Wie interpretiert man den Koran?

Erläuterung zeitgenössischer Positionen zur Interpretation des Koran

Die orthodoxe Position
Wie interpretiert man den Koran? Orthodoxe Muslime werden sagen: „Gar nicht! Der Koran wird rezitiert und befolgt – nicht interpretiert“. Nach dieser Position hat jedes Wort genau so, wie es vom Propheten Mohamed vor ca. 1400 Jahren geäußert wurde, verhaltensnormierende Geltung.

Koranverse geben demnach in ihrer Ganzheit Anweisung dazu, wie sich Muslime heute in praktisch allen Lebensbereichen zu verhalten haben.

Für jeden Vers gilt diese wortwörtliche Interpretationsweise und bezieht sich auf alle genannten Elemente. Gäbe es also beispielsweise die Anweisung (es gibt sie nicht): „Wenn ihr den Wasserkessel aufs Feuer stellt, sagt Bismillah“, so hieße dies automatisch auch, wir dürfen zum Wasserkochen keinen Elektroherd verwenden, weil Wasserkessel aufs Feuer gestellt werden müssen.

Dies wird zum Beispiel relevant bei der derzeit in der Öffentlichkeit immer wieder zur Sprache gebrachten Frage über das Tragen des Kopftuchs. Im Koran steht hierzu, nämlich in Sure 24:31, dass Frauen ihre Tücher über ihre Brustausschnitte schlagen sollen. Entsprechend der orthodoxen Lesart muss man also ein Tuch tragen, damit man es über den Brustausschnitt schlagen kann. Obwohl also das Kopftuch an keiner Stelle im Koran als notwendiges Kleidungsstück genannt wird, steht hier nach orthodoxer Lesart die implizite Anweisung, es zu tragen, da man es ja sonst nicht über die Brust ziehen kann.

Umgekehrt muss dies dann auch bedeuten, dass Dinge, die es zur Zeit Mohameds noch nicht gab, einfach erlaubt sind, da sie ja keine Erwähnung finden, denn es besteht Konsens über den islamischen Grundsatz, dass alles erlaubt ist, was nicht explizit verboten wurde. Doch so einfach ist es nicht. Man steht vor dem Problem, eben auch als orthodoxer Muslim interpretieren zu müssen. Ein weiteres Beispiel: Es heißt, der Konsum von Alkohol ist verboten – heißt das aber auch, dass der Konsum von Marihuana verboten ist? Nach orthodoxer Ansicht müsste es nicht verboten sein, denn Marihuana wird im Koran nicht explizit erwähnt. Erklärt man jedoch alle Rauschmittel für verboten, und vertritt die Meinung, Alkohol diene nur als ein Beispiel für alle Rauschmittel schlechthin, so stellt dies bereits eine Interpretation dar.

Bezogen auf das oben genannte Wasserkesselgebot müsste man fragen, ob es auch gilt, wenn es sich nicht um einen Wasserkessel, sondern um einen Topf handelt; oder ob man auch Wasser kochen darf, wenn es kein Feuer gibt.

Orthodoxe Muslime übergeben diese Entscheidungsgewalt, und damit auch die Verantwortung für das eigene Handeln, meist einem Imam. Die Entscheidungsfindung des Individuums wird damit zurückgestellt hinter die Vorgaben oder Empfehlungen, die in den Predigten (Khutbas) und dem Unterricht der Moscheen von Imamen weitergegeben werden, wobei diese ausschließlich männlich sind, denn ein weibliches Imamat ist nicht erlaubt. Die orthodoxe Position stärkt damit die Rolle der Imame als Autorität gegenüber den Gläubigen und die Rolle der Männer gegenüber den Frauen. Dies entspricht einer gewissen Gehorsamsorientierung.

Der liberale, oder progressive, Islam vertritt diese orthodoxe Position zwar nicht. Er wertschätzt jedoch alle Menschen mit ihren Verstehens- und Interpretationsansätzen des Korans, vorausgesetzt diese sind friedfertig und akzeptieren ebenfalls die anderen Meinungen. Der liberale Islam unterstützt das friedfertige, von Akzeptanz und Nächstenliebe geprägte Miteinander aller Muslime und Nichtmuslime unserer Gesellschaft.

Sure 6:52 gebietet diese Akzeptanz sowie das Abstandnehmen vom Richten über andere.
„Und weise nicht diejenigen ab, die morgens und abends ihren Herrn anrufen im Begehren nach Seinem Angesicht! Dir obliegt in keiner Weise, sie zur Rechenschaft zu ziehen, und ihnen obliegt in keiner Weise, dich zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn du sie abwiesest, dann würdest du zu den Ungerechten gehören.“

Die liberale Position

Der liberale Islam vertritt die Position, dass es neben der wörtlichen Lesart eine weitere geben kann, bei der nämlich der geschichtliche Zusammenhang, in dem die Koransuren herabgesandt wurden, sowie der ethische Impuls, eine entscheidende Rolle für deren Interpretation spielt. Muslime, die diese Position vertreten, richten ihr Verhalten danach aus, worin nach ihrem Verständnis die ethische Zielsetzung eines gegebenen Verses liegt. Als Beispiel sei hier die exemplarische Entscheidungsfindung für die sogenannte Kopftuchfrage vorgestellt:

>Es ist bekannt, dass Frauen zur Zeit Mohameds ein hemdähnliches Gewandt trugen, das vom Hals bis zum Bauch offen war – also gewissermaßen zweigeteilt. Bei bestimmten Bewegungen wurde somit die Brust der Frau sichtbar. Zugleich trugen die freien Frauen damals ein Tuch über dem Kopf. Das Gebot, die Tücher über den Brustausschnitt zu ziehen bedeutet, diesen mit einer Sache zu bedecken, die man zeitgemäß und gesellschaftskonform trägt – damals war es ein Tuch, heute ist es eben ein Pullover, eine Bluse, etc.

Die hinter dem Vers stehende universelle ethische Norm ist die Wahrung eines respektvollen Klimas innerhalb der Gesellschaft, indem sexuelle Provokationen vermieden werden.

Die universelle ethische Aufforderung von 24:31 ist also die Herstellung und Wahrung des respektvollen Umgangs miteinander, welche Kleidungsstücke auch immer in einer Gesellschaft dafür notwendig sein mögen.

Eine ähnliche Frage entsteht im Bereich des Opferns von Tieren, zum Beispiel beim Opferfest nach der Pilgerfahrt. Das Gebot, ein Tier, meist ein Schaf, zu opfern, ist zunächst nach seinem ethischen Grundwert zu befragen. Dieser ist, nach allgemeinem Verständnis, die Speisung von Armen. Möglicherweise ist es heute angemessener, auf das Tieropfer zu verzichten um stattdessen lieber das entsprechende Geld an Bedürftige zu schicken, welche dann selbstbestimmt entscheiden können, ob sie sich davon Fleisch oder andere Lebensmittel kaufen. Angesichts der vielen im Anschluss an die Schächtung weggeworfenen Opferschafe nach dem Opferfest gilt dies bei innerhalb der liberal-muslimischen Gemeinschaft als valide Interpretation.

Für alle Handlungsentscheidungen soll somit der ethische und spirituelle Grundgehalt der entsprechenden Offenbarung Beachtung finden. Die Verantwortung für das Handeln des Individuums wird im liberalen Islam nicht an den Imam abgetreten, sondern verbleibt beim Individuum, das gehalten ist, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln.

Aus der Perspektive orthodoxer Muslime besteht im liberalen oder progressiven Islam eine gewisse Beliebigkeit. So könnte man kritisieren, dass den Menschen der ethische Gehalt von Geboten und Verboten nicht immer bekannt ist. Gott will vielleicht aus ganz anderen als den von uns angenommenen Gründen, dass wir uns auf bestimmte Weise verhalten.

Gleichsam stößt auch die wörtliche Auslegung an ihre Grenzen, weil wir heutzutage bestimmte Wörter oder Anleitungen anders verstehen, als man sie früher verstanden hat. Daher gibt es in beiden Herangehensweisen Raum für Fehlinterpretationen. Der progressive Islam bietet allerdings die Möglichkeit, den Islam an zeitliche und gesellschaftliche Kontexte anzupassen, ohne seinen Wesenskern zu verlieren. Jedenfalls ziehen wir zur Interpretation stets mehrere Quellen zu Rate, wobei der Koran an erster Stelle steht. Das Verhalten ergibt sich aus dem Studium des Korans, den Hadithen, dem eigenen Herzen und Verstand, der eigenen Persönlichkeit, aber auch aus der Wechselwirkung mit der jeweiligen Gesellschaft in der sich die Muslime befinden. Der Koran wird so zum Entscheidungsinstrument ethischer Grundsätze in der Moderne. Ob Muslime sich eher zur traditionell orthodoxen oder eher zur liberal progressiven Lesart und Lebensart zugehörig fühlen – am Ende zählt im Islam immer die Absicht (Niyya), ein möglichst gottgefälliges Leben zu führen und Gott und die Schöpfung wertzuschätzen.

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