08.01.2021

Was ist eigentlich deine Religion?

Eine Khutba zum Begriff Taqwa

Assalamu aleikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In meiner heutigen Khutba geht es um den Begriff Taqwa. Erwird im Koran in seinen verschiedenen Formen fast 300 Mal erwähnt und gilt als ein zentraler Begriff.”Siehe, der gilt bei Gott als edelster von euch, der am meisten Taqwa hat“. Was ist Taqwa?Sura Laila AlQadrWir sandten ihn herab in der Nacht der Bestimmung. Und was lehrt dich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als 1000 Monate. In ihr steigen die Engel und der Geist herab nach dem Gebot ihres Herrn, jeder mit seinem Anliegen. In dieser Nacht währt Frieden – bis zum Beginn der Morgenröte. Er, der Koran, ist der Beginn der Verschriftlichung des Islam, unserer Religion.
„Was ist eigentlich deine Religion?“, fragte mich vor einiger Zeit eine Journalistin. „Bist du Muslimin?“Mein „Ja“ kam zaghaft. Nicht etwa, weil ich nicht weiß, ob ich Muslimin bin, sondern vielmehr weil ich nicht weiß, was eine Religion ist. Was genau heißt Religion? Ist es ein Regelwerk, eine Lebenseinstellung? Ethymologisch kommt das Wort von Religio zu Lateinisch relegere – bedenken, achtgeben, Sorgfalt walten lassen in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften“. Ist Religion also der Gehorsam gegenüber Vorschriften? Ist ein Mensch, der alle Vorschriften befolgt, automatisch ein guterMuslim, und damit auch ein guter Mensch?Die sorgfältige Beachtung von Vorschriften… Im Zeitalter desLieblingswortes „Haram“ und „Bida’“ sind viele hier selbsternannte Experten. Neben den zehn Geboten, die schon Moses auf dem Berg Sinai empfing, sind hier einige weitere, die mir spontan einfallen: 1.Iss kein Schweinefleisch2.Trinke keinen Alkohol3.Spiel nicht um Geld
4.Bedecke dein Haupt5.Bete mehrmals am Tag6.Spiele nicht während des Gebets unnötig mit den Fingern7.Sprich nicht während einer Khutba8.Iss und trink nicht in der Moschee9.Habe keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr10.Faste im Ramadan11.Verstecke deine Homosexualität 12.Halte bei der Gebetswaschung den Ritus ein 13.Berühre nach dem Waschen keine Frau, die dir als Ehefrau erlaubt wäre, sonst ist die Waschung ungültig14.Steh beim Gebet mit den Anderen Schulter an Schulter, um dem Teufel keinen Raum zu bieten15.Bleibt nicht allein mit einer Person des anderen Geschlechts in einem geschlossenen Raum, z.B. Taxi.16.Frauen, ruft nicht zum Gebet vor Männern und werdet keine Imaminnen
17.Iss nur mit der rechten Hand 18.Hast du Bismillah gesagt?19.und so weiter und so fortDie Strafen für das Vergehen fallen unterschiedlich hart aus. Auf einige steht, so sagen manche, gar das Urteil des Höllenfeuers. Welch Anmaßung, so genau zu wissen, wie Gott uns straft. Religion bedeutet also die Befolgung aller dieser Regeln? Halten wir uns brav an all diese Vorgaben und alle darüber hinausgehenden Regeln, die ich hier nicht erwähnt habe – so wird uns suggeriert – kommen wir automatisch ins Paradies. Die zehnmalige Rezitation der anfangs rezitierten Sura führt automatisch zur Vergebung von genau Eintausend Sünden. Neben dem Vermeiden der Sünden und unerwünschten Handlungen können wir noch Paradiespunkte sammeln, indem wir Gutes tun. Hassanat, heißen sie. Ich sammle Hassanat für das Spenden eines Schafes zum OpferfestHassanat für das Fasten im RamadanHassanat für das Speisen eines Mittellosen
Hassanat, wenn ich an etwas Schlechtes denke, aber dann entscheide, es nicht zu tunUnd so weiter und so fort. Die Regelbefolgung als Schlüssel zum Paradies?Man sollte meinen, erst nach der industriellen Revolution konnte der Menschheit eine derart maschinenartige Regelhaftigkeit der Religion in den Sinn kommen. Möglicherweise hat dies tatsächlich mit Produktionsformen zu tun. Aber ist das überhaupt Religion? Und ist das meine, unsere, Religion? Hat das im weitesten Sinne etwas mit unserem Glauben zu tun? Ja, im weitesten Sinne schon. Wir sollen ja in der Tat Gutes tun, und wir lesen im Koran, dass wir dafür belohnt werden. Dies ist wichtig, damit eine Gesellschaft zu einem angenehmen, im Idealfall sogar liebevollen, Ort des Miteinanders wird, in dem man sich kreativ und vor allem angstfrei entfalten kann, in dem man nicht zu tief fällt, weil sich andere kümmern, in dem keiner hungert, denn irgend jemand wird schon ein Schaf opfern. Wir zeigen unsere Liebe zu Gott durch unsere Liebe zu seiner Schöpfung. Also
ja, die guten Taten haben tatsächlich etwas mit Religion zu tun. Bei den Verboten muss man vielleicht genauer differenzieren. Es gibt solche, die einer Gesellschaft gut tun, wie z.B. dass man nicht töten darf, dass man für Ehebruch sicherlich keine Hassanat bekommt und dass man sich der üblen Nachrede enthalten sollte. Daneben gibt es aber auch Verbote, die vom Wesentlichenablenken. Ob da jemand seinen Finger nach dem Gebet ausstreckt oder dreht, wie jemand seine Arme verschränkt, ob man neben einem Mann oder einer Frau steht – diese Dinge unterliegen der individuellen Gestaltungsfreiheit. Angesichts der großen Fragen der Menschheit kann mir keiner glaubhaft erzählen, sie wären wesentlich für die Gestaltung der Welt oder unseren Einzug ins Paradies. Wir möchten das Wesentliche finden. Aber„was lehrt uns wissen, was das Wesentliche ist“? Oder wenigstens das eine oder andere wesentliche Element… Wenn es nicht die sorgfältig zu beachtenden Regeln sind, was ist es dann?Antworten auf religionsphilosophische Fragen finde ich manchmal beim Lesen des Korans, manchmal in den
Hadithen, manchmal beim Reiten auf „meinem“ Pferd. Nach jeder Reitstunde fragt mich meine Reitlehrerin, „was nimmst du heute mit?“ Sie erwartet von mir, einen Gedanken zu formulieren, der durch das Reiten inspiriert wurde. Vielleicht so etwas wie „Wenn ich am Zügel fest ziehe, läuft das Pferd in die andere Richtung“. Oft genug lernt man beim Reiten etwas Gutes für’s Leben. Neulich saß ich also auf meinem Pferd und nicht weit von mir gab es ein Hindernis, zu dem ich gerne hinreiten wollte. Ein Stück durch den Sand, dann leicht nach rechts und schließlich geradeaus. Es gab keinen sichtbaren Weg dorthin. Im Sandboden war nichts vorgezeichnet. Ich stellte mich mental darauf ein, bald am Ziel anzukommen und nahm mein Ziel ins Visier. Durch einen leichten Tritt in die Flanken bewegte ich mein Pferd dazu, sich in Trab zu setzen. Ohne die geringste Mühe, ohne die Verwendung verbaler Sprache, ohne Peitschenschläge trug das Pferd seine Reiterin genau dorthin, wo sie ankommen wollte. Der mentale Akt des Beschlussfassens schien sich auf das Pferd übertragen zu haben. Das Pferd wusste ohne eine explizite Mitteilung, wo das Ziel lag und wie es dort hinkommen
würde. Wir beide, mein Pferd und ich waren beim Reiten eins geworden und erreichten in kurzer Zeit das avisierte Ziel.Doch nur scheinbar war es der mentale Prozess, der sich übertragen hatte. In Wirklichkeit hatte nicht mein Geist gesprochen, sondern vielmehr mein Körper, der dem Pferd den Weg gewiesen hatte. Durch meine Beschlussfassung und die daraus folgende Ausrichtung meines Blickes hin zumZiel drehte sich unmerklich meine linke Hüfte leicht nach vorn, die rechte schob sich dabei ebenso unmerklich zurück. Mit der Hüftbewegung ging die Schulterbewegung einher, sowie eine Verlagerung des Gewichtes auf die linke Seite – wenngleich ich doch nach rechts reiten wollte. Mein ganzer Körper trug die Entscheidung, die ich getroffen hatte. Hätte man mir die notwendige Körperhaltung in allen Details beschrieben, hätte ich diese nie umsetzen können. Viel zu kompliziert wären die Details zu vollziehen gewesen. Rechts oder links, wohin musste ich das Gewicht verlagern? Welche Schulter muss nach vorn, wie stark genau der Zügel gestrafft werden? Niemals wäre ich auf diese Weise an mein Ziel gelangt, denn unzählige weitere Informationen hätten noch ergänzt werden müssen. Nur durch mein eigenes regelmäßiges, unaufgeregtes Atmen
blieb das Pferd im Trab, nur durch die unabgelenkte Konzentration auf das Ziel fand die notwendige passende Hormonausschüttung statt und vieles mehr. Ein paar Tage später versuchte ich beim Spaziergang zu überprüfen, ob das immer so funktioniert oder nur, wenn man auf einem Pferd sitzt. Und in der Tat, wenn man den Blick auf ein Ziel richtet, ergibt sich der Rest fast von allein. Sind die Füße einmal richtig gesetzt, laufen wir in die richtige Richtung. Was hat das mit der Frage zu tun, was Religion ist, und was mit dem Islam? Nun, wer es sich als Ziel gewählt hat, ein guter Muslim zu sein, was auch immer das genau heißt, kanngerne alle die Regeln und Anweisungen auswendig lernen. Aber dass er so zum Ziel kommt, möchte ich bezweifeln, denn der Koran ist kein Regelwerk, kein Gesetzbuch. Wesentliches wird fehlen und Details werden falsch verstanden werden oder falsch ausgeführt. Der Koran ist ein Buch zur Hilfe der Entwicklung einer Haltung. Es geht nicht um jedes kleine Detail. Es geht, wie beim Reiten, wie beim Laufen, wie bei jeder Zielfassung, um eine Haltung.
Im Islam heißt diese Haltung Taqwa. Nehmen wir diese Haltung ein, sind unsere Seele und unser Körper in die richtige Richtung gewandt. Dieses Einnehmen der richtigen Richtung möchte ich als Wesenselement unserer Religion, unseres Glaubens bezeichnen. So kann man auch dieses Zitat verstehen: Ein Scheich sagte:„Ich reiste in ein Land der Muslime, doch den Islam fand ich nicht. Ich reiste in ein Land der Ungläubigen, und dort, unterihnen, fand ich den Islam.“ In den Übersetzungen wird Taqwa häufig mit Furcht wiedergegeben. (Sure 92:5-6 z.B. oder 49:13 sprechen von Taqwa als Gottesfurcht) „Ittaq Allah!“, so sagt man es im Imperativ, und übersetzt es mit „Fürchte Gott!“ Eine ungünstige Übersetzung, die vor allem der schwierigen Grammatik geschuldet ist. Bei genauerem Studium erkennt man jedoch: Taqwa bedeutet eigentlich etwas anderes als Furcht. Etwas im Deutschen grammatikalisch Sperriges, das man bezeichnen kann als „das Gewahrsein, dass es einen Gott gibt“. „Ittaq Allah! – Beachte Gott auf all deinen Wegen. Richte deine Wege danach aus. Indem wir bei der Formulierung unserer Ziele und auf unseren Wegen dorthin
davon überzeugt sind, dass es einen barmherzigen Gott gibt, verkörpern wir auch diese Überzeugung. Das Verzeihen, das wir von Gott kennen, wird zur Selbstverständlichkeit unserer Haltung und auch wir werden zu Menschen, die verzeihen können, ohne Angst, uns dabei selbst zu verlieren. Die Taqwa Praktizieren heißen „Al Muttaqin“. Die Übersetzung mit „die Frommen“ hilft uns nur bedingt weiter, weil wir nun definieren müssten, was Frömmigkeit bedeutet –also das Einhalten von Regeln, oder das Einnehmen einer Haltung? Ein zeitgenössischer schiitischer Ayatullah schreibt: „Es ist wichtig festzustellen, dass es bei Taqwa nicht um die Ausführung religiöser Verpflichtungen wie Gebet oder Fasten geht, sondern darum, ein frommes Leben zu führen.“ (Murtada Mutahhari) Der Begriff der Frömmigkeit ist im Deutschen etwas antiquiert und hat den Hauch einer Konnotation kindlicher Einfachheit, einem wenig verstandes-orientierten Umgang mit der Religion. Taqwa hingegen bedeutet durchaus, sich rational mit der Religion zu befassen, um die Zügel für das eigene Leben in der Hand zuhaben.
So sagte der Imam Ali: Seid euch gewahr, dass Frömmigkeit ist wie ein gezähmtes Pferd, dessen Reiter die Zügel in der Hand hält, so dass es ihn in den Himmel führt.Taqwa hat, wer in allen Kontexten seines Lebens bedenkt, dass es einen Gott gibt. Taqwa bezieht sich damit auf die Seele des Menschen. Wer sich seelisch-mental sicher ist, waser oder sie will, wird dies vor sich und anderen verkörpern. Wer sich sicher ist, dass es einen Gott gibt, wird seine Entscheidungen so treffen, dass sie Gottes Schöpfung wohl tun. In allen Momenten des Lebens, an allen Orten und zu allen Zeiten zu wissen, dass es Gott gibt, sich damit wohl zu fühlen und dies zu allen Entscheidungsfindungen hinzuzuziehen, nicht aus Angst, sondern aus Liebe und Respekt – das ist der Wesenskern der Religion, oder vielmehr des Glaubens. Immer also zu bedenken, dass Gott an unserer Seite ist, in guten wie in schwierigen Momenten des Lebens. Durch den Aufbau dieser inneren Haltung ist der Begriff Taqwa die Schnittstelle zwischen Unterwerfung und Freiheit. Während wir Gott gewahr sind und uns als verantwortungsbewussten Teil der göttlichen Schöpfung mit
Rechten und Pflichten definieren, sind wir zugleich in all unserem Handeln frei, denn es unterliegt nicht tausenden Gesetzen, sondern folgt der einmal gewählten Einstellung, die unseren Charakter ausmacht und uns beschreibt. Wie werden wir zum Muslim? Durch Taqwa. Der gute Weg, auf den uns Taqwa leitet, ist im Islam klar vorgezeichnet. Es ist der Weg der Barmherzigkeit und der Liebe, der Weg der Selbstbestimmung, und der Weg des Schutzes all derer, die des Schutzes bedürfen. Wenn wir Gott gewahr sind, gestalten wir eine Welt, in der alle so leben können, wie es Gott wünscht. Die Armen sind gespeist, die Alten versorgt, die Rechte der Schöpfung gewahrt, die Mädchen den Jungen gleich, niemand geknechtet, die Menschen einander in Freundlichkeit auftretend, ohne zu Verurteilen. Ittaq Allah – sind wir uns gewahr, dass es einen Gott gibt und begegnen diesem in Ehrfurcht, so wird sich dies in unserem Körper manifestieren, in unserem Blick, unserem Händedruck, unserer Umarmung, unserem Zuhören und unserer Fähigkeit, Ziele zu benennen und gute Wege zu gehen.

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