24.09.2021

Die Freiheit des Menschen, die Unwürdigkeit der Frau

Mein heutiges Thema lautet Freiheit. Es könnte auch heißen: die Würde der Frau oder Unwürdigkeit, oder Gleichheit oder Ungleichheit der Frau. Aber egal wie das Thema heißt, es spricht über die Stellung der Frau. Mich interessiert dabei, wie es eigentlich weltweit zur Nichtachtung der Frauen kommen konnte.

Unter Freiheit verstehe ich Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Würde, Selbständigkeit. Die Freiheit eines Kollektivs oder Land umschließt rechtliche, soziale und politische Angelegenheiten. Das Handeln einer Person gilt dann als frei, wenn es dem Willen dieser Person entspricht. Als Schlüssel zur inneren Freiheit versteht man heute vor allem Erziehung und Bildung.

Persönliche Freiheit bedeutet für mich, dass ich in meinen Handlungen nicht durch andere Gegebenheiten oder auch Personen eingeschränkt werde, stattdessen nach freiem Willen handeln und somit über mich selbst bestimmen kann.

Auf den Fahnen während der Französischen Revolution stand geschrieben: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das heißt: Ohne Freiheit gibt es keine Gleichheit oder Brüderlichkeit, keine Selbstverantwortung und Selbstbestimmung über sich, keine Würde eines jeden Menschen. Die Menschen damals, und das gilt bis heute, wollten frei sein von aller Beherrschung durch   jemanden, keine Knechtschaft, kein Unterdrückt sein des eigenen Willens durch einen anderen Willen und dabei auch gerecht und verantwortlich sein für sein eigenes Handeln. 

Das Wort Freiheit umschließt für mich, wie gerade gesagt, auch das Wort Verantwortung. Verantwortung übernehmen, um Frieden zu erhalten, ja, ich stehe in Verantwortung als Mitglied dieser Gemeinde, d.h. ein humanistisches und gleichzeitig ein gottgefälliges Leben zu praktizieren. 

Freiheit bedeutet auch Souveränität, im Koran ausgedrückt durch die Wörter: hukm – Rechtskraft, Entscheidung, Beschluss; mulk – Besitz, amr – Aufforderung, Anweisungen, Befehl. Aber all diese Wörter stehen auch für Herrschaft und Entscheidungsgewalt. Sie verweisen im Koran auf Gottes Entscheidungsgewalt. Aber ebenso gesteht der Koran auch dem Menschen Entscheidungsgewalt zu, unter der Voraussetzung, dass der Mensch sie in Gottes Sinne anwendet, also selbstbestimmend und selbstverwirklichend, gerecht in seinen Handlungen zu jedermann, geleitet durch die Offenbarungen Gottes. Aber ist es wirklich bei jedem so?

Der Koran nimmt deutlich Stellung dazu wie z. B. in Sure ‚al-Baqara‘, Vers 213: „Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann entsandte Allah die Propheten als Bringer froher Botschaften und als Warner. Er offenbarte ihnen das Buch mit der Wahrheit, um zwischen den Menschen zu richten über das, worüber sie uneins waren. Uneins waren aber nur jene, denen es gegeben wurde, nachdem klare Beweise zu ihnen gekommen waren, aus Missgunst untereinander. Doch Allah leitet mit Seiner Erlaubnis diejenigen zur Wahrheit, die gläubig sind, über die sie uneins waren. Und Allah leitet, wen Er will, auf einen geraden Weg.“ 

Der Mensch, egal ob Prophet oder einfacher Mensch, hat immer seine eigene Entscheidungsbefugnis, sie an den göttlichen Weisungen zu messen, die er den jeweiligen Schriften entnehmen kann und an dem Grundsatz der Gerechtigkeit allen gegenüber. 

Die Herrschaftsmacht und -gewalt des Menschen zur Ausübung einer politischen Herrschergewalt, sei es auch nur innerhalb einer Familie, ist ein Ausdruck von Missachtung, aber keine Ehrbezeugung gegenüber Gott. Gott hat ja den Menschen eine Aufgabe gestellt, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegenüber Gottes Schöpfung inclusive Menschen zu üben. Ein Inhaber dieser von Gott gegebenen Macht ist nicht Eigentümer der Macht, sondern deren Treuhänder und Beauftragte. So ist es auch im Kleinen, innerhalb der Familie. 

In einem Brief an die Römer legimitierte Paulus Gehorsamkeit dem Herrscher gegenüber, selbst, wenn er ein Tyrann wäre. Das wurde von den umajjadischen Kalifen zur Legimitierung ihres Sultanats verwendet und sogar festgeschrieben. Der Koran sagt aber genau das Gegenteil: In Sure 4 an-Nisa:75: „Und was ist mit euch, dass ihr nicht für Allas Sache kämpft und für die der Schwachen – Männer, Frauen, Kinder -, die sagen: ‚Unser Herr, führe uns heraus aus dieser Stadt, deren Bewohner ungerecht sind, und gib uns von Dir einen Beschützer, und gib uns von Dir einen Helfer.‘“

Wie kam es zur Unterdrückung, und Ungleichheit und Würdelosigkeit der Frauen im Islam?

Während Jesus die Frauen an seine Seite stellte, schrieb Paulus: „In allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen, denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber wurde verführt und übertrat das Gebot.“ 

Man nimmt an, dass solche und ähnliche Verse nach Paulus Tod in seine Briefe hineingeschrieben wurden. Trotzdem wird Paulus damit zum Auslöser eines religiös-geschichtlichen Dramas über den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Christus, angelehnt an Adam und den Verlust der Unsterblichkeit der Menschen und die Entstehung der Ursünde, nur durch den Tod von Jesus getilgt.

Im Laufe der Zeit entstand eine patriarchale Allianz für eine lange Zeit durch ein Bündnis von kirchliche und weltliche Herrschern, die Vorspiegelung einer Welt, in der ein Geschlecht das andere dominiert und soziale Ungleichheit als Normalzustand erscheint. Es ist allerdings keine Frage, dass auch großartige Kultur und Kunst geschaffen wurde und es gab auch Freiräume für Frauen und ihre Leistungen in einer ihr lebensfremden Zivilisation, dennoch wurde die ewig gleiche Botschaft in jeglicher Facette weitergetragen, dass die Frauen schwach sind, ständig gefährdet durch das Böse. Sie brauchen einfach die starke Hand eines Beschützers. Auch die Französische Revolution brachte nicht die ersehnte Freiheit, aber es begann ein Umdenken, die Frauen traten aus ihrem Hintergrund hervor. 

Erinnert euch an den Vers aus der 2. Sure: „Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft…“ Eine einzige Gemeinschaft – das bedeutet Gleichheit und Akzeptanz von Männern und Frauen, sie standen auf gleicher Stufe.

Die neue Religion, der Islam, verbesserte die gesellschaftliche Stellung der Frauen zunächst erheblich. Nach dem Tod des Propheten kamen aber nach und nach die vorislamischen Gebräuche der Araber wieder zum Tragen. Die Erhöhung der Macht eines Einzelnen und seiner Familie wurde im Namen der Religion wieder fest verankert. Verse des Korans wurden in ihrem Sinne erklärt, frauenfeindliche Aussagen durch treue orthodoxe Gelehrte hineininterpretiert und damit entstellt und fanden Eingang in festgeschriebene Grundsatzurteile. Diese Rechtsurteile fanden bald ihren Weg in die Tradition der ungleichen Erziehung und gelten bis heute. Der Junge erlernt schnell seine gehobene Stellung und das Mädchen – dass es nichts zu sagen hat und in der Obhut vom Vater auf den Mann weitergereicht wird.

Die 4. Sure des Korans heißt bemerkenswerterweise „Die Frauen- An-Nisa‘“. Schon der 1. Vers hat es in sich: da heißt es nach Muhammad Assad: „O Menschheit! Seid euch eures Herrn bewusst, der euch aus einer einzigen lebenden Wesenheit erschaffen hat und aus ihr Partnerschaft erschuf und aus den beiden eine Vielzahl von Männern und Frauen entstand.“ Aus einem einzigen Wesen, das heißt für mich gleichwertige Wesen, keiner ist dem anderen unterstellt. 

So interpretierte man bald diesen Vers sinnentstellt und benutzte dazu die Thora mit den Worten, die Frau würde ja aus der Rippe Adams geschaffen worden sein, sie sei darum gebeugt in ihrem Wesen. Kommt das uns nicht auch aus dem christlichen Spektrum bekannt vor? 

Nun kann man erklären, dass die Frau nur ein Anhängsel des Mannes sei, also nicht gleichgestellt mit ihm. Und so darf man sie schlagen oder bestimmen, was sie tun darf oder nicht, wie sie z.B. gekleidet ist. 

Nirgends steht im Koran, dass die Frauen ihre Haare zu verhüllen haben. Archaische, althergebrachte Sitten und Gebräuche hat man dazu benutzt, um das Gebot zur Verhüllung zu instrumentieren. 

Die traditionelle islamische Rechtswissenschaft beurteilt zwei Gruppen von Frauen, einmal die Sklavinnen und die freien Frauen. Natürlich gerät sie gerät dadurch in eine Zwickmühle: einmal verbietet man den Sklavinnen, nicht einmal im Gebet ihre Haare zu bedecken. Warum sollten dann die freien Frauen ihr Haupt verhüllen? Hat der Islam ein Kastensystem für Frauen eingerichtet? Und hat Gott, der immer wieder die Gleichheit seiner Diener betont, also auch aller Frauen, sich an seine Gebote zu halten.  In wessen Namen also sind die einen zur Verhüllung verdammt und die anderen nicht? 

Kein klares Gebot lässt sich zur Bescheinigung der Formen der Verschleierung benutzen, wie sie noch heute besonders im arabisch-persischen Kulturkreis als politisches System praktiziert wird. Die Kopfbedeckung gilt als Zeichen für eine soziale Stellung und hat nichts mit dem Koran zu tun, es ist lediglich ein uraltes Relikt aus vorislamischer persischer Zeit. Frauen ohne Kopfbedeckung gehörten damals zum Status der Unfreien, zur Unterscheidung der freien Frauen. Auch das Verhüllungsgebot in Sure 24 ‚An-Nur, das Licht‘ bezieht sich nicht auf das Haupt, sondern auf die Bedeckung der Brust und lässt sich nicht auf die Bedeckung des Kopfes ableiten. Hier sind die beiden Verse 30 und 31 der Sure und was sie zu sagen haben: „Und sprich zu den gläubigen Männern, dass sie ihre Blicke zu Boden senken und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist dessen, was sie tun, recht wohl kundig. Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke zu Boden senken und ihre Keuschheit wahren und ihren Schmuck nicht zur Schau tragen sollen, bis auf das, was davon sichtbar sein darf, und dass sie ihre Tücher um ihre Kleidungsausschnitte schlagen und ihren Schmuck vor niemand anderem enthüllen sollen als vor ihren Gatten oder Vätern oder den Vätern ihrer Gatten…“   Der Ausdruck … ‚bis auf das, was sichtbar sein darf‘, ist eine selbständige Entscheidung einer landläufigen Sitte. Da steht nichts von der Bedeckung der Frau oder Bedeckung der Haare. Es ist nur Ausdruck einer überkommenden Kultur, an der bis heute festgehalten wird. Wenn Gott gewollt hätte, dass die Frauen sich bedecken sollten, dann hätte er es den Frauen auch mitgeteilt.

Es sollte die Freiheit der Frau sein, wie sie sich im Rahmen der Tradition kleiden möchte, ohne Druck und Vorschriften.

Diese beiden Beispiele solltes für heute reichen. In einer nächsten Predigt werde ich intensiver auf die Diskrepanz zwischen Gottes Geboten und der praktizierten Wirklichkeit eingehen. 

Heute befinden wir uns hier in einer hochentwickelten Gesellschaft mit humanistischen Gesetzen, in der Freiheit eine große Bedeutung innehat. Aber es gibt noch viel zu tun, um auch freiheitlich in der Religion, ob Mann oder Frau, mit Kopftuch oder ohne, leben zu können. Beide bedingen sich gegenseitig. Sollten sie da nicht auch gleichwertig und gleichbestimmend sein?

Manaar

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