NATUR

Bobby Burch

Noah

 

Eine Khutba über den Propheten Noah

 

Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Seid herzlich begrüßt zum heutigen Freitagsgebet.

Bobby Burch
Bobby Burch

In meiner letzten Khutba ging es darum, woher die Sure Al-Baqara ihren Namen hat, und ich sprach in diesem Zusammenhang insbesondere über die Kinder Israel und den Propheten Moussa. Dies brachte mich auf die Idee, heute über einen weiteren Propheten zu sprechen. Heute geht es um Nuh, also Noah.

 

Als die Menschheit bereits eine lange Zeit auf der Erde weilte, wurde sie wohl recht selbstsicher in ihrem Tun und muss recht wohlhabend gewesen sein, denn Allah entsandte seinen ersten Propheten nach Adam. Noah gehört zu den großen, oder bekanntesten, von ihnen. Die weiteren sind Ibrahim, Moussa, Issa und Mohamed. Abraham, Mose, Jesus und Mohamed. Aber warum werden überhaupt Propheten zu uns gesandt?

 

Im Laufe der Menschheitsgeschichte sandte Allah immer dann Propheten zu uns, wenn wir uns als Menschen an bestimmten Regeln vergingen oder wesentlichen Irrtümern erlagen. Der erste Irrtum ist die Annahme, keinen Gott zu brauchen, selbst Schöpfer unseres Glücks sowie unseres Reichtums zu sein. Dazu gehört auch, aus Überheblichkeit die Armen nicht am eigenen Einkommen zu beteiligen, sondern in selbstgefälliger Manier unsere Besitztümer als rechtmäßiges, uns frei zur Verfügung stehendes Eigentum zu betrachten. Die Reichhaltigkeit unserer Speisen beispielsweise nicht darauf zurückzuführen, dass wir durch Allahs Barmherzigkeit und Liebe versorgt werden, sondern in undankbarer Weise davon auszugehen, dass sie uns mit größerer Selbstverständlichkeit zustehen als anderen.

Ein weiterer Irrtum, der immer mal wieder Propheten auf den Plan ruft, sind unterdrückerische Praktiken, auch z.B. im Bereich der Sexualität. Hierzu gehört, Menschen zu benutzen, statt in einvernehmlicher Weise mit ihnen zu verkehren. Den Propheten geht es um die Anerkennung der Menschen mit ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit statt Ausbeutung. Ausschweifungen und Unterdrückung, also das Fehlen der Wertschätzung des Anderen, oder der Schöpfung insgesamt, sind Verhaltensweisen, sind sozusagen Exzesse, die zur Religion der Mitte nur wenig passen. Dankbarkeit, Wertschätzung und Gerechtigkeit werden angemahnt.

 

Offensichtlich ist es ein weiterer Fehler, Allah andere Götter zur Seite zu stellen. Mit scheinbar unbarmherziger Strenge weist Allah uns zurecht, wenn wir Götzen verehren. Uns ist inzwischen längst klar, dass damit in der heutigen Welt weniger die selbstgemeißelten Steingötterchen vergangener Jahrhunderte gemeint sind, als vielmehr unsere Vergötterung aller möglichen Dinge. Die Vergötterung unserer materiellen Statussymbole, unseres Aussehens, unserer Kinder, unserer Ansichten, unserer Selbst. Es ist erstaunlich, dass nicht jetzt gerade jemand unterwegs ist, uns als Prophet oder Prophetin zu begegnen und auf unseren recht mächtigen Egozentrismus zu verweisen.

 

So waren also die Leute in der Zeit von Noah uns hier und heute nicht sehr unähnlich, aber uns vielleicht in ihrer Überheblichkeit und Intoleranz noch weit voraus. Allah sandte Noah zu ihnen, damit er ihnen erkläre, dass sie vor einer drohenden Vernichtung errettet werden könnten, wenn sie abließen von der Verherrlichung und Heiligung ihrer selbst ernannten Götter. Shirk ist das arabische Wort dafür, andere Götter neben Gott zu stellen. Ich möchte noch einen Moment bei diesem Gedanken verweilen, bevor ich in der Geschichte weitergehe, weil ich ihn befremdlich finde. Es hört sich so ganz nach einem patriarchalischen, eifersüchtigen Gott an, der keinen anderen Gott neben sich duldet. In meiner eigenen Auseinandersetzung  kann ich dem Konzept der Absolutheit des Monotheismus, dann Sinn entnehmen, wenn es darauf verweisen will, dass es viele Namen für Gott gibt und viele unterschiedliche Ansichten über ihn, doch es immer dasselbe Wesen oder Wesenhafte ist, auf das wir uns beziehen. Die Deutung des strengen Gebots des Monotheismus hat sich also in den Jahrhunderten verändert. Ging es früher darum, keine selbstgebauten Götzen anzubeten, geht es heute zum Einen darum, das Selbst und das Materielle nicht zu vergöttern, zum Anderen um die Erkenntnis, dass alle Menschen, die an einen Gott glauben, darin geeint sind, denn es gibt nur diesen einen. Ist er Energie und wir tragen diese Energie in uns, sind wir alle vom göttlichen durchdrungen. „Alle“ heißt dann, dass kein Grund zur Überheblichkeit besteht.

 

Vordergründig sieht es so aus, als schicke Allah Propheten und Engel als Boten von Vernichtungsszenarien und Höllenfeuer. Doch ist dies, so glaube ich, unsere kulturelle und gewissermaßen selbstgewählte Perspektive oder selektive Wahrnehmung oder Lesart. Doch dazu später mehr. Nun zur Geschichte.

 

950 Jahre lang sprach Noah zu dem Volk bei dem er lebte, dass es sich dem einen Gott zuwenden solle. Es solle ablassen von seinem arroganten Gehabe und von der Vorstellung, ein Recht auf Reichtum zu haben. Es solle ablassen von der Vernachlässigung der Armen und solle Gott keine Götter zugesellen. Es solle mit gleichem Maß messen und sich in Wertschätzung üben.

 

950 Jahre, eine Zahl, über deren mystische Bedeutung wir nur spekulieren können, bat Noah die Menschen um Einsicht. Doch sie verspotteten ihn und sprachen: „Wenn Allah uns einen Botschafter schicken wollte, hätte er einen Engel geschickt. Du bist nur ein einfacher Mensch“. Und sie sahen, dass die Armen Noah folgten und an ihn glaubten. Daher spotteten sie noch mehr und sagten, siehst du nicht, dass dir nur die Armen folgen? So ist deine Botschaft für uns einflussreiche Menschen bedeutungslos. Wir sind uns selbst genug und brauchen deinen Gott nicht. Auch Noahs Ehefrau war von ihrer Eigenmächtigkeit überzeugt, sowie auch einer seiner Söhne.

 

Nach 950 Jahren endlich sprach Allah zu Noah, er habe die Menschheit nun lange genug gewarnt. Allah würde eine große Flut schicken, die die gesamte Erde bedecken würde und Noah solle ein Schiff bauen, um sich und seine Familie zu retten. Noah hatte vier Söhne. Sem, Ham, Yapeth und Yam. Einer von ihnen, wahrscheinlich Yam, sagte: „Mir wird schon nichts passieren. Wenn eine Flut kommt, steige ich auf einen hohen Berg“.

 

Noah bat ihn, später auch mit einzusteigen, doch er lehnte es von vorneherein ab und änderte bis zum Ende nicht seine Meinung.

 

Allah sagte auch, Noah solle von jedem Tier auf der Erde ein männliches und ein weibliches Exemplar mit auf das Schiff nehmen, damit sie später die Erde wieder bevölkern könnten.

 

Das Volk lachte derweil über ihn: „Noah baut ein Schiff auf einem Berg! Sirt najar ja nuh fakarnak nebi“ Bist du ein Schreiner geworden, oh Noah? Wir dachten du seist ein Prophet?“ Als Noah das Schiff endlich fertiggestellt hatte, sprach er: Vers 41. „Steigt ein in dieses Schiff. Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern. Siehe mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend. Ein Gnadenspender“. Und so begann es zu regnen und die schwarzen Wolken brachen bis die Wasser des Himmels und das Wasser auf der Erde zusammentrafen und die Fluten hoch schlugen.

Inmitten dieser Fluten sieht Noah seinen Sohn auf einem hohen Berg stehen und noch einmal ruft er ihn,  in das Schiff zu steigen. Irkab ja bunnaya. Irkab.

Er ruft nicht „Sohn“ oder „Kind“, sondern er verwendet die Koseform des Wortes Ibni – also Sohn – nämlilch bunnaya. Eigentlich heißt es „Söhnchen“, doch weil dies in der deutschen Sprache eher ein kleines Kind konnotiert, wird bunnaya im Allgemeinen mit „mein geliebter Sohn“ übersetzt. Der Vater sieht sein eigenes Kind von den Fluten überwältigt und ruft in größtem Schmerz: ya bunnaya, irkab ma’ana wa la takun ma’ alkafirun!

 

Vorlesen aus dem Koran 11:41 bis 45

So sagte er zu seinen Anhängern: Steigt ein in dieses Schiff! Im Namen Gottes sei seine Fahrt und sein Ankern! Siehe, mein Erhalter ist fürwahr vielvergebend, ein Gnadenspender!

Und es trieb dahin mit ihnen in Wellen, die wie Berge waren. In diesem Moment rief Noah aus zu seinem Sohn von sich, der sich ferngehalten hatte: O mein lieber Sohn! Steige ein mit uns, und bleibe nicht mit jenen, die die Wahrheit leugnen! Aber der Sohn antwortete: Ich werde mich zu einem Berg begeben, der mich vor den Wassern schützen wird.

Noah sagte: Heute gibt es keinen Schutz für irgend jemanden vor Gottes Urteil, außer für jene, die seine Barmherzigkeit verdient haben.

Und eine Welle erhob sich zwischen ihnen und der Sohn war unter jenen, die ertränkt wurden.

Und das Wort wurde gesprochen: O Erde, verschlinge deine Wasser! Und o Himmel, beende deinen Regen.

Und die Wasser sanken in die Erde, und der Wille Gottes war geschehen, und die Arche kam auf dem Berg Dschudi zum Halten.

Und das Wort wurde gesprochen: Hinweg mit den Leuten, die Übles tun!

Und Noah rief aus zu seinem Erhalter und sagte: Oh mein Erhalter! Wahrlich mein Sohn gehörte zu meiner Familie, und wahrlich, dein Versprechen wird immer wahr, und du bist der Gerechteste aller Richter. ….

 

Vers 48: Daraufhin wurde das Wort gesprochen: Oh Noah! Steige aus in Frieden von Uns und mit unseren Segnungen über dich und über die Leute, die mit dir sind, und die Rechtschaffenen, die von dir abstammen werden und von jenen, die mit dir sind.

 

Als Noah also lange auf dem Wasser getrieben ist, beginnt er, jeden Tag eine Taube auszuschicken. Eines Tages kommt sie zurück und hat einen Olivenzweig im Schnabel. Da weiß er, dass die Fluten sich senken. Wieder und wieder entlässt er die Taube. Und als sie eines Tages mit Erde an den Füßen zurückkehrt, verlassen die Geretteten endlich das Schiff. Sie lassen sich nieder, um die Erde zu bevölkern.

 

Die Geschichte Noahs lässt sich lesen, gebrauchen und missbrauchen als Geschichte über den unbedingten Gehorsam gegenüber einem unbarmherzigen Gott, der darauf aus ist, uns zu strafen und letztlich zu vernichten, wenn wir nicht genau das tun, was er erwartet. Die Geschichte reiht sich ein in die von Ibrahim, der seine Frau Hagar in die Wüste bringt, gottergeben bereit ist, seinen Sohn zu opfern, oder die von Yunis, der seine Zeit im Wal verbringt, statt gleich nach Ninive zu gehen, wie es ihm befohlen wurde, oder Hud, der nicht lange nach Noah zu dem militanten Stamm der Aad kommt. So birgt die Geschichte als eine über den unbedingten Gehorsam eine immense Gefahr, doch genau diese Lesart scheint unvermeidlich. Das liegt aber eben nicht daran, dass die Geschichte Noahs Gehorsam und Strafe so stark betont, sondern daran, dass wir gewohnt sind, sie so zu verstehen. Unser Lesen ist immer kulturelles Lesen, d.h. wir lesen die Geschichte so, weil wir in unserer realen Welt genau dieses Muster finden. Jeder kennt es – von zu Hause, aus der Schule, von überall. Wenn du nicht gehorchst, musst du auf dein Zimmer gehen, werden dir Privilegien entzogen. Wenn du nicht machst, was Mama sagt, ist sie traurig, und du hast ein schlechtes Gewissen. Wenn du deine Hausaufgaben nicht machst, bekommst du schlechte Zensuren, wird nichts aus dir, wirst du in den Anforderungen des Lebens ertrinken. Dies sind unsere verinnerlichten Philosophien. Beim Lesen der Geschichte von Noah erkennen wir unseren Alltag wieder und sie erscheint uns als stimmig. Doch bringt unsere Realität überhaupt erst diese Deutung hervor, und diese Deutung schafft wiederum unsere Realität.

Was sich wie logische Stimmigkeit anfühlt ist damit eigentlich eine Tautologie, d.h. die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz. Ein Teufelskreis.

 

Es gibt aber doch noch andere Deutungen. Noahs Arche wird oft als riesiges rundes Schiff dargestellt. Das menschliche Unterbewusstsein hat diese keineswegs selbstverständliche Form sehr passend ausgewählt und hier nämlich ganz richtig festgestellt, dass es sich metaphorisch um einen riesigen Uterus handeln kann. Die Arche ist der mythologische Bauch der Schöpfung, in den stets ein männliches und ein weibliches Teil eintreten, Sperma und Ei sozusagen, um aus diesem Bauch letztlich eine neue und gute Schöpfung hervorzubringen. So wie die Frau das Kind gebiert, gebiert die Arche die Schöpfung. Es ist eine gute Schöpfung, denn alles Schlechte wird zurückgelassen.

Dabei ist es auch bemerkenswert, dass von allen Tieren je ein Männlein und ein Weiblein eintreten, außer von den Menschen. Hier kann jeder dabei sein, der gerne möchte. Gott hat zwar alles vorbestimmt, doch wird hier zugleich unser eigener Wille betont, so zu handeln, wie wir es gerne möchten. Wer eintreten mag, ist herzlich willkommen. Während die  zurückbleibenden Tiere verenden, egal ob sie Gutes oder Schlechtes getan haben, wird der Mensch nur dann zurückgelassen, wenn er nicht einsteigen mag. Möchte er jedoch einsteigen, so steht ihm dies jederzeit frei, ohne einen Blick auf die Vergangenheit. Die Arche kann damit gedeutet werden als Befreiungssymbol, Symbol der Möglichkeit steter Erneuerung jedes Einzelnen. Wenn du magst, steig ein. Ändere jederzeit dein Leben, gebäre dich neu.

Ich möchte noch eine andere kurze Deutung anfügen, eine, die wir auch in unserer Realität wiederfinden. Als ich bereits meine ersten vier Kinder bekommen hatte, ging ich zurück zur Schule, machte mein Abitur. Anschließend studierte ich an der FU, bekam währenddessen zwei weitere Kinder, und so zog sich die ganze Bildungszeit über gut 15 Jahre hin. So gut wie ausnahmslos jeder machte sich damals über mich lustig und meinte, ich würde pensioniert werden, bevor ich überhaupt zu arbeiten begänne. Kein Mensch glaubte daran, dass ich irgendwann in meinem Beruf arbeiten würde. Als schließlich alle Prüfungen bestanden waren, begann ich zu arbeiten – in meinem Beruf. Und das tue ich noch heute. Wie Noah, der seine Arche baute, weil er es wollte, arbeitete ich beständig an meiner Qualifikation, weil ich es wollte. Ungeachtet des Spotts, der in meinem Fall zum Glück nicht wirklich boshaft war.

Seyran arbeitet an etwas, was noch viel mehr Spott – auch boshaften Spott – erntet und bleibt dennoch dabei. Sie ist von ihrer Mission überzeugt. Keiner muss einsteigen, aber wer möchte, ist willkommen.

Vielleicht hat jeder seine Arche und baut daran, und die Geschichte sagt uns, am Ende sind wir glücklich. Am Ende der manchmal mühseligen Arbeit sehen wir Land mit Olivenzweigen , und unsere ausgesandten Tauben haben Matsch an ihren kleinen Füßchen – wir können an Land gehen. Die Geschichte Noahs ist keine Geschichte über den Gehorsam, sondern eine Geschichte über die selbstverantwortliche, freudvolle, manchmal mühselige  Gestaltung unserer eigenen Welt, ungeachtet der Bewertungen anderer. Noahs ist nicht die Geschichte von Gehorsam, sie ist vielmehr eine Geschichte über  Empowerment und Selbstverwirklichung. Und wer einsteigen möchte, ist willkommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doruk Yemenici

Al Baqara

Al Baqara

 

Doruk Yemenici
Doruk Yemenici

Seit diesem Schuljahr habe ich die Dritte. Das heißt ich bin Klassenlehrerin der dritten Klasse einer Berliner Grundschule. Wir Lehrerinnen sagen nicht: „Ich arbeite als Lehrerin“, wir sagen: „Ich bin Lehrerin“. Es ist eine freundliche Geste des Berliner Senats, uns für das zu bezahlen, was wir sind. Andere Angestellte werden für das bezahlt, was sie tun.

Um ihr Wohlbefinden bemüht, frage ich meine Drittklässler am Ende jeden Schultages, was ihnen denn heute am besten gefallen habe. Natürlich kommt immer wieder: Die Pause, das Mittagessen, aber auch die Deutschstunde oder die Mathestunde, und das selbst, wenn der Stoff hart erarbeitet oder geduldig geübt werden musste. Kinder lernen gerne. Wenn man ihnen in der Schule nichts Vernünftiges zum Lernen anbietet, werden sie unruhig und gehen einem mächtig auf die Nerven.

Dabei hat jeder seine eigenen Vorlieben und Talente. Werde ich gefragt, was früher mein Lieblingsfach war, so sage ich immer „Englisch“. Unsere Lehrerin gab uns damals englische Namen, ich hieß leider Susan, aber immerhin nicht Susanne, und wir schlüpften in die Rolle englischer Kinder der 1970er Jahre. Es machte unendlich Spaß. Heute arbeite ich an einer Deutsch-Amerikanischen Schule, und das ist sicher kein Zufall. Meine Liebe zum Fach Englisch hat sich auf den Beruf ganz direkt ausgewirkt.

Mein anderes Lieblingsfach, und das hatte ich bis Mittwochabend vollkommen vergessen, war der Religionsunterricht. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ja nun hier in der Moschee genau das tue, wozu mein Lieblingsfach Englisch in der weltlichen Welt geführt hat. Ich bin Imamin. Ich arbeite hier nicht als Imamin, sondern ich bin eine. Das hatte ich nicht miteinander in Verbindung gebracht. Die eigene Lebensgeschichte mag für uns selbst nicht immer von großem Interesse sein, doch lohnt es sich vielleicht, sie hin und wieder zu betrachten, um ihr Freude oder Sinnhaftigkeit zu entnehmen.

 

Seit Oktober bieten wir in der Moschee einmal im Monat ein Freitagsgebet auf Englisch an. Die Integration verschiedener Lebensbereiche oder Kulturanteile unserer Selbst trägt dazu bei, uns als integre und vollständige Persönlichkeiten zu empfinden. Das führt zu einer kraftvollen Selbstverortung in der Gesellschaft. Brüche hingegen, also abgebrochene Existenzanteile, durch Flucht oder durch Nichtbestehen von Prüfungen oder durch die Scheidung sind für uns auch deshalb schwierig, weil dadurch Lebensabschnitte als sinnlos empfunden werden, als falsche Wege, die man gewählt hat, oder die man gegen seinen Willen wählen musste. Der Moment, in dem man seine geschichtlichen Anteile miteinander sinnvoll verbinden kann, führt zum einem effektiven Selbstkonstrukt, also dem Aufbau einer integren Identität. Man muss nur aufpassen, dass man dann nicht auf Neues verzichtet, weil es nicht zu einem zu passen scheint. Selbsterweiterung ist ein nicht weniger wertvolles Ziel.

 

Im Religionsunterricht meiner Kindheit hörten wir gern die Geschichten des alten Testaments. Es waren interessante und oft mystische Geschichten, zu denen wir Bilder malten von Ähren und Kühen, und wunderbaren biblischen Gestalten in gestreiften Umhängen. Oft schaute ich während des Unterrichts aus dem Fenster und fand, beim Religionsunterrichts war das Wetter immer schön. Ich erinnere mich sogar an einen speziellen Tag, an dem die Wärme der Sonne auf meinen Tisch im Klassenraum schien und ich das Gefühl hatte, direkt mit dem Kosmos und seiner liebenden Wärme verbunden zu sein. Damals war ich nicht älter als sieben, acht Jahre alt. Meine Liebe zu Gott wurde maßgeblich durch die Atmosphäre geprägt, die beim Hören von Geschichten an warmen Sommertagen entsteht, von Lehrerinnen in geblühmten Kleidern, und vom erlaubten Eintauchen in leicht geführte Welten der Fantasien.

Dass wir Menschen Geschichten lieben, habe ich schon in mehr als einer Khutba gesagt. Wir finden uns darin manchmal wieder, und freuen uns darüber. Aber manchmal bleiben sie ganz weit entfernt von unserer Wirklichkeit, und dennoch sind sie faszinierend und wundervoll.  Es liegt nicht nur an ihrem Inhalt, dass Geschichten etwas mit unserer Seele tun, sondern ebenso an der Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Zuhörer. Diese Interaktion empfinden wir oft als wertvoll. Heute erzähle ich euch eine Geschichte. Wir finden sie in Sure Al Baqara, der  längsten Sure des Korans.

Als die Bani Israel vierzig Jahre mit dem Propheten Moussa in der Wüste umherirrten, wurde eines Tages ein Mann getötet. Die Menschen standen um ihn herum und fragten sich, wer ihn wohl getötet habe. Sie sprachen: „Gehen wir zu Moussa, er spricht direkt mit Gott. Lass ihn Gott fragen, was wir tun sollen.“

So wandte sich Moussa an Gott und fragte: „Was sollen wir tun? Wie können wir wissen, wer diesen Mann getötet hat und warum er getötet wurde?“ Und als er zu den Bani Israel zurückkehrte sagte er ihnen: „Gott gebietet euch, eine Kuh zu schlachten“.  Doch sie waren mit seiner Antwort nicht zufrieden. Statt eine Kuh zu finden und zu schlachten, gingen sie erneut zu Moussa und erklärten ihm, dass es viele Kühe gäbe, er solle sich bitte noch einmal an Gott wenden, und genauer sagen, welche Art Kuh sie schlachten sollten.

Wieder kehrte sich Moussa zu Allah, und als er zurückkam sagte er: „Die Kuh soll nicht zu alt sein und nicht zu jung. Also geht nun, findet eine passende Kuh und schlachtet sie“.

Doch immernoch waren die Bani Israel unzufrieden und sprachen: „Von denen, die nicht zu jung sind und nicht zu alt gibt es viele. Wende dich an Allah und sag uns: Welche Farbe soll die Kuh haben?“.

Als Moussa von Allah zu den Bani Israel zurückkehrte sprach er, sie solle gelb sein. Ein schönes Gelb solle sie haben, ein Gelb, dass das Auge erfreut. Doch selbst dies war noch nicht genug für die Bani Israel. So machte es Allah nicht leicht für sie und wollte nun eine Kuh, die weder zum Bearbeiten des Ackers genutzt wurde noch zur Bewässerung der Felder. Eine makellose Kuh sollte es sein.

Endlich waren die Bani Israel zufrieden. Sie gingen, um genau diese Kuh zu finden und fanden sie auch, die einzige Kuh, die so aussah, wie Gott es von ihnen verlangte.

Die Kuh hatte einen Besitzer. Sie gehörte einem Waisenjungen, genauer, einem Halbwaisen. Als dessen Vater starb, gab er sein Kind und seine Frau in die Obhut Allahs und betete, dass Allah sie beschützen möge. Zu seiner Frau sagte er: „Ich habe nur dieses Kalb für unser Kind, doch ich traue den Menschen nicht. Schicke das Kälbchen in den Wald.

Dort blieb es. Immer, wenn ihm jemand zu nahe kam, lief es fort. So konnte es von niemandem genommen werden.

 

Als der Junge ein gewisses Alter erreicht hatte, sagte seine Mutter, er solle in den Wald gehen, um die Kuh zu holen. Wie sollte er das bewerkstelligen? War sie doch allen anderen Menschen stets davongelaufen? Doch als er den Wald betrat, lief die Kuh direkt zu ihm. Er war es, zu dem sie gehörte.

 

Zur selben Zeit aber suchten die Bani Israel eine Kuh, die genau so aussah wie diese, die einzige. Sie fanden den Jungen und baten ihn um die Kuh. Als der Junge sah, wie wichtig ihnen genau diese Kuh war, bot er an, sie ihnen zu verkaufen. Der Preis der Kuh war ihr Gewicht in Gold.

Die Bani Israel zahlten den Preis, denn es war ein Gebot Gottes, genau so eine Kuh zu schlachten. Anschließend sprach Moussa zu ihnen, sie sollen der Kuh ein Stück Fleisch entnehmen und den getöteten Mann damit berühren. Dieser Teil der Geschichte ist kontrovers, und es gibt eine alternative Deutung, nach der es nicht um die Berührung mit dem Fleisch geht, sondern um das kollektive Bemühen. Doch dies soll nicht Thema meiner Khutba sein.

Für einen kurzen Moment wurde der Mann wieder lebendig, um zu erzählen, wer ihn getötet hatte. Er stand auf und sagte, es sei sein Neffe, der nicht länger auf sein Erbe habe warten wollen und ihn daher erschlagen hatte. Dann verstarb der Mann entgültig.

Die Geschichte endet hier und überlässt uns einen Mythos von der Wiederbelebung eines Menschen durch das Schlachten eines Tieres. Doch halte ich diesen Aspekt der Geschichte für weniger wichtig. Wichtiger scheint mir, dass es ein Mythos von Moussa ist, und dieser von Allah genaue Bedingungen bezüglich des Schlachttieres empfängt.

Kinder hören Geschichten einfach so. Wir Erwachsene wünschen uns, einen Sinn dahinter zu finden, der uns gleichsam ermöglicht, Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Wir suchen die Moral der Geschichte, damit sie uns den Weg weisen kann. Meine persönliche Deutung ist diese:

Allah hat eine einfache Anleitung gegeben. Eine Kuh sollte gefunden werden. Der zu begehende Weg war einfach. Findet eine Kuh und schlachtet sie.

So sind die meisten Aufgaben Allahs einfach. Es ist das Große Ganze, was zählt, nicht die Kleinigkeiten. Ob die Kuh jung war oder alt, ob sie groß war oder klein, all dies war Allah nicht wichtig. Er benannte es erst, als die Menschen darum baten, bzw. mehr noch: als sie darauf bestanden. Allah wäre mit jeder Kuh zufrieden gewesen. Werden wir in unserem Alltag zu penibel in unseren Fragen und Haltungen, so erfüllen wir nur einen Selbstzweck. Es würde durchaus reichen, die Dinge einfach so zu tun, wie sie uns nicht zu schwer fallen.

Sure Al Baqara erzählt in vielen Versen, dass Juden, Christen und Muslime gleichermaßen von Allah geliebt werden. Dass keiner sagen solle, die eigene Religion sei besser als die eines anderen. Es geht um das Große Ganze, nicht um Kleinigkeiten. Ja, wenn wir möchten, gibt uns Allah genaue Anweisungen, aber sie sind nicht besser oder schlechter als andere Anweisungen, nicht einmal besser als gar keine Anweisungen. Diese Freiheit wird uns manchmal von Schwestern und Brüdern abgesprochen, die wünschten, wir würden unerhebliche Details auf das Niveau wesentlicher Glaubenssätze erheben. Doch ist der Islam viel einfacher als Mancher glaubt.

 

Der Islam ist der Weg der Mitte, und zwar der Mitte in zwei Aspekten. Zum einen ist es der Weg der Mitte zwischen dem sehr orthopraktischen Weg der Juden, deren antiker Alltag geprägt war von strengen, nicht immer einsichtigen Regeln und dem andererseits vollkommen vergeistlichten Weg der Christen, die Regeln, außer den zehn Geboten, nur noch sehr geringen Wert beimessen. Das muslimisch angemessene Verhalten liegt also zwischen der besonderen Fokussierung auf externe Regeln und dem Aufgeben aller Regeln.

Zugleich ist der Islam die Religion der Mitte im Sinne einer Abkehr von jeder Härte. Dies stellt eines der Hauptthemen der Sure dar. Im Folgenden verlese ich eine Sammlung von Versen darüber, dass die Härte stets von uns genommen wird, wenn es um die Einhaltung von Regeln geht.

 

In Vers 185 lesen wir über das Fasten im Ramadan:

Darum, wer immer von euch diesen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten; aber wer krak ist oder auf einer Reise , soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet.

187

Es ist euch erlaubt, während der Nacht vor dem Fasten am Tag zu euren Ehefrauen einzugehe: sie sind wie ein Gewand für euch, und ihr seid wie ein Gewand für sie. Gott ist gewahr, dass ihr euch selbst dieses Rechts beraubt haben würdet, und so hat er sich euch in seiner Barmherzigkeit zugewandt und diese Härte von euch hinweggenommen.

178

Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt, gerechte Vergeltung ist für euch verordnet in Fällen der Tötung… Und wenn einem Schuldigen etwas von seiner Schuld erlassen wird, soll dieses Erlassen mit Fairness befolgt werden und die Entschädigung soll seinem Mitmenschen auf gefällige Weise geleistet werden. Dies ist eine Erleichterung von eurem Herrn und ein Akt seiner Gnade.

139

Sag zu den Juden und den Christen: Streitet ihr mit uns über Gott? Er ist doch unser Erhalter ebenso wie euer Erhalter – und uns werden unsere Taten angerechnet werden und euch eure Taten; und ihm allein widmen wir uns.

136

Sagt wir glauben an Gott und an das, was uns von droben erteilt worden ist, und das, was Abraham und Ismael und Isaak und Jakob und ihren Nachkommen erteilt worde ist, und das, was Moses und Jesus gewährt worden ist, und das, was allen anderen Propheten von ihrem Erhalter gewährt worden ist. Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem von ihnem und Ihm, also Gott, ergeben wir uns.

143

Und also haben wir gewollt, dass ihr eine Gemeinschaft des Mittelweges seid, auf dass ihr mit eurem Leben  Zeugnis für die Wahrheit vor aller Menschheit geben möget.

 

Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die sich Geschichten erzählt. Eine Gemeinschaft, die sich umeinander kümmert und sich umeinander bemüht, damit möglichst viele unserer Geschichten fröhliche Geschichten sind. Die Gemeinschaft des Mittelweges ist eine, die Andere akzeptiert und mit ihnen in einen freundlichen Dialog tritt, aus Interesse am Anderen und der eigenen Entwicklung des Denkens und Verstehens. Eine Gemeinschaft des Mittelweges verliert sich nicht in Details sondern weiß um das Große Ganze, beim Verrichten aller Tätigkeiten des Alltags und der Religion  und verliert dabei nie aus den Augen, was es bedeutet, Muslim zu sein – sich vor Gott zu verneigen, physisch und metaphysisch.

 

Die Sure Al Baqara endet mit den Versen 284 bis 286

Gott gehört alles, was in den Himmeln ist, und alles, was auf Erden ist. Und ob ihr offenlegt, was in eurem Geist ist, oder es verbert, Gott wird euch dafür zur Rechenschaft ziehen; und dann wird er vergeben, wem er will. Und er wird strafen, wen er will; denn Gott hat die Macht, alles zu wollen.

Der Gesandte und die Gläubigen mit ihm glauben an das, was ihm von droben erteilt worden ist von seinem Erhalter. Sie alle glauben an Gott und seine Engel und seine Offenbarungen und seine Gesandten, ohne einen Unterschied zwische irgendeinem Seiner Gesandten zu machen und sie sagen: Wir haben gehört und wir geben acht. Gewähre uns deine Vergebung oh unser Erhalter, denn bei dir ist aller Reisen Ende!

286

Gott belastet keinen Menschen mit mehr, als er gut zu tragen vermag. Zu seinen Gunsten wird sein, was immer er Gutes tut, und gegen ihn, was immer Übles er tut.

Oh unsser Erhalter! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder unwissentlich Unrecht tun. Oh unser Erhalter, erlege uns nicht eine solche Last auf, wie du sie jenen auferlegt hast, die vor uns lebten. Oh unser Erhalter, lasse uns nicht Lasten tragen, die wir zu tragen keine Kraft haben. Und tilge du unsere Sünden, und gewähre uns Vergebung, und erteile uns deine Barmherzigkeit.

Im Gebet wenden wir uns nun zu Allah in Dankbarkeit und denken an die Worte: Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Mit jeder Härte kommt die Erleichterung! Dies ist auch ein Vorbild für uns im Umgang mit Anderen. Nicht mehr zu erwarten, als jemand frei und von sich aus anbieten kann, ist der Erwartung großer Leistungen vorzuziehen. Wenn wir uns ein Beispiel am Koran nehmen möchten, können wir es unseren Mitmenschen ein wenig leichter machen, indem wir unsere Erwartungen niedrig halten und dann all das wertschätzen, was uns von Herzen gegeben oder an uns herangetragen wird. Gnade, Barmherzigkeit, Vergebund und Erleichterung sind Beziehungswörter – Wörter der Beziehung zwischen Gott und den Menschen und Wörter der Beziehungen zwischen den Menschen untereinander. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung.

Nikola Jovanovic

Gedanken zum Klima

Gedanken zum Klima

 

Nikola Jovanovic
Nikola Jovanovic

Ummati Ummati! Allahs Liebe und Vergebung am Jaum AlQiama, dem Tag des jüngsten Gerichts.

Letzten Freitag gab es in Berlin und in vielen anderen Städten der Erde Demonstrationen ohne Gleichen. Die Angst vor der Klimakatastrophe treibt die Menschen zusammen und hinaus auf die Straßen. Millionen von Menschen fürchten, dass wir die Erde so zerstört haben, dass unsere Kinder nicht an den natürlichen Alterungsprozessen sterben werden, sondern auf der Suche nach Nahrung und Wasser verzweifeln werden. Die Erderwärmung um 2 Grad scheint kaum aufhaltbar. Die um sich greifende Dürre in unseren fruchtbaren Gegenden wird, so fürchten wir, in unserem jetzt noch reichen und grünen Land zu genau den Bildern führen, die ich im Alter von sechs Jahren über die Hungersnot in Äthiopien sah. Hungernde Kleinkinder mit aufgequollenen Bäuchen, die apathisch in der Wüste saßen, kraftlos der Pein der Fliegen ausgesetzt, die in ihren Augen krabbelten. Furchtbare Bilder, die mich nie verlassen haben. Meine eigenen Kindern wollen keine Kinder bekommen, weil sie es nicht verantworten können, sie diesem Leid auszusetzen. Der Mensch ist dabei, die Erde zu zerstören. War es vor zweihundert Jahren noch üblich, mit der Pferdekutsche zu reisen und entsprechend nicht sehr weit zu kommen oder sehr lange unterwegs zu sein, werden die Autos sogar im aufgeklärten Deutschland, das sich für moralisch vorbildlich hält, immer noch größer und größer. Statt seltener, oder überhaupt gar nicht mehr mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen, halten wir daran fest, denn die Flugpreise sind weiterhin lächerlich billig, trotz der miserablen Ökobilanz oder des schlechten ökologischen Fußabdrucks, den wir Einzelne dadurch hinterlassen. Der Einzelne das sind wir. Der Mensch ist geflissentlich dabei, das Leben zu vernichten und hört nicht einmal jetzt damit auf, im Angesicht der Veränderungen in der Arktis, der Messergebnisse, der neuen Erfahrungen und dem lauten Aufschrei der Wissenschaftler überall in der Welt. Wir leben gut und sind nicht bereit, diese Lebensqualität aufzugeben, wissen auch gar nicht, wie. Wir beschäftigen uns damit, Strohhalme aus Naturstoffen zu nutzen und man suggeriert uns, dass wir auf diese Weise etwas verändern könnten. Zugleich fliegen die Manager und Managerinnen der großen Firmen weiterhin kreuz und quer durch die Atmosphäre, zerstören damit eben diese.  Kreuzfahrten zur Erholung führen von Südamerika bis in die norwegischen Fjorde, wo ich sie gesehen habe, verunreinigen Meere und Flüsse. Statt ein bisschen wandern zu gehen, setzt man sich in so ein Unikum und tut so als gehöre einem die Welt. Die Kleinen, zum Beispiel die Kinder meiner Schule, wollen keine Pappbecher mehr verwenden, während ihre Eltern in der Politik und Wirtschaft Augen und Ohren verschließen, egal wie die Bürger zappeln und schreien. Gleichzeitig gehen auch die Eltern auf Friday for Future Demonstrationen. Es fehlt die kreative Vision. Unsere politische Demokratie hat der wirtschaftlichen Diktatur nichts entgegenzusetzen. Diktaturen lassen sich nur sehr schwer vom Sockel heben. Besonders, wenn man auf ihrer guten Seite steht, hat man wenig Interesse an Veränderung. So ist es auch in diesem Fall. Wir schauen auf andere Länder und deren Diktaturen, wollen bei ihnen demokratische Politiklandschaften etablieren und schrecken hierfür nicht einmal vor Gewalt zurück, dabei schaffen wir es nicht kaum im eigenen Zimmer, die Wirtschaftsdiktatur erfolgreich mit dem Besen hinauszukehren, denn deren Ansichten haben sich in unseren Köpfen fest etabliert, und alles Andere ist mit Furcht verbunden. Furcht vor allen Dinge vor dem Verlust von Eigentum und vor dem Verlust der Meinungs- und Handlungsfreiheit.

 

Als Reaktion auf die Friday for Future Demonstrationen bekam ich in meiner Schule einen Brief der Schulleitung, wie mit Fehlzeiten der Schülerinnen und Schüler umzugehen sei. Das Fehlen zum Demonstrieren werde nicht entschuldigt, es  müsse ab fünf einzelnen Tagen dem Senat gemeldet werden. Wenn man also fünf mal am Freitag während der Schulzeit demonstriert hat, wird eine Schulversäumnisanzeige gestellt und das Jugendamt eingeschaltet. Möglicherweise sieht der Senat auf Grund der politischen Brisanz von den daran anschließenden Sanktionen ab, doch kann die Schulversäumnis auch mit hohen Bußgeldern geahndet werden. Über die Teilnahme von Kindern an Demonstrationen kann man sich selbstverständlich trefflich streiten – ich persönlich bin kein großer Fan davon – aber nach Deeskalationspolitik und Ernstnehmen durchaus berechtigter Ängste und Forderungen sieht das nicht aus. Besonders für junge Leute der ersten Generation also, die massive persönliche Folgen des Klimawandels befürchten, ist das ein inakzeptables Feedback der Regierung. Wir bekommen hier nicht die Botschaft von Gemeinsamkeit der Generationen zum Durchsetzen lebensnotwendiger, moralisch hochwertiger Ziele; auch nicht die Botschaft von der Anerkennung bürgerlichen Engagements; sondern die Botschaft des Schweigens. Das Schweigen aber gehört zur Systematik der Diktatur. Unsere demokratischen Regierungen schweigen unter dem Diktat der Wirtschaft.

Ich bin keine Politikerin und an dieser Stelle vielleicht angreifbar. Aber ich stehe hier als Imamin und weiß, dass der Islam uns anhält, mit der Schöpfung Allahs ordnungsgemäß umzugehen. Dem Klimawandel jetzt mutig entgegenzutreten um die Erde zu schützen, entspräche diesem Gebot.  Ordnungsgemäß bedeutet, nach der Maxime zu handeln, dass uns diese Schöpfung nicht gehört und dass sie gerecht geteilt werden muss. Nicht nur einmal spricht der Koran über die Waage, das Maß, und erinnert uns, nicht mit zweierlei Maß zu messen. Gerechtigkeit, also auch das gerechte Teilen der Ressourcen, gehören zu den inhärenten Merkmalen des Islam. Doch wir messen mit zweierlei Maß. Seit Jahren laufen Menschen in manchen Bereichen der Erde jährlich weiter und weiter, um Wasser zu holen. Wir messen ihre schweren Schritte mit leichtem Maß. Unseren eigenen Schritten legen wir ein schweres Maß an. Wir versuchen, sie zu vermeiden, indem wir uns anderer Transportmittel bedienen.

„Und er hat das richtige Abwiegen zum Gebot gemacht. Auf das ihr euch in der Waage nicht vergeht. So setzt das Gewicht in gerechter Weise, und betrügt nicht beim Wiegen. Und er hat die Erde für die Geschöpfe bereitet.“ (55)

Diese Geschöpfe sind ja keineswegs nur wir. Jeder Vogel, jedes Insekt gehören dazu. Mohamed sagte, nicht einmal Ameisen darf man töten, jedenfalls keine großen, denn sie verursachen keinen Schaden. Das Töten kleiner Tiere, die uns direkt Schaden verursachen, ist uns erlaubt. Allerdings darf man sie niemals mit Feuer töten. Es geht hier um die Schöpfung Allahs, nicht um unsere freie Verfügbarkeit.

 

Der Prophet der Gnade sprach: Während ein Mann auf seinem Weg war, verspürte er Durst. Er ging zu einem Brunnen, stieg hinab und trank davon. Als er nach oben zurückkehrte, sah er einen Hund, der Schlamm fraß, um seinen außerordentlichen Durst zu stillen. Der Mann sagte sich: „Dieser Hund leidet am selben Leid an dem auch ich gelitten habe“. So kletterte er erneut in den Brunnen hinab, füllte seinen Schuh mit Wasser, klemmte ihn zwischen seine Zähne und brachte das Wasser hinauf, wo er es dem Hund zum Trinken gab. Gott belohnte ihn für diese gute Tat. Die umstehenden Menschen fragten Mohamed, ob es denn lohnenswert sei, den Tieren zu dienen. Mohamed sprach: „Ja, es gibt eine Belohnung für den Dienst an jedem Lebewesen“.

 

Auch diese Geschichte erzählen wir uns:

Eines Tages betrat der Prophet den Garten eines Bewohners von Medina. Ein Kamel sah den Propheten und begann zu weinen. Der Prophet streichelte seinen Kopf und redete freundlich mit dem Kamel. Als Mohamed es zu seinem Besitzer zurück brachte, sprach Mohamed zu ihm: „Fürchtest du nicht Allah in Bezug auf dieses Tier, das dir Allah anvertraut hat? Es sagte mir, dass du es nicht ausreichend ernährst und mit schweren Lasten belädtst, die es ermüden.“

 

Ein weiteres Mal nahm jemand ein Ei aus einem Vogelnest. Die Vogelmutter flog trauernd zu Mohamed. Dieser fand die Person und bat sie, das Ei zurück zu legen, aus Gnade für den Vogel.

 

„Der keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten“. Dies ist vielleicht der harscheste Satz, der dem Propheten zugeschrieben wird. Wer keine Gnade zeigt, wird keine Gnade erhalten.

Wer aber Gnade zeigt, der wird auch am Tag des jüngsten Gerichtes Gnade erfahren. Sogar im Moment des Schlachtens sollen wir uns angemessen und nach den Möglichkeiten der Situation barmherzig verhalten. Es gibt ja auch ein Kriegsrecht, das trotz aller Grausamkeiten noch greift, wenn ein schon wahrhaft schreckliches Maß der Gewalt noch überschritten wird. Das Wort Kriegsverbrechen ist zwar eigentlich redundant, da jede Kriegshandlung gewissermaßen ein Verbrechen ist, doch gibt es selbst hier noch Moralgesetze, die wir einhalten sollen, um uns nicht vollkommen an der Schöpfung zu vergehen. Und Zur Gnade beim Schlachten gehört nach unserem heutigen Verständnis, es möglichst selten zu tun, am besten gar nicht. Aber das war zur Zeit von Mohamed kein Thema. Ohne Massentierhaltung und unter den einfachen Lebensbedingungen hatte der Verzehr von Fleisch mit Sicherheit vollkommen andere Dimensionen als heute. Zur Gnade beim Schlachten gehört seit Mohamed die Verwendung eines Messers unübertroffener Schärfe, um dem Tier so wenig Schmerz wie möglich zuzufügen. Darüber hinaus darf das Tier nicht wahrnehmen, wie andere Tiere geschlachtet werden, oder gar dabei zuschauen.

Wir Menschen dürfen Tiere töten, die beispielsweise an Tollwut erkrankt sind, oder deren Krankheiten ihnen großes Leid verursachen. Doch niemals dürfen wir leichtfertig, aus Spiel, Aggression oder um unser Leben billig zu erleichtern der Schöpfung ein Leid zufügen. Keiner Pflanze, keinem Tier, keinem Menschen, und nicht der Erde, die im Koran personifiziert ist und damit als Ganze unter die Fürsorgepflicht des Menschen fällt.

Wir werden am Ende unserer Menschenzeit mit unseren Taten konfrontiert werden.

Von diesem Tag, den wir als Jaum AlQiama bezeichnen, gibt es allegorische Beschreibungen. Auf Deutsch nennt man ihn „den jüngsten Tag“, oder den „Tag des jüngsten Gerichts“, wobei mit „jüngstem“ „das letzte“ gemeint ist. Man bezieht sich dabei auf den finalen Moment der menschlichen Existenz auf der Erde, so wie wir diese Existenz bis heute kennen und erleben.

Ich sage hier nicht, dass der Klimawandel den Untergang der Menschheit einleitet, wenngleich dies natürlich möglich ist. Was ich aber sehr wohl sage ist, dass wir geneigt sind, im Wissen um unsere individuelle Vergänglichkeit sowie um die Vergänglichkeit als Spezies, unsere Handlungen anders zu bewerten als wenn wir so tun, als wären wir unsterblich. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten stets von einem Perspektivwechsel, einem Wertewandel und einem klaren Wissen darüber, was ihnen fortan im Leben wichtig ist. Das Wissen um unser persönliches Ende oder unser Ende als Spezies stellt keine Strafe dar, sondern eine Chance, die uns  befähigt, angesichts der äußersten Vielfalt möglicher Lebensformen diejenigen für uns herauszuarbeiten, oder auszuwählen, die der Erde und ihren Bewohnern dauerhaft gerecht werden. Das Wissen um die Endlichkeit birgt die Chance der Moral. Natürlich könnten wir auch sagen, ich bin nur für mich selbst verantwortlich und nach meinem Tod können die Anderen sehen, wie sie klarkommen. Wir haben ausreichend Beispiele für diese Haltung innerhalb der Menschheit. Doch bezeichnen die meisten Menschen diese Denkweise als unmoralisch. Die göttliche Offenbarung des Koran weist uns den Weg zu moralischem Handeln.

  • Sure al zalzali –

Wenn die Erde ihr Beben erbebt

und ihre Lasten auswirft

und die Menschen fragen, was hat sie?

An diesem Tag wird sie ihre Geschichten erzählen, da ihr Herr es ihr eingegebe hat. An diesem Tag werden die Menschen einzeln hervorkommen, um ihre Werke zu sehen.

Und wer auch nur ein Stäubchen Gutes getan hat, wird es sehen. Und wer auch nur ein Stäubchen Schlechtes getan hat, wird es sehen.

 

Was passiert am Tag des jüngsten Gerichts?

Der Tag wird eingeleitet, indem der Engel Israfil zweimal in sein Horn bläst.

Mohamed erzählt uns, dass an diesem Tag die Menschen zerstreut und verwirrt sein werden, über das, was um sie herum geschieht. Ihnen wird deutlich werden, dass es der letzte Tag ist, und so werden sie zu Adam gehen, und zu ihm sagen: „Leg du Fürbitte für uns ein, bei Gott“, doch er wird antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Ibrahim, denn er ist AlKhalil, der enge Freund Gottes“. Die Menschen werden zu Ibrahim gehen und ihn bitten, für sie bei Gott Fürbitte einzulegen. Ibrahim wird ihnen antworten: „Ich bin nicht dazu befugt. Geht zu Moses, denn mit ihm hat Allah direkt gesprochen“. So werden sie zu Moses gehen und ihn bitten, doch auch er wird sagen, dass er ihnen nicht helfen kann. „Geht zu ‘Isa, denn er ist die Seele, geschaffen von Allah und seinem Wort“. Auch Jesus wird ihnen antworten, dass er keine Befugnis dafür habe und sie stattdessen zu Mohamed schicken. Mohamed erzählt: Ich werde sagen: „Ja, ich kann“ und ich werde zu Allah gehen und ihn um Erlaubnis bitten und er wird mir Erlaubnis erteilen. Und er wird mir Worte eingeben, mit denen ich ihn preisen werde. Wörter, die ich jetzt noch nicht kenne. Dann werde ich mich vor ihm niederwerfen. Nach einer gewissen Zeit wird er sagen: „Oh Mohamed, sprich, und deine Bitte wird gewährt“ Und ich werde antworten: „Allah! Ummati Ummati“ Meine Gemeinschaft. Und er wird sagen: „Geh und bring mir jeden, in dessen Herzen Glauben im Gewicht eines Gerstenkorns ist.“ Ich werde das tun, sagt Mohamed. Doch dann werde ich zurückkehren zu Allah und mich erneut vor ihm niederwerfen, ihn preisen und ihn um die Erlaubnis zur Fürsprache bitten. Und Allah wird antworten: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt, sprich, und deine Bitte wird gewährt“. Und ich werde sagen: „Allah! Ummati Ummati!“ Meine Ummah, meine Ummah. – Das Einzige, woran Mohammed denkt, ist die menschliche Gemeinschaft. Und Allah wird antworten, geh und bring diejenigen, deren Glaube so groß ist wie eine kleine Ameise oder ein halbes Senfkorn. Mohamed erzählt: Ich werde gehen und diese Menschen holen. Und wieder werde ich mich vor Allah niederwerfen, denn noch habe ich nicht alle Menschen meiner Gemeinschaft gerettet. Und wieder wird Allah sagen: „Oh Mohamed, erhebe dein Haupt und sprich deine Bitte, denn sie wird erhört. Und wieder wird Mohamed sagen „Ummati Ummati“. Und Gott wird sagen, bring mir jeden, dessen Glaube auch nur so viel wiegt, wie das aller kleinste und leichteste Senfkorn, das man sich vorstellen kann.

 

Der Begriff der Umma ist ein schwieriger Begriff. Er kann uns dazu verleiten, uns als Muslime gegenüber der nicht-muslimischen Welt abzugrenzen. Aber wir sind zugleich die Umma der Muslime und die Umma der Menschheit. Die Schöpfung als Ganze ist eine Umma, zu der wir alle gehören, und für die wir alle gemeinsam verantwortlich sind. Die Menschheit atmet dieselbe Luft, trinkt dasselbe Wasser und unsere Felder werden von demselben Regen bewässert. Deine Kinder sind meine Kinder, meine Eltern, sind deine Eltern.

Allah, Ummati! Ummati!

Die Umma, das sind wir alle.

Jeremy Thomas

Sure Al Asr – Trost zu Zeiten des Verlustes

Sure Al Asr – Trost zu Zeiten des Verlustes

Jeremy Thomas
Jeremy Thomas

Al Asr auf Arabisch und Deutsch rezitieren.

Vor einiger Zeit offenbarte sich mir die Sure AlAsr in ihrer unendlichen Schönheit. Warum sage ich, sie offenbarte sich mir, wenn sie längst dem Propheten Mohamed offenbart wurde? Was ich damit meine ist, dass ich sie zum hundertsten Mal las, als sie sich plötzlich veränderte. Genauer gesagt, ich hörte sie gesprochen von einer Frau, und das Hören hat immer einen anderen Effekt als das Lesen. Sie wurde für mich bedeutsam und klar. Man könnte auch sagen, sie erschloss sich mir, doch das sieht irgendwie so aus, als hätte ich ihre wahre Bedeutung erkannt, während ich eigentlich eher glaube, sie hat für mich eine ihrer vielen Bedeutungen entfaltet. Wer das Spiel SchnippSchnapp kennt, kann sich vorstellen, was ich damit meine. Da faltet man ein quadratisches Papier so und so, wurstelt dann Daumen und Zeigefinger in die Falten, um das Ganze dann hin und her zu öffnen und zu schließen. In die Falten schreibt man Zahlen, die das Gegenüber dann aussuchen darf, und hinter jeder Zahl verbirgt sich ein mehr oder minder geistreicher Satz, z.B. „Du bist ein Huhn“. So hat sich mir die Sure Al Asr entfaltet, aber eben nur der Teil, den ich in diesem Moment meines Lebens gerade begreifen kann. So ist es immer mit allen Ayat, also Zeichen, oder Versen, des Korans. Gott allein kennt die ganze Wahrheit. Eine Offenbarung ist es, weil mir etwas Göttliches gezeigt wurde, was ich zuvor nicht bewusst wahrgenommen hatte, und das ist der Trost, den diese Sure bietet und die Hoffnung auf die sie verweist, indem Gott sagt: „Ich weiß“.

In den deutschen Übersetzungen wird schon der Titel recht unterschiedlich wiedergegeben. Manche übersetzen ihn mit „Der Nachmittag“, andere mit der ebenso alltagsgeläufigen Übersetzung „Das Zeitalter“. Im Leo Online Wörterbuch finden wir auch „die Ära, die Periode“ und als Verb „auspressen, wringen, entsaften“. Alle Übersetzungen haben gemeinsam, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der vergänglich ist. Eine Art vertrocknen der Zeit, ein Auswringen des Lebens. Eine Art Frist.

Den Titel AlAsr lese ich mit Ehrfurcht, denn die Menschheit hat von Allah in der Tat eine Frist bekommen, als Ganze und jeder Einzelne, während der sie die Erde beleben darf und gehalten ist, sich um sie zu kümmern. Auch die Planeten haben eine Frist erhalten. Wir lesen (13:2) Gott ist es, der die Himmel erhoben hat, ohne irgendwelche Stützen, die ihr sehen könntet und der auf dem Thron seiner Allmächtigkeit sitzt. Und er ist es, der die Sonne und den Mond seinen Gesetzen dienstbar gemacht hat. Jedes seine Bahn für eine von Allah gesetzte Frist ziehend. Er lenkt alles, was existiert.

(11:6) Und es gibt kein lebendes Geschöpf auf Erden, das für seine Versorgung nicht von Gott abhängt; und Er kennt seine Zeitfrist auf Erden und seine Ruhestatt nach dem Tod. All dies ist in Seiner klaren Bestimmung niedergelegt. (16:61)Wenn nun Gott die Menschen unmittelbar für all das Übel, was sie auf Erden tun, zur Rechenschaft ziehen würde: Er würde nicht ein einziges lebendes Geschöpf auf ihrer Oberfläche übriglassen. Doch er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer von ihm gesetzten Frist.

Das Wort Frist bedeutet etwas Endliches, Vergängliches. Es ist dem Wort Asr inhaltlich nah verwandt. Möglicherweise befindet sich die Menschheit in Bezug auf diese Frist bereits am Nachmittag. Fi’l Asr. Al Asr bedeutet also „Der Nachmittag“, es bedeutet „das Zeitalter“ und es ist der Name des Gebets, welches wir am Nachmittag ausführen, wenn wir uns nach der Arbeit ausgewrungen und müde fühlen. Miteinander verbunden sind alle Übersetzungen durch ein Gefühl, das sie in sich tragen, welches ich auch mitVergänglichkeit beschreibe, mit dem Zur-Neige-Gehen eines Zeitraumes, an den sich ein anderer anschließt. Nach der Steinzeit kommt die Eisenzeit. Nach den Dinosauriern kommt die Menschenzeit. Nach den Menschen…

Ehrfürchtig lese ich Al Asr auch im Gedanken an meine eigene Zeit auf der Erde. Mein Zenit ist längst überschritten, auch ich befinde mich am Nachmittag meines Lebens. Es ist ein schöner Zeitpunkt. Der Frühherbst ist schon überschritten und meine Blätter beginnen, sich bunt zu färben. In vielfältiger Farbenpracht strahlen sie mein inneres hinaus in die Welt, und ich fühle mich an manchen Tagen bunt und golden, doch hin und wieder holt mich die Melancholie ein und ein dunkler Ton der Trauer legt sich über mein Herz, ob all der Dinge, die ich im Leben hätte tun wollen. Vielleicht habe ich klein gelebt. Freundlich, liebevoll, meinen Zweck stets erfüllend, aber alles in allem recht klein. Wayne Dyer bezeichnet den Nachmittag unseres Lebens als die Zeit in der alles bedeutsam wird. Ich gebe ihm Recht. Während wir am Mittag unseres Lebens sehr damit beschäftigt sind, unser Leben aufzubauen und für unser finanzielles Auskommen zu sorgen, unsere Kinder zu bekommen und großzuziehen, unsere Beziehungen aufzubauen, ist der Nachmittag von anderen Aspekten geprägt, insbesondere von der Suche nach der Bedeutung und von der Suche nach einer spirituellen Einheit mit der Schöpfung. Sure Al Asr hat mich gefunden, in dieser Zeit der Ehrfurcht vor der Endlichkeit allen Seins und zugleich der Freude an dessen Unendlichkeit, denn alles was vergeht bleibt erhalten, wandelt nur die Form, war auch zuvor schon irgendwie da, nahm einen Körper an, und wird später wieder zu Erde und noch später zu Staub, um sich dann vielleicht im Ganzen des Universums aufzulösen. Was Körper ist, was Geist, was sich auflöst und was bleibt, darüber können wir nur spekulieren. Die von Gott offenbarten Worte, niedergeschrieben im Koran, erfüllen uns mit Zuversicht.

Wa alasr. Inna al insan lafi khusr. Bei der Endlichkeit der Zeit. Wahrlich die Menschheit ist in großem Verlust.

Bewegend ist an dieser Sure neben ihrem Inhalt ihre Tonalität. Durch die Auswahl ihrer Laute erreicht sie eine beeindruckende Einigkeit zwischen Stimmung und Inhalt. Die Hauptvokale a und u verbreiten eine bedachte Ruhe. Das s in Asr ist ein dunkles s. Gefolgt vom r entsteht ein Wort ohne viel Aufwand. Asr – es ist kaum mehr als ein Flüstern. Noch ruhiger und minimalistischer ist Khusr. Das u ist kaum ein Laut, das s und das folgende r sind zu müde, sich zu öffen. Um Khusr auszusprechen, braucht man kaum seinen Mund zu bewegen. Man kann es nicht rufen, schon gar nicht schreien; es sagt sich leise und voller Empathie. Leiser geht ein Wort nicht zu sagen. Allah zeigt uns seine Zuneigung und Gnade in diesem Wort des Trostes. Denn der Satz inna al insan lafi khusr beweist, dass Allah sehr wohl weiß und anerkennt, dass wir unter unseren Verlusten leiden. Doch will Allah trösten. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen, heißt, das Leid des anderen wahrzunehmen, um dann Zuversicht zu bieten. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Wie alles andere, so ist auch der Schmerz vergänglich.

Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Ist das denn so? Als Kind des kritischen Umgangs mit Literatur frage ich mich natürlich nach dem Wahrheitsgehalt dessen, was mir da als faktisch zu lesen gegeben wird. Wahrlich, die Menschheit ist in großem Verlust. – Ja, das kann ich bestätigen. Wir können unser ganzes Leben als einen einzigen Verlust deuten, wenn wir es so wollten, doch das wäre ungesund, denn das halb leere Glas ist immer zugleich halb voll. Aber selbstverständlich gibt es Zeiten, in denen uns ein Verlust aus der Bahn wirft. Jeder kennt das, ohne dass ich Beispiele dafür benennen muss. Aber dann folgt: „außer jenen, die glauben und Gutes tun und andere darin bestärken, das Richtige zu tun und Geduld zu haben“.

Der Prophet Ayoub (Hiob) ist beispielhaft für das Erleben von Verlusten. Doch wenn wir glauben und gute Werke tun geschieht etwas ganz Eigenartiges: Wir schaffen Hoffnung. – Gutes zu tun, anderen zu helfen, sie zu unterstützen, ihnen zuzuhören, schafft Hoffnung. Es ist ganz einfach: Wenn wir Hoffnung geben, bedeutet das: Es gibt Menschen, die Hoffnung geben, Menschen die helfen, die unterstützen. Damit können wir auch selbst hoffen, dass in Zeiten von Not oder Verlust auch unseren Liebsten oder vielleicht uns selbst in der Not geholfen wird. Auch dann wird es jemanden geben, der gerne die eigene Hilfe anbietet. Hoffnung ist das Gegenteil von Verlust. Denn Hoffnung ist die Vorstellung, dass es später besser wird, dass das Gefühl des Verlusts vergeht. In dieser Vorstellung liegt die Überwindung des Verlusts. Die Hoffnung ist eine Vorstellung und jede Vorstellung ist eine mentale Realität. Indem sie eine mentale Realität ist, reagiert unser Körper auf die Hoffnung in einer Weise, die uns aus dem Gefühl der Trauer austreten lässt und uns stabilisiert. Das Gefühl der Hoffnung manifestiert sich in unserer Vorstellung als Bild eines gesunden und glücklichen Ichs in einer gesunden und glücklichen Gemeinschaft. Vorstellungen streben, wenn wir es zulassen, zu ihrer realen Umsetzung. So erleben wir den Verlust zwar immernoch als schmerzlich, doch verliert er durch das Gegenbild der Hoffnung seine absolute Zerstörungskraft unserer Seele. Wir fallen in dasselbe Loch wie alle anderen, doch fallen wir nicht so hart, denn in diesem Loch gibt es ein stark gewobenes Netz, das uns auffängt. Diese Hoffnung ist Amal, und zugleich Iman. Hoffnung und zugleich Glaube. Wir drehen unser Gesicht zum Ausgang und sehen das warme Licht der Sonne, während wir uns daran erinnern, dass wir geliebt werden und uns daran erinnern, wie reichhaltig wir versorgt sind. Die Hoffnung beinhaltet die Dankbarkeit für das, was wir haben und bewegt die Waage, Lateinisch Libra, die durch den Verlust in eine schiefe Lage gebracht wurde, wieder in Richtung ihres Equilibriums. Diejenigen, die an Allah glauben, an seine Gnade und Barmherzigkeit, die Gutes tun, verbreiten Hoffnung und schaffen damit Hoffnung für sich selbst. Diejenigen, die andere erinnern, nach gutem Recht zu handeln und geduldig zu sein, verbreiten Stabilität und Würde und schaffen damit einen sinnvollen Überlebensmodus für Momente des Verlusts, für sich selbst, und andere.

Und woran sollen wir uns gegenseitig erinnern? Daran, das Rechte zu tun und geduldig zu sein. Menschen, die unserer Moschee nicht angehören, meinen vielleicht, Rechtschaffenheit würde in einer liberalen Moschee möglicherweise missverstanden. Doch bei aller kritischen Auseinandersetzung mit der wörtlichen Auslegung des Korans gibt es doch eindeutige Anweisungen, denen wir alle zustimmen, wenn wir Muslime sind. Sie bilden den Kern unserer Religion. Daran erinnern wir uns gegenseitig nicht mit dem erhobenem Zeigefinger, sondern durch unser gelebtes Beispiel.

Der erste Teil dessen, worin wir einig sind, ist die Einzigkeit und Einzigartigkeit Gottes, wie auch immer sich jede und jeder Einzelne Allah vorstellt. Sei es als Energie, die alles umfasst und alles durchdringt und die im Äußeren, wie im Inneren unserer Selbst wirkt, sei es in einer anderen Art der Gestalt. Es gibt keinen Gott außer Gott. Wir sind uns einig, dass Mohammed Allahs liebender und warmherziger Prophet war, der uns den Koran anhand seiner eigenen Handlungen erklärt.  Als mitfühlender, sich stets selbst zurücknehmender Mensch, verkörpert er ein hohes Ideal, ohne je zu erwarten, dass wir uns selbst so anstrengen wie er. Wir sind uns einig, dass unser Körper und unsere Seele so wie die unserer Mitmenschen wertvoll sind und wir sie schützen sollen, so wie wir aus Verantwortung für die Schöpfung stets nach unseren Mitteln friedfertig denken und handeln. Dazu gehört das Konzept von Saddaqa – also das ständige Abgeben unseres Eigentums oder Wohlstands an Bedürftige. Es ist eines der absoluten, jeder Hinterfragung oder Kritik widerstehenden Kernkonzepte des Islam – neben der Einzigkeit Gottes DAS Kernkonzept schlechthin.  Zu den Kernkonzepten des Islam gehört Gottes Barmherzigkeit, und der Aufschub, den sie uns gewährt – die Frist, die wir haben, um hier Gutes zu tun. Wir werden gebeten, uns gegenseitig daran zu erinnern. Wa tawassou bil haqq wa tawassou bil sabr.

Die Vergänglichkeit, die ich mit der Sure Al Asr in Verbindung bringe, ist auch Thema weltlicher literarischer Auseinandersetzungen. Eines meiner Lieblingsgedichte über die Vergänglichkeit schrieb Emily Dickinson. Es heißt This Quiet Dust – dieser geräuschlose Staub.  Ich stelle mir die Dichterin vor, wie sie gedankenverloren durch ein großes, altes Sommerhaus geht und im Licht der späten Sonnenstrahlen die Staubpartikel in der Luft betrachtet, auf den Stühlen, den Tischen, den Schränken und dabei das Summen der Bienen und Hummeln wie von weither zu ihr hereindringt. Sie schreibt sinngemäß: Dieser stille Staub war Männer und Frauen und Jungen und Mädchen, war Lachen und Können und Seufzen, und Röcke mit Rüschen. Dieser still daliegende Ort war einst ein Haus behändten Sommers, wo Blumen und Bienen ihren Lebenszyklus froh verbrachten, und es verging, wie diese.

This quiet dust

This quiet dust was gentlemen and ladies
And lads and girls;
Was laughter and ability and sighing,
And frocks and curls;

This passive place a summer’s nimble mansion,
Where bloom and bees
Fulfilled their oriental circuit,
Then ceased like these.

Wie Al Asr spendet auch dieses Gedicht Trost; denn in dieses Sommerhaus kommt jemand, der den Staub sieht und weiß, was er einmal war. Wir vergehen und bleiben zugleich für immer erhalten.

Als ich mich mit AlAsr befasste, fand ich, die Sure gehört eng zusammen mit  93 und 94 und 108, Al Duha, Al Scharh und AlKawthar. Die hellen Morgenstunden, Das Öffnen des Herzens und Die Fülle. Manche von ihnen werden als Trostsuren bezeichnet.

Zum Abschluss möchte ich Sure 93 und 94 rezitieren.

Sure 93, AlDuha

„Betrachte die hellen Morgenstunden und die Nacht wenn sie still und finster wird. Dein Erhalter hat dich nicht verlassen, noch verachtet er dich. Denn fürwahr, das kommende Leben wird besser für dich sein als dieser frühere Teil. Und fürwahr, beizeiten wird dein Erhalter dir gewähren was dein Herz begehrt und du wirst wohlzufrieden sein. Hat er dich nicht als Waise gefunden und dir Schutz gegeben? Und dich auf deinem Weg verirrt gefunden und dich auf einen guten Weg gebracht? Und dich in Bedürftigkeit gefunden und dir Genüge gegeben?

Deshalb sollst du der Waise niemals Unrecht tun. Und den, der deine Hilfe sucht, sollst du niemals schelten. Und von den Segnungen deines Erhalters sollst du immer sprechen.“

Sure 94 Asch-Scharh

Haben wir nicht dein Herz geöffnet und von dir die Last genommen, die so schwer auf deinem Rücken lastete? Und haben wir nicht dich an Würde erhöht? Und siehe, mit jeder Härte kommt Erleichterung. Wahrlich. Mit jeder Härte kommt Erleichterung. Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe Standhaft. Und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter.

Wa AlAsr – ina al Insan lafi khusr

Ila alladhina aminu wa amilu as-salihati

wa tawassou bil haqq, wa tawassou bil sabr.

Samara Doole

Wasser

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Ihm, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.
Das, worüber ich heute sprechen möchte, ist Nahrungsmittel, Lebensraum, Verkehrsweg, Energiequelle, Kraft und Baumeister zugleich. Ich spreche von

Wasser

 

Samara Doole
Samara Doole

Wasser ist all das und es ist kein Wunder, dass das Wasser nicht nur im Islam eine sehr hohe Stellung einnimmt, sondern eigentlich in fast allen Weltreligionen. Es steht für das Ursymbol des Lebens, ein Geschenk der Götter oder des Einen Gottes. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen, Dürre und Hochwasser, also ein zu wenig und zu viel.
Im hinduistischen Glauben ist Wasser unsterblich, denn es transportiert die Seelen der Toten zum Sitz des ewigen Lebens. Ein Bad im heiligen Wasser, dem Ganges, spült alle Sünden des Gläubigen hinweg. Aus dem Grund wird auch die Asche des Verstorbenen in den Fluss gestreut, in dem dessen Seele zum Ort der Erlösung gelangt.
Ebenfalls ist in der buddhistischen Lehre das Wasser Sinnbild für den Strom des Lebens, in dem die Seele der Erlösung entgegenfließt.
In der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments war die ganze Erde von Wasser bedeckt, dann trennte Gott das Wasser und Land und schuf das Meer und die Erde. So zieht sich durch das gesamte alte und neue Testament das Bild des Wassers als Ursprung des Lebens. Im Judentum tauchte man sich vollständig im Wasser unter, um rituell gereinigt zu sein, während im Christentum ein kleiner Wasserguss reicht.
Da, wo die drei abrahamischen Religionen entstanden, in den Wüsten- und Trockenzonen Arabiens war man sich der ungeheuren Wichtigkeit des Wassers und seinen Konsequenzen sehr bewusst. Schon seit Urzeiten bedeutete dort Wasser Leben für die Viehzüchter wie für die Ackerbauern. Wasser war also schon immer ein Grund für Besorgtheit, denn Wasser verkörpert eine gesunde Tier- und Pflanzenwelt, also Nahrung.
Wasser hatte Einfluss auf das Miteinanderleben, auf Umgangsformen der Bewohner. Jeder Wüstenbewohner war angewiesen auf Gastlichkeit, denn jeder kann in die Lage versetzt werden, einmal das Wasser selbst seines ärgsten Feindes in Anspruch nehmen zu müssen. Da ist es nicht verwunderlich, dass schon im Islam beizeiten das Anrecht auf Wasser als ein Menschenrecht festgelegt wurde. Das können wir in einem Hadith im Sahih Muslim Nr. 157 nachlesen: ‚Abu Huraira, (Allahs Wohlgefallen auf ihn) berichtete, dass der Gesandte Allahs (Allahs Frieden und Segen auf ihm) sagte: ‚Drei werden von Allah am Tage der Auferstehung nicht angesprochen, nicht angeschaut und nicht geläutert. Und diese haben eine schwere Strafe zu erwarten: Ein Mann, der sich in der Wüste befindet und Überschuss an Wasser hat, sich aber weigert, einem Reisenden davon utrinken zu lassen.‘
Wasser spielte darum auch eine große Rolle in der arabischen Literatur und Poesie, ja sogar in der Architektur.
Neben dem Wasser zur menschlichen und tierischen Versorgung brauchte man es auch zur rituellen Reinigung. Darum verpflichtet der Islam, wie die anderen Religionen, die auf dem Boden der arabischen Wüste entstanden waren, die Menschen, alles Mögliche für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserreserven zu tun. Darum ist das Thema Wasser und seine Bewahrung und Nutzung von großer Wichtigkeit, mehr noch: der verantwortliche Umgang mit sauberem Wasser ist ein Schöpfungsauftrag, ein Auftrag von Gott, als Er den Menschen als Seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt hatte.
Für sie gab es Gewissheit, dass das Wasser göttlichen Ursprung war. Und so lesen wir auch an vielen Stellen im Koran über die herausragende Stellung des Wassers für die Erde mit ihren Pflanzen und Lebewesen und auch für die Vorstellung des Paradieses. Als ich in Granada die Alhambra besuchte, stellte ich mir dieses Bild, was ich da sah als ein Sinnbild des Paradieses auf Erden vor. Auch ihre Erbauer sahen das Wasser auf eine hohe Stufe, vergleichsweise wie das Wasser im Paradies.
Wasser ist das Abbild für das Reine im Allgemeine und im Speziellen, wie in der Religion: Waschungen mit reinem Wasser dient der inneren und äußeren Reinigung und gilt für jeden Gläubigen als Teil des Gebetes, eine der 5 Säulen des Islam.
Wasser ist für alle Lebewesen das wichtigste Element, ohne eine genügende Wasserversorgung würde zum Beispiel der Mensch innerhalb weniger Tage sterben.
Besser gesagt: vom Wasser hängt alles Leben ab. Und das sagt auch der Koran in Sure 21:30 aus: „Und Wir haben aus dem Wasser alles Lebendige gemacht.“ Dieser kurze Vers weist auf die Existenz Gottes hin, auf Seine Macht und Einzigartigkeit. Und damit fordert Gott uns zum Nachzudenken auf. Er liefert uns den Regen, also das Wasser, aber Er könnte uns es auch vorenthalten, nur Er hat die Macht darüber. Das beweist auch die Sure 27:60: „Nein – wer ist es, der die Himmel und die Erde erschaffen hat und für euch lebengebendes Wasser vom Himmel herabsendet? Denn dadurch lassen Wir Gärten von leuchtender Schönheit wachsen- während es nicht in eurer Macht ist, (auch nur einen einzigen) ihrer Bäume wachsen zu lassen! Könnte es eine göttliche Macht neben Gott geben? Nein, sie (die so denken) sind Leute, die (vom Pfad der Vernunft) abweichen. Gott weist uns darauf hin, wer das Universum mit all seiner Ordnung, Schönheit und Herrlichkeit geschaffen hat, nicht irgendeiner neben Ihm, sondern nur Er allein.
Und mit dieser Realität, die niemand leugnen kann, hat Er das nötige Mittel, damit überhaupt Leben auf Seine geschaffene Erde existieren kann, das Wasser, uns und den Pflanzen und Tieren gegeben. Denn wenn Er sagt: ‚für euch‘ bedeutet das für alle Menschen. Wasser darf kein Eigentum sein, es ist für alle da und muss zugänglich für jeden gemacht werden. Gleichzeitig weist Er nochmals darauf hin, dass nur Er die Macht hat, Leben zu geben und wachsen zu lassen.

Wasser ist in seiner Reinheit eine Gnade von Gott und wir als Seine Stellvertreter sind aufgerufen, nein, besser noch verpflichtet, sorgsam damit umzugehen, hängt doch von seiner Reinheit alles Leben ab. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus? Über Jahrhunderte wurde es immer mehr kontaminiert. Durch Abwässer, Müll und Abfall wurde es in den Städten seit dem Mittelalter verseucht, später kam der Abfall der Industrie hinzu, heute sind es giftige Chemikalien und Plastik, das dem Wasser arg zusetzt. Selbst das Regenwasser, das eigentlich das sauberste Wasser sein sollte, ist durch Luftverschmutzung verunreinigt. Und davon trinken die Menschen und Tiere.
Selbst die Feuchtigkeit der Ackerböden ist nicht mehr rein, so dass die Pflanzen das Unreine speichern und wir dann dieses Gift mit der Nahrung verzehren. Auf der ganzen Erde sind die Flüsse, Meere und Seen keine brauchbaren Nahrungsquellen mehr, für viele Millionen Menschen gibt es keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und das verschmutzte Wasser ist verantwortlich für die Verbreitung von gefährlichen Krankheiten.
Gott betont, dass Er diese Verderbnis nicht liebt, das heißt, nicht das Verderbnis als Ergebnis, sondern diese Menschen, die unachtsam und ohne Bedacht mit Gottes Gut umgehen. Er sagt in Sure al-Baqara, Vers 205: „Aber immer, wenn er (dieser Mensch) obsiegt, geht er auf der Erde umher und verbreitet Verderbnis und vernichtet Ackerland und Nachkommenschaft. Und Gott liebt nicht Verderbnis.“
Auf Wasser ist unser ganzes, tägliche Leben ausgerichtet, nicht nur zum Trinken, sondern als Grundlage für unsere Nahrung. Das stellt Gott in Sure:80 (Al-Abara. Er runzelte die Stirn), Verse 24-32: „So soll der Mensch (die Ursprünge) seiner Nahrung betrachten: (wie es kommt), dass Wir Wasser herabgießen ,es in Fülle herabgießend, und dann spalten Wir die Erde(mit neuem Wachstum) sie auseinanderspaltend, und daraufhin lassen Wir aus ihr Korn wachsen, und Rebstöcke und essbare Pflanzen und Olivenbäume und Dattelpflanzen, und Gärten mit dichtem Blattwerk, und Früchte und Kräuter für euch und euer Vieh zum Nutzen.“
Aber nicht nur für äußere Sauberkeit, sondern es dient zu inneren Sauberkeit des Herzens. Abu Huraira (r) berichtet von einem Ausspruch des Propheten (überliefert von Buchari): „Das Gebet desjenigen, der die Gebetswaschung nötig hat, wird solange nicht angenommen, bis er die Gebetswaschung vollzogen hat.“
Ich könnte noch viele Verse vortragen, dafür würde aber eine Khutba nicht reichen. Aber noch ein Hadith halte ich für sehr wichtig.
Mit Beginn der Khutba hatte ich betont, dass Wasser für das Ursymbol des Lebens steht. Es bedeutet Schöpfung und Zerstörung, Leben und Tod, als Gleichnis dazu Geborgenheit und Bedrohung, Reinheit und Unsauberkeit, Wissen und Unwissen.
Stellt euch eine Quelle hoch oben im Gebirge vor, mehrere Quellen schließen sich zusammen, immer mehr Wasser strömt zusammen bis es ein breiter Fluss wird, der dann ins Meer fließt. So verhält sich auch das Wissen. Unsere angeborene Neugierde nimmt immer mehr Wissen auf wie ein breiter Fluss, das heißt, wenn wir es zulassen und nicht irgendwann faul auf Wissen reagieren und nur zuhören, was ein Prediger sagt, ohne nachzudenken. So gibt es ein Hadith im Sahih Muslim, welches Wasser mit Wissen vergleicht:
„Abu Musa, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah der Allmächtige und Erhabene mich entsandt hat, ist wie ein reichlicher Regen, der auf einem Gebiet niederging: Der gute Teil des Erdbodens nahm das Wasser auf und brachte eine Menge an Pflanzen und Gras hervor. Es gab aber auch felsige Teile davon, welche das Wasser bewahrten, mit dem Allah den Menschen viel Nutzen bringen ließ: davon tranken sie selbst, tränkten ihr Vieh und ließen ihre Tiere dort weiden. Der Regen fiel aber auch auf einen sandigen Boden, der das Wasser sickern ließ und keinerlei Pflanzen hervorbrachte. Dies ist das Gleichnis eines Menschen, der sich mit dem Wissen in der Religion Allahs, mit dem Allah mich entsandt hat, ausbildete; denn er erwirbt damit das Wissen für sich selbst und lehrt es andere. Das Gegenteil stellt derjenige dar, der damit weder seine Würde erhebt, noch die Rechtleitung Allahs annimmt, mit der ich entsandt worden bin.“
Ich finde, es ist ein wunderbarer Vergleich: Der Mensch ist wie der Boden, auf dem Wasser fällt. Der Boden kann sich vollsaugen wie ein Schwamm. Auch der Mensch vermag nach Wissen zu suchen und für sich zu sammeln, sich vollzusaugen. Und wenn ich den Wissens-Schwamm etwas ausdrücke, gebe ich das gespeicherte Wissen weiter. Ansonsten taugt das Wissen nicht, wenn ich es nur für mich behalte.
Ich möchte das Wissen mit einem Krug Wasser vergleichen, den ich vergessen habe: das Wasser wird schal, schmeckt nicht mehr, verdunstet mit der Zeit. Es nutzt keinem mehr, wie das versickernde Wasser.
Und noch etwas möchte ich feststellen: Der Koran selbst ist wie das Wasser. Man liest darin und taucht gleichzeitig tief in ihm hinein. Der Koran in das Wort von Gott, ein Ozean an Mittelungen, Mahnungen, Parabeln, Wissen. So stelle ich mir Gott selbst als einen unendlichen Ozean vor. Wenn wir in ihm eintauchen, umfängt das Wasser uns liebevoll und reinigt unsere Seele.
So kann man sagen, Gott sendet das Wasser vom Himmel, Er sendet es herab, wie Er den Koran herabgesandt hat, um uns zu reinigen und zu verbessern.

Alexander Sinn

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Heute ist Märchenstunde in der Moschee. Doch wenn ich hier aus zwei Märchen zitiere, aus 1001 Nacht nämlich und aus dem Froschkönig der Grimmschen Sammlungen, dann dient das der Illustration dessen, was man Würde nennt, Karama al Insan, und was den ersten Artikel unseres Grundgesetzes ausmacht. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heißt, sie hat gefälligst respektiert zu werden. Egal, wie praktisch es anderweitig wäre, und wie nett man es sich einrichten könnte, wenn sie nicht so wichtig wäre. Alles muss hinter das Einhalten der menschlichen Würde zurücktreten. Dazu gehört auch unser Sprachgebrauch. Und zwar unserer eigenen Würde sowie der Würde unseres Gegenübers. Würde und Zwang stehen sich diametral gegenüber. Das bedeutet, ihr Wesenselement ist die Freiheit. In einer freien Gesellschaft die Freiheit zu predigen mag obsolet erscheinen, doch stelle ich immer wieder bei mir selber fest, wie schnell ich bereit bin, die Freiheit anderer einzuschränken, wenn es um die Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse geht.

Würde ist eines der interessantesten Wörter meines Lebens. Um ihre Würde zu wahren, heiratete meine Großmutter nicht den Offizier, den sie nicht liebte, wenngleich ihre drei unehelichen Kinder im Krieg dadurch weiter hungern mussten. Sie hat ihren Kindern dadurch viel abverlangt; und dennoch darf man ihr keinen Vorwurf machen, denn sie empfand die Heirat mit diesem Mann als eine Verletzung ihrer Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie steht nicht zur Debatte, doch können wir sie leicht verwechseln mit dem Stolz. Nicht immer, wenn unser Stolz verletzt wird, geht es um Würde.
Die gelebte Würde des Menschen soll unantastbar sein, doch tatsächlich wird sie ständig und überall verletzt, von der Würde der Tiere ganz zu schweigen. Wenn ich im Folgenden die Würde der Frauen in den Mittelpunkt stelle, dann bedeutet das nicht, dass die Würde von Männern nicht verletzt wird. Männer werden geschlagen, sie werden gefoltert, genauso vergewaltigt wie Frauen und verheiratet mit Frauen, die sie nicht lieben können. Homosexuelle Männer werden zu Heterosexualität gezwungen, oder dazu, sich zu verdingen, statt einem Beruf ihrer Wahl nachzugehen. Am schlimmsten, Männer müssen in Armeen Kriegsdienste leisten, für Diktatoren töten und sich töten lassen, fliehen und es wird von ihnen verlangt, während Frauen und Kinder gerettet werden, mit dem Boot unterzugehen.

Die folgenden Geschichten handeln von Frauen, die sich ihrer Würde bewusst sind. Ich möchte sie erzählen, um uns daran zu erinnern, dass wir frei sind, in unseren Entscheidungen, um also daran zu erinnern, dass Würde immer mit Freiheit, auch Entscheidungsfreiheit, verbunden ist. Ein Sprichwort sagt: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Meine Mutter lehrte mich stattdessen: „Wer A gesagt hat, muss noch lange nicht B sagen.“ Auch Brecht sagt dies, doch hatte sie ihn nicht gelesen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.
Egal, was man versprochen haben mag – wenn man merkt, dass es ein Fehler war, ist es nie zu spät, sich davon zu distanzieren. Selbst, wer geheiratet hat, muss nicht bei seinem Partner bleiben. Im Quran lesen wir an vielen Stellen, dass wer auseinandergeht, dies in Frieden und mit vergebendem Herzen tun soll. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen. Wir sind frei, jederzeit auf unser Leben zu schauen um es zu bewerten und unsere Entscheidungen neu zu treffen, selbst wenn wir damit andere enttäuschen. Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt stehen dabei im Mittelpunkt, unsere, und die der Anderen.

Im Koran steht das Wort Würde nicht. Jedenfalls nicht in der Form Karama. Dort steht auch nicht das Wort Freiheit als Horrie. Doch ist er voll mit dem Gedanken des freien Willens, der die Grundlage dafür bildet, dass wir am Ende unserer Frist für unsere guten Absichten und Handlungen belohnt werden. In 2:30 können wir lesen: Und dein Erhalter sagte zu den Engeln: Seht, ich bin dabei auf Erden einen Khalifa einzusetzen, einen, der sich um sie kümmern wird, sie pflegt und ihre Belange regelt. Da sagten die Engel: Willst du einen solchen einsetzen, der Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird, während wir es sind, die dich Tag und Nacht preisen? – Während die Engel als einzige Option den Gehorsam haben, und Gott Tag und Nacht preisen, haben wir Menschen die Freiheit Sinnvolles, oder weniger Sinnvolles zu tun.

Und was ist mit der Gerechtigkeit? Prägnant verbildlicht uns im Quran das Symbol der Waage die Gerechtigkeit als ein Wesensmerkmal Allahs und zugleich als anzustrebende Maxime unseres Charakters. Auch hier geht es nicht um Worte, sondern um das Handeln, nämlich nicht mit zweierlei Maß zu messen. In 83, Verse 1-5 sagt uns Allah: Wehe jenen, die gekürztes Maß geben. Jene, die, wenn sie von anderen Leuten ihren gebührenden Anteil erhalten, verlangen, dass er voll gegeben werde – aber wenn sie auszumessen oder auszuwiegen haben, was immer sie anderen schulden, weniger geben, als gebührend ist.
Auch Rechte kann man auf die Waagschale legen. Nach dem eben genannten Vers müssen sie ausgeglichen sein, damit es in der Welt rechtens zugeht. Alle Menschen haben dieselben unveräußerlichen Rechte. Für Kinder und Jugendliche, sowie für manche Erwachsene, wird die Freiheit eingeschränkt zu Gunsten des Schutzes. Dann wird vorsichtig formuliert, wo der Schutz wichtiger ist als die Möglichkeit der freien Entscheidung. Doch stets bilden Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt den Ausgangspunkt jeglichen angemessenen menschlichen Miteinanders.
Über die Freiheit als zentrales Element der Würde erzählen die beiden Märchen.

Die Frau mit dem Federkleid
Eigentlich heißt die Geschichte Hassan Al Basri, doch passender finde ich diesen Titel, der anerkennt, dass die Frau gleichermaßen Protagonistin ist, wie der Mann.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – wo diese mysteriöse Insel Wakwak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ ( Ich habe zitiert aus Mernissis Buch Harem, S. 11-12)
In der Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende. Doch nun geht die Frau freiwillig mit ihm. Aber vielleicht bleiben sie ja lieber auf Wakwak, weil es dort viel schöner ist. Vielleicht sucht Hassan vergeblich und findet seine Frau nie wieder. Jedenfalls weiß die Frau mit dem Federkleid, dass es Unrecht ist, sie zu etwas zu zwingen.
Ihre Freiheit brauchte Mut. Als die Frau mit dem Federkleid ihre Kinder an sich drückte und losflog, war es weder gewiss, dass sie gesund ankommen würden, noch gab es eine Garantie, dass das Leben auf Wakwak glücklicher verlaufen würde als bisher. Doch besteht sie auf der Freiheit zur Selbstbestimmung.
Nur durch die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie sie es möchte, ist auch ihre Würde gewahrt. Ihre eigene Freiheit und Würde ist untrennbar verbunden mit der ihres Mannes, denn erst durch ihre Flucht wird er vom Gefängniswärter zum Geliebten. Durch ihr Insistieren, ein freier und würdevoller Mensch zu sein, wird auch er zu einem solchen.

Genau dasselbe passiert beim Märchen mit dem Froschkönig. Ich werde es ein bisschen abkürzen. Als eines Tages eine Königstochter mit ihrem goldenen Ball am Brunnen spielte, fiel der Ball in den Brunnen hinein. Sie war traurig und jammerte herum, da brachte ihr ein Frosch den goldenen Ball aus den Tiefen des Brunnens herauf. Dafür musste sie ihm versprechen, dass er am Abend zu ihr durfte. Am Abend kommt der Frosch tatsächlich zum Essen ins Schloss. Immer mehr will der Frosch von der Königstochter. Sie lässt ihn neben sich am Tisch sitzen, lässt ihn von ihrem Teller essen, von ihrem Becher trinken, doch empfindet ihn dabei als aufdringlich und übergriffig. Nach dem Abendessen folgt er ihr bis ins Schlafgemach. Als er schließlich gar zu ihr ins Bett krabbeln möchte, reicht es ihr, denn hier steht ein Gefühl der inneren Würde endgültig auf dem Spiel. Als er erneut insistiert, hebt sie ihn kurzer Hand vom Boden auf und wirft ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Durch diesen Akt der Selbstbehauptung rettet sie nicht vor allem ihre Keuschheit, sondern ihre Würde. Sie nimmt in ihr Bett, wen sie will, nicht jeden dahergelaufenen Frosch, egal, was sie ihm zuvor versprochen haben mag. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen… In dem Moment, wo sie ihn an die Wand wirft, um ihre eigene Würde zu wahren, indem sie sich nicht zwingen lässt, etwas zu tun, was sie nicht tun möchte, wird aus dem Frosch ein König. Er wird nicht nur Mensch, sondern darüber hinaus ein Mensch ganz besonderer Art, an Reichtum und Schönheit nicht zu überbieten, ein König unter den Menschen. Als die Königstochter nicht von Mitleid geleitet, oder an vorangegangene Versprechungen gebunden war, sondern die Verletzung ihrer ureigensten Würde fürchtete, und diese intuitiv über alles andere stellte, wandte sich ihr Schicksal zum allerbesten.

Im politisch-mondänen Bereich ist es nicht anders. Ich übertrage unsere Geschichten von Fröschen und Federkleidern kurz auf die Politik, und führe uns ins heutige Syrien, dann ins Amerika des frühen 19. Jahrhunderts und schließlich zurück ins zeitgenössische Deutschland.
Immer wieder frage ich Syrer, warum sie die Revolution gemacht haben und bekomme als Antwort: „Wir wollen Freiheit und Würde“. Beide sind im Privaten wie im Öffentlichen zentrale Werte. Dafür haben inzwischen viele ihr Leben gelassen, doch bleibt das Ziel erhalten.
Im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts gab es neben grausamen Sklavenhaltern tatsächlich auch solche, die ihre Sklaven relativ gut versorgten und mit ihnen ein fast brüderliches Verhältnis pflegten. Doch bei der Abschaffung der Sklaverei um 1865 beanspruchten alle Sklaven ihre Freiheit. Zur Überraschung der Master, die gut zu ihren Sklaven gewesen waren, zogen auch diese die Freiheit der Sicherheit und Versorgung vor. In der Freiheit gab es Würdeverletzungen bis hin zu Lynchmorden. Doch eine Rückkehr in die Sklaverei war für niemanden eine Option.
In der deutschen Gegenwart beruht unsere Freiheit, die wir als eng verbunden sehen mit unseren finanziellen Möglichkeiten, auf der Armut anderer. Ob wir Kakao kaufen oder Kaffee, Fleisch oder Kleidung – überall werden die Güter unter Missachtung der Würde ihrer Hersteller gefertigt, sei es Mensch, Tier oder Erde. Wir sprechen von Fair Trade und definieren damit das, was der Normalzustand sein sollte, als gute Tat. Eine wahrhaft perfide Verdrehung der Verantwortlichkeiten. Das Andere, der reale Status Quo, sollte Unfair Trade heißen.
Stellen wir uns einmal den folgenden Dialog in einem Cafe vor:
„Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“
„Möchten Sie einen fair gehandelten Kaffee, oder einen unfair gehandelten?“
„Einen unfair gehandelten bitte!“
Dies ist die von uns verdrängte Realität, und so ist eine Khutba über Freiheit und Würde in unserem vermeintlich freiheitlichen Land eben doch nicht obsolet.

Doch ich möchte uns noch einmal zurückführen zur Geschichte der Frau mit dem Federkleid und mit diesem Bild enden. Auch in unserem privaten Bereich kommt es immer wieder zu Würdeverletzungen. Ich möchte behaupten, fast immer dort, wo unsere Würde nicht gewahrt wird, wurde irgendwann zuvor die Würde dieser anderen Person nicht gewahrt oder gar massiv verletzt. Manche Würdeverletzungen entstehen zwar aus Arroganz des Verletzers, doch meist kommt das alles nicht aus dem Nichts, sondern ist Glied einer Kette von Verletzungen. Jemand wird verletzt, und gibt diese Verletzung weiter. Das bedeutet nicht, dass wir nun freimütig oder aus Mitleid anderen gestatten dürfen, unsere Würde zu verletzen, um diese Kette zu brechen. So endet sie ja nicht. Aber es bedeutet, nicht selbst der Ausgangspunkt dieser Kette zu sein. Und es bedeutet, einen sorgsamen Umgang mit uns selbst und mit anderen zu pflegen. Selbst kleine Gesten können verletzen. Den anderen, die andere, so zu akzeptieren, wie sie sind, gehört zur Wahrung ihrer Würde.

Kurz noch einmal zurück zu unserer Partnerschaft, die ja Thema der beiden Märchen ist. Ist unser Partner, unsere Partnerin tatsächlich in unserer Beziehung ein freier Mensch? Wayne Dyer, ein amerikanischer Motivationssprecher und Taoist rät uns zum ultimativen Partnerfreiheitstest. Wenn wir Folgendes sagen können, ist die Freiheit gewahrt.
Ich lasse dich frei, du selbst zu sein, deine eigenen Gedanken zu denken und deinem eigenen Geschmack nachzugehen, deinen Eingebungen zu folgen und dich so zu verhalten, wie du es für richtig hältst. Du bist frei, die Person zu sein, die du sein möchtest.
Auch umgekehrt gilt es:
Ich nehme mir die Freiheit, ich selbst zu sein, meine eigenen Gedanken zu denken und meinem eigenen Geschmack nachzugehen und meinen Eingebungen zu folgen sowie mich so zu verhalten, wie ich es für richtig halte. Ich nehme mir die Freiheit, die Person zu sein, die ich sein möchte.

Wir kommen nun zusammen zum Gebet. Wir bitten um Vergebung für die Momente, in denen wir die Würde anderer verletzt haben und um Heilung, wo unsere eigene Würde verletzt wurde, damit wir unseren Mitmenschen begegnen können wie die Frau mit dem Federkleid ihrem Ehemann oder die Königstochter dem Frosch – mit einem sicheren Gefühl dafür, wann es sich lohnt, auf unserem eigenen Recht zu bestehen und wann wir uns zurücknehmen sollten, um dem Anderen den Vortritt zu lassen, damit auch dessen Würde gewahrt wird.

Samuel Scrimshaw Beitragsbild

Die Seele aus islamischer Sicht

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm.

Die Seele aus islamischer Sicht

 

Samuel Scrimshaw BeitragsbildHeute möchte ich über unsere Seele sprechen. Ich fand das Thema interessant, aber tat mich dennoch schwer, denn ich habe erkannt, dass unsere Persönlichkeit weit mehr ist als unser materieller Körper. Aber das ‚weit mehr‘ ist schwer zu erfassen.
In Suratu-l-`Isra, 17:85 steht: „Und sie befragen dich über die Seele. Sprich: ‚Die Seele ist eine Angelegenheit meines Herrn; und euch ist vom Wissen nur wenig gegeben.‘“ Muhammad Asad übersetzt den Vers so: „Und sie werden dich nach der Natur der göttlichen Eingebung fragen. Sag: diese Eingebung kommt auf Geheiß meines Erhalters; und ihr könnt ihre Natur nicht verstehen, da euch sehr wenig wahres Wissen gewährt worden ist.“ Asad meint dazu: Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass sich dieses auf die Offenbarung des Koran bezieht, wenn man den vorherigen und folgenden Vers mit einbezieht, andere verstehen darunter die Seele des Menschen. Für noch andere steht der Begriff ‚ruh‘ für Seele oder Geist und sehen darin den Engel, der die Offenbarung bringt.
Ich denke, es geht vor allem um einen harmonischen Zustand der Seele, auch wenn wir nicht viel darüber wissen. Aus theologischer Sicht ist das Wesen der Seele geheimnisvoll und normaler menschlicher Erkenntnis weitgehend nicht begreifbar. Wir können sie nicht wirklich beschreiben oder sehen, so wie wir Gott nicht definieren können und nur das von Ihm wissen, was Er im Koran über sich erzählt. Aber eins steht fest, jeder von uns trägt eine Winzigkeit vom Hauch Gottes in sich, die Seele. Aber dazu komme ich noch.
Suratu-z-Zumar, 39:41 besagt: „Allah nimmt die Seelen (al-anfus, Plural von an-Nafs) hinweg, wenn die Menschen sterben, und die derer, die noch nicht sterben, während sie schlafen. Dann hält Er die zurück, für die Er den Tod bestimmt hat, und schickt die anderen für eine bestimmt Frist zurück. Hierin sind fürwahr Zeichen für Leute, die nachdenken“. Das bedeutet, im Tod geben wir unser physisches Leben auf, aber unsere Seele stirbt nicht, sie kehrt in eine andere Existenzebene, zu Gott zurück, also jenseits unseres physischen Daseins, während sie nach dem Schlaf in unser Dasein zurückkehrt. Kurz gesagt: Gott hält unser Leben und den Tod in Seiner Hand. Wir merken spätestens hier, dass das Wort Seele im Normalgebrauch mehrere Bedeutungen hat.
Wie oft sagt man, wenn man über etwas nachdenkt und man zu keinem richtigen Ergebnis kommt: „Schlaf darüber!“ Oder: „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Unsere Seele geht dann zurück zu Gott. Vielleicht gibt uns Gott dann Hinweise? Manchmal wachen wir mit einem Alptraum auf, vielleicht sind diese Alpträume ja schon eine Bestrafung von Gott, und manchmal sind wir frisch und munter, mit einem guten Gefühl, die richtige Entscheidung treffen zu können. Wer weiß, wurden wir vielleicht belohnt? Hält Gott bei unserem Schlaf schon ein Gericht über unsere Seele? Bestraft oder belohnt Er uns, lässt Er uns unser Gewissen überprüfen?
Ich denke, Gott hält hier schon Gericht, nicht erst, wenn es uns nicht mehr gibt. Denn während unseres Schlafs hat Gott die Gelegenheit, zu richten, unserer Seele Lob oder Tadel nach dem Erwachen mit auf den Weg zu geben. Ansonsten lohnt sich doch nicht ein Belohnen im Paradies oder Bestrafen in der Hölle. Nach dem Tod ist es zu spät, um uns zu verbessern.
Ich habe meine Denkweise in meiner Khutba „Das Diesseits und das Jenseits“ schon einmal dargelegt. Und die Brücke am Tag des Jüngsten Gerichts? Für mich könnte für die Seele die Überquerung der Brücke den Übergang vom Wachsein in den Schlaf bedeuten. Wir wachen auf, nachdem sich unsere Seele einer Rechenschaft vor Gott für diese kurze Zeit stellen musste. Und das täglich, damit sich unsere Seele zum Guten wandeln kann. Nur so greift Gottes Barmherzigkeit zur Stärkung unserer Seele, was nicht ausschließt den Gang über die Brücke nach unserem endgültigen Tod.
Ghazali, gest.1111 in Tus, Iran, hielt die Seele für eine unkörperliche, rein spirituelle Substanz, die aber über Wissen und Wahrnehmung verfügt.
Der Mystiker Rumi war überzeugt, dass der Mensch zwei Dimensionen habe: Die eine ist die physische Ebene, die zur Natur gehört und die zweite ist die verborgene Welt als Teil der absoluten Wahrheit. Beide Ebenen passen sich einander an und ergänzen sich.
Aber was ist nun die Seele? Wo befindet sie sich, was passiert mit ihr?
Das Wort rūḥ, das ursprünglich „Atem“ oder „Wind“ bedeutet, wird religiös zum Hauch, Geist, den Gott Adam einbläst und ihm damit Leben einhaucht.
Der Mensch besteht aus Körper, Geist oder Seele, alles gehört zusammen und macht als Ganzes den Menschen aus.
Eigentlich hat im normalen Sprachgebrauch das Wort „Seele“ zwei Bedeutungen:
– Zum ersten gehört die Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Erinnern, Phantasieren, Überlegen, Denken eines Menschen ausmacht; also die „menschliche Seele,” unser Ego, das Ich. Sie ist sterblich.
– Andererseits ist sie ebenso ein körperloser Teil des Menschen, der nach religiösem Glauben unsterblich ist, nach dem Tode weiterlebt. Sie ist „die unsterbliche Seele”. Beide aber sind immateriell.
Eine kurze Zusammenfassung: Es gibt also zwei grundlegende Bereiche des Menschen, einen materiell-physikalischen und einen immateriell-metaphysischen Bereich. Nach islamischer Auffassung gibt es aber im immateriellen Bereich neben der Seele oder Geist noch das Ego des Menschen, dem ‚Ich‘, arabisch an-nafs. Es ist zwar immateriell, aber in besonderer Weise an den Körper gebunden, also an die Materie. Das heißt: Der Mensch besteht aus
– dem Körper, arabisch: al-dschassad,
– dem Ego, das „Ich“, arabisch: an-nafs,
– dem Geist oder Seele arabisch: ar-ruh.
Den Körper kann man also als das ‚Haus von Ego und Seele‘ bezeichnen. Wenn der Körper stirbt, stirbt auch mit ihm sein Ego, (an-nafs), sein Ich. Die Aufgabe eines Muslims soll darin bestehen, im Diesseits im Rahmen des dschihadu-n-nafs, der Anstrengung im Bereich des Egos, seinen Nafs zu erziehen und in ein an Gott gerichtetes Seelenleben zu bringen. Deshalb meine ich, dass schon im Schlaf Gott über uns das Gericht hält, damit wir unseren Nafs erziehen können, daraus ergibt sich für mich: Das Paradies und die Hölle befinden sich im Diesseits.
Im Koran werden drei Stufen des sterblichen nafs erwähnt, manche Gelehrte zählen 7 Stufen: die niedrigste ist an-nafs al- ammara, die über das Böse herrscht, an zweiter Stelle kommt an-nafs al-lawwama, welches sich selbst reumütig tadelt. Man könnte sagen: Es ist unser Gewissen, dass unser Handeln kontrolliert. Und an höchster Stelle steht an-nafs al-mutma`inna, welches seine Ruhe gefunden hat. Dazu steht im Koran in Sure 39:70: „Und jeder Seele (nafs) wird voll zurückerstattet, was sie im Erdenleben getan hat.“ Das heißt, selbst wenn das Nafs stirbt, unsere Taten werden am Gerichtstag gewertet.
Im heutigen Konsum- Zeitalter ist der Körper mit dessen Bedürfnissen, Verlangen und Begierden, die sein Ego zufrieden stellen und ihn zu seiner Selbstentfaltung und Selbstbewusstsein fördern sollen, in den Vordergrund gerückt. Unser Ego schließt ein An-sich-selber-denken, an sein berufliches Vorwärtskommen, am Geldkonsum ein, kümmert sich weniger um die übrige Gesellschaft. Wir sind zu einer Ich-Gesellschaft, weniger zu einer Wir-Gesellschaft geworden. Geist und Seele spielen dabei weniger eine Rolle.

Der Geist, ar-ruh, ist der einzige Bereich, der ewig ist und der beim Tod des Menschen auch sein Ego überdauert. Er gehört zum immateriellen Bereich und damit wichtigster Teil des Menschen aus religiöser Sicht.
Meine Frage an euch: Wenn wir unseren Körper betrachten, wo werden wir die Seele, unseren Geist ansiedeln? Natürlich im Herzen!
Das Zentrum unseres Geistes, unserer Seele ist im Islam das Herz (arab. al-qalb) mit den immateriellen Betrachtungsweisen unserer Gefühlswelt, Emotionen, Empfinden, Gemüt und dazu gehört auch unser Gewissen, Bewusstsein wie zum Beispiel unser Verantwortungsbewusstsein, Moral, unsere innere Stimme.
Unser Herz hat also zwei Seiten oder Bestimmungen: das materielle Herz als unser zentrales Organ des Körpers; ohne diese Pumpe geht gar nichts. Das immaterielle Herz ist das Zentrum unseres Geistes bzw. unserer Seele und damit das wichtigste Element unseres Seins, unserer Wirklichkeit.
In Sura al-A’raf, Nr.7:179 können wir in der Übersetzung von Asad lesen: „Wir haben wahrlich viele der unsichtbaren Wesen und Menschen für die Hölle bestimmt, die Herzen haben, mit denen sie nicht die Wahrheit zu erfassen vermögen, und Augen, mit denen sie nicht zu sehen vermögen, und Ohren, mit denen sie nicht zu hören vermögen. Sie sind wie Vieh – nein, sie sind sich noch weniger des rechten Weges bewusst: Es sind sie, die die wahrhaft Achtlosen sind.“ Er meint damit: Tiere leben nach ihrem Instinkt, aber diese Menschen sind sich der Möglichkeit oder einer Notwendigkeit einer moralischen Wahl nicht bewusst oder wollen es nicht verstehen.
Oder in Sura al- Hadsch, Nr. 22:46: „Sind sie denn niemals auf der Erde herumgereist, um ihr Herz Weisheit erlangen und ihre Ohren hören zu lassen? Doch, wahrlich, es sind nicht ihre Augen, die blind geworden sind – sondern blind geworden sind ihre Herzen, die in ihren Brüsten sind.“ Diese Aussage ist wirklich eindeutig, zum Herz gesellt sich der Verstand, die Vernunft, al-`aql
Herz und Verstand stehen in einem besonderen Verhältnis zueinander. Und zum Verstand gehört das Gewissen (arab: al-widschdan) dazu.
Die islamischen Gelehrten ordnen dem Gewissen drei Kategorien zu: das Gedächtnis (arab. adh-dhihn), das Gefühl (arab: al-hiss) und der Wille (arab: al-irada). Aber wie schon gesagt, alle drei stehen in einem besonderen Zusammenspiel mit dem Intellekt (ar: al-`aql), der Vernunft und dem Herzen als das Zentrum des Geistes.
Zum besseren Verständnis: Das Zentrum des Geistes ist das immaterielle Herz (al-qalb). Es beinhaltet den Geist oder Seele (ar-ruh), den Intellekt, die Vernunft (al-`aql) und als dritter Partner das Gewissen (al-widschdan) mit dem Gedächtnis, den Gefühlen und dem Willen.
Besonders das Zusammenspiel von al-`Aql und al-widschdan, Vernunft und Gewissen, spielt im islamischen Kontext eine große Rolle. Das Gedächtnis als eine Kategorie des Gewissens bedeutet Wissenserwerb, besonders das Wissen um Gott. Die Gefühle, eine weitere Kategorie, stehen für die Liebe zu Gott, also das Gottesgedenken und der Wille, als letzte Kategorie, bedeutet Dienst an Gott, also Gottesdienst. Alle zusammen führen zu einem guten Iman, dem Glauben und Taqwa, dem Gottesbewusstsein.
Die Seele oder der Geist soll sich nach den konservativen Predigern ganz auf das Jenseits richten, auf Gott. Aber was ist mit dem Diesseits? Sollen wir den Frohsinn, der Freude wie auch der Traurigkeit, Glück und Kummer, Entspannung und Anspannung, alles das, was das Leben auf der Erde eigentlich ausmacht, in die zweiten Reihe stellen? Nehmen wir aus der 38. Sure as-Sad die beiden Verse 71 und 72: „Denn siehe, dein Erhalter sagte zu den Engeln: ‚Siehe, Ich bin dabei, einen Menschen aus Ton zu erschaffen; und wenn ich ihn vollständig geformt und ihm von Meinem Geiste eingehaucht habe, fallt nieder vor ihm in Niederwerfung.‘“ Gott ehrte ihn damit vor den Engeln trotz ihrer Einwendungen. Er beschenkte Adam und damit der ganzen Menschheit mit dem Einhauchen Seines Geistes. Natürlich gebührt die Anbetung nur Gott allein, aber diese Niederwerfung der Engel vor Adam war ein Zeichen der Ehre und des Respekts.
Gott hat uns durch Adam von Seinem Geist eingehaucht, damit wir uns im Diesseits an Ihn erinnern und uns Seiner immer bewusst sind, also Gottesbewusstsein. Aber zugleich gab Er den Menschen die Freiheit, selbstständig zu denken und zu handeln, im Guten wie im Schlechten, die Freiheit, Seiner zu erinnern oder auch nicht.
Ich meine, damit stehen wir höher als die Engel, die nur das tun, wofür sie geschaffen wurden.
Aber noch etwas Wichtiges hat Gott uns mit dem Einhauchen der Seele mitgegeben, die Neugier, die den Menschen vorwärtstreibt und ihn erst zum Menschen werden ließ.


رَبَّنَا لَا تُزِغْ قُلُوبَنَا بَعْدَ إِذْ هَدَيْتَنَا وَهَبْ
لَنَا مِن لَّدُنكَ رَحْمَةً ۚ إِنَّكَ أَنتَ الْوَهَّابُ

 

Unser Herr, lass unsere Herzen sich nicht von Dir abkehren, nachdem Du uns rechtgeleitet hast. Und schenke uns Barmherzigkeit von Dir, denn Du bist ja wahrlich der unablässig Gebende. (al-`Imran:8)

Yannic Läderach

Dehnen und kräftigen

Dehnen und kräftigen

Autorin: Susanne Dawi

Yannic Läderach
Yannic Läderach
Regelmäßig findet in unserer Moschee Yoga statt. Die Daten stehen auf unserer Facebookseite, und wir laden herzlich dazu ein. Praktiziert wird eine Form, die vor allem auf angenehme Dehnungen fokussiert, und zu leichter Steigerung der Muskelkraft führt, wenn man regelmäßig teilnimmt. Die Stimme der Yogalehrerin reflektiert ihre innere Ausgeglichenheit. Sie ist sanft und freundlich. So freundlich, dass schon Sekunden nach Beginn der Yogastunde aller Stress von mir abfällt. Mehr noch, alle schlechten Gedanken, die ich im Laufe der letzten Tage in mir angesammelt habe, was ich so zu dieser und zu jener Person noch zu sagen hätte, wie ich mich noch zu diesem oder jenem Streit am Arbeitsplatz positionieren wollte, lösen sich auf in bedingungslosem Verständnis für die natürliche Andersartigkeit aller Menschen und deren individuelle Versuche, mit den Anforderungen des Lebens zurecht zu kommen.
Der schönste Moment sind für mich die fünfzehn Minuten Entspannung am Ende der 90 minütigen Einheit. Hier leiten wir unser Bewusstsein zu jedem einzelnen Teil unseres Körpers und werden aufgefordert, ihm unsere Liebe zu geben . „Nimm dein Handgelenk bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe. Nimm deinen Arm bewusst wahr und schicke ihm deine Liebe… deine Augen, deine Stirn…. Bedanke dich bei ihnen, dass sie ihre Aufgaben so gut erfüllen… Bedanke dich bei deinem Körper, dass er heute morgen aufgestanden ist. Bedanke dich bei dir, dass du heute hergekommen bist.“ Ich, das ist meine Seele, bedanke mich bei meinem Körper. Gut, dass da im Raum kein Spiegel ist, der mir meinen Körper zeigt. Geflissentlich halte ich meine Augen geschlossen, um ganz bei mir selbst zu sein, und mich nicht von weltlichen Idealen ablenken zu lassen. Davon vielleicht, dass die Schülerin neben mir die Beine vorhin viel besser verschränken konnte als ich und der Schüler auf der anderen Seite überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Balance hatte. Wenn ich dann ganz mit mir im Einklang bin und Liebe für mich empfinde, fühle ich plötzlich mit einer noch viel größeren Intensität Liebe für andere. Sie manifestieren sich in meinem Inneren in Form von Bildern oder Gefühlen. Meinem Partner, der sich schon wieder nicht gemeldet hat, obwohl er genau weiß, dass ich das brauche, sagt meine innere Stimme: „Ich weiß, dass du an mich denkst, aber dich nicht gezwungen fühlen möchtest. Es ist alles gut, und ich bin ganz zufrieden. Ich hoffe es geht dir gut.“ Und meine ganze Liebe und Wärme wandert zu ihm, um ihn zu umhüllen. Meine Tochter, die sich manchmal in Negativspiralen und Weltverachtung verfängt, sehe ich plötzlich mit Bewunderung über Manuskripten sitzen und Gedanken nachvollziehen, die ich niemals verstehen könnte. Auch sie wird in meinem Inneren ganz von meiner Wärme und Liebe umhüllt. Und die Menschen, die weiter entfernt von mir sind, lass ich dort, wo sie sind – weiter entfernt. So können sie sein, wer oder wie sie sein wollen, ohne mir zu schaden.
Das Ganze funktioniert genau bis drei Minuten nach dem Ende der Yogastunde. Dann rolle ich die Matte ein und mit ihr all das Verständnis und die Güte, die gerade noch in meinem Herzen wohnten und so fest verankert schienen. Das Ego des Menschen ist wahrhaft ein starkes Stück!

Alle Religionen zielen darauf ab, das Ego auf einen gesellschaftsverträglichen Weg zu leiten. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Teile. Vergib! Spende, besuche, bedanke dich, bleib bescheiden…..
Unsere muslimischen Gebete haben einen ähnlichen Effekt, wie eine Yogastunde. Auch beim Beten werde ich ruhig und gütig. Beim Niederwerfen, wenn meine Stirn den Boden berührt, wird mein Herz liebevoll und freundlich. Wenn ich dann nach den wenigen Minuten des Gebets meinen Teppich einrolle, passiert leider häufig genau dasselbe wie beim Einrollen der Yogamatte – die Liebe, Güte und Freundlichkeit werden mit eingerollt. Aber hin und wieder hält das Ganze zum Glück auch etwas länger vor.

Als Muslime versuchen wir, das Gefühl des Gebets beizubehalten und unsere Güte auch weiterzugeben, wenn uns gerade nicht danach ist. Dabei bietet uns jeder Tag eine neue Möglichkeit der Übung – sowohl der Dehnung als auch der Entwicklung stärkerer Kraft. Langsam dehnen wir unsere Geduld aus und langsam erweitern wir unsere Kraft, das Gute in jedem Moment zu bemerken, zu lieben, und zu bewahren; zuerst nur ab und zu, dann länger, und kraftvoller, bis wir inschallah tatsächlich bessere Menschen werden, vielleicht von einem Gebet, bis zum nächsten. Sie folgen zum Glück recht schnell aufeinander. In diesem Sinne Assalamu Alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

Aaron Burden

Wer aufbricht, der kann hoffen

Wer aufbricht, der kann hoffen

Aaron Burden
Aaron Burden

Ihr kennt sicherlich alle die libanesische Sängerin Fairouz. Ich jedenfalls höre sie jeden Morgen, entweder aus meinem Autoradio oder aber – und viel lieber – auf dem Fahrrad. Wenn sie dann von großen Meeren und weiten Himmeln singt, dann schlägt mein Herz auch ein bisschen höher. Gerade jetzt im Frühling.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist der Frühling immer eine ganz besondere Jahreszeit. Ich genieße die ersten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut und freue mich, dass es nun jeden Tag länger hell wird. Die Vögel singen – und wenn man genau hinhört, dann singen sie nicht nur, sie unterhalten sich. Am Sonntag bin ich zum ersten Mal in diesem Jahr barfuß gelaufen und habe mich über jeden Grashalm unter meinen Fußsohlen gefreut. Es ist wie ein neuer Anfang. Der Himmel wird nicht nur weit und die Bäume grün, es werden auch viele Hoffnungen und Pläne neu geboren.

Im Gesangbuch der evangelischen Kirche gibt es einige Lieder, die immer wieder mein Herz erreichen. Kurz eingeschoben muss ich sagen, dass ich wirklich bedauere, dass wir im Islam so wenig singen. Denn auch das macht das Herz frei und glücklich. Nun, eins der Lieder, welches für mich zu dieser Jahreszeit passt, ist das Lied „Vertraut den neuen Wegen“. In der dritten Strophe heißt es:

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit.

Was für eine wunderbare Verheißung. Wer aufbricht, der kann hoffen. Für mich ist der Frühling so ein Moment des Aufbruchs. Die Ruhe und Behaglichkeit des Winters sind vorbei. Nun kann es – so zumindest hat man den Eindruck beim Beobachten der Natur – garnicht schnell genug damit gehen, neues entstehen zu lassen und sich zu wandeln. Nichts ist so beständig, wie dieser Wandel in der Natur. Wir alle haben ihn schon dutzendfach erlebt und doch hat es keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht weil der Frühling zart und gleichsam kraftvoll daherkommt. Man hat das Gefühl bei der Geburt einer Jahreszeit dabei zu sein.

Wer aufbricht, der kann hoffen. Und er kann vertrauen darauf, dass Gott ihn auf seinen neuen Wegen behüten und beschützen wird. Der Frühling zeigt uns, dass Neuanfänge oft belohnt werden und das diese Zeiten, in denen das Alte noch nicht ganz beendet und das neue noch nicht komplett da ist, unter einem besonderen Schutz Gottes stehen. Und in diesen Zeiten, in denen uns Geduld besonders schwer fällt, können wir in unserer Hoffnung auf Gott vertrauen.

Ich möchte an dieser Stelle den Gefährten von Mevlana Rumi, Schams-e Din zitieren:

Was ist Geduld? Geduld ist, den Dorn zu betrachten und die Rose zu sehen, die Nacht zu betrachten und das Morgengrauen zu sehen. […] Wer Gott liebt, verliert nie die Geduld, denn er weiß, dass die Mondsichel Zeit braucht, um zum Vollmond zu werden.“

Geduld lässt sich nur aufbringen, wenn es Hoffnung gibt. Und Allah zeigt uns im Frühling, dass wir ihm in unserer Hoffnung vertrauen können. Das wir uns sicher sein können, ihn auf den neuen Wegen an unserer Seite zu haben. Erst ist das Neue nur eine wage Idee, die sich dann immer mehr verwirklicht. Die Hoffnung ist es dann letztendlich, die uns von der Passivität das Wartens in die Aktivität des Neuanfangs aufbrechen lässt. Sie ist die Brücke, über die wir gehen. Der Frühling ist Allahs Versprechen an uns, dass Neuanfänge sich lohnen.

Wie bereits gesagt, ist der Frühling eine faszinierende Zeit voller Gegensätze. Neu und Alt, Aktiv und Passiv, Geduld und Hoffnung. Es sind diese Gegensätze, durch die Allah besonders begreifbar wird. So beschreibt auch der Koran die Faszination von Wandel und Gegensatz, die wir im Frühling besonders spüren.

انَ في خلقِ السموَتِ والارضِ وَاِختِلَفِ اليل والنَهَار وتَصريف الرياح والسَحاب المُسَخَر بين السماء ؤالارض لأيات لِقومِ يعقلون.

In der Schöpfung der Himmel und der Erde; im Unterschied von Tag und Nacht;…im Wechsel der Winde und der Wolken, die zwischen Himmel und Erde dienstbar gemacht sind, sind wahrlich Zeichen für Leute, die begreifen.” (Quran 2:164)

In der Tat kann man beim Beobachten der Natur in diesen Tagen vieles Begreifen. Das, was wir im Außen beobachten können, spüren wir auch innerlich. Als Menschen verfügen wir über eine große Bandbreite an Gefühlen und Emotionen – und wer die großen Höhen des Glücks erleben will, muss auch bereit sein, den Schmerz der Traurigkeit in gleichen Ausmaß zu ertragen. Es ist wie eine Schaukel. Man kann nur so weit in die eine Richtung schwingen, wie man auch in die andere schwingt.

Khalil Gibran schreibt dazu: „Wenn ihr glücklich seid, blickt tief in euer Herz, und ihr werdet erkennen, dass gerade das, was euch leiden ließ, euch jetzt Freunde schenkt. Wenn ihr bekümmert seid, blickt abermals in euer Herz, und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit über das weint, was zuvor eure Freunde war.“

Zurück aber zum Frühling. In der Eingangs zitierten Strophe heißt es „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.“ Lasst uns also den Frühling nutzen, um die Kraft und Energie des Augenblicks in uns aufzunehmen und etwas Neues zu beginnen. Viele Dinge, die uns vor ein paar Wochen noch schwer gefallen sind, fallen uns im Frühling plötzlich leicht. Wir sind ein Teil dessen, was um uns herum passiert. Vielleicht trauen wir uns in diesen Tagen etwas, was wir uns vorher nicht getraut haben. Oder wir verändern was. Dies kann ein Projekt sein, welches wir schon lange angehen wollten, oder es kann eine Verhaltensänderung sein. Vielleicht habt ihr euch den Winter über mit dem Sport treiben sehr schwer getan – dann kann ich euch sehr empfehlen, diese wunderbaren Tage zu nutzen und aufs Fahrrad zu steigen oder die Laufschuhe anzuziehen. Ich verspreche euch, nicht nur euer Körper wird es euch danken, sondern auch eure Seele.

Dieser Frühling trägt für uns Muslime einen weiteren, ganz besonderen Gegensatz in sich. Während alles sich nach draußen und im Außen orientiert, beginnt für uns in einem Monat der Ramadan. Fastenmonat und Monat der inneren Einkehr. Man ist versucht zu denken: Warum gerade jetzt? Ich bin garnicht in Stimmung für Einkehr und Rückzug. Lasst mich versuchen, diesen Gegensatz aufzulösen.

Ich habe in meiner letzten Predigt gesagt, dass Gott uns alle einzigartig geschaffen hat. Wie wunderbare Gemälde, die sich am Ende wie Puzzleteile zu einem größeren Ganzen zusammen fügen. Allah hat jede und jeden von uns genau so geschaffen, wie wir sind, um das Mosaik dieser Welt perfekt zu machen. Niemand ist falsch oder haram. Und trotzdem verbiegen und verenken wir uns, um anderen zu gefallen, um Anerkennung und Liebe zu bekommen. Wir wären so gerne ein blaues Mosaiksteinchen, denn um uns herum sind alle Mosaiksteinchen blau. Wir aber sind gelb. Warum nur? Warum hat der liebe Gott uns ausgerechnet gelb gemacht? Nun, weil genau dieses gelb unter all dem blau vielleicht ein ganz wunderbares Muster erzeugt.

In vielen Seelsorge-Gesprächen, die ich in den letzten Woche geführt habe, hatte ich immer wieder den Eindruck, dass uns manchmal ein Neuanfang mit uns selbst und der Beziehung zu uns selbst sehr gut tun würde. Wir gehen manchmal sehr hart mit uns ins Gericht, verurteilen uns und sprechen mit uns selbst, wie wir es keinem anderen erlauben würden. Der Ramadan ist ein Monat, in dem die Muslime in Medina und Mekka zu Gewaltverzicht aufgerufen waren. Und während wir heute äußerliche Gewalt komplett ablehnen, sind wir mit uns selbst innerlich doch sehr rabiat. Vielleicht sollten wir im Ramadan neben all dem Verzicht auf Nahrung und Wasser auch mal versuchen, uns selbst Freundlichkeit entgegen zu bringen. Mit uns selbst zu sprechen, wie mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Wir können in uns kehren, uns selbst wahr- und ernstnehmen und dann mit der Energie und guten Laune des Frühlings einen Neuanfang in der Beziehung zu uns selbst wagen.

Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land.

Nun aber, zum Abschluss dieser Predigt, möchte ich euch erstmal ein wunderbares, sonniges und gesegnetes Wochenende wünschen. Ich wünsche euch, dass ihr Zeit habt rauszugehen, Barfuss zu laufen, die Sonne auf der Haut zu spüren und die Vögel singen zu hören. Ich wünsche euch, dass ihr den Frühling mit all euren Sinnen wahrnehmen könnt und dass er euer Herz erreicht. Und ich wünsche euch, dass eure Hoffnungen und Wünsche von Allah erhört werden. Traut euch, sie auszusprechen. Er wird euch zuhören.