10.09.2021

Der Feigenbaum, Sure 95

Leider stelle ich immer wieder fest, dass etliche Muslime oft nur ein Halbwissen über den Koran besitzen. Sie lesen den Text, dringen aber nicht tiefer in die Bedeutung des Textes ein.  Und so wird es auch noch verbreitet. Ich bekam einmal eine Email: Ein früherer Freund schrieb mir:

„Toha Ibrahim, Leiter der Fakultät für Heilpflanzen und Kräuter an der Al-Azhar-Universität, sagt: Eine Gruppe japanischer Wissenschaftler führte ein Experiment durch, um die Weisheit von Surat al-Tiyn zu untersuchen. Allah schwört im Koran: ‚Bei der Feige und bei der Olive‘.Während der gesamten Sure sagte Gott, dass er den Menschen in der schönsten Form geschaffen habe. Die meisten von uns sind sich der Vorteile des Verzehrs von Feigen und Oliven nicht bewusst. Es hat für den menschlichen Körper viel mehr Vorteile, diese beiden Früchte zusammen zu essen, als sie getrennt zu essen.“ Mein Bekannter meinte noch: „Ich interessiere mich für den Islam. Benutze du mal die Vorteile von Oliven und Feigen in deinem Kreis. Recherchiere selbst über die beiden.“

Ich konnte nur den Kopf schütteln und meine Antwort ist diese Predigt. Aber zuerst möchte ich die Sure vortragen:

Sure At-Tin
Im Namen Allahs,
des Allerbarmers, des Barmherzigen
Beim Feigenbaum und beim Ölbaum [95:1]
und beim Berge Sinai [95:2]
und bei dieser sicheren Ortschaft! [95:3]
Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen. [95:4]
Alsdann haben Wir ihn in die niedrigste Tiefe zurückgebracht, [95:5]
ausgenommen (davon) sind diejenigen, die glauben und Gutes tun; ihnen wird ein unverkürzter Lohn zuteil sein. [95:6]
Und was veranlasst dich hernach, die Religion zu leugnen? [95:7]
Ist nicht Allah der gerechteste Richter? [95:8]

Gewiss, diese beiden Fruchtbäume preist Gott, weil sie für uns wichtig sind, wie viele andere Früchte. Die Ernährungswissenschaftler haben bis heute zunehmend viele nützliche und gesundheitliche Eigenschaften von Nahrungsmitteln entdeckt. Im Koran gibt es einige Surennamen, die sich auf Dinge oder Lebewesen beziehen, die etwas mit der Ernährung zu tun haben wie zu. B. die Suren Al-Baqara- die Kuh, Al-Nahl – Die Biene, als ein Zeichen von Gottes Sorge um den Menschen.

Aber dieser Schwur auf Fruchtbäume muss doch noch einen viel tieferen Sinn haben, genauso wie die Erwähnung der beiden Ortschaften.

Diese Sure aus der frühmekkanischen Zeit überspannt einen Bogen mit den Themen der Schöpfung und Offenbarung, also vom Anfang bis zum aller Ende und aller Zeiten mit der Thematik des Gerichts, und damit auch die Zeit des Menschen. 

Ein Schwur, und dann noch von Gott mit diesem Spannungsbogen, das ist schon etwas Besonderes, etwas höchst Wichtiges und nicht zurücknehmbar, auch nicht von Gott. Und dieser Schwur bezieht sich sogar gleich auf 2 Paaren: einmal auf Fruchtbäume, die hier die Natur darstellen als sein Schöpfertum und zwei wichtige Ortschaften auf der arabischen Halbinsel als Bezug auf die Menschen. 

Das erste Paar – der Feigen- und Olivenbaum – fungiert als „Zeichen gottgeschenkter Fülle“, wie sich die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth äußert, die im übertragenen Sinn für Gottes Schöpfertätigkeit und seine andauernde Sicherung menschlichen Lebensunterhalts steht. Beide Arten stammen nicht von der Arabischen Halbinsel, sind aber dort schon lange heimisch geworden. 

Der Feigenbaum symbolisiert Frieden, Beständigkeit und Treue und der Olivenbaum steht für Leben mit dem Symbol für Liebe. Für mich stehen sie als Symbol der Liebe und Frieden zwischen Gott und dem Menschen – ein hoher Anspruch! Und damit steht Gott mit diesem Teilschwur in der Pflicht zu seiner Schöpfung. Und ein hoher Anspruch auch für mich, denn ich nehme seinen Schwur ja auch an und mit ihm auch Seine Liebe und Frieden.

Der Koran nennt zwei heilige Ortschaften, den auf die biblische Tradition verweisenden Berg Sinai im Heiligen Land und den als „dieser sichere Ort“ bezeichneten mekkanischen ḥaram, der Kaaba, höchstwahrscheinlich von Abraham und seinem Sohn Ismael als Wallfahrtsstätte errichtet. Bemerkenswert ist, dass es sich dabei um die einzige Erwähnung eines biblischen Ortnamens innerhalb der frühmekkanischen Suren handelt. Dieser Vers gilt damit als die früheste koranische Bezugnahme auf die vorzeitlichen, religiösen Traditionen. 

Stellvertretend für die Natur repräsentieren die beiden Pflanzenarten und die Orte nicht nur das große Thema der Schöpfung, sondern auch den zentralen Schauplatz früherer göttlicher Offenbarungen: das Heilige Land, den Sinai und Mekka, dem Wirkungskreis der Propheten.

 Nach der Einleitung der Sure durch den starken Schwur verpflichtet sich Gott im 4. Vers zur Fürsorge für den Menschen in seiner Schöpfung. Was meint ihr, was der Vers bedeutet? „Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen.“ 

Damit steht der Mensch im Fokus, im Mittelpunkt seiner Schöpfung und wird namentlich benannt. Seine Fürsorge zeigt sich insbesondere darin, dass er jeden einzelnen Menschen in ganz besonderer Weise erschafft, nämlich in bester Form, von der Befruchtung im Mutterleib bis zu seinem Tod. 

In bester Form, das könnte bedeuten, dass Gott den Menschen mit positiven Eigenschaften versieht, die er für ein erfülltes und wahrhaftiges Leben benötigt. Das heißt, ungeachtet seiner natürlichen Vorzüge versieht Gott ihn mit der Fähigkeit, den für ihn bestmöglichen Gebrauch seiner ihm gegebenen Eigenschaften zu machen.

Gott will damit zeigen, dass er den Menschen auch in bester Weise begleitet, ob der Mensch an ihn glaubt oder nicht, ob er jung ist oder gebrechlich, sozusagen sein Leben lang. 

Dennoch überantwortet Gott im 5. Vers den Menschen in die niedrigste Tiefe: „Alsdann haben Wir ihn in die niedrigste Tiefe zurückgebracht“. Das könnte die Zeit des Alterns und der Gebrechlichkeit bedeuten, aber auch das Hinabsetzen infolge seines eigenen negativen Handelns, die Nichtbeachtung der Nutzung seiner ursprünglichen positiven Vorzüge, denn der nächste Vers zeigt schon eine Beziehung auf das kommende Jüngste Gericht an, auf die Vorstellung für ein Leben nach dem Tod, dem Lohn für den Glauben an Gott und für richtiges Handeln, das Paradies: „ausgenommen (davon) sind diejenigen, die glauben und Gutes tun; ihnen wird ein unverkürzter Lohn zuteil sein.“

Die Verse 4-6 zeigen also auf: Gott begleitet den Menschen mit göttlicher Fürsorge, aber auch mit Strenge. Und Gott stellt das Ziel in Aussicht, so wie der Mensch gehandelt hat. Warum sollte man dann als Ergebnis nicht an Gott glauben und an seine Religion? Denn diese Frage stellt jetzt mit dem 7. Vers Gott dem Menschen: „Und was veranlasst dich hernach, die Religion zu leugnen?“, um dann festzustellen: „Ist nicht Allah der gerechteste Richter? Das heißt für jeden von uns: ‚Du bekommst das, was du erarbeitet hast.‘ 

Gott könnte vielleicht den einen Menschen am Gerichtstag so ansprechen: „Habe ich dir nicht ein gutes Startkapital auf deinen Weg mitgegeben und wie hast du es genutzt für dich und deine Mitmenschen und willst du mich bestreiten? Nun bin ich dein Richter über das Gute und das Schlechte!“

Ich denke, die Aussage über die kontinuierliche Richtung der Fürsorge Gottes für den Menschen bis zu seiner zukünftigen Rechenschaftslegung stand damals nicht nur für die Bewohner Mekkas, sondern gilt für alle Bewohner der Erde und aller Zeiten. 

Aber in dieser Sure steckt noch viel mehr. Es klingen dort schon viele kommende Bedeutungen späterer Suren an: Gott ist der Schöpfer und der Mensch sein Geschöpf. Dieser nimmt bei Gott einen hohen Rang ein, denn Gott macht ihn zu seinem Stellvertreter auf Erden. 

Das sind starke Verpflichtungen und Verantwortung, die er dem Menschen auferlegt hat und deshalb wurde der Mensch in idealer Gestalt, also in bester Form erschaffen und mit den besten Weisungen und Belehrungen Gottes versehen. Am Ende rechnet Gott mit jedem Menschen in seiner Verantwortlichkeit ab und jeder muss für seine Handlungen, mit seiner Rolle als Mensch und was er mit seinem Leben getan hat, ob Muslim, Christ, Jude, Andersgläubiger oder Nichtgläubiger, geradestehen. Ich denke, jeder von uns hat eine Aufgabe erhalten. So auch ich und ich versuche sie so gut wie es mir möglich ist zu erfüllen.

Es kommt also nicht darauf an, ob man beide Früchte, Olive und Feige, zusammen zu sich nimmt oder nur einzeln. Im Magen kommt sowieso alles zusammen. Die Ausrichtung seines Lebensverlaufs ist wichtig. 

Es mag schon sein, dass beide Fruchtarten zusammen einen starken Power in der Ernährung abgeben, aber hier stehen sie stellvertretend für den Erschaffungsprozess als Grundlage und Ernährung für den in bester Form gestalteten Menschen.

Gott schwört in seiner Fürsorge und Liebe dem Menschen, ihn auf bester und schönster Art und Weise auszustatten und zu begleiten. 

Diese Sure ist ein kurzer Blick in die ganze Schöpfung und in das Schaffen Gottes, in der der Mensch seine Rolle auszuführen hat. Am Ende muss er für sein gelebtes Leben einstehen.

„In bester Form“ – oder „in schönster Weise“!

Es ist ein wunderbarer Gedanke, mit welch schönen Dingen Gott jeden von uns ausgestattet hat, so dass auch jeder von uns einzigartig ist. Welches Interessante, welche Talente, Charaktereigenschaften schlummern so in uns, vielleicht ohne es überhaupt zu ahnen. 

Und das macht erst unsere Gemeinschaft zu einer gut funktionierenden Gemeinschaft, wir ergänzen uns einfach mit unseren schönen Werten. Gott bringt damit vieles Gutes und Schönes in uns auf den Punkt.

Manaar

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