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Gerechtigkeit  

Ich habe immer mal über die Beziehung Gott- Mensch nachgedacht oder gelesen. So fand ich im Buch „Gott und Mensch im Spannungsverhältnis von Gerechtigkeit“ von Muna Tatari einiges Überlegenswertes.  

     Gott hat immer schon mit den Menschen kommuniziert, so, wie sie es verstehen konnten, immer auf dem Wissensstand ihrer Zeit, durch Propheten und Gesandten. Für uns ist als Gottes Wort der Koran maßgeblich. Aber ich denke auch, dass Gott mit jedem Menschen, der es will, spricht, nur erkennen wir es nicht immer.

     Im Koran beschreibt sich Gott selber, z.B. in Sure 16:3: „Er hat die Himmel und die Erde in Wahrheit (haqq) erschaffen…“. Das Wort haqq, hier als Wahrheit definiert, hat eine große Spannweite und ist ein ethischer Maßstab. 

     Hagg kann für Wahrheit, Weisheit, Gerechtigkeit stehen und mit den entsprechenden Präpositionen: das, was jemandem in Wahrheit zusteht: das ‚Recht‘, und das, was jemandem in Wahrheit auferlegt ist, also ‚Pflicht‘.

    At-Tabari sieht den Text dann so: „Er hat die Himmel und Erde in Gerechtigkeit geschaffen“.

       Indem Gott für Gerechtigkeit oder Wahrheit einsteht, bezeugt er, dass es keinen Gott außer Gott gibt und ebenso bezeugen dies die Engel und die Wissenden. Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Mächtigen, dem Weisen, wie es in Sure 3:18 steht: „Gott selbst bietet Beweis dar und ebenso die Engel und alle, die mit Wissen versehen sind, dass es keine Gottheit gibt außer Ihm, dem Wahrer der Gerechtigkeit…“

    Das heißt: Gottes Seinsweise in Beziehung zur Schöpfung ist unmittelbar mit dem Gedanken an Gerechtigkeit verbunden. Mittels seiner Gerechtigkeit weist Gott auf sich Selber hin und legt damit Zeugnis für sich und seiner Gerechtigkeit ab. Gerechtigkeit steht daher für eine nahezu wesenhafte Eigenschaft Gottes. Und so wie Gott Zeugnis ablegt, tun es auch einige Seiner Geschöpfe: die Engel sowieso, aber auch der wissende Mensch, so wie ich täglich beim Gebet Zeugnis ablege, dass es nur einen Gott gibt.

    Die Sure 45:22 verdeutlicht dieses: „Gott hat die Himmel und die Erde gerecht geschaffen (bil haqq) und deshalb bekommt jede Seele das, was sie erworben hat.   Und ihnen wird kein Unrecht getan.“

   Dieser Vers bedeutet: Weil die Schöpfung und damit auch der Mensch in Gerechtigkeit bzw. in Wahrheit (haqq) geschaffen wurde, kann alles, was den Menschen betrifft, nur in Gerechtigkeit, in Wahrheit geschehen. Gott charakterisiert damit seine Beziehung zu seiner Schöpfung, insbesondere zu den Menschen.

     In der Adam-Erzählung 2:30-38, macht Gott uns darauf aufmerksam, dass Er den Menschen nicht ohne Rechtleitung lässt. Durch den Koran wird der Mensch versichert, dass Gottes Wort, einerseits im Koran und auch in den Gesetzmäßigkeiten der Natur, grundsätzlich für Wahrheit und Gerechtigkeit steht. Damit kann Gott als verlässlich dem Menschen gegenüber wahrgenommen werden, weder bestechlich, wankelmütig oder launisch noch böse.

    Gottes Gerechtigkeit sollte sich ebenfalls in der Gerechtigkeit des Menschen, in seinem ethischen Verhalten wiederfinden. In Sure 55:5-9 steht: „Die Sonne und der Mond kreisen nach einer festgelegten Berechnung. Und die Sterne und Bäume verbeugen sich anbetend. Und den Himmeln hat Er emporgehoben. Und Er hat das richtige Abwiegen zum Gebot gemacht, damit ihr beim Wiegen nicht das Maß überschreitet, so setzt das Gewicht in gerechter Weise und betrügt nicht beim Wiegen.“

    Dieser Vers verweist auf eine Beziehung zwischen göttlichem und menschlichem Handeln. Das Handeln des Menschen soll in Einklang mit der Schöpfung geschehen, in dem die Harmonie und Gerechtigkeit, die in den Abläufen der Natur zu beobachten ist, durch das gerechte Handeln des Menschen in zwischenmenschlichen Bezügen verankert wird.

     Wir betrachten Menschen, die in Gerechtigkeit und Wahrheit handeln als ethisch. Philosophisch gesehen ist deshalb Gottes Gerechtigkeit ebenfalls ethisch zu betrachten, folgerichtig muss die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen von ethischer Natur sein. Das heißt: Gott handelt in Bezug auf den Menschen ethisch. Nach islamischer Auffassung soll der Mensch auf Gott antworten in einer Art und Weise, die ebenfalls von Ethik und Gerechtigkeit bestimmt ist. Anders kann man ausdrücken, der Mensch kann nicht nur kommunizierend zu Gottes Gerechtigkeit handeln, er ist vielmehr in der Lage, dass in seinem gerechten Handeln die Gerechtigkeit Gottes zum Ausdruck kommt. Damit übergibt Gott in seiner Eigenschaft als gerechter Gott dem Menschen die Verantwortung und Aufgabe, Gerechtigkeit zu üben und in Gerechtigkeit zu handeln. In Sure 4:135 fordert Gott uns auf: „O, die ihr glaubt, steht ein für die Gerechtigkeit und legt damit Zeugnis für Gott ab, …“, das heißt: Der Mensch legt Zeugnis für Gott ab, weil er (der Mensch) für Gerechtigkeit eintritt und danach handelt.

      Da wir die Gerechtigkeit als eine Wesenseigenschaft von Gott betrachten, kann natürlich kein Raum für die Annahme existieren, dass Gott dem Menschen Unrecht in irgendeiner Form antun würde. Lesen wir dazu die beiden Verse aus Sure 29:39-40: „Und Wir vernichteten Korah und Pharao und Haman. Und Moses kam wahrlich mit deutlichen Beweisen zu ihnen, doch sie betrugen sich hochmütig auf Erden. Uns aber konnten sie nicht entrinnen. So erfassten Wir jeden in seiner Sünde…“

    Hier spricht der Koran von einer vom Menschen selbst verschuldeten Strafe. Gott hat immer wieder durch Propheten gewarnt und an seine Gerechtigkeit erinnert. Es war also eine gerechte Strafe. Gott hat als Qadir, der aller Dinge mächtig ist, gehandelt, um Gerechtigkeit zu üben. Das Wort Qadir kann man in dem Sinne verstehen, dass jemand das rechte Maß kennt. Qadara bedeutet auch ein Maß festlegen, die Menge oder Größe von etwas bestimmen und qadr ist dann das Maß, die Menge oder Größe. Qadir wäre jemand, der die Kraft und Fähigkeit hat, etwas richtig und gerecht zu können.

    Gott kennt die äußeren und inneren Ausmaße oder Kraft und Möglichkeit des Menschen, was für ihn möglich und durchführbar wäre. Dazu heißt es in Sure 2:286.  „Gott legt keinem Menschen mehr auf, als er vermag…“

    Auch wenn wir uns manchmal überbelastet fühlen, so geht es aus der Perspektive von Gott nie über ein bestimmtes Maß an Belastung und Beschwernis hinaus, da Er ja kennt, was wir vermögen.

In meinem Beispiel aber ist es ein vom Menschen gemachtes Unrecht, das seinem jeweiligen Mitmenschen angetan wurde. Pharao handelte freiwillig und Gott hat ihm ja die Freiheit zu wählen, ob er richtig handelt oder jemandem Unrecht tut gegeben.  Und so hat Gott als Qadir gerecht gehandelt.

     Der Begriff Statthalterschaft Gottes bezieht sich auf alle Menschen, da sie den Auftrag haben, in Gerechtigkeit unter den Menschen zu handeln. Ghazali geht bei dem Begriff Khalifa von einer Nachfolge Gottes aus, in dem Sinn, dass der Mensch sowohl verschieden von Gott ist, also kein Gott ist, als auch in enger Nähe zu Gott Ihm folgt, nämlich dem Vorbild Gottes entsprechend und nicht Nachfolger eines Menschen.

   Die Sure 5:8 sagt aus: „O ihr glaubt, setzt euch für Gott ein und seid Zeugen für Gerechtigkeit. Und die Feindschaft bestimmter Leute soll euch nicht verleiten, anders als gerecht zu sein. Seid gerecht, das ist näher dem Bewusstsein von Gottes Gegenwart und ihr seid euch der Gegenwart Gottes bewusst. Gott hat Kenntnis von dem, was ihr tut.“

    Mit dem Vers soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die feindlichen Gefühle für andere nicht über die Gerechtigkeit siegen sollen. Jeder hat den gleichen Anspruch auf Gerechtigkeit, also gerecht zu urteilen. Der Gerechtigkeitsbegriff im Koran ist „adl“.  Al-Adl ist ein Name Gottes und bedeutet der Gerechte, für den Menschen abgeleitet bedeutet es ein gerechtes Handeln, um näher zu Gott zu sein. Es zielt auf eine Haltung des Bewusstseins von Gottes Gegenwart mit dem eigenen Handeln in Gerechtigkeit hin. In Sure 38:26-27 wird David aufgefordert: „O David, wir haben dich zu einem Nachfolger auf Erden gemacht. Richte darum zwischen den Menschen nach Gerechtigkeit und folge nicht Lust und Laune, das würde dich vom Weg Gottes abführen.“

     Wir sehen also bei all diesen Aufzeichnungen: Gott handelt nicht bei diesen ethischen Forderungen um Seiner selbst willen, sondern allein zum Besten des Menschen. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, dass Er sich selbst verherrlicht, dann so nur, um dem Menschen ein wahrhaftiges Beispiel zu sein. Der Mensch soll sein Handeln nach ethischen Prinzipien ausrichten, die in erster Linie ihm und seinen Mitmenschen dienlich sind. Damit gestaltet und bestimmt er seine Beziehung zu Gott.

Und somit kann ich euch nur auffordern: „Richtet zwischen den Menschen nach Gerechtigkeit!“

Manaar

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