Vorbestimmung und Schicksal

Als Ibn Rushd-Goethe Moschee haben wir zwei Namensgeber, die für eines der wesentlichen Konzepte im Islam stehen, nämlich den Gebrauch des eigenen Verstandes zur Deutung dessen, was um uns herum geschieht – zum Verstehen der Handlungen unserer Mitmenschen, zum Interpretieren ihrer Beweggründe, zum Auslegen uns vorliegender Texte. Daraus folgt die Ansicht, der Mensch habe einen freien Willen, aus dem heraus er seine Entscheidungen trifft. Diese Entscheidungen können natürlich durchaus zur Unfreiheit führen; so kann man entscheiden, sich zu opfern, bis hin zum Tod, und damit die eigene Freiheit aufgeben. Entscheidungen treffen wir täglich oder hadern manchmal über Monate oder Jahre. Ohne diese Entscheidungsfreiheit, ohne diesen freien Willen, hätte es keinen Sinn, am Tage des Gerichts von Allah nach unseren Gedanken und Handlungen beurteilt zu werden. So heißt es in der Sure AlZalzal (Das Beben) „Wer nun im Gewicht eines Stäubchens Gutes tut, wird es sehen. Und wer nun im Gewicht eines Stäubchens Schlechtes tut, wird es sehen.“ Der freie Wille ist eine gefühlte Wahrheit. Es fühlt sich so an, und gemäß unserer Logik spricht alles dafür, dass es ihn gibt und wir unsere Taten danach ausrichten.

Daneben existiert aber auch eine andere gefühlte Wahrheit. Es ist die des Schicksals und der Vorbestimmung. Im Koran finden wir Hinweise darauf zum Beispiel in der Sure AlQadr, aber auch in vielen Geschichten, wie z.B. der Geschichte des Propheten Moussa. Die Vorbestimmung ist ein weithin angesehenes Konzept, mit dem wir in unserem real gelebten Alltag immer wieder konfrontiert werden. Dabei muss man aufpassen, dass man es nicht ad absurdum führt. Wir können uns schwerlich hinstellen und behaupten, es wäre eben Schicksal, dass Kinder verhungern, es wäre eben Schicksal, dass Männer unter Folter qualvoll sterben, wie wir es jetzt gerade wieder in den arabischen Nachrichten gehört haben, oder dass flüchtende Frauen auf Schiffen im Mittelmeer treibend ihre Kinder entbinden müssen, wo es um sie herum viele sichere Häfen gäbe, die sie jedoch nicht aufnehmen wollen. Es ist ein unangenehmer Gedanke, selbst vom Schicksal reich belohnt zu sein, während andere Menschen leiden, und es passt nicht zu unserem Verständnis eines barmherzigen Gottes.

Im Koran lesen wir die Geschichte des Propheten Moussa, Friede sei auf ihm, als schicksalhaft und gütig.

Als Moussa geboren wurde lebten die Hebräer in Ägypten und wurden dort vom Pharao versklavt. Pharao, der die hebräischen Frauen recht gebärfreudig fand, wies eines Tages die Hebammen an, keine männlichen Nachkommen am Leben zu lassen, sondern für deren Tod zu sorgen, was diese allerdings sabotierten. So wandte sich Pharao mit diesem Auftrag an seine Soldaten.

Moussas Mutter versteckte ihr Kind drei Monate lang, doch es kam die Zeit, da musste sie ihn auf andere Weise schützen und tat dies, indem sie ihm ein Körbchen flocht und ihn den Nil hinab auf Reise schickte. Seine Schwester Miriam sollte ihn heimlich durch das Schilf hindurch begleiten und beobachten. So fand die Frau des Pharao Moussa vor, behielt ihn bei sich, und sorgte sozusagen damit für sein Überleben.

Schon als Kind fand ich diese Geschichte wunderschön, und freute mich stets über den Zufall, aus dem Pharaos Frau den Propheten Moussa gefunden hat. Im Koran steht jedoch „wir gaben ihr (der Mutter) das Kind zurück, um ihr Auge zu trocknen“. Es war also gar kein Zufall, dass Moussa gefunden wurde, sondern seine Vorbestimmung. Und später wollte sich Moussas Mutter offenbaren und ihr Glück kundtun, doch „wir stärkten ihr Herz“, so steht es geschrieben, damit sie kein Unglück über sich und ihr Kind bringen würde.

Als Moussa etwas älter aber noch ein Kleinkind war, spielte er auf Pharaos Schoß und riss ihm im Spiel die Krone vom Kopf. Pharao sagte, dieses Kind sei sein Feind und solle getötet werden. Doch wieder intervenierte seine Frau, indem sie vorschlug, Moussas kindlichen Verstand zu testen. Man solle zwei Schalen vor das Kind stellen – eine Schale mit Gold und Edelsteinen, eine andere mit glühender Kohle. Griffe er zum Schmuck, so sei er in Besitz von Verstand und könne in der Tat Pharaos Feind sein; man könne ihn also töten. Griffe er zur glühenden Kohle, so sei dies Beweis seiner Kindlichkeit.

Als Moussa vor den Schalen saß, bewegte er seine Hand zur Schüssel mit den Edelsteinen, doch nun intervenierte der Engel Gabriel, leitete Moussas Hand zur Schüssel mit den glühenden Kohlen, dieser steckte sie in den Mund, verbrannte sich dabei die Zunge und hatte seitdem ein Lispeln.

Dies war Moussas Schicksal und er wurde gerettet. Die involvierten Personen waren Ausführende, die nach ihrem gefühlten freien Willen gehandelt haben, und dennoch waren alle Geschehnisse vorbestimmt.

Auch in unserem ganz alltäglichen Leben gibt es Vorbestimmungen und Schicksale. Sie sind nicht unbedingt so bekannt, aber für uns gleichermaßen bedeutsam. Folgendes habe ich vor Kurzem erlebt.

Ich saß mit meinem Partner zu Hause und dachte mal wieder, wir stecken in einer Sackgasse. „Schatz“, sagte ich zu ihm, „unsere Beziehung ist in einer Sackgasse“. Zu allem Überfluss wollte ich ihm das auch noch illustrieren, bat ihn also um einen Zettel, auf dem ich ihm das aufzeichnen könne. Halbherzig gab mir mein Partner ein beidseitig beschriebenes A4 Blatt, so dass ich entscheiden musste, über welchen Text ich „die Beziehung in der Sackgasse“ zeichnen würde.

Auf einer Seite befand sich sein Arbeitsplan; sie kam nicht in Frage. Auf der anderen Seite befand sich ein eng gedruckter Text, den ich kurz überflog. Hier ist der Text:

Ein Mann kam zu einem chinesischen Meister der Spiritualität und des Glücks und sagte zu ihm: „Meister, mein Leben ist in einer Sackgasse“ ….

„Meister, ich bin in einer Sackgasse. Ich bin unzufrieden und möchte mein Leben verändern, doch habe ich eine Frau und Kinder, ein Haus, einen guten Beruf. Ich kann nichts verändern, doch bin ich zu unzufrieden, um so weiterzuleben wie bisher. Bitte zeige mir, was ich tun kann.“

Der Meister antwortete: „Geh ins Gebirge, da findest du einen Weg. Dort wo der Weg nicht mehr weiter geht, drehst du um und kehrst zurück.“

So ging der Mann viele Tage durch das Gebirge. Teils war der Weg breit und gesäumt von bunten Blumen, teils ging er durch Wälder, und manchmal war er so steinig, dass man kaum darauf laufen konnte. Auch da, wo der Weg so von Dornen übersät war, dass man ihn kaum noch erkennen konnte, entschloss er sich, weiter zu laufen. Nach vielen Tagen kam er an eine hohe Mauer. Diese, so fand er, konnte man beim besten Willen nicht überwinden. Als er an der Mauer entlang schaute, fand er ein daran geheftetes Papier, auf dem stand: „Diese Mauer ist unüberwindbar“. „Ha“, dachte der Mann, „so habe ich also die Stelle gefunden, an der es nicht weitergeht.“

Als er den Meister erneut begrüßte, fragte dieser, was ihn denn gehindert habe, weiterzugehen. Der Mann erzählte von der hohen Mauer. Sie sei in der Tat unüberwindbar gewesen. Und dies habe ja auch auf einem daran befestigten Papier gestanden.

Der Meister schaute ihn an und antwortete: „In der Tat. Die Mauer ist unüberwindbar. Aber hast du nicht die Tür gesehen?“

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„Schatz, unsere Beziehung befindet sich in einer Sackgasse“ – just in diesem Moment wo ich diesen Satz sage, fällt mir also genau dieser Text in die Hände? Und der Text lag schon lange bereit. Er war längst geschrieben und längst dort hinterlegt, als wartete er auf den Moment, wo ich ihn brauchen würde. Wenn jemand meint, ich hätte jeden beliebigen Text für die Lösung meines Problems verwenden können, indem ich ihn passend deute, so möchte ich widersprechen. Der Arbeitsplan hat ja auch nicht dazu gedient. Dass diese Geschichte dort für mich lag, war kein Zufall. Natürlich ist das nur eine kleine Geschichte. Im Verhältnis zur Rettung des Propheten Moussa – oder jedes Menschen – ist sie nichtig. Doch geben mir solche Momente stets ein Gefühl der Aufgehobenheit in dieser Welt und das Gefühl, ein wenig beschützt zu sein.

Ich wünsche uns allen, dass wir unser Schicksal annehmen können, es wertschätzen, und uns daran erfreuen können, auch wenn es uns manchmal auf seltsame Wege leitet.

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