Karamah und die zeitgemäße Auslegung des islamischen Rechts

Wesley Tingey

Geschlechtergerechte Auslegungen der islamischen Überlieferungen ist und war immer wieder das Anliegen von Reformmuslimen in Vergangenheit und Gegenwart. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass immer mehr Menschen sich zu Gruppen zusammenschlossen, um die Geschlechterfrage im Islam anders auszulegen als es bisher üblich der Fall war, wozu man beispielsweise Musawah1 zählen kann. Jedoch gibt es längst weitere Organisationen, die sich mit der Frauenfrage im Islam auseinandersetzen. Eine davon ist Karamah: Muslim Women Lawyers for Human Rights

Die Gründung von Karamah lässt sich auf das Jahr 1993 datieren und geht maßgeblich auf die Islamwissenschaftlerin und Rechtsprofessorin Dr. Azizah Y. Al-Hibri zurück. Seit 1992 ist die Wissenschaftlerin Al-Hibri an der University of Richmond in Virginia tätig. Interessanterweise ist sie die erste muslimische Professorin in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ihre Arbeiten konzentrieren sich besonders auf die islamische Rechtswissenschaft, mit der sie sich seit Jahrzehnten auseinandergesetzt hat, sowie Demokratie und Humanismus aus einer islamischen Sichtweise. Den Weg zur Reform im Denken von muslimischen Frauen sah sie im islamischen Recht selbst. Vordergründig sollen muslimische Frauen über ihre Rechte im Islam aufgeklärt werden, mit denen sie sich wiederum potenzierend an Teilhabe in Zivilgesellschaft und Weltgemeinschaft beteiligen sollen.

Dass die von ihr gegründete Organisation den Namen Karamah trägt, ist übrigens kein Zufall, denn der Begriff Karamah lässt sich aus der arabischen Sprache als Würde ableiten und übersetzen. Konkreter findet sich dieser Name im Koran und zwar in der Sure 17:70, wo es heißt: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie mit guten Dingen versorgt und sie ausgezeichnet – eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir erschaffen haben.“ Al-Hibri erkennt in dieser koranischen Aussage, dass man auch die Übersetzung vertreten könne, dass den Kindern Adams Würde verliehen sei. Gegenüber konservativeren und fundamentalistischeren Interpretationen wäre dies ein Meilenstein, weil die menschliche Würde somit alle Geschlechter einschließt.

Um die Arbeit von Karamah noch akkurater zur Sprache zu bringen, können wir die Gründerin selbst zu Wort kommen lassen, die in einen ihrer wichtigsten Verlautbarungen „Islamic Worldview: Islamic Jurisprudence, An American Muslim Perspective, Vol. 1“ folgendes erklärt: „I established KARAMAH, a non-profit organization that teaches many Muslim women in the United States and around the world our understanding of Islam. We have organized seminars for policy makers, judges, lawyers, and the community.“

In dem angesprochenen Zitat wird darauf Wert gelegt, dass es sich bei Karamah um keine gewinnorientierte Organisation handelt, die einen lukrativen Handel mit dem Islam betreibt. Im Endeffekt geht es um die (Weiter-) Bildung vornehmlich von muslimischen Frauen, um ihnen profunde Kenntnisse über den Islam zu vermitteln. Als Vermittlungsformen werden Seminare von Karamah organisiert, um mit politischen Entscheidungsträgern, Anwälten, aber auch mit der muslimischen Community selbst in Kontakt zu kommen. Übrigens werden auch Seminare bei einer politischen Weltorganisation wie den Vereinten Nationen gehalten. Jene Seminare und Forschungsarbeiten richten ihren Fokus nicht nur auf die USA bzw. auf den westlichen Kontext, auch mit dem Nahen Osten wird sich auseinandergesetzt. Die Organisierung der Bildungsprogramme wird von einem kleinen Team aus Washington D.C. geleitet. Auf ihrer Homepage werden neben der angesprochenen Professorin Al-Hibri noch zig weitere Wissenschaftler/innen aufgelistet, die sich an unterschiedlichen Standorten der USA mit dem Islam und weiteren Religionen beschäftigen und sich der Karamah-Organisation zugehörig fühlen und mit ihr zusammenarbeiten.

Diese Sicht der Dinge wird zudem von Karamah selbst ausbuchstabiert, da sie als einen ihrer Ziele angibt: „KARAMAH’s mission is to educate both Muslims and non-Muslims about the just, gender equitable foundation of Islam. In particular, KARAMAH’s mission is to provide the community with Islamic jurisprudence that emphasizes gender equity and encourages intellectual growth, conflict resolution and leadership development. We couple this education with advocacy that promotes our core value: that dignity is God-given.“ Der Aspekt der „Dignity“ also der (Menschen-)Würde bildet den Dreh – und Angelpunkt ihrer Arbeit, da sie auf der gleichen Seite stehen haben: „We have given dignity to the children of Adam.
-The Noble Qur’an, 17:70.“

Eine Frage stellt sich aber auch: Wie ist der Zusammenhang zwischen Karamah und Anwälten zu erklären? Tatsächlich gibt es breite Bildungsprogramme, zuvorderst mit muslimischen Juristinnen organisiert, die sich um eine geschlechtergerechte Auslegung der islamischen Überlieferung bemühen. Ihre Schwerpunktarbeit liegt im islamischen Recht, was ein einschlägiger Bereich ihres juristischen Berufs ist. Karamah hat sich so stark etabliert, dass verschiedene gesellschaftlichen Akteure sie nach Beratung in puncto Islam befragen. Beispielsweise gehören dazu Akademiker oder auch Menschenrechtsorganisationen. Eindeutige Menschenrechtsverletzungen wie die weibliche Genitalbeschneidung lehnt Karamah ab und kämpft gegen eine solch islamische, begründete Praxis.

Karamah hat es in einem Zeitraum von ca. 25 Jahren fertiggebracht, sich einen Namen in der akademischen Welt zu machen und ihren Einfluss über die Grenzen der USA hinweg zur Geltung zu bringen. Für eine Interpretation der islamischen Quellen haben sich viele intellektuelle Muslime zusammengefunden, um ihren Ergebnissen andersdenkenden Muslimen mitzuteilen und einen offenen sowie friedlichen Dialog zu erzeugen. Dabei wird besonders der Fokus auf die Frauenfrage im Islam gelegt, bei der es unübersehbare Defizite gibt. Deshalb ist es äußerst begrüßenswert, dass hier in erster Linie muslimische Frauen wagen gegen diskriminierende Praktiken im Islam anzukämpfen. Nach jahrzehntelanger Arbeit darf man auch auf die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte gespannt bleiben, welche Ergebnisse Karamah hervorbringen wird.

Quellen:
https://scholarship.richmond.edu/cgi/viewcontent.cgi?referer=http://karamah.org/director/dr-azizah-al-hibri-esq-3-2&httpsredir=1&article=2093&context=law-faculty-publications

http://karamah.org/about/history

http://karamah.org/about/vision-and-mission

http://karamah.org/director/dr-azizah-al-hibri-esq-3-2

http://karamah.org/event/faith-response-to-increased-deportations-on-domestic-violence-survivors

https://mailchi.mp/a2cc860ab2dd/karamahfgmpaperdownload

http://karamah.org/about/vision-and-mission

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