehen, weil sie durch ihren Forscherdrang zur Verbesserung der menschlichen Lebensform beitrug.
Aber wo blieb da der Glaube, wurde er zu geringgeschätzt? Gehört denn nicht nur die Forschung zum Leben, sondern auch die Bedingungen, ein Wertebewusstsein dazu? Die Menschen würden doch sonst nur zu menschlichen Maschinen herabgewürdigt.
Nun stellen sich die Fragen: Was ist Glaube und was Wissen? Ist es wichtig, sie zu unterscheiden und kann Glaube und Wissen in Einklang gebracht werden?
Schon seit der Antike beschäftigten sich die Menschen mit der Frage, wie die Erde aufgebaut ist, warum wir auf der Erde sind, was der Sinn des Lebens, unsere Daseinsberechtigung ist. Es entstanden die verschiedensten Religionen, Philosophien, Denkrichtungen, Weltanschauungen. Sie alle versuchten Fragen zu klären und zu definieren, was eigentlich Glauben und Wissen ist und ob es einen Unterschied oder ein Zusammenspiel gibt.

Wissen bedeutet Bewusstsein von Regeln, Fakten, Erkenntnissen. Wissen wird als eine nachweisbar wahre Meinung oder Feststellung dokumentiert und muss sich dementsprechend von Glauben und Überzeugungen unterscheiden. Der Inhalt von Wissen kann richtig oder falsch sein, erkennbar durch wissenschaftliche Experimente und Überprüfbarkeit. Der Gegenstand des Wissens muss wahr sein, also kein gedachter Gegenstand.
Sokrates hat festgestellt, dass der Mensch weiß, dass er nichts weiß.
Das arabische Wort für Wissen ist ‚ilm‘. Im islamischen Mittelalter wurde Wissen von vielen muslimischen Gelehrten unterschiedlich interpretiert, z.B. „Das Entstehen der Vorstellung einer Sache“, „Das Begreifen eines Begriffs unabhängig davon, ob es gewiss ist oder nicht“, oder „Erkennen einer Sache, dessen Wahrheit gewiss ist.“ Der islamische Philosoph und Gelehrte Farabi im 10.Jh. behauptet, dass es drei Quellen von Wissen gibt: Vernunft und die 5 Sinne des Menschen, Beobachtung und Instinkt.
Avicenna, bekannt als Ibn Sina, gestorben im Jahr 1037, ein Universalwissenschaftler bringt das Wissen aus Sicht ihres Wesens und ihrer Form in drei Kategorien: Naturwissenschaften, Metaphysik, Logik und höheres Wissen und Wissen, was zwischen den ersten beiden steht.
Al-Ghazali, ein persischer islamischer Theologe, Philosoph und Mystiker und zählt bis heute zu den bedeutendsten religiösen Denkern des Islams, unterteilt Wissen in zwei Kategorien: praktisches Wissen und religiöses Wissen, d.h. Wissen durch Lesen und Denken und Wissen durch göttliche Inspiration, wir sagen dazu: wahy.
Viele Koranverse weisen auf den hohen Stellenwert von Wissen hin und immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der Wissenserwerb erstrebenswert ist, z.B. in der Sure Al-Anbiya, 7: „So fragt doch die Wissenden“ oder in Taha, 114: „Sprich: ‚Mein Herr, mehre mein Wissen.‘“
Das heißt, ausgehend von den religiösen Quellen sollte der Mensch stets Wissen erwerben, zum Nutzen für ihn selbst und für seine Umwelt, seine Gesellschaft. Wissen ist also auch in der Religion nötig, um es in der religiösen Praxis anwenden zu können.

Was ist nun Glaube und was ist der Unterschied zum Wissen?
In der Umgangssprache wird „glauben“ meist im Sinne von „vermuten, erwarten meinen“ gebraucht. Nach religiösem Verständnis bedeutet es „vertrauen auf etwas oder auf jemandem, sich verlassen auf jemanden, offensein auf Offenbarung, auf Eingebung. Es ist mehr eine Herzensangelegenheit. Es ist ein Verständnis von Gott. Die erste Säule des Islam lautet: „Es gibt keinen Gott außer Gott“ Lā ilāha illā ʾllāh لا إله إلا الله. Es ist der erste Teil des Glaubensbekenntnisses und kommt in dieser Form im Koran an zwei Stellen vor: in Sure 37:35 und in Sure 47:19. Die weiteren Säulen sprechen über das tägliche rituellen Gebet, geben Kunde über die soziale Spende, über das Fasten während des Ramadan und über die Wallfahrt nach Mekka. Es wird überliefert, dass eines Tages der Engel Jibril (Gabriel)dem Propheten Muhammad und seinen Gefährten in Menschenform erschien und den Propheten fragte: „Was ist der Glaube?“ Der Prophet erklärte sinngemäß: „Glaube (Iman) ist, dass du an Gott glaubst, dass du an die Engel glaubst, dass du an die offenbarten Schriften glaubst, dass du an die Vorherbestimmung glaubst, dass du an den Jüngsten Tag glaubst.“

In der philosophischen Erkenntnistheorie wird Wissen oft mit Glauben konfrontiert. Zu glauben, dass etwas ist oder existiert, kann manchmal auf eine Unsicherheit, auf eine Zweifelhaftigkeit hinweisen. Das Wissen dagegen bedeutet Sicherheit, Unzweifelhaftigkeit. In Bezug auf Religion bedeutet also Wissen Gewissenhaftigkeit und Glaube Vermutung.
Wissen kann auch eine persönliche Bedeutung haben. Wenn ich mich z.B. gedanklich mit wichtigen Fragen beschäftige, kann ich zu einem persönlichen Ergebnis kommen, von dem ich glaube, es sei richtig. Für mich kann es dadurch verbindlich werden. Ich akzeptiere das neue Wissen, eine andere Person muss es jedoch nicht.
Glaube steht in einer fortwährenden Beziehung zu unserem Unterbewusstsein, in dem Gefühle, Wünsche, Vorstellungen, Ideen verarbeitet werden und dann in unser Bewusstsein gelangen.
Aber erst durch die Beziehung zum islamischen Glauben erhält Wissen einen besonderen Stellenwert, denn ohne religiöses Wissen kann kein Glaube entstehen. Erst durch Wissen kann man eine Überzeugung entwickeln und dann an etwas glauben. Durch das Studium des Korans und der Hadithe erlangt man Wissen und zu Überzeugungen, die dann den Glauben stärkt.
Das Verhältnis von Glauben und Wissen unterliegt ständiger Veränderungen, sowohl individuell oder auch generell, bedingt durch Widersprüche, neues Wissen, Neigungen, sogar ein anderes Verstehen oder persönliche Erfahrungen.
Bis in die heutige Zeit versuchen die Religionsgelehrten, ihre Anhängerschaft, Gemeinden, ganze Strömungen zu disziplinieren, zu einem Verhalten zu einem Befolgen einer Richtung zu leiten, ihre eigene Gedanken zu steuern, bzw. Meinungen aufzuzwingen, um vorteilhafte gesellschaftliche Wirkungen zu erzielen. Es war nicht die Frage, was geglaubt wurde, sondern dass man nicht in Konflikt mit dem Gesamtinteresse der Gesellschaft bzw. mit der Obrigkeit geriet.
Oft hören wir von muslimischen Gelehrten am Ende ihres Vortrages oder am Ende ihrer Schrift die Worte: „Gott weiß es am besten.“ Es bedeutet nicht nur Bescheidenheit, sondern kann auch Pluralität Raum, also ein Nebeneinander, eine Koexistenz von verschiedenen Strömungen geben. Daher ist es möglich, dass völlig verschiedene Meinungen zu einem gleichen Thema nebeneinander existieren können. So war es im islamischen Mittelalter und auch heute. Da begegneten sich Christen, Juden, Muslime auf Augenhöhe bei der Arbeit, beim Forschen, im täglichen Leben und in freundschaftlichen Streitgesprächen.

Der Koran spricht in sehr vielen Versen davon, dass nur Gott der einzig Wissende ist. Nur Er hat das absolute Wissen über Dinge und Vorgängen. Von Ihm haben die Menschen Auffassungsvermögen und Verstand erhalten. Propheten sandte Er nur aus Barmherzigkeit und mit einem kleinen Teil Seines Wissens in Form von Botschaften wie die Thora, dem Alten und Neuen Testament und dem Koran. Dennoch, Gott hat den Menschen viele Möglichkeiten geboten, um Seine Barmherzigkeit und Sein Wohlgefallen zu erlangen. Wissen ist eindeutig, aber wir erhalten nur eingeschränktes Wissen, dafür haben wir den Glauben.

Betrachten wir die Zeit der Goldenen Jahre in der islamischen Welt. Der Glaube und der Koran und die Hadithe waren die ersten Quellen und Ausgangspunkt von weltlichen Wissenschaften. Um in der richtigen Zeit beten zu können, musste man sich mit der genauen Zeitmessung beschäftigen. Das erforderte Wissen in der Mathematik, in Astronomie. Das Gebet musste in die richtige Richtung erfolgen, also entwickelte sich die Geografik. Die Almosensteuer und die Erbverteilung musste berechnet werden, also vertieften die Wissenschaftler ihre mathematischen Kenntnisse.

Die muslimische Welt versuchte also die Welt zu erforschen und den Rahmen dazu gab die Religion selbst, um die Auslegungen des Korans zu befolgen.

Zum Glück konnte man sich auf vorhandenes Wissen stützen, das der Griechen oder der Perser oder Inder, was weiterentwickelt wurde. Man kann sogar sagen, dass als Nebenprodukt die wichtigsten Impulse zum Empfang des griechischen Rationalismus durch Muslime zurück nach Europa gebracht wurde. In Europa hatte man die griechische Philosophie vergessen und erst durch ihre Aufarbeitung in der islamischen Welt konnte es zurück nach Europa gelangen und begründete dort die Renaissance, ihre Wiedergeburt.

Wir sehen, dass Glaube und Wissen nicht dasselbe sind, aber sie widersprechen sich nicht, können sogar gut miteinander auskommen.
Normalerweise erziehen Eltern ihre Kinder in ihrem eigenen Glauben, denn er hat für sie eine Bedeutung und soll auch bei den Kindern verbindlich nachstrahlen. Somit strahlt dadurch ihr Glaube über die Subjektivität der Eltern hinaus. Es kann deshalb nicht dem Gläubigen egal sein, nur in seinem Kämmerlein seinen Glauben zu leben, sondern durch die Beziehung zu den Menschen bei der Arbeit, im täglichen Leben, wirkt es sich auch auf diese anderen Menschen aus, auf seine Umwelt. Das heißt, der Glaube kann weder subjektiv noch privat sein. Er liegt zwar in der individuellen Entscheidung und bedarf einer grundrechtlichen Sicherheit. Aber in seinem Geltungsanspruch wird der ganz private Glaube öffentlich, weil der Gläubige sich nicht nur vor Gott beweisen möchte, sondern auch vor seinem Nachbarn, vor seinen Mitmenschen. Wenn man das also weiterverfolgt, kann es dem Gläubigen nicht egal sein, was sein Glaube, sein Bekenntnis in der Gesellschaft bedeutet, insbesondere in der heutigen Gesellschaft, sogar hier in dieser Moschee. Aber wenn die Gesellschaft dem Glauben die nötige Aufmerksamkeit schenkt, muss der Glaube sich einer kritischen Prüfung gefallen lassen, so wie jetzt der Islam in Europa. Wir können uns also nicht in ein Mauseloch verkriechen und nicht nur eventuelles Unliebsames erdulden, sondern auch Stellung beziehen, mit anderen Gläubigen sozusagen an einem Strang ziehen.
Nun: Ich habe mich bemüht, aber Gott weiß es am besten.g

1 Kommentar zu „Zusammenspiel von Glaube und Wissen“

  1. EIn Suchender des Wissens erlangt durch Beobachtung, Datensammlung und Experiment Kenntnis über seinen Wissensgegenstand. Sodann entwirft er überprüfbare Vorhersagen zum Gegenstand. Wichtiger aber noch: Er benennt exakte Bedingungen, unter denen seine Wissensvermutung falsch ist.

    „Keuner trifft einen seiner ehemaligen Schüler. Dieser fragt ihn, woran Keuner den zur Zeit arbete. Keuner antwortet: Ich bereite meinen nächsten Irrtum vor.“
    (aus dem Gedächtnis zitiert, Bertolt Brecht)

    Das Studium von Koran und Hadithen liefert textliches Wissen. Dieses Wissen ist sicherlich auch zu überprüfen. Die Kenntnis des Textes liefert jedoch keine Grundlage zu Richtigkeit der im Koran vertretenen Behauptungen. Diese sind im einzelnen zu überprüfen. Die Aussage „Kein Gott, außer Gott“ bleibt Glaubensfrage und kann auch nach Lektüre des Korans nicht als Wissen präsentiert werden.

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