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Die Bedeutung der Barmherzigkeit Gottes

Marc-Olivier Jodoin
Marc-Olivier Jodoin

In der Sure Al-Baqara, Vers 186 steht: „Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich ihnen nahe und erhöre, wenn einer zu mir betet. Sie sollen nun auch ihrerseits, auf mich hören und an mich glauben. Vielleicht werden sie den rechten Weg einschlagen.“ Im Koran als Hauptquelle für alle Muslime beschreibt sich Gott an vielen Stellen selbst. Daher ist der Koran eine Richtschnur, um das eigene Gottesverständnis durch ein ständiges Nachdenken des eigenen Verhältnisses zu Gott immer wieder kritisch zu überprüfen.

Aber Gott warnt auch vor einem falschen Gottesverständnis, indem Er in der Sure Al-An’am, das Vieh, Vers 91 feststellt: „Denn kein wahres Verständnis von Gott haben sie, wenn sie sagen: Niemals hat Gott dem Menschen etwas offenbart.“

Was bedeutet überhaupt Barmherzigkeit?

Es ist ein Hadith überliefert: „Der Prophet Muhammad sagte: ‚Gott der Erhabene sagte: Ich bin Ar-Rahman, habe den Mutterlaib (rahim) erschaffen und habe ihm einen Namen aus meinem Namen gemacht.‘“ Dazu schrieb der iranische Prof. Abdoldjavad Falaturi, gestorben 1996 in Berlin, er war ein bedeutender islamischer Gelehrter im deutschsprachigen Raum und Vermittler zwischen Islam und Abendland: „Das Gott-Mensch-Verhältnis bekommt somit mütterliche Züge. Sein Verhältnis zu den Menschen ist somit nicht in seiner Allmacht, also seiner Stärke begründet, sondern mehr von der Rahma (Barmherzigkeit) bestimmt, die als oberstes Handlungsprinzip sogar dieser, seiner Allmacht in eine bestimmte Richtung weist.“

Damit wird die Barmherzigkeit Gottes nicht zu einem relativen Attribut, das von seinem Willen abhängt, d.h. Gott kann, wenn er will, mal barmherzig oder mal unbarmherzig sein, sondern zu einer absoluten Wesenseigenschaft Gottes, also Gott ist immer und zu allen barmherzig.

Zum Begriff für Barmherzigkeit:

rahma bedeutet etymologisch: Sanftheit im Herzen, Zuneigung und Mitgefühl und Güte. Die abgeleiteten Formen der Wurzel r-h-m haben zwei Nomina: ar-rahman und ar-rahim.

Beide Formen sind in der Basmala enthalten: „Im Namen Gottes, der Allbarmherzige, der Allerbarmer.“ Nun kann man sich fragen: Wenn beide Namen von der Barmherzigkeit abgeleitet sind, was ist dann die Bedeutung und der Charakter dieser Wiederholung? Die meisten Gelehrten gehen davon aus, dass beide keine Synonyme sind, beide haben also eine unterschiedliche Barmherzigkeit im Sinn. Ar-rahman bedeutet sprachlich: Derjenige, der unübertreffliche ‚rahma‘ besitzt, bezieht sich auf die Barmherzigkeit Gottes seiner gesamten Schöpfung gegenüber, ar-rahim bezieht sich auf seine Barmherzigkeit auf die Gläubigen. D.h. Gott als ar-rahman steht für Gläubige und Nichtgläubige, für die ganze Menschheit, sie ist also umfassender und hat demnach eine andere Qualität der Barmherzigkeit Gottes.

Aber was bedeutet dieser Unterschied genau? At-Tabari, ein einflussreicher iranische Wissenschaftler, Historiker und Kommentator des Qur’an des frühen 10 Jahrhunderts, gibt hier eine Antwort: Er meint: „Was die Gläubigen angeht, so bezieht sich die Barmherzigkeit Gottes als ar-rahim darauf, dass er ‚ihnen den Weg erleichtert hat‘ (arab. lattafa lahum), ihm zu gehorchen, an ihn und seine Propheten zu glauben, seinen Geboten zu folgen und seine Verbote zu vermeiden. Dazu kommt, was er an ewigen Lohn und klarem Gewinn im Jenseits für den, der an ihn geglaubt hat, vorbereitet hat.“ Ar-rahim bedeutet einfach gesagt: Gottes Gnade und Vergebung.

Dagegen bezieht sich ar-rahman darauf, was Gott allen Menschen, also Muslime und Nichtmuslime alles zur Verfügung stellt, was sie zum Leben brauchen. Das sind alle Formen der Versorgung, Wasser für alle Bewohner der Erde sowie für das Wachsen aller Pflanzen, für die ganze Natur; dazu sorgt er für die Gesundheit des Körpers und des Geistes. Als ar-rahman, der Allbarmherzige drückt Gott seine Bereitschaft und seinen Willen zur bedingungslosen und fürsorglichen Liebe zum Menschen aus. Ar-rahman ist absolut, es gibt keine Steigerung uns ist damit umfassender als ar-rahim.

Nach islamischem Gottesverständnis gehört die Rahma Gottes zum ersten Handlungsprinzip Gottes, weil sich der Mensch unbedingt darauf verlassen kann. Gott hat sich ja zur Barmherzigkeit verpflichtet. In Sure 6:54 steht: „Euer Herr hat sich zur Barmherzigkeit verpflichtet. Wenn einer von euch in Unwissenheit Böses tut und dann später umkehrt und sich bessert (findet er Gnade). Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben.”

Die Barmherzigkeit Gottes drückt sich durch die Erschaffung und der ewigen Erwählung des Menschen aus und seiner Beziehung zum ihm.

Wie z. B in Sure 50:16: „Wir erschufen den Menschen und wissen, was ihm sein Inneres zuflüstert.“

Oder 2:186: „Und wenn dich (Mohammad) meine Diener nach mir fragen, dann sage ihnen ’Ich bin nah und erfülle den Ruf der Rufenden.‘“

Gott nimmt nicht nur den Menschen in seine ewige Liebe und Barmherzigkeit auf.

Er offenbart sich ihm durch seine Barmherzigkeit, er macht sich dadurch für den Menschen begreifbar und zugänglich. Sie drückt sich auch in der Fürsorge für den Menschen aus. Der Mensch kann ihm Vertrauen entgegenbringen.

Das Attribut ar-rahim steht im Koran hauptsächlich im Zusammenhang mit der Vergebung von Sünden, den schlechten Taten, dem Verzeihen. Es ist also ein Tatattribut. Gott als ar-rahim handelt also als Vergeber für Gläubige, während Gott als ar-rahman in seiner absoluten Barmherzigkeit für alle Menschen da ist, es ist ein Wesensattribut Gottes. Gott als ar-rahim vergibt, wem er will und bestraft, wen er will

Überlieferungen zufolge sollte der Prophet Muhammad während der Schlacht bei Uhud und als er verwundet wurde, Gott angefleht haben, Er möge doch die Führer der Quraisch verfluchen, woraufhin dieser Vers gesandt wurde.

In Sure 3:129 steht: „Und Allahs ist, was in den Himmeln und was auf der Erde ist; Er verzeiht, wem Er will und bestraft, wen Er will, und Allah ist Allverzeihend und Barmherzig.“ Gott als ar-rahim kann also belohnen und bestrafen, er kann auch zornig sein; er kann die Gläubigen ins Paradies einladen oder mit der Hölle drohen.

Dagegen bringt Gott als ar-rahman andere Gesichtspunkte als die Tat der Vergebung zum Ausdruck.

Ar-rahman bedeutet, wie schon gesagt, bedingungslose Zuwendung Gottes jedem Menschen gegenüber. Die meisten Gelehrten meinen, dass die Beschreibung ar-rahman im vorislamischen Arabien nicht gebräuchlich war. Er wurde erst durch den Koran eingeführt und soll neben dem Namen Allah als sein Eigenname gelten und nicht als eine Eigenschaft. Darum steht er in der Basmala an zweiter Stelle: bi-smi llahi-r-rahmani-r-rahim. In der mekkanischen Sure 67, al-Mulk- Die Herrschaft wird der Name ar-rahman bzw. ein Hinweis auf ihn acht Mal erwähnt. Man kann vermuten, dass dieser Name den neuen Muslimen eingeprägt werden sollte. Diese Sure gehört in die zweite mekkanische Periode (615–620). Sie preist Gott als Inhaber der Herrschaft über alle Welten, als Schöpfer von Tod und Leben, Himmel, Hölle und Erde, als Ursprung des Lebensunterhalts, der Auferstehung und des Gerichtes. Der Schlussvers:

قُلْ أَرَءَيْتُمْ إِنْ أَصْبَحَ مَآؤُكُمْ غَوْرًا فَمَن يَأْتِيكُم بِمَآءٍ مَّعِينٍۭ

Was meint ihr, wenn euer Wasser versiegen sollte, wer (außer Gott) könnte euch sprudelndes Wasser bringen?“ bezieht sich höchstwahrscheinlich auf den Zamzam – Brunnen in Mekka. Muhammad Asad schreibt über diese Sure: Die Grundidee, welche die gesamte Sure durchzieht, ist die Unfähigkeit des Menschen, jemals die Geheimnisse des Universums mit seinem erdgebundenen Wissen zu erfassen und daher seine völlige Abhängigkeit von Rechtleitung durch göttliche Offenbarung. Dieser letzte Vers in der Sure lässt mich immer wieder nachdenken, denn er hat eine gleichnishafte Bedeutung: Wasser ist ein unverzichtbares Element für die ganze Natur. So wie das Wasser fließt, so ist ein fortwährendes Fließen moralischen Bewusstseins und Wissens eine unentbehrliche Voraussetzung für alles spirituelle Leben und Stabilität. Wer, außer Gott könnte den Menschen befähigen, dieses Bewusstsein nicht versiegen zu lassen? Und das geschieht durch Gottes Barmherzigkeit als ar-rahman.

Die ersten Verse der Sure 55, „Der Allbarmherzige“ drückt aus, dass Gott sich durch bedingungslose Barmherzigkeit für die Schöpfung des Menschen entschieden hat. Gott lässt durch den Koran sagen: „Es ist der Allbarmherzige (ar-rahman), der den Menschen den Koran gelehrt hat, der den Menschen erschaffen hat.“ Das heißt also: Gott als der ar-rahman, als der Allbarmherzige hat den Menschen geschaffen. Das Erschaffen des Menschen geht auf das Tätigsein, auf sein Wirken der allmächtigen Barmherzigkeit zurück. Das heißt, die Barmherzigkeit war schon vorhanden, sie wurde nicht erst erschaffen.

Aber Gott hat sich mit seiner Barmherzigkeit für die Erschaffung des Menschen als Höhepunkt seiner Schöpfung entschieden. Und durch die Wahl der Menschen bekundet die Barmherzigkeit Gottes seine Beziehung und seine Nähe zu ihnen aus. Das stellt besonders der Vers16 in Sure 50 heraus: „Wir haben doch seinerzeit den Menschen geschaffen. Und Wir wissen, was er sich selber (an bösen Gedanken) einflüstert, und sind ihm näher als die Halsschlagader.“

Die Sure 15:29 setzt fort: „Wenn Ich ihn (Adam) dann geformt und ihm Geist von mir eingeblasen habe, dann fallt (die Engel) (voller Ehrfurcht) vor ihm nieder.“

Erst durch das Einhauchen des göttlichen Geistes kann diese Beziehung zwischen Gott und dem Menschen erst möglich gemacht werden. Khorchide sagt dazu: „Dieser göttliche Geist im Menschen verbindet das Unbedingte mit dem Bedingten.“

Gott öffnet sich dem Menschen mit seiner Barmherzigkeit, indem er Propheten mit ihren Schriften schickt. Aus dem Grund bezeichnet Gott auch den Propheten Muhammad als eine Barmherzigkeit. In der Sure 21:107 lesen wir: „Und Wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für alle Welten.“

Khorchide sagt dazu: „Für die Rechtleitung bietet Gott Möglichkeiten der direkten Kommunikation mit ihm, wie das Gebet und verkündet Geboten und Verbote. Damit zeigt er seinen Willen sowohl für die Glückseligkeit des Menschen im Dies- und Jenseits als auch für die Beziehung zum Menschen. Er macht sich dadurch zugänglich und erkennbar, aber auch im Herzen erfahrbar. Der Mensch kann dieses Angebot in Freiheit annehmen. Er lädt den Menschen durch seine Fürsorge zum Vertrauen zu ihm ein. Die Barmherzigkeit lädt aber auch zur Dankbarkeit und Verantwortungsbewusstsein ein.“

Zusammengefasst: Gotts Barmherzigkeit ist eine Form seiner Liebe zum Menschen. Die Liebe Gottes zum Menschen gründet in seinem ewigen Plan, den Menschen nicht nur zu erschaffen, sondern darüber hinaus sich selbst ihm zu offenbaren und ihn zu seiner Gemeinschaft einzuladen. Der Mensch muss dieses aber in freier Hingabe annehmen. Hingabe an Gott, im Sinne einer Zusage an Gottes Liebe und Barmherzigkeit, das bedeutet ‚Islam‘.

Gott spricht oft im Koran die Gläubigen an wie z. B. in Sure 8:2: „Die Gläubigen sind ja diejenigen, deren Herzen sich vor Ehrfurcht regen, wenn Allahs gedacht wird, und die, wenn ihnen Seine Zeichen verlesen werden, es ihren Glauben mehrt, und die sich auf ihren Herrn verlassen.“ Er sagt nicht: Die schiitischen oder die sunnitischen oder die wahhabitischen Gläubigen… Gott wendet sich an die Gläubigen, nicht eine Richtung des Islam ist gefragt, sondern das Herz und die Taten eines Gläubigen zählt, die ihren Platz dann im Paradies finden.

Und mit der Sure 42: 28 „Die Beratung“ möchte ich schließen:

Und Er ist es, der, nachdem sie schon alle Hoffnungen aufgegeben haben, reichlichen Regen vom Himmel herabkommen und ihnen seine Barmherzigkeit zukommen lässt. Er ist der einzig wahre Freund und des Lobes würdig.“

Manaar

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