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Unsere Stimme, unser Handeln

Meine heutige Khutba handelt von userer Stimme.

Beginnen möchte ich mit einem Rätsel. Wer sie kennt, der weiß, dass sie unbedingt Beine haben wollte. So ging sie zur Meereshexe und ließ sich von ihr einen Trunk geben, der ihren Fischschwanz in Beine verwandeln würde. Dafür musste sie ihre wunderschöne Stimme an die Meereshexe abgeben. Sie wollte Beine, um ihrem geliebten Prinzen nahe zu sein, ein Mensch zu sein, wie er.

Es ist die kleine Meerjungfrau, aus dem Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans-Christian Andersen.

Die kleine Meerjungfrau hatte einen wunderschönen Prinzen gerettet, dessen Schiff im Sturm dem Untergang geweiht war. Der Prinz, im Meer treibend, wäre ertrunken, wenn sie ihn nicht an den nahen Strand gezogen und in den warmen Sand gelegt hätte. Dort hatte sie ihm mit ihrer wunderschönen Stimme ein Lied gesungen, um dann im Meer zu verschwinden. Doch der Anblick dieses Menschen ließ sie nicht mehr los. Daher also ging sie zur Meerhexe.

Der Handel der kleinen Meerjungfrau mit der Hexe war kein guter. Nachdem der Tausch von Stimme gegen Beine stattgefunden hatte, sollte sich die Meerjungfrau zu den Menschen begeben, um dort den Prinzen aufzusuchen. Wenn der Prinz sich nun in die kleine Meerjungfrau verlieben würde, wäre alles gut. Verliebte er sich jedoch nicht, so hätte sie nach drei Tagen alles verloren. Sie würde zu Meeresschaum werden.

Dass Ganze musste ihr ohne Stimme gelingen. Allein durch ihre Schönheit und ihre Liebe zu ihm sollte er in ihren Bann verfallen. „Halt!!!“ will ich schreien. Nicht die Stimme!“

Die Geschichte bietet sich an, die homoerotischen Neigungen Andersens zu betrachten und zu würdigen, denn sie führten zu dieser Dichtung über Sehnsucht und unerfüllte Liebe. Doch heute möchte ich über etwas anderes sprechen, was ich auch in dieser Geschichte lese.

Was die kleine Meerjungfrau nämlich abgab, um die Akzeptanz der menschlichen Welt zu erlangen, und für immer unter den Menschen leben zu können, war ein elementares Merkmal ihrer Selbst. Die Stimme abzugeben hieß gleichermaßen, ihr Inneres einzuschließen und sich auf ihr äußeres Erscheinungsbild zu reduzieren. Sie war nun unfähig, ihr Inneres nach außen zu tragen oder im Gespräch auf den anderen einzugehen. Wenn sie auch die Kunst der Augensprache perfekt beherrscht haben mochte, das freundliche, liebevolle Anschauen, das lustige Zwinkern vielleicht, oder den interessierten Blick, darüber hinaus vielleicht auch die ganze Körpersprache, so konnte sie doch dem anderen kein Gesprächspartner sein. Und damit gelang es ihr in den drei Tagen auch nicht, ihren Geliebten von ihrer Liebe zu überzeugen und seine Gegenliebe zu bewirken. Der Prinz wählte diejenige Frau zu seiner Gemahlin, die mit ihm sprach; und das war eine andere.

Bewegt, berührt, wurde er durch das gesprochene Wort. Die Auseinandersetzung, das Wissen intelligenten Zuhörens, das sich manifestiert in gezielten Nachfragen, Stellungnahmen und Meinungsäußerungen waren wertvoller für ihn als das hübsche Aussehen seiner Frau. So starb die kleine Meerjungfrau nach drei Tagen an ihrer unerfüllten Liebe, denn, so scheint es mir, niemand gibt ungestraft seine Stimme ab.

Auch in einem anderen Märchen geht es um die Stimme. Shehrazade rettete gar ihr Leben, weil sie dem Prinzen mit ihrer Stimme Geschichten erzählt. Diese beschenkten den Zuhörer mit sinnhaft empfundenen Momenten der Zweisamkeit. Sinnhaftigkeit ergibt sich, wenn man sich als Mensch wahrgenommen und wertgeschätzt fühlt. Wenn jemand die Zeit aufwendet, mit uns zu sein, und uns Geschichten erzählt, in denen wir uns wieder finden, oder die uns erfreuen. Die Mischung aus menschlicher Nähe und dem gesprochenen Wort genießen wir vielleicht deshalb so, weil Körper, Seele und Geist, also unser ganzes Ich, gleichermaßen angesprochen werden.

Wer seine Stimme freiwillig abgibt, scheint mir ein Narr, eine Närrin zu sein. Uns obliegt doch quasi ihre Nutzung, wann immer wir gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wollen. Wer Gesellschaft gestalten will, muss reden, muss seine Stimme hörbar werden lassen.

Gestern gab es auch in Berlin Kundgebungen wegen der faschistisch motivierten Morde in Hanau. Hier waren unsere Stimmen wichtig- sich auszudrücken und „dagegen“ zu sprechen. Gegen die Nazis, gegen die Gewalt, gegen Rassismus und Diskriminierungen aller Art.

Doch während wir geflissentlich unsere Trauer kundgeben, waren es schon wieder nur Wörter. Unerwartet bemerkte ich, dass in meiner Interpretation der kleinen Meerjungfrau ein Fehler steckte. Nein, keiner sollte seine oder ihre Stimme freiwillig abgeben. Schon gar nicht Frauen, für deren Hörbarmachung jahrhundertelang gekämpft wurde. Doch zugleich suggeriert das Sprechen, das Sagen von etwas, dass man damit, also mit dem Sagen, etwas getan hat. Doch wenn man beispielsweise sagt, Nazis sind schrecklich, man müsse nun wirklich dringend etwas dagegen tun, fühlt es sich zwar so an, als hätte man schon etwas getan. Hat man aber nicht. Man hat einfach nur etwas gesagt. Ohne Frage, eine Sprachhandlung hat eine Wirkung. Aber bleibt sie die einzige Handlung, so nutzt sie wenig.

Der Koran wurde uns durch die Stimme des Propheten Mohameds offenbart. Es war sicherlich eine schöne Stimme, sehr weich und freundlich. Denn es ist überliefert, dass die Menschen bei seiner Rezitation des Korans zu weinen begannen und den Islam annahmen. Ein erheblicher Anteil der Muslime hat aber noch eine weitere Quelle der Handlungsanleitung. Die Sunna – also das Verhalten des Propheten Mohameds. Sein Verhalten ist das notwendige Korrektiv zur Auslegung von Koranversen, die gegen die Menschlichkeit zu sprechen scheinen. Mohamed war ein Freud der Menschen, ein Meister der Diplomatie, ein liebender Ehemann, ein demütiger, sein Gebet verrichtender und ständig mit anderen teilender Mensch der Vergebung und Gnade. Das Wissen, was wir über seine Handlungen haben, relativiert die manchmal harschen Verse des Koran gegenüber so genannten Ungläubigen, oder denen, die Gott etwas zur Seite stellen. Nicht nur durch seine Worte ist er unser Bruder, sondern vor allem durch seine Handlungen, die unseren eigenen trotz des großen Zeitunterschieds ganz ähnlich sind.

Die Sprache allein reicht nicht aus, um Gutes zu tun. Es erfordert Handlungen, und die können durchaus an vielen Stellen im Koran gelesen werden, wenn man sich Mühe gibt. Man muss das nicht tun, aber ich schlage vor, die Herausforderung dieser kleinen Aufgabe anzunehmen und zu probieren, möglichst viele Dinge, also Gefühle, Bedürfnisse, Freuden und anderes, nicht durch Worte auszudrücken, sondern durch den Körper mit seiner Gestik und Mimik.

Man muss recht kreativ sein, um sich so verständlich zu machen, doch wird der Effekt mit sicherheit zu spüren sein und uns auch wieder positiv berühren.

Viele Wünsche werden aber auch nicht erfüllt werden, weil sie keiner bemerkt.

Aber in der Liebe wird es zärtlicher zugehen, romantischer auch, und man wird vieles sehr oft zeigen müssen, bevor man das Gefühl hat, wirklich verstanden zu werden. Die kleine Meerjungfrau hätte es fast geschafft. Doch sie hatte wirklich wenig Zeit, und außerdem ist es ja nur eine Geschichte. Ihr habt viel mehr Zeit, jemanden von eurer Zuneigung zu überzeugen oder von anderen Gefühlen.

Vor einigen Wochen hatte ich so eine non-verbale Kommunikation der angenehmen Art. Während ich am Tisch im Rosettensaal saß, begann Lea plötzlich, meine Schultern zu massieren. Es war weder Valentinstag noch Weihnachten, es war nicht mein Geburtstag und nicht Ramadan. Doch Lea massierte ein bisschen und ich genoss den Moment unsagbar. Es war wunderschön und ich fühlte mich sehr wohl. Nicht lange danach gab ich die Massage an den nächsten Menschen weiter, dem ich meine Wertschätzung mitteilen wollte.

Wer ohne Worte (und ohne Geschenke) sagen möchte: „Ich liebe dich“, muss kreativ werden. Wer sagen möchte, dass er oder sie mehr Zeit mit jemandem verbringen möchte, muss lange überlegen, wie er das vermittelt. Wer mal mit jemandem zusammen essen möchte, muss es selber kochen und anbieten. Ich denke, es kann viel Gutes dabei herauskommen, auf seine Stimme zu verzichten und sich auf das Handeln zu konzentrieren. Mit ziemlicher Sicherheit wird der zwischenmenschliche Austausch etwas missverständlicher, aber zugleich spannender und von Zuwendung geprägt.

Auf diese Weise wird vielleicht etwas Schönes, was wir immer wieder tun, zur Sunna für andere.

Unsere Religion basiert auf einer Stimme. Auf einer Stimme, die uns eine Offenbarung in menschlicher Sprache mitgeteilt hat, gefasst in ein Buch, damit wir seine Geschichten immer wieder lesen können, auch wenn die Stimme der Offenbarung längst verstummt ist.

Doch mit welcher Stimme lesen wir dieses Buch? Die Imame der Gegenwart wählen, so scheint es mir, meist eine Stimme der Macht. Eine laute, eindringliche Stimme, die uns daran erinnern soll, dass Allah ein strafender Gott ist, dem nichts entgeht – nicht einmal die unausgeführte schlechte Absicht entgeht diesem Gott, der alles sieht und hört, was um uns und in uns ist. In diesen Stimmen der Imame liegt der Ausdruck göttlicher Kraft und Macht. Sie vermännlichen meinen Gott, der in meiner Fantasie gar keine Stimme hat, aber wenn ich Allah eine Stimme zuordnen sollte, so wäre sie keineswegs machtvoll und laut, sondern vielmehr weich und freundlich, gütig und annehmend.

Die Stimme und ihre Worte sind ein Wesensmerkmal des Menschen. Uns obliegt es geradezu, unsere Stimme zu nutzen, denn sie ist Äußerung unserer Verantwortung. Dazu gehört meiner Meinung nach auch, sich selbst zu schaffen.

Man kann das durchaus auch geplant versuchen. Also planen, wie man sein möchte, und gezielt darauf hin zu arbeiten. Dazu können wir Fragen für uns beantworten.

Die Leitfrage lautet: Welcher Mensch möchte ich sein?

  1. Was können Sie dazu tun, dieser Mensch zu werden?
  2. Welche Kämpfe haben Sie bereits durchgefochten, um dieser Mensch zu werden?
  3. Welche inneren „Dämonen“ mussten Sie bekämpfen? Welche stehen Ihnen noch bevor?
  4. Was möchten Sie selbst an sich verändern?
  5. Welche Träume haben Sie sich selbst nicht gegönnt oder nicht entwickelt?
  6. Wie soll Ihr Leben in fünf Jahren aussehen?
  7. Was ist die Geschichte des Menschen, der Sie werden möchten?
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