Al Baqara

 

Doruk Yemenici
Doruk Yemenici

Seit diesem Schuljahr habe ich die Dritte. Das heißt ich bin Klassenlehrerin der dritten Klasse einer Berliner Grundschule. Wir Lehrerinnen sagen nicht: „Ich arbeite als Lehrerin“, wir sagen: „Ich bin Lehrerin“. Es ist eine freundliche Geste des Berliner Senats, uns für das zu bezahlen, was wir sind. Andere Angestellte werden für das bezahlt, was sie tun.

Um ihr Wohlbefinden bemüht, frage ich meine Drittklässler am Ende jeden Schultages, was ihnen denn heute am besten gefallen habe. Natürlich kommt immer wieder: Die Pause, das Mittagessen, aber auch die Deutschstunde oder die Mathestunde, und das selbst, wenn der Stoff hart erarbeitet oder geduldig geübt werden musste. Kinder lernen gerne. Wenn man ihnen in der Schule nichts Vernünftiges zum Lernen anbietet, werden sie unruhig und gehen einem mächtig auf die Nerven.

Dabei hat jeder seine eigenen Vorlieben und Talente. Werde ich gefragt, was früher mein Lieblingsfach war, so sage ich immer „Englisch“. Unsere Lehrerin gab uns damals englische Namen, ich hieß leider Susan, aber immerhin nicht Susanne, und wir schlüpften in die Rolle englischer Kinder der 1970er Jahre. Es machte unendlich Spaß. Heute arbeite ich an einer Deutsch-Amerikanischen Schule, und das ist sicher kein Zufall. Meine Liebe zum Fach Englisch hat sich auf den Beruf ganz direkt ausgewirkt.

Mein anderes Lieblingsfach, und das hatte ich bis Mittwochabend vollkommen vergessen, war der Religionsunterricht. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ja nun hier in der Moschee genau das tue, wozu mein Lieblingsfach Englisch in der weltlichen Welt geführt hat. Ich bin Imamin. Ich arbeite hier nicht als Imamin, sondern ich bin eine. Das hatte ich nicht miteinander in Verbindung gebracht. Die eigene Lebensgeschichte mag für uns selbst nicht immer von großem Interesse sein, doch lohnt es sich vielleicht, sie hin und wieder zu betrachten, um ihr Freude oder Sinnhaftigkeit zu entnehmen.

 

Seit Oktober bieten wir in der Moschee einmal im Monat ein Freitagsgebet auf Englisch an. Die Integration verschiedener Lebensbereiche oder Kulturanteile unserer Selbst trägt dazu bei, uns als integre und vollständige Persönlichkeiten zu empfinden. Das führt zu einer kraftvollen Selbstverortung in der Gesellschaft. Brüche hingegen, also abgebrochene Existenzanteile, durch Flucht oder durch Nichtbestehen von Prüfungen oder durch die Scheidung sind für uns auch deshalb schwierig, weil dadurch Lebensabschnitte als sinnlos empfunden werden, als falsche Wege, die man gewählt hat, oder die man gegen seinen Willen wählen musste. Der Moment, in dem man seine geschichtlichen Anteile miteinander sinnvoll verbinden kann, führt zum einem effektiven Selbstkonstrukt, also dem Aufbau einer integren Identität. Man muss nur aufpassen, dass man dann nicht auf Neues verzichtet, weil es nicht zu einem zu passen scheint. Selbsterweiterung ist ein nicht weniger wertvolles Ziel.

 

Im Religionsunterricht meiner Kindheit hörten wir gern die Geschichten des alten Testaments. Es waren interessante und oft mystische Geschichten, zu denen wir Bilder malten von Ähren und Kühen, und wunderbaren biblischen Gestalten in gestreiften Umhängen. Oft schaute ich während des Unterrichts aus dem Fenster und fand, beim Religionsunterrichts war das Wetter immer schön. Ich erinnere mich sogar an einen speziellen Tag, an dem die Wärme der Sonne auf meinen Tisch im Klassenraum schien und ich das Gefühl hatte, direkt mit dem Kosmos und seiner liebenden Wärme verbunden zu sein. Damals war ich nicht älter als sieben, acht Jahre alt. Meine Liebe zu Gott wurde maßgeblich durch die Atmosphäre geprägt, die beim Hören von Geschichten an warmen Sommertagen entsteht, von Lehrerinnen in geblühmten Kleidern, und vom erlaubten Eintauchen in leicht geführte Welten der Fantasien.

Dass wir Menschen Geschichten lieben, habe ich schon in mehr als einer Khutba gesagt. Wir finden uns darin manchmal wieder, und freuen uns darüber. Aber manchmal bleiben sie ganz weit entfernt von unserer Wirklichkeit, und dennoch sind sie faszinierend und wundervoll.  Es liegt nicht nur an ihrem Inhalt, dass Geschichten etwas mit unserer Seele tun, sondern ebenso an der Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer. Diese Interaktion empfinden wir oft als wertvoll. Heute erzähle ich euch eine Geschichte. Wir finden sie in Sure Al Baqara, der  längsten Sure des Korans.

Als die Bani Israel vierzig Jahre mit dem Propheten Moussa in der Wüste umherirrten, wurde eines Tages ein Mann getötet. Die Menschen standen um ihn herum und fragten sich, wer ihn wohl getötet habe. Sie sprachen: „Gehen wir zu Moussa, er spricht direkt mit Gott. Lass ihn Gott fragen, was wir tun sollen.“

So wandte sich Moussa an Gott und fragte: „Was sollen wir tun? Wie können wir wissen, wer diesen Mann getötet hat und warum er getötet wurde?“ Und als er zu den Bani Israel zurückkehrte sagte er ihnen: „Gott gebietet euch, eine Kuh zu schlachten“.  Doch sie waren mit seiner Antwort nicht zufrieden. Statt eine Kuh zu finden und zu schlachten, gingen sie erneut zu Moussa und erklärten ihm, dass es viele Kühe gäbe, er solle sich bitte noch einmal an Gott wenden, und genauer sagen, welche Art Kuh sie schlachten sollten.

Wieder kehrte sich Moussa zu Allah, und als er zurückkam sagte er: „Die Kuh soll nicht zu alt sein und nicht zu jung. Also geht nun, findet eine passende Kuh und schlachtet sie“.

Doch immernoch waren die Bani Israel unzufrieden und sprachen: „Von denen, die nicht zu jung sind und nicht zu alt gibt es viele. Wende dich an Allah und sag uns: Welche Farbe soll die Kuh haben?“.

Als Moussa von Allah zu den Bani Israel zurückkehrte sprach er, sie solle gelb sein. Ein schönes Gelb solle sie haben, ein Gelb, dass das Auge erfreut. Doch selbst dies war noch nicht genug für die Bani Israel. So machte es Allah nicht leicht für sie und wollte nun eine Kuh, die weder zum Bearbeiten des Ackers genutzt wurde noch zur Bewässerung der Felder. Eine makellose Kuh sollte es sein.

Endlich waren die Bani Israel zufrieden. Sie gingen, um genau diese Kuh zu finden und fanden sie auch, die einzige Kuh, die so aussah, wie Gott es von ihnen verlangte.

Die Kuh hatte einen Besitzer. Sie gehörte einem Waisenjungen, genauer, einem Halbwaisen. Als dessen Vater starb, gab er sein Kind und seine Frau in die Obhut Allahs und betete, dass Allah sie beschützen möge. Zu seiner Frau sagte er: „Ich habe nur dieses Kalb für unser Kind, doch ich traue den Menschen nicht. Schicke das Kälbchen in den Wald.

Dort blieb es. Immer, wenn ihm jemand zu nahe kam, lief es fort. So konnte es von niemandem genommen werden.

 

Als der Junge ein gewisses Alter erreicht hatte, sagte seine Mutter, er solle in den Wald gehen, um die Kuh zu holen. Wie sollte er das bewerkstelligen? War sie doch allen anderen Menschen stets davongelaufen? Doch als er den Wald betrat, lief die Kuh direkt zu ihm. Er war es, zu dem sie gehörte.

 

Zur selben Zeit aber suchten die Bani Israel eine Kuh, die genau so aussah wie diese, die einzige. Sie fanden den Jungen und baten ihn um die Kuh. Als der Junge sah, wie wichtig ihnen genau diese Kuh war, bot er an, sie ihnen zu verkaufen. Der Preis der Kuh war ihr Gewicht in Gold.

Die Bani Israel zahlten den Preis, denn es war ein Gebot Gottes, genau so eine Kuh zu schlachten. Anschließend sprach Moussa zu ihnen, sie sollen der Kuh ein Stück Fleisch entnehmen und den getöteten Mann damit berühren. Dieser Teil der Geschichte ist kontrovers, und es gibt eine alternative Deutung, nach der es nicht um die Berührung mit dem Fleisch geht, sondern um das kollektive Bemühen. Doch dies soll nicht Thema meiner Khutba sein.

Für einen kurzen Moment wurde der Mann wieder lebendig, um zu erzählen, wer ihn getötet hatte. Er stand auf und sagte, es sei sein Neffe, der nicht länger auf sein Erbe habe warten wollen und ihn daher erschlagen hatte. Dann verstarb der Mann entgültig.

Die Geschichte endet hier und überlässt uns einen Mythos von der Wiederbelebung eines Menschen durch das Schlachten eines Tieres. Doch halte ich diesen Aspekt der Geschichte für weniger wichtig. Wichtiger scheint mir, dass es ein Mythos von Moussa ist, und dieser von Allah genaue Bedingungen bezüglich des Schlachttieres empfängt.

Kinder hören Geschichten einfach so. Wir Erwachsene wünschen uns, einen Sinn dahinter zu finden, der uns gleichsam ermöglicht, Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Wir suchen die Moral der Geschichte, damit sie uns den Weg weisen kann. Meine persönliche Deutung ist diese:

Allah hat eine einfache Anleitung gegeben. Eine Kuh sollte gefunden werden. Der zu begehende Weg war einfach. Findet eine Kuh und schlachtet sie.

So sind die meisten Aufgaben Allahs einfach. Es ist das Große Ganze, was zählt, nicht die Kleinigkeiten. Ob die Kuh jung war oder alt, ob sie groß war oder klein, all dies war Allah nicht wichtig. Er benannte es erst, als die Menschen darum baten, bzw. mehr noch: als sie darauf bestanden. Allah wäre mit jeder Kuh zufrieden gewesen. Werden wir in unserem Alltag zu penibel in unseren Fragen und Haltungen, so erfüllen wir nur einen Selbstzweck. Es würde durchaus reichen, die Dinge einfach so zu tun, wie sie uns nicht zu schwer fallen.

Sure Al Baqara erzählt in vielen Versen, dass Juden, Christen und Muslime gleichermaßen von Allah geliebt werden. Dass keiner sagen solle, die eigene Religion sei besser als die eines anderen. Es geht um das Große Ganze, nicht um Kleinigkeiten. Ja, wenn wir möchten, gibt uns Allah genaue Anweisungen, aber sie sind nicht besser oder schlechter als andere Anweisungen, nicht einmal besser als gar keine Anweisungen. Diese Freiheit wird uns manchmal von Schwestern und Brüdern abgesprochen, die wünschten, wir würden unerhebliche Details auf das Niveau wesentlicher Glaubenssätze erheben. Doch ist der Islam viel einfacher als Mancher glaubt.

 

Der Islam ist der Weg der Mitte, und zwar der Mitte in zwei Aspekten. Zum einen ist es der Weg der Mitte zwischen dem sehr orthopraktischen Weg der Juden, deren antiker Alltag geprägt war von strengen, nicht immer einsichtigen Regeln und dem andererseits vollkommen vergeistlichten Weg der Christen, die Regeln, außer den zehn Geboten, nur noch sehr geringen Wert beimessen. Das muslimisch angemessene Verhalten liegt also zwischen der besonderen Fokussierung auf externe Regeln und dem Aufgeben aller Regeln.

Zugleich ist der Islam die Religion der Mitte im Sinne einer Abkehr von jeder Härte. Dies stellt eines der Hauptthemen der Sure dar. Im Folgenden verlese ich eine Sammlung von Versen darüber, dass die Härte stets von uns genommen wird, wenn es um die Einhaltung von Regeln geht.

 

In Vers 185 lesen wir über das Fasten im Ramadan:

Darum, wer immer von euch diesen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten; aber wer krak ist oder auf einer Reise , soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet.

187

Es ist euch erlaubt, während der Nacht vor dem Fasten am Tag zu euren Ehefrauen einzugehe: sie sind wie ein Gewand für euch, und ihr seid wie ein Gewand für sie. Gott ist gewahr, dass ihr euch selbst dieses Rechts beraubt haben würdet, und so hat er sich euch in seiner Barmherzigkeit zugewandt und diese Härte von euch hinweggenommen.

178

Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt, gerechte Vergeltung ist für euch verordnet in Fällen der Tötung… Und wenn einem Schuldigen etwas von seiner Schuld erlassen wird, soll dieses Erlassen mit Fairness befolgt werden und die Entschädigung soll seinem Mitmenschen auf gefällige Weise geleistet werden. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und ein Akt seiner Gnade.

139

Sag zu den Juden und den Christen: Streitet ihr mit uns über Gott? Er ist doch unser Erhalter ebenso wie euer Erhalter – und uns werden unsere Taten angerechnet werden und euch eure Taten; und ihm allein widmen wir uns.

136

Sagt wir glauben an Gott und an das, was uns von droben erteilt worden ist, und das, was Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und ihren Nachkommen erteilt worde ist, und das, was Moses und Jesus gewährt worden ist, und das, was allen anderen Propheten von ihrem Erhalter gewährt worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnem und Ihm, also Gott, ergeben wir uns.

143

Und also haben wir gewollt, dass ihr eine Gemeinschaft des Mittelweges seid, auf dass ihr mit eurem Leben  Zeugnis für die Wahrheit vor aller Menschheit geben möget.

 

Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die sich Geschichten erzählt. Eine Gemeinschaft, die sich umeinander kümmert und sich umeinander bemüht, damit möglichst viele unserer Geschichten fröhliche Geschichten sind. Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die Andere akzeptiert und mit ihnen in einen freundlichen Dialog tritt, aus Interesse am Anderen und der eigenen Entwicklung des Denkens und Verstehens. Eine Gemeinschaft des Mittelweges verliert sich nicht in Details sondern weiß um das Große Ganze, beim Verrichten aller Tätigkeiten des Alltags und der Religion  und verliert dabei nie aus den Augen, was es bedeutet, Muslim zu sein – sich vor Gott zu verneigen, physisch und metaphysisch.

 

Die Sure Al Baqara endet mit den Versen 284 bis 286

Gott gehört alles, was in den Himmeln ist, und alles, was auf Erden ist. Und ob ihr offenlegt, was in eurem Geist ist, oder es verbert, Gott wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen; und dann wird er vergeben, wem er will. Und er wird strafen, wen er will; denn Gott hat die Macht, alles zu wollen.

Der Gesandte und die Gläubigen mit ihm glauben an das, was ihm von droben erteilt worden ist von seinem Erhalter. Sie alle glauben an Gott und seine Engel und seine Offenbarungen und seine Gesandten, ohne einen Unterschied zwische irgendeinem Seiner Gesandten zu machen und sie sagen: Wir haben gehört und wir geben acht. Gewähre uns deine Vergebung oh unser Erhalter, denn bei dir ist aller Reisen Ende!

286

Gott belastet keinen Menschen mit mehr, als er gut zu tragen vermag. Zu seinen Gunsten wird sein, was immer er Gutes tut, und gegen ihn, was immer Übles er tut.

Oh unsser Erhalter! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder unwissentlich Unrecht tun. Oh unser Erhalter, erlege uns nicht eine solche Last auf, wie du sie jenen auferlegt hast, die vor uns lebten. Oh unser Erhalter, lasse uns nicht Lasten tragen, die wir zu tragen keine Kraft haben. Und tilge du unsere Sünden, und gewähre uns Vergebung, und erteile uns deine Barmherzigkeit.

Im Gebet wenden wir uns nun zu Allah in Dankbarkeit und denken an die Worte: Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Dies ist auch ein Vorbild für uns im Umgang mit Anderen. Nicht mehr zu erwarten, als jemand frei und von sich aus anbieten kann, ist der Erwartung großer Leistungen vorzuziehen. Wenn wir uns ein Beispiel am Koran nehmen möchten, können wir es unseren Mitmenschen ein wenig leichter machen, indem wir unsere Erwartungen niedrig halten und dann all das wertschätzen, was uns von Herzen gegeben oder an uns herangetragen wird. Gnade, Barmherzigkeit, Vergebund und Erleichterung sind Beziehungswörter – Wörter der Beziehung zwischen Gott und den Menschen und Wörter der Beziehungen zwischen den Menschen untereinander. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung.

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