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Gemeinde – Gemeinschaft

Datum: 07.08.2020

Tim Marshall
Tim Marshall

Vor einiger Zeit hat ein Bruder eine Khutba mit einem wichtigen Thema und in einer sehr lockeren Art gehalten, beides hat mir sehr gefallen. Es war seine natürliche Unbefangenheit, die mir imponiert hatte, gerade, weil ich weiß, dass ich selbst in meinen Predigten etwas angespannt bin. Diese Gedanken musste ich ihm unbedingt mitteilen. Er antwortete daraufhin, dass ihm diese paar Worte sehr viel bedeuten würden und er meinte im Gegenzug, dass ich meine Predigten ebenfalls authentisch vortrage würde. Das tat mir natürlich ebenfalls gut.

   Ich finde solche Worte, gesagt oder auch geschrieben, sind ungemein wichtig und stärken uns und unsere Beziehungen in der Gemeinde. Und gerade jetzt in der Zeit des Corona ist das Gemeinschaftsgefühl bzw. das Zusammengehörigkeitsgefühl sehr wichtig.

    Mir fiel auf, dass wir uns vermehrt Nachrichten, Grüße, auch Unbedeutendes zugeschickt haben. In diesen kurzen oder mal längeren Mitteilungen waren wir verbunden, nicht von Angesicht, aber ich verspürte in Gedanken irgendwie die Anwesenheit der anderen. Ich fühlte mich einfach verbunden. Und im Nachhinein fand ich das als etwas Besonderes. Es bedeutet: Man ist nicht allein, auch wenn man sich nicht so oft gegenübersteht, aber man sieht sich durch Videokonferenzen, durch verschiedene Aktivitäten im Netz. Man ist nicht allein gelassen. Schon allein der Gedanke, dass gerade jetzt jemand an mich denkt, erfüllt mich mit einem Gefühl des Wohlbefindens. Ich werde später noch einmal darauf zurückkommen.

    Ich habe im Internet nachgesehen, was eigentlich das Wort „Gemeinde- Gemeinschaft“ bedeutet.

     Es bezieht sich auf Gruppen oder Organisationen, die sich mit einer bestimmten Absicht einander verbunden fühlen. Das kann auch ein einfaches Zusammensein, oder ein Verbundensein durch gleiche Anschauungen sein.

     Das Grundwort ‚gemein‘   bezeichnet  eine  Eigenschaft, die mehrere Menschen gemeinsam besitzen. Noch vor dem 1. Weltkrieg wurde ein einfacher Soldat als ‚Gemeiner‘ oder die einfachen Menschen wurden als das ‚gemeine Volk‘ bezeichnet. Heute steht das Wort gemein für bösartig, hinterhältig.

     Die Bibel gebraucht das Wort ‚Gemeinde‘ für die neue Gruppierung der Christen.

    Die Moschee war und ist bis heute ein Ort des Zusammenkommens. Deshalb kann eine Moschee überall dort sein, wo sich Menschen mit einem bestimmen Ziel oder Absicht treffen. Sie ist wichtig, weil sie Teil der Begegnung ist, als Treffpunkt zum Lernen, einfaches Miteinandersein, der Verständigung. Und gerade, weil sie ein wichtiger Teil unserer Kommunikation ist, kann ein längeres ungewolltes Fernbleiben für viele Besucher oder Mitglieder zu einem Dilemma werden.

     Aber hat sich wirklich durch diese Pandemie das Band, also die Beziehung zur Gemeinschaft massiv geändert? Nun stellt sich für mich die Frage: Warum treffen sich Muslime in einer Moschee? Nur um dort Gott nahe zu sein? Nein, um Gott nahe zu sein, dazu braucht man keine Moschee, denn Gott ist überall. Aber es ist etwas anderes, dieses Gefühl, Gott nahe zu sein, mit anderen zu teilen. Und das habe ich sehr vermisst.

   Eine Gemeinde ist meist bunt gemischt, jedes einzelne Mitglied darin ist besonders, hat besondere Stärken, Interessen, Hintergründe. Das macht jede Gemeinschaft unvergleichlich und vielfältig.  Jeder kann darin seinen Platz finden wie einzelne Bausteine für ein Haus. Fehlt einer, dann macht sich das bald schmerzlich bemerkbar.    

   Vor Kurzem habe ich einen kleinen Artikel über eine jüdische Gemeinde gelesen, das könnte auch in jeder anderen Gemeinde passiert sein:

     Der Rabbiner einer Gemeinde bemerkte eines Tages, dass ein sonst treues Mitglied seiner Gemeinde schon seit Wochen der Synagoge fernblieb. Also entschloss sich der Rabbi, diesem Gemeindemitglied einen Besuch abzustatten. Wie nun der Rabbi in dessen Wohnzimmer eintrat, sah er den Mann im Schaukelstuhl vor dem Kaminfeuer sitzen. Der Mann schien offensichtlich bei bester Gesundheit zu sein. Der Rabbi nahm sich einen Stuhl, setzte sich neben ihn hin und erkundete sich höflich nach den Gründen seines Fernbleibens. Der Mann erwiderte, dass es ihm in der Synagoge zu laut und überfüllt sei und er deshalb den Entschluss gefasst habe, daheim viel ungestörter und konzentrierter beten zu können.

      Der Rabbi antwortete hierauf nicht, sondern schaute nur nachdenklich auf die glühenden Kohlen im Kamin. Dann erhob sich der Rabbi von seinem Stuhl, nahm mit der Kaminzange ein Stück Kohle, legte dieses auf den Boden vor dem Kamin ab und verabschiedete sich mit den Worten: “Ich hoffe, dich bald wieder in der Synagoge zu sehen.” Der Mann war über das Verhalten des Rabbis eine Weile lang sehr verwundert, doch dann wurde ihm der stille Hinweis des Rabbis klar: Der Rabbi wollte ihm die Stärke verdeutlichen, die eine Gemeinschaft dem Einzelnen verleiht. Wenn sich glühende Kohlen zusammen auf einem Haufen befinden, erhält ein Stück Kohle das nächste am Glühen. Wenn jedoch ein Stück aus dem Haufen herausgenommen wird, dauert es nicht lange und das Stück erlischt, während die anderen Kohlen noch lange weiter glühen. – Ich denke, das trifft auf jede Gemeinde oder Gemeinschaft zu.

    Ihr wisst, ich male sehr gern. So häuften sich die Bilder bei mir zu Hause. Aber als ich sie anderen zeigen konnte, erfuhr ich eine Anerkennung, die mich aufleben ließ und für die anderen gab es vielleicht einen Moment des Glücksgefühls.

     In einer Gemeinschaft bedeutet das, man ist aufmerksamer zueinander, freundlich gesinnt, man lernt sich besser kennen, Man unternimmt gemeinsam etwas, man hat etwas zu sagen, wird erst genommen und man übernimmt Verantwortung innerhalb dieser Gruppe oder Gemeinde. Und gemeinsam erinnern wir uns an Gott und an Seine Liebe zu uns.

      Der Begriff ‚Umma‘ wird für die religiös fundierte Gemeinschaft der Muslime verwendet, für die Gemeinschaft aller Muslime. Das Wort ‚Umma‘ wird zum ersten Mal in den mekkanischen Suren genannt und bezieht sich auf die neue Gemeinschaft um den Propheten Muhammad. Es steht für eine einzige Gemeinschaft.

    In der Gemeindeordnung von Medina wird festgestellt, dass „die Gläubigen und Muslime der Quraisch und von Yathrib und jene, die ihnen folgen, ihnen verbunden sind und zusammen mit ihnen kämpfen“, eine „einzige Umma“ (umma wāḥida) bilden, die sich von anderen Menschengruppen unterscheidet.

    Die Tatsache, dass der Vertrag auch jüdische Clans einschloss, zeigt, dass zu dem Zeitpunkt der Begriff noch keine streng religiös definierte Gemeinschaft bezeichnete. Es war eine Gemeinschaft innerhalb eines Stadtgebietes.

    In der Sure Al-Ambiya, 21: 92-93 heißt es: „Wahrlich, die ihr an mich glaubt, diese eure Gemeinschaft ist eine einzige Gemeinschaft und Ich bin euer Herr, darum dient nur Mir. Doch sie spalteten sich untereinander auf in ihrer Angelegenheit; sie alle werden einst zu Uns zurückkehren.“

    In diesem Diskurs von Gott an die Menschen geht es um den Grundsatz der Einheit; mit den Worten von Asad: wie es sich in der Einheit aller, die an Ihn glauben, widerspiegeln sollte. Hier sagt Gott schon voraus, dass die Menschen in Religionsfragen voneinander abweichen würden, also keine Einheit, keine große Gemeinschaft. Diese beschworene Gemeinschaft hat es wohl nie gegeben.

    Im Koran wird die Umma als die ganze Menschheit bezeichnet, als eine geschlossene Familie, die sich dann aufgeteilt hatte in Sippen, Stämmen, Nationen. Ihre Interessen und Bedürfnisse unterschieden sich und sie stritten untereinander. Dieser Grundsatz der Einheit wird von Gott mehrmals beschworen, so auch in der   Sure Yunus, 10:19: „Die Menschen waren einst nur eine einzige Gemeinschaft, dann aber wurde sie uneins. Und wäre nicht ein Wort von deinem Herrn vorausgegangen, wäre zwischen ihnen bereits über das, worüber sie uneins waren, entschieden worden.“

     Denken wir an die Heuchler noch zu Lebzeiten des Propheten.    Sure 3, Al- Imran: 166-167 sagt darüber: „Und was euch am Tage des Zusammenstoßes der beiden Scharen traf, das geschah mit Allahs Erlaubnis, und damit Er die Gläubigen erkennt und damit Er die Heuchler erkennt, zu denen gesprochen wurde: ‚Heran! Und kämpft auf Allahs Weg oder wehrt ab!‘ Sie aber sagten: ‚Wenn wir zu kämpfen gewusst hätten, wahrlich, wir wären euch gefolgt!‘ Sie waren an jenem Tag dem Unglauben näher als dem Glauben. Sie sagten mit ihrem Munde das, was nicht in ihrem Herzen lag. Und Allah weiß wohl, was sie verbergen.“ Es waren wohl 300 Männer, die sich mit einer Ausrede aus einem Kampf herausgehalten haben. Gott zeichnet darin aber auch ein Bild eines Gläubigen: Er ist voller Gottesehrfurcht, sucht nach Vollkommenheit und denkt an die Folgen seines Tuns.  

    Schon nach dem Tod des Propheten Muhammad wandten sich verschiedene Stämme wieder vom Islam ab. Die Zeitspanne zwischen der mehr oder weniger erzwungenen Übernahme eines neuen Religionsbewusstseins bis zum Tod Muhammads war einfach zu kurz, um es zu festigen. Vor allem waren sie noch zu sehr mit den Stammesgesetzen verwurzelt. Durch die Bezwingung der Stämme konnte durch Abu Bakr die Einheit der Muslime wiederhergestellt werden. Aber die Einigung setzte Gewalt voraus.

    Die endgültige Spaltung der islamischen Umma in Sunna und Schi‘a begann schon vor der Zeit der großen Fitna, des 1. innerislamischen Krieges 656 bis 661 während der Regierungszeit von Ali, ausgelöst durch die Ermordung des Kalifen Uthman.

    Gott hat sich an alle Menschen gewandt. Und wie viele Gruppen oder Gemeinschaften beziehen sich seither auf Gott, schreiben auf ihren Fahnen Allahu akbar – und töten dann in Seinem Namen. Sie erklären sich zu Richtern über die Menschen. Aber nur einer ist unser aller Richter über jeden einzelnen.

    Wie stellt sich eigentlich Gott die Menschen einer Gemeinschaft vor? Er teilt es uns in der Sure 23 ,Al-Mu`minun: 57-62 mit: „Jene, die aus Furcht vor ihrem Herrn Sorge tragen, und jede, die an die Zeichen ihres Herrn glauben, und jene, die ihrem Herrn nichts zur Seite stellen, und jene, die da spenden, was zu spenden ist, und jene, deren Herzen beben, weil sie zu ihrem Herrn zurückkehren werden, sie sind es, die sich bei guten Werken beeilen und ihnen darin voraus sind. Und Wir fordern von keiner Seele etwas über das hinaus, was sie zu leisten vermag.

   Gott lobt den Menschen und kann auch gleichzeitig mahnen, wie im Vers 2 der Sure Al-Hujurat: O ihr, die ihr glaubt, erhebt nicht eure Stimmen über die Stimme des Propheten und redet nicht so laut zu ihm, wie ihr zueinander redet, so dass eure Werke nicht eitel werden, ohne dass ihr es merkt.“

  Ich denke, Gott gibt sich nicht mit kleinen Verfehlungen ab, sondern die Wirkungen daraus sind Ihm wichtig: was lernt man aus diesen Verfehlungen, werden sie prägend oder folgen ihnen gute Taten und wie reagiert die Gemeinde.

    Unsere Gemeinde ist international, multikulturell, also mit den unterschiedlichsten Hintergründen, auch mit verschiedenen religiösen Erfahrungen, ganz im Gegenteil zu den meisten Moscheegemeinden, die ethnisch zusammengesetzt sind. Meist sind sie auch in das gleiche patriarchalische Gefüge ihres Heimatlandes eingebunden. Sie erlauben selten oder gar nicht eigene Gedanken.

Ja, mir fehlte in diesen Monaten die Gemeinsamkeit mit allen anderen meiner Gemeinde. Gerade jetzt zeigt es sich, wie gut eine Gemeinde aufgestellt ist. Wir nutzten alle Möglichkeiten, um in Kontakt zu bleiben. Ich glaube, mit noch größerem Enthusiasmus leisteten wir unsere Arbeit, freuten, lachten und amüsierten uns gemeinsam oder im Austausch von Mails. Ein Gemeinschaftsgefühl, die innere Verbundenheit hat sich gerade in den letzten Monaten gestärkt. Ich kann sagen, wir sind gerade in dieser Zeit richtig zusammengewachsen, unser Vertrauen zu jedem einzelnen hat sich gestärkt. Besonders, so empfinde ich, hat jeder seine eigene Persönlichkeit, seine Stärke wirksamer eingebracht. Wir sind als eine Gemeinde gewachsen.

Manaar

 

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