12.02.2021

Selbsterkenntnis

Immer wieder stoße ich, wenn ich ein Buch von Mouhanad Khorchide in die Hand nehme, auf neue Themen, die mich sehr interessieren, so auch etwas über dieses Thema und weitere große Scharia – Themen.
Ich möchte mit einem bekannte Vers aus dem Koran, Sure 49, Vers 14 beginnen:
„Die Beduinen sagen: ‚Wir glauben.‘ Sag: ‚Ihr glaubt nicht. Sagt vielmehr: ‚Wir sind ergeben‘ (zugehörig zum Islam, und der Glaube ist nicht eingedrungen in eure Herzen.‘“
Erst wenn der Glaube und die unerschütterliche Liebe zu Gott ins Herz eingedrungen ist, dann spricht man von spirituellem Glauben an Gott. Es ist der Weg zur Selbsterkenntnis. Und Selbsterkenntnis führt zu Selbstverwirklichung. Es ist der Weg zur Quelle! Dafür steht ein Wort: Scharia! Und die Anstrengungen auf diesem Weg bedeuten Dschihad.
Jeder kann Lebensfreude oder Traurigkeit, Verletzlichkeit oder Wut in sich spüren, mal mehr, mal weniger. Sie alle erschaffen die eigene Realität, in der jeder lebt. Erfahrungen aus der Kindheit hinterlassen positive oder negative Prägungen und erlauben uns nicht immer unsere Potenzial voll auszuschöpfen.
Aber wie oft fühlen wir uns wirklich glücklich und zufrieden und sind ganz mit unserem innersten Wesen verbunden? Und wie oft fragen wir uns dann: Wer und wie bin ich? Wie gestalte ich aktiv meine Wirklichkeit, mein Lebensgefühl mit?
Diese Frage ist der erste Schritt zur Selbsterkenntnis und indem ich tätig werde, bewusst in meine gefühlte Befindlichkeit eingreife, finde und verwirkliche ich mich selbst.
Aber was bedeutet Selbsterkenntnis? Sie beschreibt die Fähigkeit, den tiefen Wesenskern in uns selbst zu erkennen. Aber um diesen Kern erst einmal ausfindig zu machen und zu identifizieren, bedeutet es ein Nachdenken und Reflektieren über uns Selbst. Dazu gehört selbstkritisch zu sein, sich selbst beobachten, sowie persönliche Denkweisen, Handlungen und auch Weltanschauungen zu hinterfragen. Es geht um das: Was mache ich gerade und warum? Habe ich eine andere Wahl? Was sagt meine Umwelt dazu? Und was sagt mein Herz?
Das Selbstfinden setzt eine große Portion Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein voraus. Das hört sich so leicht an, aber ist echt schwierig. Aber wenn man denkt, das schaffe ich nicht, hat man von vornherein schon verloren. Es bedeutet ein lebenslanger Kampf mit sich selbst. Es ist Dschihad! Dschihad bedeutet so viel wie: Die nach innen gerichtete Anstrengung zu Gott, um nach Gottes Geboten zu leben. Es ist eine Herzensangelegenheit.
Khorchide spricht in der Einleitung seines Buches: „Scharia, der missverstandene Gott“ über eine Begegnung mit einer Beamtin bei der Passkontrolle in Marokko. Sie gestand ihm, dass sie große Angst vor ihrem Tod hätte, denn Gott würde sie bestrafen, dafür, dass sie ihre Fingernägel lackiert und während ihres Dienstes nicht angemessen das Kopftuch tragen darf.
Aber wie kommt es, dass diese Frau und ebenso auch viele Muslime in Gott mehr den strafenden als den liebenden und barmherzigen Gott sehen?
Khorchide schreibt: „Wir reduzieren den Koran auf einige Elemente, manche gehören zum Islam wie das Gebet oder Fasten, manche nicht, wie eben das Lackieren der Fingernägel. Wir blenden die Dinge aus wie z.B. wichtige Elemente des Zusammenlebens in der Gesellschaft, die zur Ethik gehören und setzen dafür nicht Wichtiges, Nebensächliches ein.“
Da bei vielen Muslimen wenig Wissen um die Religion besteht, wenden sie sich an einen Religionsgelehrten. Egal, ob er gerecht oder wichtigtuend antwortet, er antwortet immer als Stellvertreter von Gott, aber mit seiner eigenen Darlegung. Er wird sagen, was richtig und falsch ist, was erlaubt und was nicht. So kann es sein, dass eine religiöse Autorität, die die Kompetenz besitzt, stellvertretend für Gott in ihrem eigenen Sinne spricht und ausdrückt, was Gott genau und wie haben will. Ist die Antwort aber wirklich konform mit dem Koran? Diese Muslime begeben sich selbstverantwortlich in eine gedankliche Unfreiheit, eine Bevormundung anstelle einer Entfaltung zu einer selbstverantwortlichen und eigenen direkten Beziehung zu Gott.
Das können wir nachlesen in 9. Sure At-Tauba (die Reue), Vers 31: „Sie haben sich ihre Schriftgelehrten und Mönche zu Herren genommen außer Gott, und den Messias, den Sohn der Maria. Und doch war ihnen befohlen zu dienen dem Gott, dem Einzigen. Kein Gott außer Ihm! Preis Ihm, über das, was sie neben Ihn stellen!“
Gott übt hier Kritik an die Juden und Christen, die ihre Gelehrten, ohne zu hinterfragen, gehorcht haben. Dementsprechend ist es auch im Islam. So kann das Herz des Gläubigen nicht das Licht Gottes spüren; das Herz, was eigentlich geläutert werden soll, um das Schöne, das Selbstfinden, die Vervollkommnung des Menschen zu erkennen und zu steigern.
Wenn ich also jemanden helfe, nur weil es mir vorgeschrieben ist, dann helfe ich, weil es von mir verlangt wird, aber ich helfe nicht, weil ich es selbst gern möchte. Das ist der Unterschied. Ich kann den Weg des Dschihad deswegen nicht beschreiten.
Erinnert euch noch an den erstgenannten Vers: „Wir sind ergeben. Nicht eingedrungen ist der Glaube in eure Herzen.“
Der Weg oder die Methode, die ins Herz führt, ist die Methode der Selbsterkenntnis. Beispiele können sein: Großzügigkeit, Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Begierden zügeln, eigene Schwächen erkennen, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Großzügigkeit, Herzlichkeit, Freundlichkeit, Vergebung.
Bevor ich in diese Moschee kam, war ich in einer anderen muslimischen Gemeinde fest etabliert. In einer Zeitung las ich von der Eröffnung der Ibn Ruschd-Goethe-Moschee. Ich war schon immer neugierig, also ging ich hin, machte sogar einige Fotos, die ich meinen muslimischen Freundinnen schickte. Als ich dann einige Tage später wieder in meiner alten Gemeinde war, übersah und ignorierte man mich. Ich war für sie Luft, so war zumindest mein Eindruck. Ich ahnte, was der Auslöser für diese Situation war, aber nicht warum diese Reaktionen. Plötzlich schrie mich eine Muslimin an, warum ich in dieser Ates-Moschee war, diese Frau Ates prozessiert sogar gegen das Kopftuch! Was hat das mit mir zu tun? Ich konnte nicht die Übertragung ihres Unmuts auf mich fassen. Ich war zuerst so ungeheuer durcheinander und dann mächtig enttäuscht. Niemand fragte, warum ich dort hin gegangen war oder nach meinen Eindrücken. Sie und sicher auch die anderen urteilten, ohne nachzudenken. So viel Hass schlug mir entgegen! Wo blieb da meine eigene Meinung? Nie fiel mir bis dahin auf, wie intolerant, engherzig, beleidigend und unsachlich meine damalige Gruppe sein kann, denn ich habe sie auch anders erlebt. War es nur ein Ausrutscher? Es schmerzte sehr und hinterließ eine tiefe Narbe, die heute noch in mir fühle. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich gefangen habe und es war ein schwerer innerlicher Kampf, es war ja bis dahin meine muslimische Familie.
Ich glaube, es gibt wohl kaum jemand, der keine seelische Narbe irgendwann mal davongetragen hat. Aber man kann sie überwinden, daraus lernen, sich neu orientieren und stärker hervorgehen.
Vielleicht muss man einmal aus sich selber herausgehen, sein Problem von einer anderen Perspektive betrachten. Oder von jemandem einen gutgemeinten Rat annehmen und nicht einfach abtun, oder aus ähnlichen Misserfolgen Parallelen ziehen und sich fragen, was hat dich weitergebracht? Schon schwieriger ist es, sich einen Fehler einzugestehen und auf andere wieder zuzugehen oder sich einfach zu entschuldigen.
Irgendwann kommt das Zufriedensein. Aber vergessen wird man so manches wohl nie. Auch wenn es manchmal nur winzig kleine Schritte sind, die man tun muss. Aber sie können zu Meilensteinen wachsen, die Frieden im Herzen und Selbstvertrauen bringen und vielleicht auch zum stärkeren Glauben an Gott mit dem Herzen führen.
Zufriedensein ist eine Äußerung eines Selbsterkenntnisprozesses. Dazu ein kleines Beispiel: Jemand begrüßt beim Eintreten in einen Raum die Anwesenden, nicht weil es anstandsmäßig sich so gehört, sondern weil es einfach etwas Freudiges ist. Und wenn man eine freundliche Antwort bekommt, ist man schon zufrieden. Dieses Zufriedensein kann man oft sogar sehen: strahlende Augen, ein freundliches Nicken, die Mundwinkel rutschen nach oben, das Herz ist erfüllt von Freude.
Diese Charaktereigenschaften, die zum bewussten Tätigsein führen – manchmal auch unbewusst, weil sich es im Herzen schon verfestigt hat – werden auch im Koran an vielen Stellen beschrieben. Gott sagt dazu: „Welch ein vortrefflicher Lohn für die Handelnden!“ (Al-Imran: 136)
Al-Ghazali beschreibt das in seinem Buch: „Das Elixier der Glückseligkeit“ so: ‚Siehe, der Schlüssel zur Erkenntnis Gottes ist die Selbsterkenntnis.‘ Darum ist gesagt worden: ‚Wer sich selbst erkannt hat, der hat seinen Herrn erkannt‘, und darum heißt es im Koran: ‚Wir werden sie unsere Zeichen überall auf Erden und an ihnen selbst sehen lassen, damit ihnen deutlich wird, dass es die Wahrheit ist.‘ (41. Sure Fussilat (Erklärt!):53). Ghazali fährt fort: „Es gibt nichts, was dir näher wäre als du selbst. Wenn du aber dich selbst nicht erkennst, wie willst du dann andere kennen?“
Beides, die Erkenntnis Gottes ist nicht von der Selbsterkenntnis zu trennen. Das heißt, wer an sich arbeitet, sein Charakter verbessert – ich sage nicht vervollkommnet, denn nur Gott ist vollkommen – der erkennt auch die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, seine Gerechtigkeit, sein Handeln, sein Licht und Wahrheit. Jemand, der nur mit Hass, Neid und Hochmut dem Menschen begegnet, kann mit dem Herzen Gott nicht erkennen. Die 91. Sure asch-Schams:7-9 verdeutlicht es: „Und bei einer jeden menschlichen Seele und bei Dem, Der sie gebildet, und ihr den Sinn für ihre Sündhaftigkeit und für ihre Gottesfurchteingegeben hat. Wahrlich, erfolgreich ist derjenige, der sie rein hält, und wahrlich, versagt hat derjenige, der sie verkommen lässt.“
Der Prophet Muhammad bezeichnet diese Anstrengung als Dschihad. Seine Worte könnten vielleicht das bedeuten: ‚Der Kampf gegen das Schlechte in sich selbst, das ist der eigentliche Dschihad. Es ist das Streben nach der Erkenntnis der eigenen wahren Natur, des Kerns oder Geistes, nach dem: Wer bist du, wohin geht dein Weg, worin besteht dein Wohl und Glück oder Unglück? Kannst du freudig den Spiegel vor deinen Augen halten und dein Herz darinnen sehen? Oder nicht? Dein Spiegel reflektiert dein Handeln, deine Gedanken, ja, dein eigenes Innere.‘
Unser Spiegelbild erinnert uns täglich an unseren Kampf mit uns selbst, hinterfragt unsere guten oder schlechten Absichten. Das durchzustehen ist bestimmt nicht leicht. Aber ich denke, Gott macht es uns leicht, denn Er ist barmherzig und verzeihend gegen unsere kleinen Sünden.
Es ist nie leicht, immer nur das Positive zu tun. Man muss oft über seinen eigenen Schatten springen, vielleicht sogar eine liebgewonnene Eigenschaft überwinden, auf etwas verzichten. Aber dann fühlt man sich danach vielleicht besser, man wertet sich selber auf, ist zuversichtlicher. Und man kann vielleicht mit ruhigem Gewissen sein Spiegelbild betrachten.
Al-Ghazali stellte wieder fest: „Willst du dich selbst erkennen, so wisse, dass du aus zwei Dingen geschaffen bist. Das eine ist diese äußere Hülle, die man Leib nennt und mit dem äußeren Auge sehen kann. Das andere ist jenes Innere, das man Seele, Geist oder Herz nennt und das nur vom inneren Auge erkannt werden kann. Dieses Innere ist dein wahres Wesen, alles andere ist nur sein Gefolge. Wenn wir also vom Herzen sprechen, so wisse, dass wir damit das wahre Wesen des Menschen meinen. Der Geist, den wir hier Herz nennen, das ist das Organ der Erkenntnis Gottes. Dieser Weg beginnt mit dem inneren Kampf, dem Dschihad, und wer nach Gebühr diesen Kampf kämpft, dem fällt jene Erkenntnis von selber zu. Denn diese Erkenntnis gehört zu der Gnadenleitung, von der es im Worte Gottes heißt: ‚Diejenigen aber, die sich um unsertwillen abmühen, werden wir ganz gewiss unsere Wege leiten. Und Gott ist wahrlich mit denen, die Gutes verrichten.‘“
Der Koran ist ein Dialog zwischen Gott und dem Menschen. Daraus folgt für mich, dass Gott den Menschen ernst nimmt und daher eigentlich der Mensch im Mittelpunkt der islamischen Religionswissenschaft stehen sollte.
Ich habe heute von einem Teil der Scharia gesprochen und ich finde: vom wichtigsten Teil, den viele Muslime nicht wirklich als Teil der Scharia sehen. Aber Scharia bedeutet nicht nur ein Gesetzeskatalog. Die Scharia als Sammlung von Gesetzen erfasst juristische Gesichtspunkte, z. B. die Glaubensgrundsätze und die sogenannten 5 Säulen. Sie sind wichtig zu wissen, sie sind sozusagen der äußere Schale für den inneren Kern, das Herz. Aber davon das nächste Mal mehr.
Manaar

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