Der Friede und die Gnade Gottes seien mit Euch!

In zwei Tagen, am 11.November, findet wieder einmal, wie in jedem Jahr, das Laternenfest statt, und das ist schon immer mein Lieblingsfest. Schon als Kind fand ich es wunderschön und bewegend. Kinder im Kindergartenalter und in den frühen Grundschuljahren laufen mit ihren leuchtenden Laternen durch die Straßen der Stadt, in einem Monat, der von Dunkelheit geprägt ist.

Auch ich war einige Jahre lang so ein Laternenkind. Einmal, ich war ungefähr sechs Jahre alt, zündete ich meine Laterne für den Heimweg von der Nachmittagsbetreuung an, und lief allein mit dem brennenden Lichtchen nach Hause. Natürlich hatte ich sie selbst gebastelt. Mit schwarzem Tonpapier und ausgeschnittenen, mit Pergamentpapier hinterklebten, Sonne, Mond und Sterne. Das Dunkel des Abends gab ein seltsames Gefühl von Freiheit. Sturm und Nieselregen ließen mich angenehm frösteln. Schon immer liebe ich den Sturm und den Regen und erinnere mich an viele solcher Spaziergänge in meiner Kindheit. Als Kind war ich viel allein, und Wind und Regen waren meine liebsten Freunde. Meine ganze kindliche, innere Trauer spiegelte sich im Regen, er spiegelte und spiegelt auch heute noch immer wieder mein inneres Gefühl oder repräsentiert es, so dass ich das Innere und das Äußere als stimmig empfinde. Aus der Stimmigkeit des Inneren und des Äußeren ergibt sich ein Zustand seelischen Wohlseins. Gleichsam verhält es sich mit dem Sturm. Der innere Sturm der Gefühle wird Wirklichkeit im tatsächlichen Sturm das Außen. Auch heute noch fühle ich mich bei Wind und Regen am meisten mit mir selbst in Einklang.

An besagten stürmischen Abend erinnere ich mich jedoch noch aus einem anderen Grund. Es war so windig, dass meine Laterne hin und her schwankte, bis sie schließlich Feuer fing.  Die Laterne fiel auf den Bürgersteig; und mit meinen olivgrünen Turnschuhen trat ich darauf, um das kleine Feuer zu löschen. Aus der Narrativitätstheorie wissen wir, dass uns die Erinnerungen oft täuschen. Wahrscheinlicher ist, dass der Wind das Kerzenlichtchen ausgeblasen hat, und die Laterne nicht wirklich brannte. Doch weiß ich noch genau, wie sie aussah, meine Laterne, und wie ich mich über sie gefreut hatte.

Weil nun also in zwei Tagen das Laternenfest gefeiert wird, möchte ich heute darüber sprechen. Über das Licht – und über die Dunkelheit, denn auch für ein dunkles Gedenken ist heute der Tag.

Durch die Straßen auf und nieder, leuchten die Laternen wieder.

Rote, gelbe, grüne, blaue,

lieber Martin komm und schaue!

Wer ist Martin? Martin von Tours, später der heilige Martin, war es, der durch sein Handeln den Anlass zum Feiern des Laternenfestes gab.

Martin war ein römischer Soldat, der im vierten Jahrhundert in Frankreich diente. Als er eines kalten Wintertags in seinem roten Umhang über einen Marktplatz ritt, sah er einen Bettler auf dem eisigen Boden sitzen. Martin zog die Zügel an, hielt inne und stieg von seinem Pferd. Schnell zog er sein Schwert aus der Scheide und schnitt den warmen Umhang in zwei Teile. Einen Teil behielt er für sich selbst. Den anderen  gab er dem Bettler; doch als ihm dieser danken wollte, war Martin schon wieder auf sein Pferd gestiegen und davon geritten.

Die Geschichte geht noch weiter, doch der Rest ist für uns hier heute unerheblich. Im Angedenken an diesen Martin basteln die Kinder also überall in Deutschland Laternen und ziehen durch die Straßen ihrer Stadt. Sie bringen Kekse und Bretzeln mit sich, die sie mit anderen, fremden Kindern und Erwachsenen teilen.

Eine ganze Nation von Kindern gedenkt eines Menschen, weil er seinen Mantel geteilt hat; gedenkt ihm mit einem kleinen, unter Mühe und Aufwand mit ihren noch unbeholfenen Händchen hergestellten Lichtlein, um zu zeigen, dass dieser Mensch Licht in unsere Welt gebracht hat, indem er etwas Gutes tat.

Ich liebe dieses Fest in seiner einfachen Aussagekraft.Ohne das Austeilen von Geschenken, ist es kaum kommerzialisierbar, und ist nicht mehr als ein Spaziergang durch den dunklen Abend des Herbstes, mit einem kleinen Lied. Das Laternelaufen birgt ein Geheimnis, denn wie bei Sturm und Regen verbindet sich auch hier das Innere mit dem Äußeren. Das Licht unseres Herzens oder unserer Seele wird sichtbar in dieser kleinen Laterne. Die Liebe, die in uns wohnt, einfach so, scheinbar vollkommen ohne Anlass, wird repräsentiert durch dieses kleine Licht. Das Licht ist gleichermaßen die Liebe und die Mitmenschlichkeit; die Laterne eine Realisierung der Metapher. Das Fest vermittelt eine Vision von Welt, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen verständlich ist. Die Welt wird besser, oder erträglicher, wenn wir Gutes tun. Dann scheint, oder leuchtet, unser Inneres nach außen und wir werden irgendwie ganz. Und wieder entsteht durch die Einheit des Innen und des Außen ein Gefühl von Wohlsein. Dazu brauchen wir vielleicht keine Religion. Wir wissen, was „Gutes tun“ heißt. Hierfür sind wir mit Spiegelneuronen ausgestattet. Doch weil sie ausgeschaltet werden können, verschüttet unter erlebten Boshaftigkeiten oder gar Grausamkeiten, hat Gott uns nochmal vorsichtshalber in all seinen Schriften gesagt, was wir tun sollten, damit die Welt eine bessere wird. Hierfür gibt es besonders im Koran klare Anweisungen. Das ist sozusagen eine seiner Stärken. In der Bibel steht, wir sollen unseren Nächsten lieben. Im Koran steht noch einmal ganz genau, was dazu gehört. Dies führte allerdings unter manchen von uns Muslimen zu einer Art Missverständnis, das es zu bedenken gilt, oder zu einer Art Unzulänglichkeit.

Im Koran steht genau aufgelistet, was wir tun sollen, damit die Welt eine bessere wird; nämlich beispielsweise, dass und wie wir die Waisenkinder versorgen sollen und die Eltern, wenn sie alt sind. Dort steht etwas von Morgengabe, um Frauen nach der Scheidung versorgt zu sehen.

Dort steht, dass wir Zakat entrichten müssen, um von dem zurück zu geben, was uns gegeben wurde, dass wir Opfer bringen sollen, Schafe oder Geld, damit andere nicht hungern, und dass wir fasten sollen, um uns zu reinigen, und beten.

Auf diese Weise bringt man die Ressourcen an die richtigen Stellen.  Alle diese Tätigkeiten sind wichtig und ehrenhaft, bringen Licht in die Welt, und dürfen nicht gering geschätzt werden. Sie sind im Koran als Anweisungen formuliert, für diejenigen Menschen, die sich Gläubige nennen und die hoffen, nach dem Tod ins Paradies zu kommen, an einen guten Ort, frei von Unrecht und Leid.

Vielleicht kennen wir solche Menschen, die alles richtig machen; die alles zahlen, mit ihrem Geld, und die großen, wichtigen Gebote erfüllen. Man sieht, wie gut sie sind und kann quantitativ nachweisen, wie sie die Welt verbessern. Und dennoch gibt es hier noch eine Kleinigkeit hinzuzufügen.

Die folgende Geschichte mag uns beim Reflektieren helfen:

Als eines Tages ein rechtschaffener Mann, der nur Gutes getan und alle Gebote stets erfüllt hatte, verstarb und nun vor Gott stand, fragte ihn dieser, auf welcher Bemessungsgrundlage er in den Himmel kommen wolle – auf der Grundlage seiner unendlich vielen guten Taten, oder auf der Grundlage von Gottes Gnade. Der Mann überlegte nicht lange, denn er hatte in der Tat so viel Gutes getan, dass ihm der Weg ins Paradies sicher sein musste. So sagte er, „auf der Grundlage meiner Taten“. Dies war ein Fehler. Er kam, so erzählt uns die Geschichte, nicht ins Paradies.

Das Missverständnis ist dies, dass die ganzen guten Taten ausreichen könnten; doch die Menschheit braucht mehr.  Diese „Mehr“ verbirgt sich in der Martinsgeschichte gewissermaßen in der Geschwindigkeit. Martin hatte nämlich seinen Entschluss so schnell gefasst und seine Handlung so prompt ausgeführt, dass sie praktisch eins waren – Entschlussfassung und Handlung. Wir erinnern uns. Er ritt davon, bevor sich der Bettler bei ihm bedanken konnte.  Der Abstand zwischen Entschlussfassung und -ausführung, ist ein Indikator für die Wucht unserer Empfindungen, dafür, wie stark wir innerlich bewegt sind. Martin hatte es offensichtlich nicht ertragen, den armen Menschen dort sitzen zu sehen und war von Mitleid dermaßen überwältigt worden, dass er intuitiv Gutes tun wollte, oder vielleicht musste, unbedacht aller möglichen Konsequenzen. Das hat mit dem Erfüllen rational durchdachter Anweisungen aus göttlichen Schriften nur bedingt zu tun. Er ging nämlich nicht los, um für den Bettler einen Mantel zu kaufen. Er ging nicht nach Hause, holte drei Goldstücke und gab sie dem Bettler. Er sammelte nicht in einer Spendenaktion für die Armen, und er gab nicht seinen ganzen Umhang, um sich anschließend einen neuen zu besorgen. Um nicht missverstanden zu werden – dies alles wären auch gute Entscheidungen gewesen. Doch Martins Entscheidung war nicht rational, sondern geprägt von einem innigen, spontanen, drängenden Gefühl der Liebe zu einem anderen Menschen. Wir nennen es auch Barmherzigkeit, Rahme. Und auch hierzu sind wir angehalten. Dies ist ein Abbild der Liebe Gottes zu uns. Auf diese Weise wird sie vollständig, die Erfüllung der Anweisungen. Manchmal tritt dieses Gefühl der Mitmenschlichkeit zurück hinter die Regeln und Anleitungen. Dann ist es gut, diese dennoch zu erfüllen. Gleichsam ohne Empfindungen, aber mit dem Wissen, dass man etwas Gutes bewirkt. Doch manchmal fühlen wir uns direkt gerührt. Es ist ein gutes Gefühl, und wir sollten es nähren. Wird es im Alltagsgeschehen verschüttet, verschwindet unter Arbeit, Einkäufen und Erledigungen, dann brauchen wir Ruhe und Zeit, damit es wieder seinen Weg an unsere innere Oberfläche findet, das Gefühl der Liebe für unseren Nächsten.

Das Gegenteil von Licht und Helligkeit ist die Dunkelheit. Das Gegenteil inniger Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gnade sind der Hass und die Verachtung. Heute, am 9. November, denken wir an die  Reichspogromnacht. Bei all dem zerbrochenen Glas, dessen kristallene Splitter durch den trügerischen Sonnenschein der folgenden Tage vielleicht gefunkelt haben mögen, ist es eine Nacht furchtbarer Dunkelheit. All die kleinen Lichter, die die Welt erleuchteten, mussten sich nun versteckten und viele von ihnen erloschen ganz. In vielen Herzen erlosch das vielleicht wertvollste Licht der Hoffnung.

Vor Jahren sah ich einen Dokumentarfilm, zusammengeschnitten aus real gefilmten Begebenheiten der 1940er Jahre im Warschauer Ghetto zeigt zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Sie waren so klein, sie hätten mit ihren Lichtchen singend durch die Straßen laufen sollen. Sie hatten keine Angehörigen, keinen einzigen. Während sie allein auf dem kalten Bürgersteig saßen, hofften sie auf eine Kleinigkeit zu essen. Doch im ganzen Ghetto gab es kaum ein Stück Brot. Keiner gab ihnen etwas. Nach einer Weile fiel der kleine Junge um und starb. Er fiel einfach um.  Das Mädchen blieb regungslos sitzen. Ich stellte mir vor, wie es am Abend alleine nach Hause gehen und niemanden mehr vorfinden würde, der es versorgen könnte. In der Dunkelheit der Nacht würde es sich selbst beweinen und mit sich die ganze Welt aller verlassenen Kinder und all derer, die einmal Kinder waren, würde all jene beweinen, die hungrig ins Bett gingen, oder deren Angst vor der Dunkelheit im Inneren der Menschen ins Unermessliche stieg.

Das Dunkel umfasst uns manchmal persönlich in Form einer kleinen Dunkelheit im Alltag unseres behüteten Daseins – aber unter Umständen auch vollkommen und groß, gleichsam ohne Ausweg und gänzlich ohne Hoffnung auf ein baldiges Licht. Immer ist sie schrecklich. Doch die Ausweglosigkeit ist wohl das Schlimmste.

Zu jeder Zeit braucht Gottes Schöpfung ein Licht. Wir sind aufgefordert, dieses Licht zu sein; das in uns wohnende Licht scheinen zu lassen durch unsere Mitmenschlichkeit.

Versorgt die Waisenkinder! Im Koran steht es immer wieder. Es steht stellvertretend für alles Gute, was man an denen tut, für die es nötig ist.

In Sure 4:6 lesen wir exemplarisch

„Und prüft die Waisen, bis sie das Heiratsalter erreicht haben. Und wenn ihr an ihnen Besonnenheit feststellt, so händigt ihnen ihren Besitz aus. Und verzehrt ihn nicht maßlos, ihrem Erwachsenwerden zuvorkommend. Wer reich ist, der soll sich enthalten; und wer arm ist, der soll in rechtlicher Weise davo zehren. Und wenn ihr ihnen dann ihren Besitz aushändigt, so nehmt Zeugen vor ihnen. Doch Allah genügt als Abrechner.“

In 89:17-20 spricht Gott über Menschen, die sich nicht an seine Gebote hielten:

„Keineswegs! Vielmehr behandelt ihr die Waise nicht freigiebig und haltet euch nicht gegenseitig zur Speisung des Armen an, und ihr verzehrt das Erbe, ja ihr verzehrt es ganz und gar!“ Gemeint ist wohl das Erbe der Waisen, das sie brauchen, um zu überleben.

Die Botschaft, wie wir Licht in die Welt bringen, ist deutlich formuliert.

Als Sankt Martin am Abend des Geschehens nach Hause kam, hatte er einen Traum. Im Traum erschien ihm Jesus mit Martins rotem Umhang und sagte zu ihm: „Was du dem Bettler getan hast, hast du mir getan“.

Für Christen und Muslime gilt hier das Gleiche.

Bei Muslim ist überliefert:

Allah, der Mächtige und Erhabene, wird am Tage der Auferstehung sagen: „O Sohn Adams, Ich war krank, und Du hast mich nicht besucht.“
(Der Mensch) wird antworten: „O Herr, wie kann ich Dich besuchen, wo Du (doch) der Herr der Welten bist!“
(Allah) wird sagen: „Wusstest du nicht, dass einer meiner Knechte krank war, und du hast ihn nicht besucht? Wusstest du nicht, dass wenn du ihn besucht hättest, du Mich bei ihm gefunden hättest?” [Muslim]

Man könnte auch sagen, wusstest du nicht, dass ich in jedem Menschen stecke? Und das damit auch meine Liebe in jedem Menschen steckt? In denen, die versorgt werden und in denen, die versorgen.

Die Kinder singen

„ Lasst von uns euch sagen, du sollst ein Lichtlein tragen.“

Wir tragen in unseren Herzen ein Licht. Es möchte nicht dort eingesperrt sein, sondern hinaus in die Welt. Noch einmal: Wenn es scheint, ergibt sich durch die Einheit von Innen und Außen ein Zustand des Wohlseins – für uns selbst,  und für die Anderen. Möge auch der folgende Vers uns Wohlbefinden schenken und uns erinnern, dass wir nicht allein sind, sondern eingebunden in eine wunderbare Schöpfung, deren Teil zu sein uns mit Verantwortung betraut und mit Freude versorgt: Sure 24 (Al Nur), vers 35

„Gott ist das Licht der Himmel und der Erde. Sein Licht ist einer Nische vergleichbar, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Es wird angezündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl fast schon leuchtet, auch ohne dass das Feuer es berührt hätte. Licht über

Licht. Gott führt zu seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und Gott weiß über alle Dinge Bescheid.“

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