19.03.2021

Die Philosophie einer Teetasse

Vor wem müssen wir uns verantworten?

Reicht es, einfach nur da zu sein, und nichts zu tun, oder müssen wir uns Gottes Liebe durch Taten erarbeiten?

Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu

Ich begrüße euch zum heutigen Freitagsgebet.
Ich bin aufgestanden und angezogen, was wollt ihr denn noch mehr? Man könnte sagen, die heutige Khutba ist über eine Tasse.
Man könnte auch vorsichtshalber sagen, sie sei über Taqwa, aber eigentlich ist sie vielleicht über den Verlauf des Lebens und die damit einhergehenden Veränderungen.

Assalamu alaikum, wa rahmatullah, wa barakatuhu.

Friede sei auf euch und die Gnade Gottes und Gottes Segen. (Die Fatiha und dann evtl. noch eine Sure rezitieren) Friede sei mit euch, und die Gnade Gottes, und Gottes Segen… Zu meinem ganz persönlichen Segen gehört mein Morgentee.
Egal, wie knapp die Zeit mal wieder ist, vor der Arbeit will ich nochmal fünf Minuten in mich kehren. Oft trinke ich ihn aus einer meiner Lieblingstassen, ein weißblauer, bauchiger Mug, auf dem geschrieben steht: Ich bin aufgestanden und angezogen – was wollt ihr denn noch mehr? Und anstatt in Ruhe meinen Tee zu genießen, muss die Bürgerin des Volkes der Dichter und Denker jedes Mal aufs Neue darüber nachdenken, was da steht, auf dieser Tasse, und ob der Spruch wohl einen Imperativ enthielte, einen Befehl also, den ich möglicherweise zu befolgen hätte. Wenn ich ganz ehrlich bin: Es ist gar nicht meine eigene Tasse, sondern sie gehört meiner Tochter, war ein Geschenk, als sie noch ein Teenager war. Und das ist auch gut so; denn genau da kann sich so ein nett-frecher Spruch gut verorten.

Als ich Teenager war, fand ich, man habe mich gefälligst zu lieben wie ich bin. Schon das Aufstehen und Anziehen war ein Kompromiss. Schließlich hatte ich mir nicht ausgesucht, auf die Welt zu kommen, sondern war von meinen Eltern hierher beordert worden. Die sollten jetzt sehen, wie sie mit mir klar kamen. Ich bin aufgestanden und angezogen. Was wollt ihr denn noch mehr?
Unverschämt, wer noch mehr gewollt hätte, schwer genug, schulische Leistungen zu erbringen. Und selbst da habe ich zeitweise rundum versagt. Nicht mal die Rede, die wir im Deutschunterricht der elften Klasse selbst schreiben und vortragen mussten, konnte ich halten. Damals erklärte man mir, ich würde nie eine gute Rednerin werden, das sei ja wohl klar. Doch egal, was man tut, als Teenager jedenfalls möchte man geliebt werden, und empfindet es als ein Recht. Währenddessen verhält man sich nach allen Kräften so, dass dies den Anderen möglichst schwer fällt.
Die Erwachsenen sollen schon auch mal ein bisschen gefordert werden nach 16 Jahren freundlichen Kümmerns.
Ich war kein netter Teenager, jedenfalls nicht zu meinen Eltern; und meine eigenen Kinder haben mich in ihrer Teenager Zeit so irritiert, dass schonmal die Tassen an die Wand flogen. Ich bin aufgestanden und angezogen. Was wollt ihr denn noch mehr?
Was wollen wir Erwachsenen denn mehr? Irgendwie wollen wir nichts. Wir wollen nichts, außer… außer nämlich, dass sich unser Kind doch bitte vernünftig verhält – und damit haben wir aus dem Nichts, ein Alles gemacht. Wir wollen alles, nur eben, ohne es sagen zu müssen. Wir wollen, dass das Kind keine schädlichen Substanzen konsumiert, wollen, dass es in der Schule gut aufpasst und nach der Schule brav die Hausaufgaben macht, dass es unaufgefordert fröhlich im Haushalt hilft, dass es auch am Morgen vor der Matheklausur freundlich guten Morgen sagt, dass es hübsch und nett aussieht und so vieles, vieles mehr.

Alles wollen wir , doch zugleich nichts – denn was wir wollen, sehen wir als Selbstverständlichkeiten an, als das, was logischerweise jede Mutter, jeder Vater, vom eigenen Kind erwarten würde, weil das Leben eben so funktioniert und nicht anders, weil unsere Gesellschaft eben solche Menschen braucht und nicht andere. Die Jugendlichen leiden jetzt sehr, in dieser Zeit, denn die Frage „Was wollt ihr noch mehr?“ bezieht sich auf die Eltern und nicht auf die Freunde. Die Freunde bekommen so gut wie alles, freimütig und mit Lust, aber wegen Corona sitzen die Freunde in ihren Familien und vermissen ihre Peer Groups, die für Teenager wichtiger sind als Mutter und Vater, wichtiger als ein aufgeräumtes Zimmer, oder gar ein Schulabschluss. Und ausgerechnet diese Peergroup kann man nicht treffen. Was auch immer die wollen würden, man würde es jetzt gerne mit ihnen tun. Stattdessen sitzt man mit den Eltern im Wohnzimmer und starrt in den Fernseher. Manche zeichnen gerne, manche lieben Lesen, andere rennen im Haus die Treppen hoch und runter, um sich fit zu halten.
Die meisten werden viel zu viele Stunden zocken.
Ja, für Teenager ist diese Tasse genau richtig.
Sie entspricht dem Lebensgefühl, oder der Philosophie, schon mit den absoluten Basics alles ordnungsgemäß ausgeführt zu haben. Aber wer da derzeit aus der Tasse trinkt, ist kein Teenager. Schon lange nicht mehr.

Wenn ich als Erwachsene Frau aus der Tasse trinke, frage ich mich:

wer ist das, ihr?
Was wollt ihr denn noch mehr – wer denn bitte?
Wer ist es eigentlich, der von uns etwas will, vor dem wir uns zu verantworten haben?
Für wen stehen wir auf, ziehen uns an und denken dann auch noch darüber nach, was nun noch von uns erwartet wird?

In manchen Zeiten unseres Lebens ist das nicht schwer zu übersehen. Wir wissen, wer es ist, der Erwartungen an uns stellt. Die Erwartungen sind ganz einfach zu erkennen und doch schwer auszuführen. Das passiert, wenn das Leben ganz voll ist. In den Zeiten der jungen Elternschaft zum Beispiel, da macht man sich vielleicht recht wenig Gedanken darüber, was von einem erwartet werden könnte, weil die Erwartungen in Form voller Windeln und hungriger Schreihälschen sehr deutlich an uns herangetragen werden und wir unter Strafandrohung eines wunden Kinderpopos nicht um Aufschub bitten können. Die Erwartungen sind klar, genau wie der Zeitpunkt, an dem wir sie zu erfüllen haben. Vielleicht haben wir einen anstrengenden Beruf oder wir haben Kinder, manche beides, es gibt solche Zeiten im Leben. Erwartungen sind in vollen Zeiten für viele Menschen deutlich, und wer sich in solchen Momenten wünscht, noch mehr zu tun, weil auch noch etwas Anderes interessant sein könnte, scheitert oft schon daran, den Gedanken nicht weiter als bis zum Prädikat formulieren zu können, weil da schon wieder jemand aufs Töpfchen muss oder der Duplostein klemmt.

Das Prädikat steht im deutschen Hauptsatz übrigens meist an zweiter Stelle, gleich nach der Person – Ich denke, Ich wünschte, Ich finde….und schluss…
Aber die Zeit bleibt nicht stehen auch eine müde junge Mutter trinkt gerade nicht aus dieser Tasse – vor wem bin ich jetzt verantwortlich? Und was genau, soll ich tun?

Ich habe versucht, eine Liste zu erstellen:
– Ich bin verantwortlich vor meinen Kindern, schon wieder die Kinder.
Sie sollen eine Mutter haben, die ihnen zur Seite steht, die ansprechbar ist und ihnen Liebe und Kraft gibt.
Zugleich sollen sie eine Mutter haben, für die sie sich nicht schämen.
Eine, die gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, indem sie Anderen Gutes tut, ohne dabei peinlich zu sein.
Und die damit als Vorbild dient, für andere Menschen.
– Ich bin verantwortlich vor meinen Eltern, die sich bemüht haben, mich irgendwohin zu bringen, wo das Leben gut zu mir ist, und die nun sehen sollen, dass sie das geschafft haben.
– Ich bin verantwortlich vor meinem Partner, der, so wie meine Kinder, sehen soll, dass ich etwas gut mache, für etwas stehe. Vielleicht bin ich gut in meinem Beruf. Vielleicht kommen Menschen gerne zu mir, weil ich ihnen geduldig zuhöre; ihnen Mut mache. Vielleicht ist meine Wohnung immer sauber und ich koche gutes Essen. Vielleicht bin ich besonders zärtlich.
– Ich bin verantwortlich vor meiner Geschichte. Ich hatte eine Großmutter, die lebte in zwei Kriegen – als Kind im ersten Weltkrieg und als junge Frau im zweiten. Sie war eine fromme Frau und hat mal unter Einsatz des Lebens ihrer Kinder, so die Geschichte, die wahr oder falsch sein mag, russischen Kriegsgefangenen Brot durch den Zaun gegeben. Ein Verrat an meiner Familie, wenn ich einfach nur lebe – lebe, ohne mich jemals für einen Anderen in Gefahr zu bringen – aufstehen, anziehen, glücklich sein, das ist zu wenig. Jede Familie hat solche Geschichten, solche Personen der Vergangenheit, denen man Loyalität zu schulden meint.
– Ich bin verantwortlich vor meinem Spiegelbild. Wenn ich überlege, was für ein Mensch ich bin, dann möchte ich denken, dass da etwas Gutes ist, ein guter Mensch. Das wird nicht so einfach sein, denn die Verantwortungen ziehen und zerren in ganz verschiedene Richtungen. Während nun auch die Enkelkinder eine liebe Omi wünschen, will die liebe Omi noch die Welt verbessern und vielleicht irgendwo im Flüchtlingscamp tätig sein, hat aber dort ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht mit dem Enkelchen die Brio Eisenbahn aufbaut.

Was wird es sein, das mich auf dem Totenbett leicht sterben lässt?
Oder sterbe ich schwer?
Was wird es sein, was wir getan hab, für das wir Gnade erhalten und die Vergebung unserer Übertretungen?

Wa alnafsi wa ma sawaha, wa ilhamaha fughurha wa taqwaha…

Gott hat uns das Gewissen eingehaucht. Er hat uns eingegeben, was es ist, das gut ist, und was es ist, das schlecht ist. Wir wissen es oft. Und was er uns noch eingegeben hat ist das Wissen, dass es Gott gibt.
Taqwa – das Bewusstsein, und die Ehrfurcht, vor Gott. Hat uns eingehaucht die Liebe zur Schöpfung und den Abscheu vor der Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Qad aflah min zakaha. Der sich an Gottes Gnade, Liebe und Gerechtigkeit erinnert, wird mit Freude belohnt.

Wa Qad khab min dasaha.

Und der das vergisst, wird bestraft. Ich bin aufgestanden und angezogen, was wollt ihr denn noch mehr?
Nichts, sagt Gott.

Du wirst um deiner Selbst willen geliebt.
Du brauchst nichts zu tun.

Wenn du nichts Schlechtes tust, hast du schon alles getan, was von dir erwartet wird. Und zugleich will Gott alles. Alles, was uns einfällt zu tun, was wir mit unserer Kraft und unserem persönlichen Talent erreichen können, zum Wohl der Gemeinschaft und alles, was uns selber gut tut. Alles Gute sollen wir tun, freilich ohne uns selbst dadurch zu vernichten. Im nächsten Monat beginnt der Ramadan. Im Monat Ramadan verlangt Gott von mir alles. Ich komme an meine Grenzen. Ich hab schon morgens Hunger, Durst. Auf meiner Arbeit versagt mir die Stimme, weil das Wasser fehlt, und wenn ich um 16 Uhr nach Hause komme, schüttele ich mich vor Kälte, sogar im Sommer. Für die Arbeit fehlt der Schlaf und schon nach der ersten Woche lassen wir das Frühstück ausfallen, weil das Schlafen wichtiger erscheint, um es dann am hungrigen Nachmittag zu bereuen.
Dies wurde uns auferlegt, damit wir nicht arrogant werden, nicht überheblich sind, nicht vergessen, wie es sich anfühlt, hungrig zu sein. Wir sollen bemerken, dass wir wichtige Aufgaben aufschieben, um sie später mit der Kraft der Kalorien zu erledigen; doch die nichts haben, ihre Aufgaben ohne Aufschub erledigen müssen, ungeachtet ihrer Kraftlosigkeit.
Bist du aufgestanden und angezogen?
Dann ist es gut. Wenn du es heute schaffst, niemanden zu verletzen, mit einem unnötigen Blick, einem unangemessenen Wort oder einer schlechten Handlung, dann bist du ein Held. Und zugleichBist du aufgestanden und angezogen?
Dann geh hinaus und kümmer dich um deine Verantwortungen, nimm deinen Standpunkt ein und verteidige, spende, arbeite und bete.
Pünktlich, so du kannst.
Es gibt nicht immer einen Grund für den Aufschub.
Deutlich, es gibt nicht immer eine gute Entschuldigung für das Schweigen, wenngleich man wohl nicht verurteilt wird, wenn einem der Mut versagt. Ich bin aufgestanden und angezogen, was wollt ihr denn noch mehr?

Ich wünsche uns allen ein wundervolles Freitagsgebet und eine gute Woche.

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