01.01.2021

Das Neue willkommen heißen

Assalmu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Ich begrüße euch sehr herzlich in der Ibn Rushd Goethe Moschee zum heutigen Freitagsgebet.

Heute ist der 1.1.2021, welch trefflicher Tag zur Sammlung, oder zu einem Sammelsurium, von Gedanken und Selbstverständlichkeiten zum Jahreswechsel. Es ist vorbei. Das Alte ist vorbei, das Neue nicht im Werden. Nein! Es ist schon da. Die Bewegungen Muslims for progressive values, liberaler Islam, Islam der Barmherzigkeit – diese Bewegungen sind nicht im Kommen – sie sind schon da. Es sind nicht Bewegungen, die das Verständnis des Islam verändern wollen – sie haben es schon verändert. Sie sind, streng genommen, keine Bewegungen mehr, sondern etablierter Ausdruck muslimischen Selbstverständnisses. Nicht den Islam haben sie verändert, das hat der Islam nicht nötig, nicht seine Inhalte, sondern am ehesten vielleicht die Fokussierung, oder die Interpretation. Der Koran ist so offen und interpretierbar gehalten, dass er für jede Gesellschaft Relevanz entfaltet und für alle gesellschaftlichen Schichten und Denker etwas zu sagen hat bezüglich einer sinnvollen Lebensweise in Gottes Angesicht. Und das, was er sagt, ist eben nicht klar und eindeutig, sondern bedarf durchaus der Interpretation.
Warum sonst haben sich hunderte Islamgelehrte, Männer wie Frauen, mit Worten auseinandergesetzt, die kein Mensch wirklich verstehen kann, mit Sprüchen und Geschichten, die den Koran ergänzen, und mit Innovationen, die sie als fremd empfanden und deren Sammlungen ob ihres Unverständnisses beiseite schoben. Noch einmal zur Klarheit. Gelehrte haben sich mit Worten auseinandergesetzt, die kein Mensch verstehen kann? Jeder arabische Muttersprachler weiß, dass es zahlreiche Wörter im Koran gibt, die man nicht ins Deutsche übersetzen kann, weil man nicht einmal die genaue Bedeutung im arabischen Original versteht. Jede Übersetzung ist Interpretation, im Koran noch um ein Vielfaches mehr als in anderen literarischen Werken. Vers 4:34 – Seit den Anfängen des Islam stritten sie darüber, was denn mit drubhuna (schlagt sie) gemeint sein soll. Heute winden sich die modernen Gelehrten und erzählen etwas von symbolischem Schlagen mit eine Zahnbürste und kommen auf alle möglichen Gedanken, was denn gemeint sein könne, mit „schlagt sie“, eure Ehefrauen, wenn denn die Übersetzung stimmt, was ich bezweifle. Ganze Khutbas wurden geschrieben über das eine Worte darabihinna, „schlagt sie“, weil es da scheinbar steht, aber Mohamed, asws, unser Idol in Barmherzigkeit und Umsicht,gesagt hat, „schlagt sie nicht“. Manche kommen tatsächlich
immernoch zu dem dreisten Schluss, dass man seine Ehefrau schlagen dürfe. Welches Recht nehmen sich Menschen heraus, andere zu unterdrücken, zu verunglimpfen, auszulachen? Ihre Frauen. Ihre Kinder. Ihre Gefangenen. Ihre Geflüchteten. Ihre Dicken.Ihre Alten. Ihre Ungebildeten, ihre Mitmenschen mit diverser sexueller Orientierung, ihre Mitmenschen mit dunklerer Haut, Menschen wie sie selbst. Welches Alte will da noch gehört werden, in einer neuen Welt? Es kann doch nur so sein: Wenn da steht, dass alle Menschen vor Gott gleich sind und gleichermaßen geliebt werden, dann darf ich sie nicht schlagen, darf ich sie nicht unterdrücken, haben sie dieselben Rechte wie ich. Wenn ich dann etwas lese, was dem widerspricht, habe ich das offensichtlich falsch verstanden. Geschlagen, unterdrückt, verunglimpft und verlacht das ist nicht mehr erlaubt – nie und nirgends. Das Alte ist vorbei. Das Neue nicht im Werden. Es ist schon da. Und die beiseite geschobenen Innovationen? Ach, Frauen predigen in den heiligen Hallen der ehrwürdigen Männer, die ihnen allen Ernstes erklären, dass sie nichts zu sagen hätten. Nicht einmal kritisieren dürfen sie. Wenn ein Mann
bemerkt, dass ein Imam einen Fehler macht, solle er sagenSubhan Allah. Wenn eine Frau den Fehler eines Imams bemerkt, solle sie in die Hände klatschen. Darf man ihre Stimme nicht hören? Als ich mit sechs Jahren pfeifend durch die Straßen am Volkspark Wilmersdorf hopste, rief mir ein alter Mann hinterher: Mädchen die Pfeifen, Hähnen die Krähen, sollte man beizeiten den Hals umdrehen. 50 Jahre lang hab ich es nicht vergessen. Welch ein überflüssiger Unsinn. Und als ich begann, in unserer Moschee zum Gebet zu rufen, fragte mich gleich eine ganze Reihe von JournalistInnen, wie es sich denn für mich anfühle, als Frauin eine Männerdomäne einzudringen. – Mein Schwiegersohnwird Krankenpfleger, die Tochter meiner Freundin ist Feuerwehrfrau – Männerdomänen und Frauendomänen haben sich überall längst aufgelöst. Nie habe ich beim Gebetsruf darüber nachgedacht, ob ich ein Mann bin, oder eine Frau. Aber das Alte ist vorbei. Das Neue nicht im Werden. Es ist schon da. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Recht auf individuell gelebtem Konservatismus. Ich habe sechs Kinder, weil ich als junge Frau ein sehr konservatives Frauenbild hegte. Ichwar zu Hause und hab mich ordentlich um den Haushalt gekümmert und die Kinder versorgt. Dabei habe ich
nebenbei bemerkt eine recht schwere Depressionen entwickelt, weil ich es ziemlich schrecklich fand. Besondersschlimm fand ich es, keine Ruhe zum Lesen eines anständigen Buches zu finden. Ich habe noch nie gerne gekocht und mein Kuchen schmeckt nicht. Aber es gibt ja Menschen, die das genießen und für sich und ihre Familie genau so wünschen. Oft beneide ich sie dafür. Als mein viertes Kind ein Jahr alt war, und mir mit seinen tapsigen Schritten in die Arme laufen wollte, drehte es in der Mitte des Weges um und lief zurück zu seinem Ausgangspunkt. Da hockte ich – Mutter mit ausgestrecktenArmen, auf ihr Kind wartend, und es durchfuhr mich wie ein Blitz. Deine Kinder gehen irgendwann. Sie gehen in Ausbildung, Studium, Beruf, ins Ausland, und du? Wirst du hier sitzen und Trübsal blasen? Es war diese kleine Bewegung eines einjährigen Mädchens in einem roten Kleidchen und einer weißen Strumpfhose, die dafür sorgte, dass ich mein Abi nachholte und studierte. Das Alte war vorbei. Das neue schon bald da. Wer aber da bleiben möchte, bei diesem Bild, bei dieser Familie, der darf das mit Selbstverständlichkeit und darf es gerne. Aber er darf es nicht müssen. Darf nicht dazu verpflichtet werden, weil die, die sich jede Rolle aussuchen können, den Anderen keine Vielfalt gestatten. Statt uns als muslimische Gemeinschaft in immer
denselben Themen zu verheddern, und auch dieses Jahr wieder darüber auseinanderzusetzen, ob denn die eine oder andere Weise, den Islam zu leben, die einzig richtige sei – Schia, Sunnah, liberal, Ahmedija, Frauen mit Männern, Männer allein, Homosexualität – sollten wir diesen Streit jetzt endlich beiseite legen. Es ist vorbei. Das Thema hat sich längst überlebt, und es gibt Wichtigeres zu tun und zu besprechen. Das Alte ist nicht mehr, das Neue längst nicht mehr im Werden. Es ist schon da. Das Neue hat einen Namen und ist zugleich das Urgestein. Es ist der Islam der Barmherzigkeit. Der Islam der Mitmenschlichkeit. Die Religion der gegenseitigen Wertschätzung, der Gleichberechtigung aller Menschen, derAkzeptanz, des Verstandes und der selbstbewussten und selbstverantwortlichen Auseinandersetzung mit den Schriften und ihren Inhalten. Im 21. Jahrhundert kann eineReligion nicht mehr der Unterdrückung dienen, ihre Anhänger sich nicht mehr als Kraftprotze gebieren, sondernsie muss im Dienste der Schaffung einer friedvollen Gesellschaft und individueller Freiheit stehen. Auch Kinder können heute mit Offenheit und Freiheit gut erzogen werden, ohne dass das hieße, es wäre alles erlaubt. Wir wissen schon, dass Unterdrückung, oder Sklaverei, eine moralisch inakzeptable Institution ist, ein überlebtes
Konzept menschlichen Zusammenlebens. Dazu braucht es keine Khutba. Wir brauchen nicht so zu tun, als wäre die Anerkennung zivilisatorischer Errungenschaften etwas Großartiges. Es handelt sich um Selbstverständlichkeiten. Das Alte, die Sklaverei, Kolonialisierung, Kriege als erweiterte Mittel der Politik erkennen wir doch längst als falschen Weg. Lasst uns nicht zurückgehen, sondern nach vorne schauen. Sollen wir immer wieder das Selbstverständliche predigen? Immer wieder z.B. sagen, dass in der Musik nicht der Teufel wohnt, sondern ein heilender Segen? Aber wer sie nicht hören möchte, sie nicht zu hören braucht. Sollen wir immer wieder sagen, dass wir mit dem Malen eines Bildes nicht Blasphemie betreiben sondern unserer unzügelbaren gottgeschenkten Freude Ausdruck verleihen, oder dem Bedürfnis folgen, unser Inneres darzustellen, weil wir soziale Wesen sind? Aber wer keine Bilder mag, braucht siesich nicht an die Wand zu hängen. Sollen wir immer wiedersagen, dass der Weihnachtsbaum kein Symbol menschlicher Sündhaftigkeit ist sondern ein Zeichen gelebter Symbolkultur? Sollen wir wirklich noch einmal predigen, dass Männer und Frauen im 21. Jahrhundert selbstverständlich dieselben Rechte haben, auch im religiösen Kontext?Wir haben die Khutbas eintausendmal gehört. Das Alte ist
vorbei. Das Neue ist längst angekommen. 2021 ist das Jahr nach der vollkommenen Zahl 2020. Ein für die Menschen unerwartet schwieriges Jahr. 2021 – es ist die 1. Das Neue ist jetzt hier, unter uns. Wir brauchen uns nicht länger dagegen zu sträuben, sondern können es mit Freude umarmen. Es wird, inschallah, ein gutes Jahr – nicht nur für ein Virus sondern auch für uns Menschen.Und was machen wir mit der Pandemie, die uns am alten Jahr festkleben lassen will? Uns suggeriert, dass diesmal nichts Neues beginnt, das Alte einfach weitergeht?Wenn wir es bis jetzt noch nicht getan haben, so ist nun der Moment, unsere ganz persönlichen, individuellen Ressourcen zu aktivieren. Ressourcen sind Sourcen – also Quellen – die sich, das steckt in der lateinischen Vorsilbe Re, „wieder“, oder „zurück“ – zurückbeziehen lassen auf den Menschen. Ressourcen sind also innere Quellen, aus denen ein Mensch seine Kraft und sein Selbstwertgefühl bezieht. Worin liegen unsere inneren Kräfte? Worauf können wir uns stützen, wenn uns das Alte überwinden will? Es sind z.B. tragfähige Beziehungen, solche, die nicht bei
jeder Verstimmung weglaufen, sondern uns aushalten und mit uns bleiben. Sie zu pflegen ist gut für uns. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sind gut für uns- was ist mein Talent, wo kann ich wirken, worin bilde ich mich gerne, und werde so ein vollständigerer Mensch?Physische Merkmale wie Stärke und Ausdauer sind Ressourcen. Auch das Lesen, das Malen, das Musik spielen,der Spaziergang, das achtsame Teetrinken, also der so genannte sinnlose Zeitvertreib, bei dem man sich eins fühltmit sich selbst und mit Gott, stärkt uns in unserem Sein. Eine Ressource, also innere Kraft, die uns das Leben meistern lässt, eine Ressource ganz besonderer Art, ist die feste Verwurzelung in einem Glaubenssystem, das die Gewissheit in sich trägt, dass es etwas Größeres, Allumfassendes, gibt und das dieses Größere Teil einer spirituellen Ordnung ist, die uns gnädig ist und uns nicht verlässt. Wir nennen das Gott. Eine unserer wichtigsten Ressourcen ist unser Iman, unser Vertrauen in das göttliche Element und dessen Weisheit. Und unser Vertrauen darin, dass es wieder gut wird. Eine Ressource, die wir aktivieren können, wenn wir uns ein wenig Mühe geben, ist die Dankbarkeit. Sie hat großes Potential für unsere Heilung und für das Finden von Frieden. Zunächst gilt es zu sortieren, was denn wichtig ist.Was zählt im Leben? Am liebsten möchte ich es gar nicht
sagen, weil es doch jeder schon weiß. Was zählt immernoch, und immer wieder neu? Dass kein Kind hungert. Das zählt. Dass sich keine Mutter sorgen muss wo sie, kein Vater sorgen muss, wo er, und ihre Kinder morgen Nacht schlafen. Das zählt.Dass Geflüchteten nicht die Zelte verbrannt werden. Das zählt. Und auch das zählt: Dass Suchtkranke nach der Entgiftung nicht wochenlang auf einen Therapieplatz warten müssen. Und dass man eine Maske trägt, damit ein Anderer nicht schwer erkrankt. Das zählt. Und noch so vieles mehr. Und wofür sind wir dankbar? Die Blume am Wegrand, ein Gänseblümchen vielleicht, es zählt dazu. Der Mond, der mit der Erde wandert und sich inseinen vielen Formen zeigt. Immer ist er da, unvergänglichuns begleitend, derselbe Mond für dich, für mich, für deine Lieben und meine Lieben, wo immer sie sind. Mal als Sichel, mal vollkommen in seiner ganzen hellen Schönheit und Verlässlichkeit erstrahlend. Er zählt. Die Erde mit ihren tausenden Geschichten von Liebe und Lachen, die sie uns erzählen kann, wenn wir ihr zuhören und mit jenen Geschichten, die uns unendlich traurig machen. Sie zählt.
Gott zählt. Der das Universum geschaffen hat und das Universum ist, der uns geschaffen hat und in uns ist, und uns zu sich nimmt, wenn die Zeit gekommen ist, aber bis dahin eine gute Frist gewährt. Gott zählt. Und du. Du zählst. Wer das Alte noch nicht verabschiedet hat, der tue es jetzt.Das Neue ist in der Nacht geworden. Nun ist es da. Die Gleichberechtigung, Freiheit, Freude, die Tapferkeit, die Ausdauer, und der Mut, die Freundlichkeit und das Verzeihen. Jahre richten sich nicht nach Kalendern. So ist der heutige Tag im Grunde nichts anderes als jeder andere Tag. Dennoch sei es gesagt, um uns daran zu erinnern, dass in all den Kreisläufen, in all dem immer wiederkehrenden, auch immer wieder etwas Neues entsteht. Wie auch immerwir es nennen möchten – 2021 nach unserer Zeitrechnung oder nach Christus, oder 1442 nach der Highra – dann natürlich mit einem anderen Neujahrstag – Ich wünsche uns allen ein wunderschönes neues Jahr.

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