Sure 103:1-3  Al-Asr – Das Ringen mit der Zeit

 

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wa-‘l-°asri (1)  

 inna ‘l-insâna la-fî chusrin (2)  

 illâ ‘lladhîna âmanû wa-°amilû ‘s-sâlihâti 

     wa-tawâsau bi-‘l-haqqi wa-tawâsau bi-‘s-sabri (3)  

Dr. Ghassan El Masri von der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in Potsdam sagt kurz und bündig dazu: „Durch die unnachgiebige Hingabe an Wahrheit und Geduld, die Beständigkeit im Glauben und gute Werke entgeht der Mensch seiner Verlorenheit – so wird es im Koran von einem barmherzigen Gott gesagt.“

    Die meisten Übersetzungen klingen so: „Bei der Zeit! Der Mensch ist in Verlorenheit, ausgenommen diejenigen, die glauben, gute Werke verrichten, einander empfehlen, sich an die Wahrheit, an das Recht zu halten, und Geduld üben.“

    Muhammad Asad übersetzt die Verse so: „Betrachte das Verfliegen der Zeit! Wahrlich der Mensch verliert bestimmt sich selbst, (wörtlich: Der Mensch ist in einem Zustand von Verlust, außer jenen…) außer er sei von jenen, die Glauben erlangen und gute Werke tun und einander zum Festhalten an der Wahrheit mahnen und einander zu Geduld in Widrigkeiten mahnen.“

     Im Zentrum dieser frühen kurzen Sure steht das Ringen des Menschen mit der Voraussetzung für Zeit, ihre Auswirkung auf den Menschen sowie der Einfluss des Menschen darauf. Sie hat damit die ganze detaillierte Ausführung des Koran vorweggenommen.

    In vorislamischer Zeit und danach verstanden die Menschen die Zeit als eine stille und passive Kraft, die dennoch unaufhörlich rastlos und unerbittlich war.

     Asad schreibt über die Zeit: „Der Begriff ‚asr‘ bedeutet ‚Zeit‘, die messbar ist und aus einer Folge von Abschnitten besteht im Unterschied zu ‚dahr‘, was unbegrenzte Zeit, ohne Anfang und Ende, d.h. absolute Zeit bedeutet. Daher auch die Bedeutung vom Vergehen der Zeit; Zeit, die niemals zurückgeholt werden kann.“

   Diese frühe mekkanische Sure enthält eine vollständige Lebensanweisung für die Menschen aus islamischer Sicht. Sie legt in klarer und überaus knapper Form die grundlegenden Glaubensbegriffe dar, nämlich Glaube oder Nichtglaube und gutes oder schlechtes Tun und charakterisiert damit die islamische Gesellschaft, indem sie die wichtigsten Eigenschaften der Muslime beschreibt.

     Der Koran umschließt den ganzen Verhaltenskodex, ausführlich veranschaulicht durch Gleichnisse, Geschichtshinweise, Wissen über die Schöpfung und seinen Schöpfer.

     Alles, was Gott dem Menschen als Richtschnur auf den Weg gegeben hat, sind in diesen drei kurzen Versen beinhaltet. Der Inhalt des Korans wird mit diesen drei Zeilen auf gedrängtester Weise mit Leben ausgefüllt.

     Nur Gott kann so etwas in solch einer Knappheit beschreiben. Sie beschreiben, dass es nur einen für die Menschen lohnenden, vertrauenswürdigenden Pfad gibt, alles andere führt zum Verlust und ins Verderben.

    Welcher Verlust? Der Verlust seiner Tage oder Zeit eines Menschen? Oder der Verlust einer ganzen Periode, das Verschwinden einer ganzen Gesellschaft in die Tiefe ihrer Geschichte? Oder der Verlust seiner guten Eigenschaften?

     Hasan al-Basrî, ein bekannter Korangelehrter und Prediger, geboren 642 n. Chr. in Medina und gestorben 728 n. Chr. in Basra, Iraq sagte dazu: „Oh Sohn Adams, du bist nichts als deine Tage, mit jedem Tag, den du verlierst, geht ein Teil von dir verloren.“  

   Aber diesem Zeitkonzept hält eine Ausnahme dagegen: Ausgenommen diejenigen!   

  Diejenigen, das sind die, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihr eigenes Los bestimmen, etwas Gutes tun und glauben an den, der das gute Handeln annimmt, der die Zeit in den Händen hat und bildlich gesprochen: nämlich den Anfang und ihr Ende.

   Und dieses Glauben bedeutet Anerkennung der Herrschaft Gottes, der über den Lauf ihrer Zeit, gefüllt mit guten Taten herrscht.

   Die guten Taten, also den für den Menschen lohnenden Pfad, beschreibt der Koran als Werke, die in Wahrheit vom Herzen kommen und von Gott und der Gesellschaft angenommen werden. Dieses ‚Glauben und gute Werke tun‘ dürfen aber niemals nur eine einmalige Sache sein, sie muss zur positiven Haltung und Lebensführung in einer Gemeinschaft führen und wachsen, die füreinander da ist, auf der Basis von Wahrheit und Recht. Dabei spielt die Geduld eine zeitbezogene Stellung, in der der Mensch im Laufe der Zeit Freude und Leid widerfahren kann, denn er ist nicht fehlerlos. Aber er kann sich in den Schutz der Gesellschaft stellen und in Gottes Obhut, da er ja an Ihn glaubt. Und Gott lässt keinen Gläubigen in Stich.

    Zusammengefasst kann man sagen: Der Mensch entgeht seiner unvermeidlichen Verlorenheit durch seine verlässliche Hingabe zur Wahrheit und Geduld, durch beständiges Glauben an Gott und seinen guten Handlungen in Gottes Sinn.

    Schauen wir uns jeden einzelnen Vers an:

 1:  wa-‘l-°asri – „Bei der Zeit,“

     Zeit hat verschiedene, zum Teil auch gegenteilige Bedeutungen:  Zeit, Zeitalter, Tageszeit, wie auch Morgen, Nachmittag, Abend. Da verschiedene andere Suren mit einem Schwur beginnen, insbesondere die frühmekkanischen Suren mit Tageszeiten, kann man annehmen, dass wa-l-‘asr eine bestimmte Tageszeit oder Gebetszeit darstellt. Überliefert ist hier der Schwur: „Beim Nachmittag“.

   2:   inna ‘l-insâna la-fî chusrin „Der Mensch befindet sich im Verlust.“

    Man könnte annehmen, dass hier der Verlust der Glückseligkeit im Jenseits gemeint ist. Der Mensch steht auf der negativen Seite durch sein Verhalten und Handeln. Chassara bedeutet so viel wie Verlust oder Schaden zufügen. Man schädigt sich also selbst.

     Es ist eigentlich eine grundsätzliche Aussage über den Menschen. Parallelen gibt es zu dieser Aussage in Sure 70:19-21. Übersetzung von Muhammad Asad: „Wahrlich, der Mensch ist mit einer ruhelosen Veranlagung geboren, (damit meint Asad: eine fruchtbare Leistung, also positiver Charakter, ebenso wie chronische Unzufriedenheit als negativer Charakter). In der Regel, wann immer ihn Missgeschick anrührt, ist er mit Selbstmitleid angefüllt, und wann immer ihm gutes Geschick zukommt, enthält er es selbstsüchtig anderen vor.

    Es gibt noch viele weitere Stellen im Koran mit Aussagen über den Menschen, so auch in Sure 100:6-8,  Al-´Adiyat- Die Streitrosse: „Wahrlich, seinem Erhalter gegenüber ist der Mensch höchst undankbar –  und davon, siehe, gibt er selbst fürwahr Zeugnis: denn, wahrlich, der Liebe zum Reichtum ist er höchst leidenschaftlich hingegeben.“

    Aber weiter in unserer Sure, Vers 3:

 illâ ‘lladhîna âmanû wa-°amilû ‘s-sâlihâti wa-tawâsau bi-‘l-haqqi wa-tawâsau bi-‘s-sabri – „außer er sei von jenen, die Glauben erlangen und gute Werke tun und einander zum Festhalten an der Wahrheit mahnen und einander zu Geduld in Widrigkeiten mahnen.“

    Man nimmt an, dass der 3. Vers vermutlich ein Nachtrag aus spätmekkanischer Zeit sei, der hinzugefügt wurde, um festzustellen, dass mit dem 2. Vers nicht die Gläubigen gemeint sind. Schon die Überlänge passt nicht zu dem Schema der kurzen frühmekkanischen Suren. Sie vermittelt den Eindruck, als wenn die Menschen im Allgemeinen schlecht sind. Der Nachtrag soll einfach feststellen: Die Gläubigen sind anders, sie glauben und tun Gutes und spornen sich gegenseitig zur Wahrhaftigkeit und zur Geduld an.

   Gott übermittelt in dieser Sure eine Botschaft und hält diese Botschaft stets im Blick. Mehr noch: Von Anfang an schwört er auf die Zeit. Ein ganz bestimmtes Thema wird hier in dieser Sure von Gott behandelt: Gott schwört weder auf die Sonne noch auf den Mond und auch nicht auf die Sterne. Er schwört auf die Zeit oder Zeitspanne. Die Zeit ist Ihm also etwas sehr Wichtiges, um darauf zu schwören. Sie gibt uns Kenntnis in das, was vor uns liegt was erst unser Leben ausmacht. 

     Im ganzen Koran wird der Mensch von Gott anschaulich gemahnt durch Parabeln, Gleichnissen. Er zeigt an, wie der Mensch sich zu verhalten hat, um ins Paradies zu kommen, berichtet von der Ordnung von Naturgesetzen und alles von Ihm Geschaffene. Auch der Mensch gehört dazu, er ist sozusagen die Krone von Gottes Schaffenskraft.

    Seine Worte, der Koran, stellen Seine Barmherzigkeit dem Geschöpf gegenüber dar. Und mit der Sure 103 – „Bei der Zeit!“ kann man alles auf einen Nenner bringen: Der Mensch hat ein selbstgemachtes ‚Defizit‘, ausgenommen sind nur die Menschen, die glauben und Gutes tun.

   Und letztendlich ist es auch der Grund, weshalb ich hier vor euch stehe und predige. Glaubt mir, das ist gar nicht so leicht, vor euch zu stehen und euch mehr oder weniger zu belehren. Aber ich werde durch Gott und durch den Koran angehalten, nach der Wahrheit und Wissen zu suchen und es geduldig weiterzugeben.

Manaar

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