Die Chancen aus der Reform – Bassam Tibi streitet für einen Euro-Islam

 

Dontworry [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Bassam Tibi ist ein deutsch-syrischer Politikwissenschaftler, der im Jahre 1944 in Damaskus geboren wurde. Er legte eine beachtliche akademische Karriere hin, studierte bei seiner Ankunft in Deutschland im Jahre 1962 u.a. bei Koryphäen der Philosophie und Sozialwissenschaften wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Er promovierte bereits Anfang der 1970er und ließ sich im Laufe seiner akademischen Laufbahn Anfang der 1980er Jahre in Hamburg habilitieren. Zuvor war er ohne Habilitation als Professor tätig. Seine Professur nahm er in Göttingen wahr, weitere Gastprofessuren kamen hinzu. Bassam Tibi sammelte viele Auslandserfahrungen, da er beispielsweise im Jahre 1982 Visiting Scholar an der Harvard University war und zusätzlich viele Reisen aufgrund seiner Forschungen machte, wie z.B. in islamische Länder, in Asien, sowie in die USA. Besonders für seine Expertise über den Islam wird er geschätzt und deshalb auch zu Vorträgen in Deutschland und in anderen Ländern eingeladen. Der Name Bassam Tibi taucht in sog. „Islam-Debatten“ auf, wenn es beispielsweise um den „Euro-Islam“ geht oder der systematischen Analyse islamischer Länder. Mit Fragen bezüglich des (globalen) Islam, Integration und Migration beschäftigt er sich bereits seit vielen Jahrzehnten.

 

Veröffentlichungen von Bassam Tibi:

Er hat viele Bücher veröffentlicht, wobei einige hier kurz zur Sprache kommen sollen. Bereits in den 1980er Jahren veröffentlichte er wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Islam, was an seinem Buch deutlich wird: „Der Islam und das Problem der kulturellen Bewältigung sozialen Wandels.“ In dem Werk analysiert er mit globalem Blick arabischsprachige, islamische Länder und setzt sich spezifisch mit deren historisch-gesellschaftlichen Problemen auseinander. Ihm stellt sich eine zu meisternde Aufgabe: […] eine Modernisierung der Sozialstrukturen des islamischen Orients ist immer zum Scheitern verurteilt, wenn sie ohne parallele Dynamisierungsversuche der islamischen Kultur angestrebt wird. Nur eine Reform von innen kann daher Erfolg versprechen; dies müsste auch an ähnlich strukturierte islamische Traditionen anschließen. Die Modernisierung des Islams muß von innen her geschehen und von Muslimen getragen werden (vgl. Tibi 1985: S.90). Er benennt verschiedene Bereiche im Islam, die es zu reformieren gilt, wozu auch die Scharia – als unantastbare Rechtsordnung verstanden – gilt. Probleme, die sich aus einem solchen Scharia-Verständnis ergeben, erläutert er durch folgende Aussage: „Die offenbarte koranische Wahrheit gilt im Islam als ewig und unveränderbar; ihr Geltungsbereich ist uneingeschränkt. Das aus dieser Wahrheit abgeleitete islamische Recht beansprucht, sämtliche Lebensbereiche zu umfassen, und ist in dem Sinne theozentrisch ausgerichtet, als es kraft der Offenbarung nur Gott dazu dient, die Welt zu kontrollieren, und nicht etwa den Menschen dazu verhilft, ihren gesellschaftlichen Verkehr zu regulieren (ebd. S.85-86). Bassam Tibi erkennt aber auch die Chancen, die sich in aus einer reformierten Scharia-Auslegung ergeben: „Ein modernes, flexibilisiertes Verständnis des islamischen Rechts würde allerdings den Weg für eine andere Auslegung öffnen, die mit Weltfrieden und interkultureller Pluralität vereinbar wäre. Aber auch dem Interesse der Gesellschaften des islamischen Orients selbst müßten Anstrengungen für eine Erneuerung des islamischen Rechts dienlich sein, insofern diese Sozietäten sämtlich unter ihren Strukturen der Unterentwicklung leiden (vgl. ebd. S.85). Weitere Bücher von ihm, die sich in ähnlicher Weise mit der eben gestellten Frage beschäftigen, wären z.B. „Die Krise des modernen Islams“ oder auch „Islamischer Fundamentalismus, moderne Wissenschaft und Technologie.“

Der Professor (inzwischen emeritiert) für Internationale Beziehungen an der Georg-August-Universität Göttingen war auch an einigen Gründungen beteiligt, wie z.B. im Jahre 1983 an der Nichtregierungsorganisation „Arabische Organisation für Menschenrechte oder auch am „Verband Demokratisch-Europäischer Muslime“ im Jahre 2010.

Euroislam und Leitkultur

Der Name Bassam Tibi ist besonders im deutschen Kontext in integrationspolitischen – und Islamdebatten nicht unbekannt, da er bestimmte Begriffe geprägt hat und dadurch große (mediale) Aufmerksamkeit auf sich zog. Dazu gehören z.B. „Leitkultur“ oder auch „Euro-Islam“. Bedauerlicherweise wurde das Konzept der „Leitkultur“ von politischen Parteien vereinnahmt, um etwas deutschnationales hineinzuprojizieren. Daher ist es sehr wichtig, sich nochmal zu vergegenwärtigen, von welchen Werten eigentlich Tibi sprach. Erkenntnisse kann man dafür aus seiner Lektüre: „Europa ohne Identität? Leitkultur oder Wertebeliebigkeit.“ gewinnen: „Es ist wichtig, genau anzugeben, welches die verbindlichen Werte einer Leitkultur in westlichen Gesellschaften sind. Lapidar würde ich antworten: säkulare Demokratie, Menschenrechte, Primat der Vernunft gegenüber jeder Religion, Trennung von Religion und Politik in einer zugleich normativ wie institutionell untermauerten Zivilgesellschaft, in der Toleranz – bei Anerkennung von bestimmten allgemeinen Spielregeln gegenseitig gilt und ausgeübt wird (vgl. Tibi 2001: S.56)“. Dieser Gedanke steht einer deutschnationalen Interpretation der „Leitkultur“ diametral entgegen, weil es hierbei um die Bejahung von Werten geht, die universell und eben nicht deutsch-spezifisch sind. Bekräftigt wird diese Ansicht dadurch: „Bei Leitkultur geht es um eine demokratische, also weder religiös noch ethnisch bestimmte zivilisatorische Identität, die wir Einwanderer mit den Deutschen teilen können, wenn sie wollen, daß wir uns nicht in Parallelgesellschaften (Ghettos) zurückziehen (vgl. ebd. S.XIV).“ Ein ebenso wichtiger Begriff ist der des bereits erwähnten „Euro-Islams.“

Dabei geht es um ein Konzept, wofür viele Muslime in Deutschland und Europa, aber auch teilweise individuell in islamischen Regimen kämpfen. Auch für Tibi ist das ein sehr wichtiges Projekt, was er in seinem Werk „Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte“ nochmals akzentuiert: „Für mich steht der Euro-Islam als ein mit der kulturellen Moderne versöhnter Islam nicht im Widerspruch zu meinem Glauben an die göttliche Religion und zu meiner islamischen Identität (vgl. Tibi 1994: S.299).“ Konkreter wird er dazu in seinem Buch: „Europa ohne Identität? Leitkultur oder Wertebeliebigkeit“, darin schreibt er: „Unter Euro-Islam verstehe ich eine Interpretation des Islam, die offen ist und im Zeichen der hoch-islamischen Aufklärung sowie des islamischen Rationalismus steht. Ein Euro-Islam ist vereinbar mit drei europäischen Verfassungsnormen: 1) Laizismus (Trennung zwischen Religion und Politik), 2) säkulare Toleranz (Freiheit Andersdenkender und des Glaubens) und schließlich 3) Pluralismus. Im Sinne der letzten Norm müssen muslimische Migranten lernen, daß ihre Glaubensgemeinschaft nur eine unter anderen ist und kein Monopol auf die Wahrheit besitzt. Toleranz gegenüber den Muslimen erfordert eine islamische Toleranz gegenüber anderen Religionsangehörigen, aber auch Offenheit, einschließlich Offenheit und Pluralität innerhalb des Islams selbst. Ich muß es offen sagen: Es gibt keine inner-islamische Toleranz. Zudem müssen die in Europa lebenden Muslime auch im Sinne des inneren Friedens auf ihre religiöse Doktrin und Tradition der Verbindung von Migration und missionarischer Verbreitung des Islam unzweideutig verzichten (vgl. Tibi 2001: S. 257).“ Ein solches Islamverständnis würde somit auch einen entpolitisierten Islam zur Folge haben, weil es einerseits keinen gesellschaftlichen Machtanspruch mehr zulässt und andererseits viele weitere Islamverständnisse innerhalb der muslimischen Community in Europa ihren Platz finden können. Solche Wertevorstellungen wären gerade für Integrationsprozesse von eminenter Bedeutung, um vor allem dem fundamentalistischen Islam, der politisch und juristisch geprägt ist, etwas entgegenzuhalten. Der Begriff „Euro-Islam“ ist noch bis heute hochaktuell, da sich darin Werte und Vorstellungen widerspiegeln, an die liberale Muslime anknüpfen.

Kritiker des Kulturrelativismus

Der deutsch-syrische Politikwissenschaftler denkt ebenfalls nicht in kollektivistischen Kategorien, sondern behält primär das Individuum im Blick. Kritisch gegen den Kulturrelativismus behauptet er: „Menschen als Individuen sind gleichberechtigt, nicht aber die Kulturen der Vormoderne und der Moderne; sie können – und dürfen – schon aus der Perspektive der Freiheit nicht gleichgesetzt werden (ebd. S.84).“ Gleichzeitig plädiert er nicht für die Multikulturalismus-Ideologie, welche mit einem fatalen Kulturrelativismus einhergeht, sondern für Kulturpluralismus, also eine Gesellschaft unterschiedlicher Kulturen, die jedoch unter dem Dach des Grundgesetzes ihre (Handlungs-)Grenzen finden. Seine Kritik richtet sich auch stark gegen politische Linke, die kulturrelativistisch argumentieren, um bestimmte Probleme bei Muslimen unter den Teppich zu kehren. Wünschenswert wäre es aus seiner Sicht hingegen, wenn Linke und Linksliberale progressive Muslime unterstützen würden, gerade um den „Euro-Islam“ zu realisieren. Tibi räumt aber inzwischen ein, dass der „Euro-Islam“ verloren hat und begründet dies folgendermaßen: Zu wenige Anhänger ließen sich dafür finden, wobei diese Idee auch oft genug seitens der konservativen Islamverbänden verhindert wurde. Letztlich hat für ihn der sog. „Kopftuch-Islam“ gewonnen. Damit meint er keineswegs beispielsweise die religiöse Einstellung einer muslimischen Frau, sondern das Kopftuch als politische und zivilisatorische Abgrenzung, was seiner Ansicht nach nicht zur Integration beitragen könne. Auch heute kann man von Bassam Tibi noch was lesen und hören, da er für diverse Zeitungen schreibt oder auch Bücher veröffentlicht, die sich mit aktuellen politischen Fragestellungen auseinandersetzt, wie z.B.: „Islamische Zuwanderung und Ihre Folgen: Wer sind die neuen Deutschen?“

Quelle:

Tibi, Bassam (2001): Europa ohne Identität? Leitkultur oder Wertebeliebigkeit. C. Bertelsmann Verlag. München

Tibi, Bassam (1994): Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte. Piper Verlag, München

Tibi. Bassam (1985): Der Islam und das Problem der kulturellen Bewältigung sozialen Wandels. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

https://de.wikipedia.org/wiki/Euro-Islam#Bassam_Tibis_%E2%80%9EEuro-Islam%E2%80%9C

http://www.deutschlandfunk.de/bassam-tibi-ueber-den-euro-islam-bejahung-der-saekulaeren.886.de.html?dram:article_id=361560

https://www.derwesten.de/politik/islam-experte-bassam-tibi-der-euro-islam-ist-gescheitert-id12069234.html

 

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