Qasim Amins Plädoyer für die muslimische Frau – ein Feminist streitet für Frauenrechte

Qasim Amin kam 1863 als Sohn eines türkischen Vaters und einer ägyptischen Mutter zur Welt und starb im Alter von 45 Jahren in Kairo. Sein Jura-Studium erfolgte sowohl in Ägypten als auch in Frankreich, wo er zuerst an der Al-Azhar Universität studierte und wenig später sein Rechtsstudium in Frankreich beendete. Zu einem seiner Lehrer zählte der damalige Reformmuslim Muhammad Abduh.

Amin machte sich zeit seines Lebens in Ägypten einen Namen, weil er gemessen am Zeitgeist der damals bestehenden ägyptischen Gesellschaft feministische Ansätze vertrat. Unterstrichen wurde dies dadurch, dass der Jurist im Jahre 1900 ein Buch veröffentlichte, welches den Titel trug: „Die Befreiung der Frau.“ Das Werk hatte eine hitzige gesellschaftliche Debatte innerhalb der ägyptischen Community entfacht, weil er mit seinen Thesen die Gemüter erregte. Darin plädiert er u.a. für eine Grundschulbildung, die den Frauen zugutekommen sollte. Weiterhin sprach er sich darin gegen die Polygamie oder den Gesichtsschleier aus. „Wir sind sehr weit gegangen bei der Verschleierung unserer Frauen und verbieten ihnen, sich Männern unverschleiert zu zeigen. So verwandeln wir Frauen in Gegenstände oder Waren, die wir besitzen“, stellte Qasim Amin kritisch fest. Er kritisiert im Buch zudem, dass der Islam in den verschiedenen Kontinenten jeweils „asiatisiert“ bzw. auch „afrikanisert“ wurde, weil bestimmte kulturelle Sitten und Bräuche sich im Islam verfestigten, aber mit dem eigentlichen Islam des 7. Jahrhunderts nichts zu tun haben. „So sehen wir, daß die Sitte alle andern Faktoren und Einflüsse, ja selbst die religiösen Gesetze, meistert. Diese Tatsache bestätigt ein Faktum, das wir alle Tage bei uns zu Lande sehen können, nämlich daß die Gesetze und Bestimmungen, zur Verbesserung der Lage des Volkes geschaffen, alsbald sich zu einem neuen Werkzeug des Übels wandeln. Und das ist gar nicht so merkwürdig, insofern ja die Sitte selbst über die Religion Herr wird, sie verdirbt und verwandelt, so daß sie selbst ein genauer Kenner nicht mehr zu erkennen vermage“(vgl. Amin 1992, S.34), behauptet Amin.

Das Elend der muslimischen Frau in bestimmten Teilen der Welt sah er in Traditionen afrikanischer und asiatischer Gesellschaften (die zum Islam „bekehrt“ wurden), die seiner Ansicht nach vom Islam übernommen und als muslimisch markiert wurden. In diesem Zusammenhang schreibt er: „Nein, gerade umgekehrt, hat ja die Scharia ihr in der islamischen Gesellschaft eine hohe Stellung eingeräumt. Nur, daß leider über diese treffliche Religion schlechte Charaktereigenschaften Herr wurden, die wir von den Völkerschaften, unter denen sich der Islam verbreitete, ererbten. Und diese verkehrten Ideen drangen in ihn mit all‘ dem Ballast alter Sitten und Irrmeinungen ein. Und dabei waren all‘ diese Völker zu unwissend, um die Frau zu der ihr von der Scharia zugebilligten Stellung gelangen zu lassen. Der Hauptfaktor aber bei der Fortdauer dieser Sitten war die Aufeinanderfolge despotischer Herrschaften bei uns zu Lande“ (ebd. S.36). Dennoch blieb sein Blick auf Ägypten nicht unkritisch, weil er auch in der ägyptischen Gesellschaft viele frauenfeindliche Aspekte fand, die er nicht unkommentiert lassen wollten. Eines dieser Gesichtspunkte betraf den Bildungsstand von Frauen. Amin war ein vehementer Kämpfer dafür, dass Frauen an Bildung teilnehmen durften: „Alle diese Frauen nun bedürfen einer Bildung, die sie befähigen soll, ihr und ihre Kinder (wenn sie solche haben) Brot zu verdienen. Bleiben diese eben angeführten Gruppen von Frauen aber ohne Unterweisung, so werden sie schließlich dazu getrieben, sich auf unerlaubte Art einen Verdienst zu schaffen oder sich bei reichen Familien ihren Unterhalt zu erbetteln“ (Vgl. ebd. S.42). In der Bildungsfrage, die er auch im Zusammenhang mit Glück betrachtet, wird er immer deutlicher: „Die Wirklichkeit ist der Aufgang des Glücks, weil sie das einzige Mittel ist, um den Menschen zur vollkommenen geistigen und ethischen Entwicklung zu bringen.

Die Frauen aber bedürfen gerade so gut wie Männer der Kenntnis der Wirklichkeit und der Erwerbung von Verstand, der ihnen Urteilsfähigkeit gibt und im Leben zum guten und nützlichen Handeln anleitet. Ist es etwa angängig, daß die Hälfte unseres ägyptischen Volks in einem Zustand geistiger Finsternis lebt, so daß unsere Frauen von dem, was um sie herum vorgeht, auch nicht das mindeste verstehen, entsprechend wie es im heil. Buch steht (Qur‘an 2:166): “Taub, stumm und blind, ohne irgend etwas zu verstehen.“ Befinden sich unter diesen (ungebildeten) Frauen nicht auch unsere Mütter, Töchter, Schwestern und Gattinnen? Sind sie doch der Schmuck unseres irdischen Lebens und der Teil, den wir nicht entbehren können, Blut von unserm Blut und Fleisch von unserm Fleisch?“ (Vgl. ebd. S.59). Außerdem: Eine ebenso relevante Frage für ihn ist, die der Erziehung. Prägnant auf den Punkt gebracht: „Ich möchte nun, daß jeder Ägypter die Erziehungsfrage als die wichtigste Frage bei uns betrachtete, in der eine jede andere, was ihre Wichtigkeit auch immer sein mag, inbegriffen ist“ (Vgl. ebd. S.57). Es ist für ihn unverständlich, warum die ethische Erziehung zu kurz kommt. Ein ausschließender Unterricht, der nur Jungen einbezieht, lehnt er kategorisch ab. Ihm ist „[…] die ethische Erziehung von Mädchen von größerer Wichtigkeit [ist] als die der Knaben“ (Vgl. ebd. S.58). Worin sieht er überhaupt den Sinn und Zweck einer guten Erziehung? „Die Aufgabe des Erziehers ist es, den Geist des Kindes zur Aufnahme von Wertvorstellungen empfänglich zu machen“, wird von Amin vertreten. Mütter sollten daher gute Bildung genießen, um ihren Kindern auch Werte zu vermitteln, damit das sich das Kind nicht an schlechte Charaktereigenschaften orientiert. Um dies jedoch zu erreichen, bedarf es vor allem einer gebildeten Frau, da Kinder sich in der Regel im Obhut von Müttern befinden. Interessanterweise erkennt man hier den Zusammenhang seiner Plädoyers für Bildung für Frauen und einer guten Erziehung, denn: „Eine unwissende Mutter ist nun nicht imstande, ihren Sprößling gute Charaktereigenschaften einzuflößen, weil sie nichts davon weiß“ (Vgl. ebd. S.55). Es wurden prompt etliche Gegenpositionen publiziert, die Amin vehement widersprachen. Der Jurist ließ sich dennoch nicht weiter beirren und veröffentlichte ein weiteres Buch: „Die neue Frau.“ Darin vertritt er noch konsequenter als in seinem ersten Buch eine gesellschaftlich gleichgestellte Rolle der Frau. Erwähnenswert ist weiterhin, dass er einer islamischen Reformbewegung angehörte, die durch den islamischen Geistlichen Muhammad Abduh angeregt wurde. Qasim Amin sah die muslimische Frau „an der Spitze aller Frauen der Erde“, wenn man die Scharia bezüglich der Gleichheit von Frauen und Männern richtig auslegen würde. Als der ägyptische Präsident, Hosni Mobarak im Jahre 2011 abgesetzt wurde, entbrannten wieder gesellschaftliche Debatten in Ägypten über die Rolle der Frau. Werden Demonstrationen organisiert, die mehr Frauenrechte fordern, bleibt der Name Qasim Amin nicht unerwähnt.

Quellen:

Amin, Qasim (1992): Die Befreiung der Frau. Aus dem Arabischen übertragen von Oskar Rescher. Bearbeitet und mit einer Einführung versehen von Smail Balic. Echter Verlag. Würzburg

https://de.wikipedia.org/wiki/Qāsim_Amīn

http://www.zeit.de/2016/05/kolonialismus-grossbritannien-indien-aegypten-frauen-schleier-1900/komplettansicht

http://www.deutschlandfunk.de/qasim-amin-der-erste-feminist-aegyptens.871.de.html?dram:article_id=270637

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