Eine global-feministische Bewegung – Wie sich Musawah für mehr Geschlechtergerechtigkeit in muslimischen Familien engagiert

 

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In der Geschichte der Frauenbewegung ist immer wieder zu beobachten, dass sich Frauen in Gruppen zusammengeschlossen haben und für ihre Rechte politisch eintraten. Dabei tauchte das interessante Phänomen der internationalen (oder heute auch transnationalen) Vernetzung auf, bei der sich nationale Frauengruppierungen länderübergreifend gegenseitig unterstützt haben. Exemplarisch hierzu ist die deutsche Frauenbewegung, die sich nicht selten Inspirationen von Feministinnen wie Simone De Beauvoir oder auch Olymp de Gouges holte. Trotzdem ist dieses Phänomen der Vernetzung von feministischen Frauengruppen weder etwas ausschließlich Europäisches noch Westliches. Interessanterweise findet man diese Art von transnationaler Zusammenarbeit zwischen Frauengruppen auch in der islamischen Welt. Debattiert werden unterschiedliche politische Fragen. Es wird danach gefragt, ob der Islam und die Menschenrechten sich gegenseitig ausschließen oder sich miteinander vereinbaren lassen. Die Realität zeigt, dass sich weltweit muslimische Frauen um eine solche Vereinbarkeit bemühen. Dabei ist vor allem eine besonders hervorzuheben: Die Musawah!

Bei Musawah geht es um eine globale Bewegung, die sich in erster Linie für „Gleichheit und Gerechtigkeit in muslimischen Familien“ einsetzt. Schon der arabische Name Musawah verweist auf ihr politisches Anliegen, da man den Begriff mit Gleichheit übersetzen kann. Bereits auf ihrer Homepage wird folgendes betont und auch gezielt angestrebt: „Musawah believes equality and justice in the Muslim family are necessary and possible. We work for the advancement of human rights for women in Muslim contexts, in both their public and private lives. The time for equality and justice is now“! Es geht Musawah also um die Gleichberechtigung in muslimischen Familien, wozu sie sich vor allen Dingen auf die Frauenrechte konzentrieren. Eine erste zu bewältigende Aufgabe sieht Musawah darin, die muslimischen Familiengesetze zu reformieren, die häufig ihre religiöse Legitimation aus der Scharia schöpfen. Bekannt sind die Menschenrechtsverletzungen in muslimischen Familien, wo es auch zum Freiheitsentzug von Frauen kommt, die nicht selbstbestimmt über ihr Leben entscheiden können. Ein großes und sehr wichtiges Ziel besteht daher in der Herausforderung, dass der Islam und die Menschenrechte in keinem Dissens zueinanderstehen, sondern miteinander harmonieren. Dafür unternehmen sie auch theologische Anstrengungen, die weiter unten ausgeführt werden.

Der Gründungsort der Bewegung ist die malaysische Stadt Kuala Lumpur. Dort wurde zwischen muslimischen Frauen und Männern aus den unterschiedlichsten Ländern ein globales Treffen initiiert, dem etwa 250 Menschen aus 47 verschiedenen Staaten beiwohnten. Unter den vielen Leuten fanden sich beispielsweise politische Aktivist/innen und auch Jurist/innen. Seit dieser Gründungsphase im Jahre 2009 erstreckt sich die Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschenrechtsorganisationen, um beispielsweise gesellschaftliche Missstände in islamischen Ländern festzustellen. Eine recht bekannte Persönlichkeit, wie die ägyptisch-amerikanische Journalistin und Aktivistin Mona Eltahawy, findet sich ebenso bei Musawah wieder. In ihrem Buch „Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt“ lobt sie Musawah: „Die Bedeutung des Ausdrucks gelebte Realität habe ich in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur erfahren, als >>Musawah<< ins Leben gerufen wurde, eine weltweite Bewegung für Gleichheit und Gerechtigkeit innerhalb der muslimischen Familie. Sie bringt Aktivisten und Islamwissenschaftler zusammen, die eine progressive Auslegung der Religion befördern, und sie richtet einen Großteil ihrer Bemühungen auf das Personenstandsrecht. Die Wissenschaftler, die sich Musawah (>>Frauen und Männer<<) angeschlossen haben, setzen sich schon seit Langem für eine fortschrittliche Neuinterpretation des Islam ein, um die in diesem Kapitel aufgeführten Ungerechtigkeiten zu beheben. Mein besonderes Interesse gilt dabei den weiblichen Religionsgelehrten innerhalb und außerhalb von Musawah (vgl. Eltahawy 2016: S.138).“

Die Gruppierung möchte den öffentlichen Raum für Debatten schaffen, um religiöse Themen in einer unverblümten Atmosphäre ansprechen zu können. Ein wichtiger Orientierungspunkt dafür wäre das „Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women“ (CEDAW) zu Deutsch: „Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau“. Hierbei geht es um eine UN-Konvention, die Anfang der 1980er Jahre von mehreren Staaten unterschrieben wurde. Auch von islamischen Ländern, die aber ihre Ratifizierung nur unter Vorbehalt der Scharia gaben. Ein sog. CEDAW-Komitee der Vereinten Nationen untersucht verschiedene Länder weltweit, um zu überprüfen, welche Länder den Abbau von Diskriminierungen gegen Frauen fördern, sprich, inwieweit wurde die obige UN-Konvention umgesetzt und vorgelebt. So wird der Blick auch auf islamische Staaten gelenkt. In ihrer Untersuchung geht es beispielsweise um staatstragende Parteien, die nicht die Gleichberechtigung von Frauen fördern. Kritisch fasst das Komitee die Ergebnisse in ihrem Bericht zusammen.

Musawah bietet nicht nur auf ihrer Homepage einen Überblick auf jene Ergebnisse, sondern gibt darauf eine selbstformulierte Antwort. In ihrem (von Musawah) formulierten „CEDAW and Muslim Family Law“ Bericht werden die Ergebnisse des Komitees kommentiert und auch Handlungsempfehlungen angesprochen. So sollte der Fokus ebenso darauf gerichtet werden, welche vermeintlich islamischen Regelungen nun tatsächlich religiös sind und welche nicht. In ihrer Antwort wird auch darauf eingegangen, wie die weitere Zusammenarbeit zwischen islamischen Ländern, dem Komitee und weiteren Menschenrechtsorganisationen ausschauen kann. Denn Defizite in islamischen Ländern im Hinblick auf familiäre Situationen existieren offenkundig, wie z.B. in Algerien, bei der die Scheidung nur auf Willen des Ehegatten erfolgt und ein Gericht dies zudem noch festzustellen hat.

Vor allem geht es dieser globalen Bewegung darum, dass man den Islam nicht nur als Ursache für Diskriminierung und Unterdrückung betrachten soll, sondern auch als Quelle, um muslimische Frauen zu stärken. Und wie bereits erwähnt, gibt es auch theologische Herangehensweisen von Musawah, um die Vereinbarkeit zwischen Islam und den Menschenrechten auf theologischem Gebiet zu rechtfertigen. Dazu schreibt sie auch Papiere, mit Titeln wie „Musawah Vision for the Family“. Ein überaus wichtiger Punkt betrifft die Scharia, wozu Musawah schreibt: „There is a distinction between Shari‘ah, the revealed way, and fiqh, the science of Islamic jurisprudence. In Islamic theology, Shari‘ah (lit. the way, the path to a water source) is the sum total of religious values and principles as revealed to the Prophet Muhammad to direct human life. Fiqh (lit. understanding) is the process by which humans attempt to derive concrete legal rules from the two primary sources of Islamic thought and practice: the Qur’an and the Sunnah of the Prophet. As a concept, Shari‘ah cannot be reduced to a set of laws — it is closer to ethics than law. It embodies ethical values and principles that guide humans in the direction of justice and correct conduct. What many commonly assert to be Shari‘ah laws, and therefore divine, are, in fact, often the result of fiqh, juristic activity, hence human, fallible and changeable.“ Die Unterscheidung findet somit dahingehend statt, dass die Scharia als Gesamtheit von religiösen Werten und Prinzipien zu betrachten sei, da es ja auch um Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Liebe oder auch Mitgefühl geht. Scharia wäre somit nicht ausschließlich als islamische Rechtsordnung zu verstehen, sondern als islamische Ethik. Primär geht es um die Vermittlung dieser Ethik, die ein gerechtes Verhalten bei den Menschen hervorrufen soll. Jedoch, und das ist ein weitgehendes Manko in der islamischen Welt, konzentriert sich die islamische Rechtswissenschaft auf die Gewinnung von Rechtsnormen aus den Quellen von Koran und Sunnah und verliert dabei die übergeordneten Prinzipien aus den Augen. Und das betont Musawah mit Nachdruck: Aufgrund des menschlichen Daseins dieser Gelehrten können ihre Auslegungen fehlbar und in letzter Konsequenz nicht göttlich sein. Daher kann es nicht eine Wahrheit in der Auslegung geben.

Es gibt diverse weitere, theologischen Punkte seitens der Musawah, mit denen es sich lohnt auseinanderzusetzen. Eine globale, soziale Bewegung, die sich um die Vereinbarkeit von Islam und Menschenrechten einsetzt, ist angesichts der restriktiven Situationen vieler muslimischer Frauen in der islamischen Welt lobens – und begrüßenswert. Was auch nicht zu kurz kommen darf, ist die Tatsache, dass es auch Männer gibt, die sich in der Bewegung engagieren und eben auch in der Gründungsphase dabei waren. Das zeigt, dass es auch im Interesse von muslimischen Männern liegt, Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen. Es ist zu hoffen, dass die Bewegung noch weiterwächst und viele weitere muslimischen Menschen animiert und sie auf ihren politischen und theologischen Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit mitnimmt.

Quelle:

Eltahawy, Mona (2016): Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt. Piper Verlag: München/Berlin

https://www.thenation.com/article/rise-islamic-feminists/

http://www2.unwomen.org/-/media/field%20office%20arab%20states/attachments/2016/musawahvisionforthefamily%201%20upd.pdf?la=en&vs=2349

http://www.musawah.org/resources/cedaw-and-muslim-family-laws-in-search-of-common-ground/

http://www.musawah.org/wp-content/uploads/2018/11/CEDAW-MuslimFamilyLaws_En.pdf

https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/CEDAW/Pages/Introduction.aspx

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