Bonner Festival der Begegnungen
Pauluskirche, In der Maar 7
Seyran Ate
Kanzelrede Bonn, 18.11.2018

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT

Meine Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Eckert,
vielen herzlichen Dank für die Einladung und die Gelegenheit hier reden zu dürfen. Vielen Dank, Herr Eckert, dass ich bei ihrem Projekt für Reformen in allen Religionen mitmachen darf. Es ist mir eine geradezu große Ehre, aber auch eine Selbstverständlichkeit.
Denn der interreligiöse Dialog und Austausch ist nicht nur mir, sondern unserer Gemeinde eine Herzensangelegenheit.
Wir machen das unter anderem dadurch deutlich, dass wir nicht nur keine Probleme haben, eine Kirche zu betreten oder hier vor Ihnen in einer Kirche zu sprechen, sondern auch schon dadurch, dass sich unsere Moschee, der eine Raum, den wir angemietet haben, in der St. Johanniskirche in Berlin-Moabit befindet, im ehemaligen Theaterraum der Kirche.
Als ich mich für den Raum beworben habe und gefragt wurde, warum ich in eine Kirche will und nicht in irgendein Gewerbe- oder Wohnhaus gehe, wie viele andere Moscheen auch, sagte ich spontan:
Weil Gott schon da ist!
Dieses Gefühl hatte mich die gesamte Zeit begleitet und immer wieder durchströmt, wenn wir uns den Raum angeschaut haben und die Konditionen für die Anmietung aushandelten.
Als ich es aussprach – ich selbst eingeschlossen – waren wir alle eine Weile still. In diesem magischen Moment wurde mir so klar wie selten, dass es um einen Gott geht, wenn wir auch verschiedenen Religionen angehören.
Ich wünschte mir, dass es mit dem Nutzungsvertrag klappt, weil ich an einen Ort wollte, wo Gott schon da ist und andere Gläubige. Wie könnte echter Dialog zwischen den Religionen besser praktiziert werden, als unter einem Dach zu existieren, voller Respekt und Hochachtung für die andere Religion.

Daher ist es mir nicht fremd in einer Kirche zu stehen. Aber, es ist eine Steigerung, wenn ich mit meiner Kanzelrede Teil Ihres Gottesdienstes sein darf. Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken.
Die Kanzelrede wurde mit dem biblischen Satz “ Selig sind, die Frieden stiften“ aus dem Matthäusevangelium Kapitel 5 angekündigt worden.

Frieden stiften. Frieden schaffen scheint zu den schwierigsten Dingen zu gehören, die Menschen vollbringen können.
Man könnte sagen, was ist daran so schwer. Lieben ist doch so viel schöner als zu hassen, Frieden ist doch so viel besser als Krieg, das Gute fühlt sich doch so viel besser an, als das Böse und ist auch für die Gesundheit sehr viel besser.
Aber: Es scheint leider nurso, als ob wir uns alle Frieden wünschen. Wie oft wird von WELTFRIEDEN geredet und dennoch herrscht Krieg und Zerstörung auf dieser Welt, seit Menschengedenken, von Menschen gemacht. Eine große Waffenlobby verhindert Frieden auf der Welt. Aber nicht nur die große Politik. Unendlich viele Menschen sähen und stiften in ihrer kleinen Welt, mehr Unfrieden als Frieden.

Die Erforschung des Bösen, die Versuche zu verstehen, warum Menschen andere Menschen hassen, PolitikerInnen und Regierungschefs/chefinnen nur nach Macht und Geld, statt nach der guten Politik für das Volk streben, warum Menschen andere Menschen schlecht und ungerecht behandeln, aus Neid, Missgunst und Eifersucht, die Erforschung all dessen – der Beispiele gäbe es noch unendlich viele – hat bisher zu keinem Ergebnis geführt, dass geeignet ist, das Böse wirklich zu verstehen oder gar abzuschaffen, den Menschen ausschließlich Gut sein zu lassen.
All die vielen Worte, die darüber schon gesprochen wurden, die dazu geschrieben wurden, all die Konferenzen und Festivals, Konzerte und Workshops, die auf der ganzen Welt dazu veranstaltet wurden, haben uns bisher keinen Weltfrieden beschert, nicht einmal Frieden auf einem einzigen Kontinent, – obwohl die EU den Friedensnobelpreis erhalten hat, können wir nicht sagen, dass in Europa Frieden herrscht.
Es kommt mir zusehends so vor, als ob diejenigen, die wirklich Frieden wollen und Frieden stiften sich in der Minderheit befinden.

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes, der den Menschen in seiner Vielfalt geschaffen hat, soll die Gesellschaft unserer Moschee dazu beitragen, das Zusammenleben von Menschen islamischen Glaubens in Deutschland nach den Regeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen und des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland zu gestalten. Dabei sollen nicht nur Männer und Frauen, sondern auch die verschiedenen Richtungen des Islam, wie Sunniten, Schiiten, Aleviten und  andere Ausrichtungen des Islam, sowie Menschen aller legalen sexuellen Orientierungen und Identitäten, in allen Beziehungen vollkommen gleichberechtigt sein.“ 
So lautet ein Teil der Präambel der Ibn Rushd-Goethe Moschee, die ich gegründet habe.
In unserer bescheidenen kleinen Welt, in unserer kleinen Moschee – winzig im Verhältnis zu allem, was auf dieser Welt existiert – versuchen wir Frieden zu stiften. Wir versuchen, in Frieden zu leben, unsere Religion zu praktizieren, gerecht zu sein.
Die Reaktionen auf unsere Moschee sind aber alles andere als nur friedlich. Man diffamiert und bedroht uns, man will uns verbieten zu leben und zu lieben, wen wir wollen.
Es gibt sogar Menschen, die bereit wären, dafür zu töten, um uns von unserer Arbeit und unserem Leben abzuhalten.
Was kann ein gläubiger Mensch in so einer Situation machen, ein Mensch, der an den liebenden und barmherzigen Gott glaubt? So ein Mensch kann sich die Frage stellen WARUM?
Warum existiert soviel Hass und Gewalt? Ebenso wie die Wissenschaft sich diese Frage stellt und versucht, den Menschen zu erforschen, kann auch ein gläubiger Mensch diese Frage stellen und erforschen, was seine Religion sagt.

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass der Wissenschaftler nicht gleichzeitig ein gläubiger Mensch sein kann. Es geht an dieser Stelle um das Herantasten an eine Antwort, um die Methode.
Bei einem gläubigen Menschen ist es naheliegend, dass er den Versuch unternimmt, auf diese schwierige Frage eine Antwort in seinem Glauben zu finden, in den entsprechenden heiligen Schriften, wenn es sich um eine Schriftreligion handelt. Also eine Antwort bei Gott.
Ähnliches wie in der Überschrift „Selig sind, die Frieden stiften“ gibt es in allen Religionen, so auch im Islam.

In Sure 49 – Vers 09 bis Vers 12 heißt es:

Und wenn zwei Gruppen von den Gläubigen einander bekämpfen, dann stiftet Frieden zwischen ihnen! Wenn dann aber die eine der anderen (immer noch) Gewalt antut, dann kämpft gegen diejenige, die gewalttätig ist, bis sie wiedereinlenkt und sich der Entscheidung Allahs fügt (hattaa tafie§a ilaa amri llaahi)! Wenn sie dann wiedereinlenkt, dann stiftet zwischen den beiden (endgültig) Frieden, wie es recht und billig ist (bil-`adli), und laßt Gerechtigkeit walten! Allah liebt die, die gerecht handeln.
Die Gläubigen sind doch Brüder. Sorgt also dafür, daß zwischen euren beiden Brüdern Friede (und Eintracht) herrscht, und fürchtet Allah! Vielleicht werdet ihr (dann) Erbarmen finden.

Ihr Gläubigen! Mannsleute (qaum) sollen nicht über (andere) Mannsleute spotten. Vielleicht sind diese besser als sie (selber). Und Frauen (sollen) nicht über (andere) Frauen (spotten). Vielleicht sind diese besser als sie (selber). Und bekrittelt euch nicht (gegenseitig) und gebt euch keine Schimpfnamen! (Das ist ein sündhaftes Verhalten. Und) wie schlimm ist (es, sich) die Bezeichnung der Sündhaftigkeit (zuzuziehen), nachdem man den (wahren) Glauben angenommen hat! Diejenigen, die nicht umkehren (und Buße tun), sind die (wahren) Frevler.

Ihr Gläubigen! Lasst euch nicht so viel auf Mutmaßungen ein! Mutmaßungen anstellen ist manchmal Sünde. Und spioniert nicht und sprecht nicht hintenherum schlecht voneinander (wa-laa yaghtab ba`dukum ba`dan)! Möchte (wohl) einer von euch (wie ein Aasgeier) das Fleisch seines toten Bruders verzehren? Das wäre euch doch zuwider (fa-karihtumuuhu). Fürchtet Allah! Er ist gnädig (tauwaab) und barmherzig.
Eine andere Übersetzung zu Vers 12 O ihr, die ihr glaubt! Vermeidet möglichst viel Argwohn; denn mancher Argwohn ist Sünde. Und bespitzelt euch nicht und redet nicht hinter dem Rücken schlecht übereinander. Würde jemand von euch etwa gerne das Fleisch seines toten Bruders essen? Ihr würdet es verabscheuen. Und fürchtet Allah. Allah ist fürwahr bereit zu vergeben, barmherzig.“
Unser Prophet soll diesbezüglich gesagt haben: „Üble Nachrede ist schlimmer als Ehebruch (Zinâ). Denn, wer Ehebruch begannen hat, bereut und erhält Vergebung von Allah. Aber derjenige, der schlechtes hinter dem Rücken einer Person verbreitet, kann nur von demjenigen verziehen werden, hinter dessen Rücken diese Gerüchte verbreitet wurden.“(At-Targîb wat-Tarhîb, Bd. V, 157)
Üble Nachrede wird nicht nur schlimmer als Ehebruch bezeichnet. Im Islam ist üble Nachrede eine große Sünde, vergleichbar mit dem Mord an einem Menschen.
Was sagt uns das, bzw. sollte uns das sagen?
Unser Bestreben sollte sein Frieden zu stiften, anstatt Unfrieden zu sähen. Es gehört zu unseren religiösen Pflichten. Üble nachreden und damit Unfrieden zwischen Menschen zu sähen ist eine Sünde.
Nun kann man sich die Frage stellen, warum gehorchen Menschen diesem Leitbild nicht? Es klingt doch einfach nur richtig. Frieden stiften ist besser als Unfrieden zu stiften, das gute Wort ist besser als die üble Nachrede.
Die üble Nachrede ist sogar im weltlichen Recht, im deutschen Strafgesetzbuch ein Straftatbestand. Man ist sich also bewußt, dass schlechtes Reden schlecht für das Zusammenleben der Menschen ist.
SIEHE § 186 StGB dort heißt es:

§ 186 Üble Nachrede
Wer in Beziehung auf einen anderen eine Tatsache behauptet oder verbreitet, welche denselben verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet ist, wird, wenn nicht diese Tatsache erweislich wahr ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Tat öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) begangen ist, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Die Strafe ist also relativ groß. Auch der Gesetzgeber, die weltliche Macht sah also eine Notwendigkeit darin, dieses Verhalten hart unter Strafe zu stellen.
Dennoch verbreiten Menschen in den sogenannten sozialen Medien und anderen Kanälen viele Unwahrheiten und stiften damit alles andere als Frieden. Und manch einer bezeichnet sich dort auch noch als wahren Gläubigen.
Die meisten Menschen nutzen dazu sogenannte Faik-accounts, weil sie auch noch zu feige sind, zu ihren Verleumdungen zu stehen.
Lassen wir uns dennoch nicht davon leiten und geben wir bitte nicht auf. Offensichtlich werden wir akzeptieren müssen, dass das Böse ebenso zum Menschen, zu unserer Realität gehört, wie das Gute, dass es Gottseidank auch in Hülle und Fülle gibt.
Lassen wir uns leiten von den guten Worten und den guten Taten, lassen wir uns von der Liebe leiten. Von der Liebe zum Menschen, zum Mitmenschen.
Dazu gehört sogar die Feindesliebe:Die Feindesliebe, die dazu dienen soll den Hass zu überwinden:
Die Feindesliebe ist – wie man weiß – eine wichtige Grundlage der christlichen Friedensethik. Liebt eure Feinde, so lautet der für viele Menschen provozierende Appell, den Jesus in einer seiner berühmtesten, gar wichtigsten Rede, der Bergpredigt, an die Menschen richtet. Damit wurde das Gebot der Nächstenliebe erweitert und überboten. Dort heißt es:
Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,
auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.
Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute
und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben?
Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?
Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?
Tun nicht dasselbe auch die Heiden?
Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“


Matthäusevangelium 5,44-48

Auch im Koran werden wir fündig, wenn wir uns auf die Suche machen nach der guten Antwort auf das Böse:

Sure 19, Vers 46

und die geduldig sind in der Suche nach dem Antlitz ihres Herrn, das Gebet verrichten und von dem, was Wir ihnen beschert haben, geheim und offen spenden, und das Böse mit dem guten abwehren, diese werden die jenseitige Wohnstätte erhalten” (Sure 13,22)

Und weiter :
In Sure 41, 34 – 35
Nicht gleich sind die gute und die schlechte Tat. Wehre ab mit einer Tat, die besser ist, da wird der, zwischen dem und dir eine Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund.
Aber dies wird nur denen verliehen, die geduldig sind, ja es wird nur dem verliehen, der ein gewaltiges Glück hat.”
In diesem Sinne können wir wohl immer wieder nur den Versuch unternehmen, einen Appell an die Menschen zu richten:
Stifte Frieden, denn Liebe tut der Seele gut.
Liebe tut der Seele gut. So lautete das Motto der evangelischen Kirche zum diesjährigen CSD in Berlin.
Von Liebe und nahezu nichts anderem spricht auch Mevlana Jelaluddin Rumi, auch als „Pol der Liebe“ bekannt. Er gilt als der größte Sufi-Dichter und Mystiker aller Zeiten. Mit seinen Worten will ich abschließen, Worte denen wir uns als Ibn Rushd – Goethe Moschee verpflichtet haben:

Komm, komm, wer immer du bist,
Wanderer, Götzenanbeter,
du, der du den Abschied liebst,
es spielt keine Rolle.
Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.
Komm, auch wenn du deinen Schwur
tausendfach gebrochen hast.
Komm, komm, noch einmal, komm!

AMIN

VIELEN DANK!

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