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Verstehen statt verteidigen

Cytonn Photography
Cytonn Photography

In einem Gespräch mit einer Muslimin, die sagte: „Ich müsste mehr über die Geschichte des Islams wissen,“ gab ich ihr Recht. Wie kann man über den Koran sprechen, wenn man nur wenig über die Entstehung, Hintergrund und Bedeutung der einzelnen Verse weiß. Ich dachte bei mir: Vielleicht ist das auch ein Grund, warum viele Muslime sich auf die Aussagen ihrer Imame oder Theologen stützen und nicht selbst nachdenken. Weil sie einfach nicht viel über ihre Geschichte, über den Werdegang des Islam und der islamischen Kultur kennen oder auch kaum allgemein etwas über diese Zeit.

    So griff ich nach dem Buch von Nasr Hamid Abu Zaid „Der Koran und die Zukunft des Islam“ und vertiefte mich darin, mit dem Ergebnis, dass ich erstaunt feststellte, selbst noch Wissenslücken zu besitzen. Dieses 7. Jahrhundert ist mir doch noch sehr fremd. Und ich denke, es geht euch genauso wie mir. Darum werde ich dieses Buch als Grundlage für einige Khutbas nehmen.

    Der Koran enthält die Botschaft, die Gott seinem Propheten Muhammad hat übermittelt lassen, um die Menschen dieser arabischen Halbinsel, die zu dieser Zeit mehrheitlich dem Polytheismus anhingen, vom Glauben an den Einen Gott zu überzeugen und überzutreten. Muhammad war deshalb der Letzte einer langen Reihe von Propheten, die mit Adam begann, über Moses, Abraham, Jesus, die eigentlich im Grunde alle die gleiche Botschaft  erhielten, nämlich den Aufruf zum Glauben an den Einen Gott und die Einhaltung bestimmter ethischer Ziele.

    Ich gebe zu, der Koran ist kein leichtes Lesebuch, aber um ihn verstehen zu können, müssen wir uns bewusst machen: Er enthält Gottes Wort, bleibt aber ein historischer Text aus einer ganz bestimmten Zeit, die wir Europäer uns nur schwer vorstellen können. Er spricht Ereignisse und Verhaltensweisen dieser Zeit an. Abu Zaid sagt dazu: „Er wurde gesprochen, verkündet, niedergeschrieben in einer bestimmten historischen Situation, vor dem gedanklichen Hintergrund und in der Sprache jener Zeit. Sprache ist nichts Göttliches. Sprache ist ein menschliches Produkt, und jede Sprache trägt in sich die Kultur der jeweiligen Gesellschaft, ihre Begriffe, Konzeptionen und ihre Werte. Erst ein Verstehen auf der Basis umfassenden historischen und philologischen Wissens setzt uns in den Stand, den koranischen Text richtig zu interpretieren, somit den überhistorischen Kern seiner Botschaft zu erfassen und dann zu entscheiden, was er für uns Gläubige heute bedeutet.“

   Machen wir uns also etwas mehr vertraut mit der damaligen Geschichte.

   Wir müssen immer den Islam als Religion als das Ergebnis des Interpretierens und des Handelns realer Menschen betrachten. Die Menschen unterschiedlicher, früherer Zeiten und unterschiedlichster Kulturräume haben das vor uns getan und kamen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen.

    In den eroberten Ländern trafen die muslimischen Araber auf andere Religionen und deren Vertreter, neben Christen, Juden, mit denen sie oft zusammenlebten, auf Zoroastrier und allen möglichen Sekten und Strömungen.   Sie lernten von ihnen und transformierten und nahmen diese Ergebnisse für sich auf, z.B. deren Ökonomie und Verwaltung und auch sicherlich Elemente ihres Glaubens. Denn diese Menschen wurden teilweise Muslime und nahmen so ihre Kultur mit in die für sie neue Religion.

    Die Eroberer zerstörten also kaum die Kultur der besetzten Länder, sonst hätten wir heute wohl nicht die Pyramiden bewundern können oder die alten Buddha-Statuen im afghanischen Bamyan, die erst 2001 von den Taliban zerstört wurden. Sie haben also etliche vorgefundenen kulturellen Werte und religiösen Vorstellungen und Ideen in ihre eigene Kultur aufgenommen und weiterentwickelt. Sie sind in die verschiedenen Traditionen der islamischen Kultur verankert. Und nur mit diesen Menschen konnten sie das entstehende riesige Reich verwalten. Sie blieben ja in der Minderzahl in den besetzten Ländern. Wenn sie alles zerstört hätten, würden sie sich als Feinde gegenübergestanden haben, aber so konnte sich ziemlich schnell ein islamischer Staat entwickeln. Und erst die jeweiligen lokalen Kulturen in den verschiedenen Gebieten, in denen der Islam sich ausformen konnte, haben erst ihn zu dem werden lassen, als den er uns heute begegnet. Das bedeutet, der Islam ist ein Menschenwerk, das, was die Menschen aus ihm gemacht haben und an dessen Geschichte man die Muslime messen muss.

    Aber man darf nicht ihre transzendente Seite vergessen. Gott hat sich von Anfang an durch ausgewählte Personen, den Propheten mitgeteilt und sich in menschlicher Sprache geäußert. Dabei wurden zu unterschiedlichen Zeitabschnitten und den verschiedensten theologischen Strömungen und Schulen unterschiedlichste Dinge, Gegebenheiten hervorgehoben und nach ihrem Wissensstand ausgelegt. Immer wieder wurde so der Islam verändert, wurden unterschiedliche Auslegungen entwickelt, Traditionen neu begründet, unterschiedliche Praktiken befolgt. Neue Strömungen entstanden wie die Theologie, Logik, Philosophie, die Mystik, der Rationalismus und viele andere Strömungen. Es entstanden die Theorien der Mu’taziliten die den Koran als erschaffen ansahen und ihre Gegenspieler unter Ahmad ibn Hanbal, die den Koran als unerschaffen betrachteten.

   Fazit: Der Islam war stets dynamisch, den Situationen und Zeiten angepasst, niemals starr, wie es heute manchmal so aussieht.

     Es gab und gibt soziale Gruppen, die dämonisiert wurden bzw. werden, diskreditiert, so wie unsere Moschee oder andere liberale Personen heute, in Kommunikationssituationen gedrängt, in denen sie sich oft nur wortreich verteidigen und rechtfertigen können. Abu Zaid schreibt dazu: „Es gibt bestimmte Verse im Koran und bestimmte Regeln im islamischen Recht, die im Widerspruch zu modernen Überzeugungen stehen. Aber es gibt eine Erklärung für diese Stellen. Und erklären ist etwas anderes als sich rechtfertigen zu müssen. Dieser Unterschied ist entscheidend im politischen Diskurs.“ Und mit diesen Gedanken steht Abu Zaid nicht allein. Wir in unserer Moschee lassen uns nicht vorschreiben, wie wir den unseren Islam leben und gestalten und was wir zu sagen haben.

    Weiter meint Abu Zaid: „In einem Text des Korans findet man vielfältige Bedeutungen. Das Spiel der Sprache erlaubt Offenheit, was zunächst einmal nichts Negatives, sondern vielmehr eine Chance bedeutet. Wenn man sich allerdings auf den Versuch einer Rechtfertigung einlässt, verhält man sich wie ein spitzfindiger Rechtsanwalt, der einen Gesetzestext mit einer vorgegebenen Absicht studiert. Man schiebt den Text hin und her und versucht, das Passende zu finden.“ Diese Passage konnte ich euch einfach nicht vorenthalten, denn ich fand sie wirklich passend für heutige Diskussionen.     

    So versuche ich es ebenfalls. Nicht in die Ecke drängen lassen, sondern nachdenken, andere Erkenntnisse von Wissenden zu Rate nehmen, nicht nachlassen, nach neuem Wissen zu suchen. So hat sich mein Verständnis des Islam gebildet. Unter bestimmten Bedingungen, Gegebenheiten und mit der Zeit hat es sich auch verändert. Man darf sich nicht verschließen, man muss stets offen sein für neue Interpretationen, denn sonst bleibt man nur in ein neues Dogma hängen, eine Festlegung eines bestimmten Islam.

    Gehen wir zurück in das Arabien vor dem Beginn des Islam. Ich hatte schon erläutert, dass wir nicht nur die islamische Religion als historisches Phänomen verstehen sollen, sondern auch den Koran selbst in seinen zeitlich historischen Hintergrund einbetten und alle seine Verse vor diesem Hintergrund für ein korrektes Verständnis lesen müssen, um vom Wortlaut des historischen Textes auf den Kern der nach wie vor gültigen Botschaft zu schließen.

   Stellen wir uns das damalige Arabien vor, im Norden begrenzt von zwei Großreichen, dem Oströmischen Imperium mit Syrien, Palästina und Ägypten und dem Persischen Reich der Sassaniden. Durch Arabien verliefen zwei weltweite Handelswege, die auch etliche wirtschaftliche Zentren wie Mekka reich machten. Aber auch die große Schar der Pilger, die die alte Kaaba als religiöses Zentrum von Arabien aufsuchten, trug zum Wohlstand der Stadt bei. Beide nördliche Reiche und auch räuberische Araber schauten begehrlich nach diesen Reichtümern.

    Einige arabische Stämme waren zum Judentum oder Christentum konvertiert, die Masse aber waren Polytheisten, die zu bestimmten Zeiten zur Kaaba pilgerten. Die Pilgerreise, der Hadsch, war also schon früher eine religiöse Angelegenheit, nicht erst in der islamischen Zeit. Er war schon lange vorher eine Kombination von ökonomischer und religiöser Angelegenheit.  Reichtum machte begehrlich, ständig gab es Spannungen zwischen ganzen Stämmen. Arabien war ja kein festes Reich. Es gab kein staatliches Gebilde. Die Menschen wurden durch Blutsverwandtschaft in Stämmen und Clans gebunden und zusammengehalten. Schutz und Sicherheit gab es also nur durch die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Ich glaube, die größte Bestrafung war wohl, aus einem Stamm ausgeschlossen zu werden. Man wurde dadurch vogelfrei.

     Und eins wird heute kaum benannt: Es war eine Sklavenhaltergesellschaft. Leider verbot auch später der Koran nicht das Halten und Missbrauchen von Sklaven, sondern nur eine Duldung wurde ausgesprochen.

     Ständig feindeten sich die Stämme an und es gab immer wieder Kämpfe unter ihnen. So hatte man 3 Friedensmonate festgelegt, in denen es verboten war zu kämpfen. Diese 3 Friedens-Monate, Radschab, Schaban, Ramadan, wie schon der Hadsch waren also vorislamische Institutionen.

    Das zu wissen ist wichtig bei dem Verstehen des Islam: Wir müssen uns den Islam als Antwort, als Gottes Antwort, auf eine von gesellschaftlichen Problemen motivierte Suche vorstellen, als eine realistische Lösung und Ergebnis für bestimmte historische und politische Probleme. Ich denke, das ist auch der Grund, warum Gott genau zu dieser Zeit und diesem Ort einen Propheten, nämlich Muhammad, sandte.

     Das Interessante ist nun, dass der Koran selbst Hinweise auf damalige Geschehnisse aus der vorislamischen Zeit gibt. Die Sure al- Fil, Nr.105 stellt fest: „1. Hast du nicht gesehen, wie dein Herr an den Leuten des Elefanten gehandelt hat? 2. Hat Er nicht ihre List ins Leere gehen lassen 3. und Vögel in Schwärmen über sie gesandt, 4. Die sie mit Steinen aus übereinander geschichtetem Ton bewarfen, 5. Und sie somit gleich abgefressenen Halmen gemacht?“

    Der Anlass ist auch eine außerkoranisch belegte Tatsache: Die Polytheisten haben ihre Stadt ihrem Herrn, ihrem Gott Allah zum Beschützen überlassen und sich versteckt. Im Jahr 570 zog ein abessinisches Heer mit Elefanten unter dem Christen Abraha nach Mekka, um das Heiligtum zu zerstören, in der Hoffnung, dass seine eigene Kathedrale in Sana’a zum Mittelpunkt der Pilgerroute werden würde.

    In der Sure kommt zum Ausdruck, dass die Bewohner von Mekka Gott für ihre Hilfe danken müssten, denn Er hat die Stadt für sie gerettet.

   Wenn Gott nicht eingegriffen hätte, dann würde Mekka vielleicht christlich geworden und der Islam würde erst gar nicht als Religion entstehen!

     Wir können uns den Koran als eine spezifische Art einer Sammlung von Erzählungen vorstellen, die historische Hinweise auf Geschehnisse und Gottes Einwirkungen darauf aufzeigen. So erzählt auch die frühmekkanische Sure Ar-Rum – die Byzantiner, Nr. 30: 2-5 von einem Geschehen, dass erst später geschehen sollte. Die Byzantiner, die meist Zoroastrier waren, werden besiegt werden, aber später nach ihrer Niederlage selbst siegen. Sie würden sich also freuen, dass die Christen über Ungläubige, ich ziehe vor, das Wort ‚Andersgläubige‘ zu gebrauchen, gesiegt hatten. Das zeigt eigentlich, wie stark in der Frühzeit, bei den ersten Muslimen noch das Verständnis, gemeinsam mit den Juden und Christen zu den „Völkern der Schrift“ zu gehören, anders als man heute denkt. In einer der nächsten Predigten werde ich noch darauf zurückkommen.

    Wie ich schon gesagt habe, auf der ganzen arabischen Halbinsel gab es christliche und jüdische Stämme und man kann davon ausgehen, dass viele biblische Texte allgemein den polytheistischen und nun auch den neuen Muslimen bekannt waren. Dementsprechend waren gewiss auch historische Ereignisse aus dem Alten Testaments bekannt. Zumal war seine erste Frau Chadidscha mit einem Christen namens Waraqa ibn Naufal verwandt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Muhammad bei ihm das nötige Wissen geholt haben könnte, um sich der Zuverlässigkeit seiner Visionen zu vergewissern und nachzufragen. Er war ja auch derjenige, der Muhammad als den von Gott Auserwählten erkannte und ihn darin bestärkte.

     Wir müssen uns den Koran als Antwort auf eine von gesellschaftlichen Problemen motivierte Suche vorstellen. Der Koran ist Gottes Antwort an die Menschen jeglicher Zeit. Er hat sich an die Polytheisten und ihren Lebensumständen und Situationen gerichtet, an die ersten Muslime, indem er ihnen neue Richtlinien für ihr Zusammenleben gab und an die heutigen Muslime, indem der Koran sie auffordert, über ihn nachzudenken und danach zu handeln. Der sich entwickelnde Islam brachte somit eine vollkommen neue gesellschaftliche Ordnung auf der Grundlage einer religiösen Schrift, des Korans.

    Der Koran bleibt in jeder Zeit gemäß seiner Gesellschaftssituationen immer aktuell.

Noch zum Schluss ein letztes Zitat von Nasr Hamid Abu Zaid: „Warum hat uns Gott ein Hirn gegeben, wenn wir es nicht benutzen.“

Manaar

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1 Kommentar zu „Verstehen statt verteidigen“

  1. Angela Schreiber

    Genau: Warum hat Gott uns ein Hirn gegeben, wenn wir es nicht benutzen, sondern nur dass weitergeben, was andere niederschrieben!

    Angela

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