Frauen

Jon Tyson

Muttertag

Muttertag

Jon Tyson
Jon Tyson

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In zwei Tagen ist in Deutschland Muttertag. Wenn ich heute über Mütter spreche, meine ich nicht nur leibliche Mütter, sondern auch Adoptivmütter, Ziehmütter, liebevolle Begleitermütter…

Nichts ist so schön wie Mutter zu sein. Außer vielleicht, Oma zu sein. Während ich das schreibe, schaue ich ein Video von meiner Enkeltochter an, die von ihrem Papa, meinem Schwiegersohn, auf einem alten Stück Pappe durch die Wohnung gezogen wird, und lacht. Es gibt nichts, was einen mehr erfreut, als dieses Lachen. Ein kleines Kind, ein Jahr alt, schafft es mit seinem so netten kleinen Lachen meinen ganzen schweren, mühseligen Tag von jetzt auf gleich in Honig zu verwandeln. Nichts anderes auf der Welt kann so etwas leisten. Kein Geld, keine Speise, kein Getränk, kein Besitz. Einfach nichts. Nur das Lachen dieses Kindes.

Neulich war ich bei meiner anderen Tochter. Da saß dieses kleine Baby im Wohnzimmer auf dem Teppich – die beiden Kinder meiner Töchter sind gleichzeitig geboren – saß also dieses kleine Baby auf der Erde und streckte mir die Ärmchen entgegen, um mich zu umarmen und lächelte dabei. Ich konnte meine Schuhe gar nicht schnell genug ausziehen. Wie unendlich herzlich ist so ein kleines Kind. Als ich den Kleinen endlich auf dem Arm hielt, schob er sein Köpfchen gegen meine Stirn und lachte.

Während ich schreibe, sitzt auch meine Tochter Fahtma mir gegenüber in der Küche, wir trinken Tee und scherzen über ihre letzten Alpträume. Letzte Woche wurde sie 19 Jahre alt. Sie hat einen großartigen Humor und mit niemandem kann ich lachen wie mit ihr. Nichts und niemand ist mir so vertraut, wie meine Kinder. Für niemanden bin ich so vertraut, wie für sie. Sie kennen mich in und auswendig, lesen meine Gefühle bevor ich mir derer selbst gewahr bin. Ich habe in meinem Leben eine Million toller, guter, schöner Dinge getan, ich bin Gummitwist gesprungen, habe geschrieben, gesungen, bin geritten, habe Menschen geholfen, aber nichts von dem ist auch nur ein Stäubchen wert, wenn ich es in Relation dazu setze, Mutter zu sein. Niemand hat mich so glücklich gemacht, wie meine Kinder. Zu unseren Liebsten sagen wir t’obrini und je älter ich werde, desto mehr verstehe ich den Sinn dahinter. Du wirst mich beerdigen. Ein Satz der die ganze Ehre und den ganzen Schmerz des Mutter-Kind-Verhältnisses beinhaltet.

Dabei ist die Rolle der Mutter überhaupt nicht immer so toll und es gibt darin nicht nur unangeneheme Momente, sondern ganze unangenehme Wochen und Monate, oder mehr noch, negative Grundaspekte. Als Orna Donath vor wenigen Jahren ihr Buch „Regretting Motherhood“ schrieb, gab es regelrechte Shitstorms auf Mütter, und zwar von gebildeten Frauen. Das Buch ist die Verarbeitung einer Studie, bei der Mütter über ihre Mutterschaft befragt wurden. Einige gaben scheinbar paradoxe Statements ab, vor allem dass sie ihre Kinder liebten, aber das Muttersein nicht. Sie liebten ihre Kinder, würden sich aber nicht noch einmal für die Mutterschaft entscheiden. Die Reaktionen auf diese ehrlichen Aussagen reichten vom süffisanten „selber schuld, hätte ja Karriere machen können“ zu „die (gemeint sind die Mütter) schieben ihren Kinderwagen mit der Kaffeetasse in der Hand zum Spielplatz, sitzen den ganzen Tag in der Sonne, und jammern dann auch noch rum“. Eine Zeit-Online Reporterin schrieb, den Müttern gegenüber in höchstem Maße herablassend, Kinder seien jetzt wohl „Wellness-Schädlinge“. Im Zeitalter des Feminismus brauchen wir scheinbar keine Männer, um uns Frauen herunterzumachen. Wir können das jetzt ganz allein.

Wenn ich daran denke, wie meine Mutterschaft war, habe ich zwei vollkommen konträre Erinnerungen – eine helle, leichte, lustige, die ich oben beschrieben habe, und eine sehr dunkle, depressive, die geprägt ist vom Gefühl der Einsamkeit, der intellektuellen Dauerunterforderung, Einkaufsstress und dem Wunsch danach, meinen eigenen Gedanken einmal in Ruhe nachzugehen. Das war damals, als die Kinder klein waren, kaum möglich. Ich habe sechs Kinder. Die ersten vier sind innerhalb von fünfeinhalb Jahren geboren. Ständig zerrte jemand an mir, wollte etwas, und zwar sofort, jetzt. Manchmal schloss ich mich im Badezimmer ein, um einen kurzen ruhigen Moment zu haben.

Damals lebte ich das traditionelle Mutterbild, dessen Blütezeit in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts liegt. Es wird aber heute noch immer in konservativen Bevölkerungsgruppen vertreten. Mutterschaft wird als Lebenserfüllung gesehen. Aus ihr würden Frauen angeblich eine tiefe Befriedigung gewinnen, und darüber hinaus seien sie von Natur aus liebevoll, fürsorglich und aufopferungsbereit. (vgl. hierzu Martin R. Textor in https://www.ipzf.de/pflege4.html). Dass diese Rolle zugleich durch extreme Unfreiheit gekennzeichnet ist, wird übersehen, denn hierzu gehört die Abhängigkeit von einem Versorger und das Opfern der eigenen Lebenszeit zur Erfüllung der Bedürfnisse anderer. Der Vater und das Kind sind in diesem Szenario frei. Die Mutter zwar nicht, aber angeblich belastet sie das nicht, da sie ja als Frau quasi genetisch dazu bereit ist, sich zu opfern. Dass wir Mütter uns negative Gefühle wie Zorn oder Depressionen und Einsamkeit nicht eingestehen dürfen, hat sich, wie man an den Reaktionen zu Regretting Motherhood sieht, nicht geändert.

Hilary Clintons Buch „It takes a village to raise a child“ hat schon den richtigen Titel. Ein Kind großzuziehen braucht in der Tat viele Menschen, viele Helfer, die sich sorgen, unterstützen; aber es braucht nicht nur das ganze Dorf, sondern die Erziehung wird ja vom Dorf, respektive der Gesellschaft, mit übernommen. Es ist kein Geheimnis, dass Mütter nicht die einzigen Personen sind, die Einfluss auf ihre heranwachsenden Kinder haben. Drogenkonsum in der Umgebung des Kindes, ungezügelte Sexualität, schlechte Sprache, Mobbing, die Schule mit ihren guten und schlechten LehrerInnen— es gibt Vieles, worum sich Mütter sorgen. Wenn dann beim Heranwachsen etwas schief geht, waren es aber nicht die anderen, sondern die Gesellschaft schaut auf die Mutter, und auch diese lastet es sich selber an. Vor einigen Jahren las ich in der Zeitung, dass ein Kind im Schwimmbad ertrunken sei. Die Journalisten fragten: „Wo war die Mutter?“ Zu meiner Empörung fragte keine einzige Zeitung: „Wo war der Vater?“ Einige Zeit später fiel ein Kind aus dem Fenster eines oberen Stockwerkes und überlebte den Sturz nicht. Man las: „Die Mutter war kurz aus dem Haus gegangen, um den Müll zu entsorgen“. Und wieder einmal – wo war der Vater? Teile unserer Gesellschaft gehen immernoch davon aus, dass als letzte Instanz die Mutter dafür zuständig ist, für das Kind Sorge zu tragen. Und zwar 24 Stunden am Tag, auch während es sich in der Obhut anderer befindet. Die gesellschaftliche Entwicklung führt zwar längst woanders hin, doch bleibt dieses Bild weiterhin kraftvoll.

Neben der Gesellschaft hatten und haben (?) auch die Kinder große Erwartungen an die Mutter. Selbst wenn sie ihre Väter oft mehr lieben, sind die Erwartungen an die Mutter größer. Zwischen Mutter und Kind besteht möglicherweise immernoch die distanzlosere Verbindung.

Als meine Tochter Ruth ungefähr 15 Jahre alt war, sagte sie zu mir: „Mama, zu dir bin ich am gemeinsten, dabei liebe ich dich am meisten“. Ich mochte diesen Satz, denn es gehört zur Pubertät dazu, dass man öfter mal gemein ist. Das Ziel der Gemeinheit ist die Person, bei der man darauf vertrauen kann, dass sie die Gemeinheit nicht zurückzahlt. Die liebende und geliebte Mutter wird dies vielleicht am wenigsten tun.

Es ist schon komisch, dass man diejenigen Menschen, die einem den meisten Schlaf rauben, die man wickelt und bis zur Erschöpfung füttert und herumschleppt, und die als Teenager auch noch gemein zu einem sind, am meisten liebt. Die Nabelschnur wird wohl nur körperlich zertrennt. Auf seelisch-emotionaler Ebene bleibt sie erhalten.

Zugleich leben wir in einer Zeit, in der der Umbruch der Rollenverteilung bereits vollzogen ist und auch Männer einen Anspruch auf eine emotionale Nabelschnur erheben. Wenn die AfD im Sinne der oben beschriebenen konservatien Mutterrolle behauptet: „Der ideale Betreuungsplatz für das Kleinkind ist auf Mamas Schoß“, dann melden sich heute glücklicherweise Väter laut zu Wort und klagen ihr Recht auf Kinderbetreuung und auf Anerkennung der damit einhergehenden Rolle ein. In meiner Schule habe ich einige Eltern, die aus gleichgeschlechtlichen Paaren bestehen. Gerade diese Woche habe ich zwei Papas gefragt, wie wir das denn mit dem gebastelten Muttertagsgeschenk regeln wollen, wenn das Kind zwei Väter hat. Sie meinten ganz pragmatisch, wir heben das Muttertagsgeschenk für später auf und am Vatertag bekommen dann beide Papas ein Geschenke. Schöne Idee! Zwischen diesen Vätern und ihren Kindern gibt es auch eine Art Nabelschnur. Mit zunehmendem Selbstverständnis der Übernahme traditionell mütterlicher Rollen durch Väter, werden solche figurativen Nabelschnüre wachsen und genauso wirksam sein, wie die der Mütter.

Zurück zu den Frauen. Wie gehen sie mit ihrer Mutterrolle um? Ich möchte hierzu von einer Studie berichten, über die mir vor vielen Jahren meine Tochter erzählte. Fragt man Frauen im Alter von ungefähr 50 Jahren, ob sie bei einem fiktiven zweiten Lebensdurchgang, also, wenn sie noch einmal in ihrer Geschichte zurückgehen würden, statt Mutter zu sein lieber Karriere gemacht hätten, sagen die meisten Frauen ja, und das, obwohl sie bis dahin gar nicht so unzufrieden mit ihrer Mutterrolle waren. Es scheint, dass Frauen im Alter von 50 Jahren ihre Mutterschaft bereuen. Doch dies ist ein Trugschluss. Fragt man nämlich Frauen im selben Alter, die eine gute berufliche Karriere gemacht haben, ob sie stattdessen lieber Mutter geworden wären, wird dies von etwa der gleichen Anzahl bejaht. Das bedeutet, im Rückblick wünscht man sich einfach das Andere. In unserer Gesellschaft sind beide Identitätsvisionen gleichstark – Mutter sein und gesellschaftlich wirken. Ich glaube, das war schon immer so. Die Rolle der Frau in der Geschichte zeigt glaube ich nicht, dass sich Frauen von sozio-politisch unbeteiligten Wesen zu Partizipatorinnen in Politik und Gesellschaft entwickelten. Für mich sieht es vielmehrs so aus, als gäbe es global gesehen immer mal Bewegungen zu mehr Partizipation und solche zu weniger.

Im Moment empfinden zumindest in Europa, vielleicht weltweit, Frauen aller bildungsnahen Schichten die gesellschaftliche Teilhabe als wichtig, ja notwendig, zur inneren Zufriedenheit. Kaum jemand mag einfach „nur“ zu Hause sein, kochen, backen und mit den Kindern Lego bauen. Frauen wollen gesellschaftlich wirken, sie empfinden sich als politisch, und sie suchen nach Anerkennung, weil das zum Wohlbefinden beiträgt. Ich kann das nur bestätigen. Als mein viertes Kind, Maria, ein Jahr alt war und die ersten Schritte machte, breitete ich meine Arme aus, damit sie zu mir liefe. Sie löste sich von ihrem Halt, einem Stuhl bei der Großmutter, lief in meine Richtung, doch auf halbem Wege wendete sie, um nun in die andere Richtung zurückzulaufen.

Verdutzt schaute ich ihr nach und mir wurde schlagartig klar, dass mich dieses Kind wie alle anderen, irgendwann nicht mehr so brauchen würde, wie in diesen frühen Jahren. Das Kind würde seine eigenen Wege gehen, und ich – ja, ich würde dann alleine sein, ohne meine Kinder und zugleich ohne einen anderen Lebensinhalt. In dem Moment entschloss ich mich, nicht nur für das Wohl dieses Kindes zu sorgen, sondern mich auch um meine eigene Entwicklung zu kümmern, das hieß für mich, um meine Bildung, damit ich später, wenn das Kind seine eigenen Wege geht, eine Aufgabe hätte. Ich ging zurück zur Schule, holte das Abitur nach und studierte. Während des Studiums wurde man immer wieder in Seminaren aufgefordert, sich vorzustellen. Weil es andere auch so machten, erwähnte ich in den Anfangssemestern auch immer, dass ich bereits vier Kinder hatte. Später waren es dann sechs. Die Reaktionen waren oft so aversiv, dass ich es mir abgewöhnte, in der Uni über meine Kinder zu sprechen; es gefährdete ernsthaft meinen Prüfungserfolg. Es gab immer wieder Frauen, die Karriere gemacht hatten, dafür ihren Kinderwunsch zurückgestellt hatten, aber damit im Nachhinein darüber traurig waren. Unter den Frauen gab es auf „6 Kinder“ tatsächlich überwiegend zwei Reaktionen: Entweder meinten sie, das wäre unheimlich toll und bewundernswert, oder sie reagierten mit Eifersucht. Auf eine „mittlere Reaktion“, ein neutrales Registrieren der Information gab es selten.

Mein Studium hat meine Kinder belastet. Sie wurden oft als Letzte aus dem Kindergarten abgeholt und werfen mir das immernoch vor. Wieder wird hier die Mutter in die größere Verantwortung genommen. Doch ich freue mich, dass ich die Chance hatte. Leicht war es allerdings nicht, denn Phase zwei meiner Mutterschaft illustriert auch die von MartinTextor als zweites Rollenbild dargestellte Systematik. (Das erste Rollenbild war das Konservative.) Textor schreibt: „Dieses Idealbild [der Karrieremutter]wird ebenfalls von Medien und feministischen Gruppierungen verbreitet: Frauen sollen – und könnten – attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Und zwar gleichzeitig. Als „Beziehungsexpertinnen“ sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung zu kurz kommt. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Das Bild der glücklichen Supermutter ist genauso utopisch wie das Bild der glücklichen konservativen Mutter. Denn wo die eine einsam, ohne Anerkennung und Freiheit, und intellektuell unterfordert bleibt, lebt die andere in Dauerstress und Überlastung. Wenn wir das als Freiheit definieren, dann ist das Kopftuch auch eine Definition von Freiheit.

Ich glaube aber, heute versuchen Mütter und Väter das in Deutschland irgendwie anders zu wuppen. Im progressiven Deutschland – nicht dem, der AfDler oder Reichsbürger, die uns die erste Lüge verkaufen wollen – geht irgendwie alles, Mutter mit Karriere, Väter ohne Mütter, Frauen ohne Kinder, Mütter ohne Väter…. Man hat die Qual der Wahl, aber immerhin gibt es eine! Es hat etwas Erfrischendes, in dieser Zeit zu leben. Als ich meine ersten Kinder bekam, war es kaum denkbar, dass Väter ihre Babys in Babybjörns tragen, heute sehe ich es überall. Die Väter sind die neuen Mütter.

Zum Muttertag gehören auch dunkle Seiten.

Mein bester Freund und engster Vertrauter ist aus Syrien. Wir sprechen oft über Frauenrollen und Mütter. Ich fragte ihn: „Feiert man bei euch auch Muttertag?“ Er antwortete, dass man früher immer gefeiert hätte, doch heute feiert man ihn nicht mehr, weil so viele Kinder keine Mutter mehr haben, und vielleicht mehr noch, weil so viele Mütter keine Kinder mehr haben. Die syrischen Mütter, deren Kinder noch am Leben sind, wollen den Muttertag nicht mehr feiern, denn er ist für die anderen Mütter ein Trauertag. Mütter sind mit anderen Müttern solidarisch, sie leiden mit ihnen und wissen, dass es nichts Schlimmeres gibt, als das eigene Kind an Krieg oder Krankheit oder durch einen Unfall zu verlieren. Kein Bild scheint mir schlimmer als das der Mutter, die ihr Kind leiden sieht, wie das christliche Bild der Maria, Mutter von Jesus, die zusieht, wie ihr Sohn ans Kreuz genagelt wird.

In diesen Tagen fällt es mir schwer, mich von der folgenden Geschichte zu lösen. Sie verfolgt mich gewissermaßen seit Tagen. „Verfolgt“, weil es keine schöne Geschichte ist, sondern weil sie den ganzen Schmerz symbolisiert, den es beinhaltet, Mutter zu sein.

Auf Grund der schrecklichen Nazi Aufmärsche am 1.Mai dieses Jahres in Plauen und anderen Städten erreichte mich vor ein paar Tagen ein Video von Überlebenden des Holocausts. Die Sprecher erzählten über ihre Erlebnisse in der Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Einer der Sprecher erzählte, dass er eines Tages draußen auf dem Platz einen Galgen sah. Er war dort aufgebaut worden. Vor diesem Galgen stand ein Junge, der hingerichtet werden sollte. Kurz vor seiner Hinrichtung murmelte er ein Wort, das in fast allen Sprachen gleich ist. Er sprach es ganz leise, und doch haben es alle Anwesenden gehört: „Mama“.

Das Kind sprach nicht dieses Wort, weil seine Mutter eine biologische oder gesellschaftliche Funktion erfüllt hat. Was ist das, „Mama“ – was ist eine Mutter? Ist es die Summe aus wickeln, füttern, nachts am Bett sitzen, bei den Hausaufgaben helfen, Frühstück ans Bett bringen, Geschichten vorlesen, beim Bafögantrag helfen, die Studentenwohnung finanzieren, Wäsche waschen, schimpfen, lachen, weinen? Die Summe aus all dem? Offensichtlich nicht. Mutter zu sein bedeutet etwas, das sich der Beschreibung entzieht. Man kann es nicht in Worte fassen. Mutter sein ist keine Rolle, es ist ein Wesenszustand. Ja, eine Mutter ist eine Frau, wir bestehen heute darauf, und sagen, wir möchten nicht auf die Mutterrolle reduziert sein. Aber das ist nur die gesellschaftliche Ebene. Auf einer anderen Ebene sind wir Mütter. Es ist unser Wesen, unsere Identität. Wir haben keine Wahl, sie anzunehmen oder zu lassen. Mit der Geburt unseres Kindes werden wir etwas Anderes, ob wir diesem gerecht werden oder nicht, und wie auch immer wir das gestalten wollen oder können. Die Mutterschaft, wie auch die Vaterschaft, ist ein schützenswerter Aspekt der Gesellschaftsgestaltung, um unseren Kindern die Erfüllung aller lebenserhaltenden, also auch emotionalen, Bedürfnisse zu sichern. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft mit vielen Müttern eine andere ist, als eine Gesellschaft, die sich ausschließlich am eigenen Vorankommen orientiert. Heute ist ein guter Tag, dies zu bedenken.

„Allah, wir Mütter danken Dir für unsere Kinder. Wir Menschen alle danken Dir für alle Kinder. Wir danken Dir für die vielen Momente der Freude, die wir mit ihnen erleben dürfen und wir bitten, dass wir gute Mütter, Eltern, sind. Wir bitten dich, Allah, behüte unsere Kinder vor dem Bösen der Welt. Wir bitten, dass sie immer satt sind und warm; dass sie ein Heim haben, in dem sie in Frieden leben können, ohne zu frieren, dass sie nachts sorgenfrei schlafen und sich am Tag der Sonne und des Lebens erfreuen können und dass sie als Kinder und als Erwachsene geliebt werden.

Wir danken für unsere Eltern, am heutigen Tag besonders für unsere Mütter, und für die, die uns zusätzlich, oder an ihrer Stelle, wie Mütter waren und sind. Behüte uns Allah, und vergib uns, denn du bist der Allvergebende, Barmherzige. Zu Dir allein wenden wir uns und dich allein bitten wir um Hilfe.“

Mohamed und Khadija

Mohamed und Khadija

 

Beatriz Pérez Moya

Wir Muslime haben sicher alle die eine oder andere Lieblingsgeschichte aus dem Koran oder den anderen Überlieferungen. Die Geschichte von Moses vielleicht, wie er in seinem kleinen Körbchen auf dem Nil trieb und gerettet wurde. Oder die Geschichte von Abraham, wie er Gott wieder und wieder bat, die Stadt Sodom zu verschonen, weil dort Lot mit seiner Familie wohnte. Oder die Geschichte der Khadija, die eine reiche und kluge Kauffrau war und bereits zweimal verwitwet, als sie den 25 jährigen Mohamed kennenlernte. Sollte ich mal einen muslimischen Namen annehmen, so wird es Khadija sein. Von Anfang an habe ich mich in sie verliebt und ihre wunderbare Liebe zum Propheten Mohamed geschätzt. Ich freue mich darauf, sie inscha’allah im Paradies kennenzulernen und sie um ihre Freundschaft zu bitten. Khadija war die erste Frau Mohameds, und so geht es heute um das Thema Ehe. Für alle, die damit nichts anfangen können, geht es um Partnerschaft und um jede Freundschaft mit einem Menschen, an dem uns besonders viel liegt.

Als die wohlhabende Kauffrau Khadija eines Tages eine Handelskarawane nach Damaskus schicken wollte, suchte sie für deren Führung einen besonders vertrauenswürdigen Mann. Sie hörte von einem jungen Mann namens Mohamed, der sich durch seine Aufrichtigkeit und Freundlichkeit einen edlen Namen gemacht hatte, und bot ihm die Führung der Karawane unter Begleitung des Sklaven Maisara an. Mohamed nahm Khadijas Angebot an und machte sich bald darauf mit Maisara auf den Weg.

Als sie in Busra im Süden Syriens ankamen, ließ Mohamed sich im Schatten eines Baumes in der Nähe eines Klosters nieder, das einem Mönch namens Nestor gehörte. Es ist überliefert, dass dieser Mönch den Sklaven Maisara fragte: „Wer ist dieser Mann unter diesem Baum?“, und Maisara antwortete: „Er gehört zum Stamm Quraisch zu den Leuten der Kaaba“. Da sagte der Mönch: „Unter diesem Baum haben bisher nur Propheten gesessen“ (siehe Ibn Kathir und auch Hischam/ zitiert aus: Muhammad, Jotiar Bamarni, Schreibfeder Verlag 2010).

Auf dem Markt muss Mohamed seine Waren besonders passend für die jeweiligen Käufer ausgewählt haben, sicher hatte er einen besonders guten Geschmack; so merkte Maisara bald, dass Mohamed sich von anderen Händlern in vielerlei Hinsicht unterschied. Natürlich beschäftigten ihn auch die Worte des Mönchen Nestor. Als Maisara nach der langen Reise zu Khadija zurückkam, erzählte er neben den Worten Nestors noch von einer anderen Beobachtung: „Du hast mich mit ihm geschickt, damit ich ihm diene. Dabei hat er mir gedient. Wenn ich krank war, pflegte er mich, wenn ich traurig war, tröstete er mich!“ – so sprach Maisara. Und die Überlieferung erzählt auch, dass immer wenn Mohamed in der stechenden Sonne saß, zwei Engel kamen, um ihm Schatten zu spenden. Auch dies ist Teil von Maisaras Bericht.

Als nun Mohamed zu Khadija zurückkam mag diese von seinem Verhandlungsgeschick beeindruckt gewesen sein, doch darin hat sie sich nicht verliebt, denke ich. Denn als unabhängige Frau konnte sie sich erlauben, sich aus anderen Gründen zu verlieben. Vielleicht liebte sie seine freundlichen Augen, sein Lächeln, oder das ehrliche Gesicht, mit dem er ihr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Auch Mohamed verliebte sich in sie.

Khadija sagte zu ihm: „Ich schätze dich wegen deiner Beliebtheit in deiner Familie, wegen der Schönheit deines Charakters und deiner Ehrlichkeit“. Dann bot sie ihm die Ehe an; und wieder stimmte Mohamed einem Angebot Khadijas zu. Mohamed schenkte Khadija 20 Kamele als Brautgabe. Bei seiner Hochzeit war er 25 Jahre alt, Khadija war 40 Jahre alt.

Ihr erstes gemeinsames Kind war Qasim, der jedoch nach seinem zweiten Lebensjahr starb. Daher wird Mohamed auch manchmal Abu Qasim genannt. Danach folgten vier Töchter: Zeinab, Ruqqaya, Umm Kulthum und Fahtma. Der letzte Sohn Abdullah starb ebenfalls noch als Kind. Mohamed und Khadija hatten einen großen Haushalt zu versorgen. Neben den Beiden und ihren Kindern lebten dort mit ihnen Baraka, die inzwischen befreite Dienerin seiner Mutter und Zaid, ein Sklavenjunge, den Mohamed frei gelassen hatte, und der auf eigenen Wunsch von Mohamed adoptiert worden war, sowie auch Ali Ibn Abu Talib; denn Abu Talib hatte Schwierigkeiten, seine große Familie zu ernähren und ging daher auf Mohameds Vorschlag ein seine Söhne Ali und Abbas in andere Haushalte ziehen zu lassen. Ali ging zu Mohamed.

Es wird bis heute als gesichertes Wissen angesehen, dass der Prophet Mohamed niemanden so liebte, wie Khadija. Aisha sagte mehr als einmal, wie eifersüchtig sie auf Khadija sei, obwohl er auch sie sehr liebte, weil der Prophet noch lange nach Khadijas Tod immer wieder vor allen Menschen ihrer liebevoll gedachte. Niemals durfte jemand die leiseste Kritik an ihr äußern, sagt uns Aisha. Er war ihr sein ganzes Leben lang in Dankbarkeit und Liebe verbunden.

Als der Prophet die erste Offenbarung hatte, kam er zitternd und verwirrt zu seiner Frau Khadija, die ihn in ein Tuch wickelte und ihm gut zusprach. Sie glaubte ihm alles, was er sagte, egal, wie seltsam es sich anhörte, und wurde die erste Gläubige Muslimin.

Sunna, ihr lieben Schwestern und Brüder, heißt nicht, die Arme beim Gebet so oder so zu verschränken. Sunna heißt, diese Ehe als Vorbild zu nehmen für die eigene Ehe oder Partnerschaft und den Partner so lieb und teuer zu schätzen wie es Mohamed mit Khadija getan hat und umgekehrt. Im Koran Sure Al Rum 20 Vers 21 lesen wir: „Und unter Seinen Wundern ist dies: Er erschaffte für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art auf dass ihr ihnen zuneigen möget, und Er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch hervor: hierin, siehe, sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken!“

وَمِنْ آيَاتِهِ أَنْ خَلَقَ لَكُم مِّنْ أَنفُسِكُمْ أَزْوَاجًا لِّتَسْكُنُوا إِلَيْهَا وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِّقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

And of His signs is that He created for you from yourselves mates that you may find tranquillity in them; and He placed between you affection and mercy. Indeed in that are signs for a people who give thought.

وَجَعَلَ بَيْنَكُم مَّوَدَّةً وَرَحْمَةً

Geborgenheit, Zuneigung oder Liebe, Vergebung oder Gnade.

Das passt nun gar nicht zu dem vielzitierten Gewaltvers, in dem angeblich steht, dass ein Ehemann seine Frau unter bestimmten Bedingungen schlagen darf. Was machen wir mit diesem Vers, den ich an dieser Stelle nicht zitieren werde und den Nichtmuslime besser zu kennen scheinen als Muslime? Arabisch muttersprachliche Muslime sagen mir über den „Gewaltvers“ immer wieder, sie verstehen diesen Vers nicht – die Wörter sind ganz und gar uneindeutig. So lassen wir ihn also beiseite, denn vielleicht erklärt er sich erst nach unserer Zeit und bedeutet etwas ganz anderes als wir heute vermuten. Uns reicht doch das, was wir gelesen und verstanden haben. Wir wissen aus dem Koran und aus zahllosen Hadithen, dass Mohamed ein Prophet der Liebe und Vergebung ist, und dass Allah für unsere Beziehungen sagt: wa jala beinakum Mauwade wa Rahme.

Mohamed und Khadija gingen auf eine Lebensreise. Doch Khadijas Reise endete vor Mohameds und so hatte er ein zweites Leben. Er, der mit Khadija monogam gelebt hatte, heiratete nun viele Frauen gleichzeitig und wurde zum gesellschaftlichen Führer. Seine Liebe zu Khadija blieb ungebrochen.

Zeit für Bittgebete

Hier in der Moschee schließen wir viele Ehen. Es kommen vor allem Menschen, die in anderen Moscheen nicht heiraten dürfen oder möchten. Manch einem sind die anderen Moscheen schlicht zu konservativ. Andere werden dort gar nicht erst verheiratet, weil der Mann nicht Muslim ist, oder weil es sich um gleichgeschlechtliche Liebe handelt. Wer hier heiratet kommt auch schonmal aus den USA angereist, aus Österreich oder aus Hannover.

Als ich meinen muslimischen Mann heiratete, bin ich, so glaube ich, auch zum Islam konvertiert. Sicher bin ich mir da nicht, denn ich habe keine Ahnung, was ich damals während der Eheschließung sagte. Ich sprach kein Wort Arabisch und wiederholte einfach das verbale Rauschen, das mir der Scheich vorsprach, und es war mir vollkommen egal, welche Bedeutung es hatte. Geheiratet habe ich mit meinem Herzen, nicht mit meinen Worten.

Doch so ganz richtig ist das nicht, und nicht jedem ist es so egal, wie es mir damals war, was er oder sie da sagt. Eheleute möchten nicht einfach ihre Religion verleumden, und so tun als wären sie Muslime, während sie eigentlich Christen sind, Juden, Atheisten, oder anderes. Es ist ein Akt der Lüge zur Eheschließung in einer Moschee. Wir verzichten hier in dieser Moschee auf diese Lüge und verheiraten diejenigen Menschen, die sich lieben, bzw. die heiraten möchten. Das allein zählt, wenn sich zwei Menschen entschließen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Und zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Gerade der oben zitierte Vers gibt uns hier Argumentationshilfe, denn Partnerwesen, auf Arabisch Zauwajan, ist weder männlichen noch weiblichen Geschlechts. Ein Partnerwesen kann jeder andere Mensch sein. Viel wichtiger ist es, wie man den gemeinsamen Weg gestaltet.

Mohamed und Khadija haben sich vereinigt, doch blieb Khadija weiterhin Kauffrau und konnte ihren Mann immer wieder als eigenständige Frau beeindrucken. Und Mohamed empfing immer wieder Offenbarungen, die ihn als einzigartigen Menschen auszeichneten. So banden sich die Beiden aneinander und lebten dennoch in Freiheit.

Der Dichter Rumi schreibt: „Binde zwei Vögel zusammen – sie haben nun vier Flügel, aber keiner von ihnen kann fliegen“. Der so genannte Bund der Ehe bedeutet Gemeinsamkeit, aber nicht unter Aufgabe der Freiheit. Die Freiheit bleibt unser Grundrecht außerhalb jeder Beziehung und innerhalb jeder Beziehung. Freiheit braucht Vertrauen; und Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dem anderen und sich selbst gegenüber. Möglicherweise ist dies der schwierigste Aspekt einer Partnerschaft.

Khalil Gibran schreibt

Von der Ehe

Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weißen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen

sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer

Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von

euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben

Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der

anderen.

All dies bedeutet, dass wir unsere Einzigartigkeit nicht aufgeben

sollten, denn in dieser Einzigartigkeit wurden wir geschaffen, und

in diese Einzigartigkeit hat sich unser Partner verliebt.

In ihrem Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ schreibt Bronnie Ware gleich bei Grund 1: Ein großer Anteil der Sterbenden, die sie begleitete sagten Sätze wie: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten“. Unter den Frauen, die dies sagten waren besonders viele, die mit der Eheschließung auch ihre eigenen Bedürfnisse hinter Schloss und Riegel ablegten stattdessen die Bedürfnisse ihres Ehemannes zu den Eigenen machten. Sie bereuten es am Lebensende bitterlich, denn sie hatten ihre Gott-gegebenen oder natürlichen Rechte und Quellen der Freude unnötig aufgegeben. Sie sehnten sich nach Verwirklichung ihrer Selbst, für die es nun zu spät war.

Zugleich ist die Partnerschaft aber durchaus auch der Weg vom Ich zum Du.

Der Dichter Nizar Qabbani schreibt:

„Ich werfe meinen Passport ins Meer, und nenne Dich mein Land.

Ich werfe meine Wörterbücher ins Feuer, und nenne dich meine Sprache.“

Beide Aspekte – die Wahrung der Freiheit auf der einen Seite und die vollkommene Vereinigung auf der anderen – finden sich in einer gelungenen Partnerschaft. Zu meinen, nun wäre dann wohl alles geregelt und jede Partnerschaft müsse super funktionieren, hat mit „Mensch sein“ allerdings wenig zu tun. Dort, wo es mal hapert und man nicht weiterkommt mit all seiner Zuneigung und Vergebung, wo es gerade nur noch bergab und rückwärts läuft, kann man zum Beispiel hier in der Moschee um Seelsorge bitten. Diesen Schritt sollte man sich nicht zu lange überlegen. Es lohnt sich, mit anderen zu sprechen, die diesbezüglich ein wenig Bildung genossen haben oder die einen an Stellen weiter verweisen können, an denen wirklich Unterstützung stattfindet.

Mohamed und Khadija sind ein Beispiel für eine Beziehung, in der Freiheit und Gemeinsamkeit eine gute Balance hatten. Ich wünsche uns allen in dieser Woche glückliche Erfahrungen mit den Menschen, die uns begleiten.

Abraham

Abraham

Khalil – Freund Allahs und von ihm behütet

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Heute geht es um Abraham, doch nicht ganz auf direktem Weg; denn schon immer möchte ich über unsere kleine Gebetsteppiche sprechen, die wir jeden Freitag, und natürlich auch sonst, zum Beten auslegen. Über diesen Teppich möchte ich sprechen, da er von besonderer Schönheit ist. In taghellem Beige als Untergrund wird er umrandet von zartem Grün, der Farbe der Hoffnung, in die unsere Tage eingerahmt sind. In diese Hoffnung hineingesetzt sind eine Art goldener Punkte – es sind die teuren Momente des Glücks, verbunden mit goldenen Fäden, denn sie ziehen sich durch unser ganzes Leben, immer wiederkehrend, überraschend, ohne Muster, und doch verlässlich. Ohne diese goldenen Punkte wäre der Teppich auch schön – ruhig, gelassen, und seinen Zweck als Gebetsteppich in angemessener Qualität durchaus erfüllend, doch wäre er zugleich von deutlich geringerer Helligkeit und Freude. Jeder dieser goldenen Punkte symbolisiert für mich ein Lachen des Herzens. Wir wünschten uns mehr von diesen Glücksmomenten, doch dann wäre der gesamte Teppich golden. Das Grün würde verschwinden und das taghelle Beige; und der Untergrund auf dem wir stehen verlöre sein Motiv in Gänze.

Was ist sein Motiv?

In der Mitte des Teppichs befindet sich ein Tor, gleich dem Tor einer Moschee. Tore laden dazu ein, sie zu durchschreiten, um Räume zu betreten. Meist befinden sich darin Menschen, mit denen wir Kontakt aufnehmen. Doch ungleich den anderen Toren, die wir kennengelernt haben, liegt hinter diesem Tor nichts anderes als das Licht. Ein einladendes Licht, oder eine Art freundlichen Nebels, der uns einlädt einzutauchen und Dinge zu erkennen, die dahinter verborgen liegen.

Viele Male bin ich während des Gebets oder einer stillen Meditation durch dieses Tor hindurchgetreten und habe reiche Welten vorgefunden. Einmal war ich dort und fand einen imaginären Dschungel. In diesem Dschungel schwebte ich als Adler, um mich schließlich auf einem kargen Felsen in meinem Horst niederzulassen und zu betrachten, was um mich herum geschah. Ich verwandelte mich in eine Schildkröte, um nun auf dem feuchten, kalten Boden unter schattenspendenden Blättern langsam nichts anderes zu tun als zu sein. Mein Inneres öffnete sich für die Liebe zur eigenen Existenz und füllte mich mit Sehnsucht nach Geborgenheit und Ruhe. Das Paradies ist ein Dschungel. Es wird keine Jungfrauen dort geben und keine seidenen Kissen, sondern einen dunklen feuchten Erdboden unter schattenspendenden Blättern, und ich werde eine Schildkröte sein.

Ein anderes Mal ging ich durch das Tor hindurch und fand mich wieder in den Gemächern der Frauen des Propheten Mohammeds. Es war finstere Nacht, der Innenhof nur ein wenig erleuchtet durch funkelnde Sterne, doch es waren kaum Schatten zu sehen. Ich sah mich im Zimmer von Aisha und fand sie eifersüchtig so tun als ob sie schliefe, um zu beobachten, wohin ihr Ehemann gehen würde, der mitten in der Nacht aufgestanden war, um sich an einen geheimen Ort zu begeben. Ich sah ihn im Dunkel der Nacht verschwinden und wurde gewahr, wie sich Aisha einen Umhang überwarf, um ihm zu folgen. Sie sah ihn zu einem Friedhof gehen und beten. Wie sehr muss sie ihn geliebt haben in diesem Moment und sich selbst geschämt. Als er sich umwandte um nach Hause zurückzukehren, wandte auch sie sich um und lief schnell immer ein paar Meter vor ihm her, hoffend, dass er sie nicht erkennen möge. Sein Schritt wurde schneller, und so musste auch ihrer schneller werden, bis sie rannte, so dass sie schließlich nur einen kurzen Moment vor ihrem Mann zu Hause ankam. Sie warf den Umhang ab und legte sich so hin, wie Mohammed sie verlassen hatte. Vergeblich tat sie nun erneut als ob sie schliefe. Als Mohamed das Zimmer betrat fragte er die herftig atmende, erschöpfte Aisha, ob sie wisse, wer denn wohl die Gestalt gewesen sein mochte, die den ganzen Weg vor ihm her gelaufen war und immer wenn er schneller lief, auch schneller gelaufen sei. Gut dass es dunkel war. So konnte er nicht sehen, wie tief sie errötete. Mohamed hat seine Frau für ihr Verhalten nicht zur Rede gestellt, denn er war ein liebevoller und verständnisvoller Mensch, und sicher wusste er, wie sehr wir solcherlei Vertrauensbeweise in der Partnerschaft immer wieder brauchen. Als ich mir diese Geschichte in der Welt des Gebetsteppichs vorstellte, war ich Aisha, die Eifersüchtige, und ich liebte sie, und liebte den Propheten Mohamed, weil wir Menschen Geschichten lieben, in denen wir uns wiederfinden.

Heute gehe ich durch dieses Licht des Teppichs und lade euch ein, mit mir zu kommen and diese Schnittstelle zwischen Geschichte und Mythos, zwischen Realität und Fantasie. Wir gehen hinein und finden dort eine Frau mit einem kleinen Kind. Sie ist Sklavin, das Kind der gemeinsame Sohn ihrer und ihres Herrn, gezeugt auf Geheiß der freien Frau des Mannes. Gerade setzt sie sich auf ein sich niederkniendes Kamel. Nun reicht ihr ihr Mann das Kind, einen kleinen Jungen namens Ismael. Dann steigt er selbst dazu. Während der Vater weiß, wohin die Reise gehen soll, haben Mutter und Kind nichts als ihr Vertrauen. Wie fühlte es sich an, nicht zu wissen, wohin man getragen wird? Was las die Frau im Gesicht ihres Herrn, in seinen Gesten? Als Proviant für die Reise, die nicht lang dauern und zugleich die Ewigkeit der Menschheitsgeschichte überdauern würde, hat der Vater einen Wasserschlauch und ein paar Datteln eingepackt. So reitet nun die Famile in die Wüste.

Dort angekommen steigen sie ab, und Abraham bleibt noch einen Moment stehen, wirft dann einen Blick auf Hagar und den kleinen, geliebten Sohn, um sich nun umzuwenden und sie zu verlassen.

Welch abscheulicher Moment des Schicksals. „Wohin gehst du, Abraham?“, fragt Hagar, sich gewahr werdend, was hier mit ihr und ihrem Kind geschieht. Du bist doch nicht gekommen, uns hier allein zu lassen?

Die Geschichte erzählt nichts davon, wie sich ihr Magen zusammenzog und ihr Herz verkrampfte als sie ihren Herrn gehen sah. Wie sie dachte „Großer Gott“ und verzweifelt, in unbeschreiblicher Angst, allein die nächtliche Kälte der Wüste erwartete, und den grausamen Tod durch einen Schakal oder durch Durst. Wer würde zuerst sterben? Sie oder das Kind? Über all das ist uns nichts bekannt, denn wir lesen die Geschichte so, wie wir Geschichtsbücher lesen. In manchen Geschichtsbüchern werden auf hundert Seiten ganze Zivilisationen abgehandelt, die auf- und untergegangen sind. Ich mag Geschichtsbücher nicht. Ich mag Teppiche. In Geschichtsbüchern liest man über Grausamkeiten, als währen sie Kollateralschäden. Wird jemand zur Verantwortung gezogen, so bleibt der Text sachlich und macht damit alles zur Sache, auch die Menschen, um die es darin geht. Ich mag keine Geschichtsbücher – sie handeln von Kriegen und ihren Kriegstreibern, von Patriarchen und Führern und vergessen die Menschen, die dahinter stehen. Teppiche sind mir lieber. Die uns einladen, Verantwortung zu übernehmen, indem wir genau hinschauen. Es ist kein Zufall, dass die Literaturdidaktik der deutschen Nachkriegszeit die Vorstellungskraft als wichtiges Lernziel definiert. Die Vorstellungskraft macht nicht nur das Leseerlebnis reicher, sondern Literaturdidaktik ist immer auch Lebensdidaktik; und ohne Vorstellungskraft und die Fähigkeit, Gelesenes oder Erlebtes mit uns selbst zu verbinden, treffen wir ganz andere Entscheidungen im privaten wie im politischen Bereich. Doch zurück zum Text. Wir sind durchaus fähig, uns vorzustellen, was Hagar in diesem Moment gefühlt hat. Aber was Abraham fühlte, was ihn dazu trieb, sich der Prüfung Gottes zu stellen und das ihm scheinbar Gebotene zu erfüllen, das fällt mir im Moment noch schwer zu verstehen. Diese Geschichte zu würdigen gelingt mir derzeit nur durch einen Perspektivwechsel – indem ich nämlich nicht mit Abraham zurückkehre, sondern bei Hagar in der Wüste bleibe.

Menschen möchten nicht sterben. Und sie übernehmen Verantwortung für ihre Kinder. Daher begann Hagar nach Wasser zu suchen. Zwischen den Bergen Safa und Marwa lief sie sieben mal hin und her, um dort Wasser zu finden. Sie kletterte auf Steine, um Ausschau nach einer Karawane zu halten. Als sie sich umblickte, sah sie eine Gestalt bei Ismael stehen. Es war der Engel Gabriel. Er stampfte mit seiner Verse neben dem Kind auf die Erde, und Wasser begann zu fließen. Nach anderen Überlieferungen war es das Kind selbst, das mit seiner Verse auf die Erde stampfte. Jedenfalls entsprang das Wasser, mit dem nun Hagar ihre Schläuche füllte, durch ein Wunder.

Bald danach zog eine Karawane des Stammes von Jurham nicht weit von Hagar und Ismaels Ort vorbei. Die Karawanenführer sahen Vögel über einer Stelle kreisen, wo sonst keine Vögel zu sehen waren und schlossen daraus, dass es dort Wasser geben würde, obwohl das bisher nicht der Fall gewesen war, weshalb ihre Route eben normalerweise nicht dort entlang geführt hatte. Sie folgten den Vögeln, um die neue Wasserstelle aufzusuchen. So fanden sie Hagar und Ismael und nahmen sie auf.

Abraham indessen war zu Hause bei seiner Frau Sarah und ihrem gemeinsamen Sohn Isaak, in dem Zelt, zu dem die Engel gekommen waren, um dem Kinderlosen im hohen Alter Nachkommen zu prophezeihen.

Abraham ist der Prophet, dessen Name nach Mohamed am häufigsten im Koran erwähnt wird. 69 Mal wird sein Name genannt und jedes einzelne Mal mit Lob bedacht.

Geboren wurde Abraham in Ur, einer Stadt in Chaldäa, ungefähr 200 Meilen von Baghdad entfernt, eine der so genannten ersten menschlichen Hochkulturen in Mesopotamien, also dem heutigen Irak. Man möchte meinen, Abraham wäre bei seiner Geburt mindestens 60 Jahre alt gewesen. Doch auch dieser Mensch war einmal ein Säugling, von einer Mutter gestillt, und sicher auch von einem Vater gemaßregelt, von verwandten Frauen und Männern in den Tugenden unterwiesen, die für seine Zeit galten. In Sure 3, Vers 67 lesen wir: Abraham war weder ein Jude, noch ein Christ, sondern er war einer, der sich von allem abwandte, was falsch ist, da er sich Gott ergeben hatte“. „Sich Gott ergeben“ heißt auf Arabisch „muslim“ sein, doch war er nicht Muslim im Sinne der Religionsbezeichnung sondern im Sinne eines Zustandes – ein Mensch eben, der sich Gott ergeben, oder hingegeben, hatte. Aus dieser Stadt Ur in Chaldäa kam übrigens auch Lot, der Sohn von Abrahams Bruder.

In Ur, in der viele Götter angebetet wurden, hatte Abraham seine erste religiöse Erkenntnis. Dabei ging es um die Praxis der Götzenanbetung. Er muss damals ein junger Mann gewesen sein. Vielleicht liebevoll kümmernd, vielleicht pubertierend aufmüpfig, sprach er zu seinem Vater (6:74-75): „Nimmst du Götzenbilder als Götter? Wahrlich ich sehe, dass du und dein Volk offensichtlich irregegangen sind! Und so gaben wir Abraham seine erste Einsicht in Gottes mächtige Herrschaft über die Himmel und die Erde.“

Abrahams Vater Azar, auch bekannt unter dem Namen Terah, betete in der Tat Götzen an, wie es eben damals üblich war. Er antwortete seinem Sohn, wenn dieser nicht seinerseits von der Kritik am Götzenglaube ablasse und dem Vater gehorche, müsse er ihn steinigen, denn dies war die Strafe für abtrünnige Söhne. Doch statt nachzugeben ging Abraham nun auch noch zu seinen Freunden und bat sie ebenfalls, ihren Glauben zu verändern. Diese wollten jedoch an der Anbetung der Götzen festhalten. Schließlich sei es die Religion der Väter.

Als es nun eines Tages ein Fest gab, an dem alle Menschen in Abrahams Umgebung teilnahmen, entschloss sich Abraham, stattdessen zu den Götzenfiguren seiner Freunde zu gehen und zerstörte sie alle – alle, bis auf den obersten Götzen, den er vollständig stehen ließ.

Als die Freunde zurückkehrten wussten sie sofort, dass Abraham für diese Tat verantwortlich sein musste. Sie stellten ihn zur Rede, doch er verneinte seine Schuld – es müsse der Chefgötze selbst gewesen sein, der dies vollzogen hätte, schlug er vor. Die Freunde sagten: „Wie könnte dieses Gebilde aus Stein, das wir selbst gebaut haben, so etwas vollziehen? Du siehst doch, Abraham, dass sie nur aus Stein sind und nichts erreichen können. Worauf Abraham antwortete: „Wenn euer Gott dies nicht kann, dann kann er euch sicherlich auch nicht helfen, wenn ihr in Not seid und ihn braucht!“ Von Anfang an hatte Abraham also Vertrauen in einen Gott, der den Menschen in der Not beiseite stehen würde. Vielleicht sah er in diesem Licht auch Hagar, als er sie in der Wüste zurück ließ. Denn beim Verlassen sagt er zu ihr: „Ich lasse dich in der Hand Allahs“.

Doch wer war dieser Allah, dieser höchste Gott?, fragte sich Abraham. Eines Nachts ging er daher hinaus und erblickte einen Stern. Er rief aus: „Dies ist mein Erhalter!“ – aber als er unterging, sagte er: „Ich liebe nicht die Dinge, die untergehen“.

Dann, als er den Mond aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter!“ Aber als er unterging sagte er: „Fürwahr, wenn mein Erhalter mich nicht rechtleitet, werde ich ganz gewiss einer von den Leuten werden, die irregehen“.

Dann, als er die Sonne aufgehen sah, sagte er: „Dies ist mein Erhalter! Dies ist das Größte von allen!“Aber als auch sie unterging, rief er aus: „Oh mein Volk! Siehe, fern sei es von mir, etwas anderem neben Gott, wie ihr es tut, Göttlichkeit zuzuschreiben!“

Es folgte eine unschöne Zeit für Abraham in der Mitte einer Gesellschaft, die sich nicht von ihm überzeugen ließ, sondern sein Leben bedrohte, so dass er letztlich beschloss, seinen Vater und die Stadt Ur zu verlassen. Er bat Gott um Vergebung und Segen für seinen Vater und zog fort, „denn siehe, Abraham war höchst nachsichtig, höchst weichherzig, wieder und wieder willens, sich Gott zuzuwenden“ (11:75).

Abraham lebte längst mit seiner Frau Sahra zusammen und seiner Sklavin Hagar, als eines Tages drei fremde Männer zu seinem Zelt kamen. Das Gebot der Gastfreundschaft verlangte es vom Gastgeber, eine Mahlzeit zu bringen; von den Gästen verlangte es, diese Speisen anzunehmen. Doch die Gäste rührten das ihnen vorgesetzte Mahl nicht an. Es mussten Boten des Himmels sein, die zu Abraham und Sahra gekommen waren. Dennoch nahm Sahra ihre Botschaft nicht ganz ernst, die hieß, dass sie in ihrem fortgeschrittenen Alter einen Nachkommen Abrahams zeugen solle. Sowohl im Buch Genesis, dem ersten Buch Mose, als auch im Koran, ist überliefert, dass sie lachte. Dann verabschiedeten sich die Boten. Auf dem Weg hinaus schauten sie von einem Berg hinab in die Stadt Sodom, in der auch Lot mit seiner Familie lebte.

29:31 Und so, als Unsere himmlichen Boten zu Abraham mit der frohen Kunde von der Geburt von Isaak kamen, sagten sie auch: „Siehe, wir sind im Begriff, das Vok jenes Landes zu vernichten, denn seine Leute sind wahrhaft Übeltäter“. Und als Abraham ausrief: „Aber Lot lebt dort!“ – antworteten sie: „Wir wissen sehr wohl, wer dort ist. Ganz gewiss werden wir ihn und seinen Haushalt retten – alle bis auf seine Frau: Sie wird fürwahr unter jenen sein, die zurückbleiben“. Im Buch Genesis, dem ersten Buch Moses, lesen wir, was wir im Koran nicht finden, nämlich, dass Abraham bei den Engeln interveniert. „Aber“, sagt er, „wenn nur 50 Menschen in Sodom rechtschaffen sind, wird Gott dann Sodom verschonen?“ Gott – oder die Engel – das wird im Zusammenhang nicht ganz deutlich – sagt „Ja, für 50 gute Menschen wird Sodom verschont“. Durch diese Antwort ermutigt, fragt Abraham nun weiter, wie es denn mit 40 Menschen wäre. Auch für 40 gute Menschen soll die Stadt verschont werden. Abraham fragt bis zur Zahl Zehn. Da endet das Gespräch. Was wäre wohl die Antwort gewesen, wenn Abraham weiter gefragt hätte? Wenn es nur neun, acht, sieben,…einen einzigen guten Menschen in der Stadt geben würde?

Nachdem die Engel das Zelt Abraham und Sahras verlassen hatten, überlegte Sahra, wie es denn sein könne, dass sie einen Nachfolger haben würde. Wir lernen aus der jüdisch-christlichen Tradition, dass sie es war, die daher Abraham vorschlug, ein Kind mit der Sklavin Hagar zu zeugen. Dies war damals nicht unüblich, aber wir Frauen von heute wissen, dass das keine gute Idee für den Hausfrieden war.

Die Geschichte beweist es. Ismael, der Sohn Hagars wird geboren und erfreut sich der Liebe seines Vaters. Doch bald wird auch Sahra schwanger und bekommt Isaak. Die jüdisch-christliche Tradition sagt, dass Sahra aus Eifersucht zu Abraham sagt, er solle Hagar und Ismael in die Wüste schicken. Die Muslimische Tradition spricht von einer Prüfung, vor die Abraham gestellt wird. Eine Prüfung vielleicht, ob er Gott gehorcht, auch wenn es seinen Vorstellungen von Liebe und Gerechtigkeit widerspricht. Abraham möchte Hagar und Ismael nicht verstoßen, und dennoch willigt er schließlich ein. Er bringt sie in die Wüste, wohl wissend, dass dies ihren Tod bedeuten würde. Abraham, der Liebevolle. Abraham der Gütige, der muslim ist und taqua hat – mehr als jeder andere seiner Zeit. Religionspädagogen aus meiner Kindheit deklarierten Abrahams Ergebenheit als Tugend. Abraham war muslim und hatte Iman (Glauben) und Taqua (Gottesbewusstsein) – dass dies fast zu einem Mord geführt hätte, war ihnen einerlei.

Doch nun wird es interessant, denn an dieser Stelle interveniert Gott, offensichtlich um genau das zu verhindern. Denn Abraham war ihm wohl in der Tat lieb und teuer. Offensichtlich wollte er nicht, dass dieser geliebte Abraham eine Schuld auf sich lud, deren Vergebung nicht leicht sein würde. So rettete Gott Hagar und Ismael und rettete zugleich Abraham.

Noch ein weiteres Mal war Abraham so gottesfürchtig, dass er einem Traum nachgab, der vermeintlich von Gott selbst zu ihm gekommen war; dem Traum nämlich, seinen eigenen Sohn zu opfern, ihn wie ein Tier in den Wald zu bringen, zu fesseln und auf einen Stein zu legen, um nun mit einem frisch geschärften Messer seine Kehle zu durchtrennen. Doch auch hier wird Abraham von Gott davor bewahrt, einen Mord zu begehen.

Ja, er war in der Tat ein Mann, den Gott liebte, denn Abraham war in seinem Herzen mildtätig und liebevoll. Und vielleicht bewahrte in Gott deshalb davor, große Sünden zu begehen.

Setzen wir uns einen Moment zu ihm, Abraham, und fragen uns, was wir aus seiner Geschichte lernen sollen. Trinken wir eine Tasse Tee mit unserem uralten Propheten und sagen: Abraham, wir können die Deutungen der alten Patriarchen nicht länger akzeptieren. Deine Bereitschaft, andere Menschen zu töten, um damit Gott zu gehorchen, sehen wir kritisch und wenden uns davon ab. Wir sehen Organisationen wie den IS, die Morde an Menschen durch den Koran rechtfertigen und vielleicht sogar deine Geschichte als Grundlage verwenden. Sie sagen, wir haben göttliche Eingebungen und hören darauf, wenn sie ihre Schwerter schwingen, um Unschuldige zu töten. Wir sehen White Supremacists, die meinen, Christen zu sein, und Eingebungen haben, Muslime zu töten, um Gott zu dienen. Wir sehen Politiker, die Kriege führen, weil sie göttliche Eingebungen zu haben glauben. Wir sehen Muslime, Christen und Juden, die andere töten, weil sie meinen, Gott stünde auf ihrer Seite und gäbe ihnen das Recht dazu. Dies alles auf der Grundlage von Geschichten wie der von Abraham! Wie deuten wir diese Geschichte?

Vielleicht antwortet Abraham: Aus meiner Geschichte lernt ihr, dass auch Propheten Menschen sind. Ihr lernt auch, dass es immer ein Fehler ist, andere zu töten oder auch nur zu verletzen. Gott beweist es in meiner Geschichte, denn als ich Leid zufügen wollte, hat mich Gott daran gehindert. Gott wird nicht jeden daran hindern, anderen leid zuzufügen, aber a meinem Beispiel erkennt man die Unrichtigkeit solcher gefühlten Offenbarungen.

Dann würde Abraham vielleicht noch sagen, aus meiner Geschichte lernt ihr, dass man Lesarten historisch anpassen muss, um religiösen Texten weiterhin Sinn zu entnehmen.

Abraham sagt vielleich: „Ich bin Khalil, der Freund Gottes, und deshalb war ich überglücklich, dass Hagar und Ismael überlebt haben. Es wird von mir gesagt, dass ich sie nach ihrem Überleben in der Wüste noch lange immer wieder besuchte.“

Diejenigen Männer und Frauen, die Unterschiede zwischen Rängen vornehmen oder Hierarchien erfinden, lernen, dass alle Frauen gleichwertig sind, egal ob arm oder reich.

Diejenigen unter den Lesern, die koranische Texte als Mythen lesen, finden in der Verstoßung und der Opferung der eigenen Söhne vielleicht psychologische Deutungsvarianten. Im Dickicht unseres Unterbewusstseins opfern wir vielleicht auf dem Stein, gefesselt und gebunden, unseren Hang zum Diesseits. In die Wüste schicken wir vielleicht nicht die Menschen selbst, sondern unsere Vergötterung der Menschen um uns herum, die wir wertschätzen und lieben, aber nicht anbeten sollen. Es gibt viele Deutungsmöglichkeiten. Je mehr wir unsere Vorstellungskraft aktivieren, desto mehr spricht der Text zu uns selbst und ermöglicht uns fruchtbare individuelle Auseinandersetzungen.

Diejenigen Menschen auf der Welt, die Abrahams oder ähnliche Geschichten als Blaupause für das Quälen ihrer Mitmenschen verwenden wollen, sind jedenfalls im Unrecht. Leid zuzufügen ist niemals unser Recht.

Duaa:

Allah, wir danken dir für die Geschichten, die zu uns herabgesandt wurden; Geschichten, in denen du dich uns offenbarst, und wir uns wiederfinden, damit wir wissen was es heißt, Mensch zu sein und andere wie uns selbst zu verstehen, oder zu würdigen. Wir beten dir zum Dank und bitten dich um Kraft, zu erdulden, zu hoffen, zu lieben und zu lachen.

Und Gott weiß es am besten.

Der Gebetsruf – Adhan

Der Gebetsruf – Adhan

Nouman Younas
Nouman Younas

Assalaamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu

Liebe Brüder und Schwestern, ich begrüße euch sehr herzlich hier in der Moschee zum Freitagsgebet.

Unsere Moschee ist ein wenig anders eingerichtet als die meisten Moscheen. Es fehlt gewissermaßen an lauten orientalischen Schmuckstücken. Ein paar leicht orientalisch anmutende Kerzenständer sind wohl die einzigen subtilen Anzeichen dafür, dass es sich hier um einen Ort handelt, der in Verbindung mit einem anderen Raum und einer anderen Zeit steht – Zeit und Raum nämlich der Entstehung des Islam als Lebensphilosophie und als Religion. Wir leben einen „Deutschen Islam“, jedoch ist er genauso authentisch wie jeder andere, denn die Betonung liegt nicht auf Deutsch, sondern auf Islam. Manche Dinge finden hier aber immer auf Arabisch statt; eines dieser „Dinge“ ist der Adhan, der Ruf zum Gebet.

Das ich hier zum Gebet rufe, habe ich einem Zufall zu verdanken. Am Tag vor der Eröffnung unserer Moschee war ich auf Facebook unterwegs und sah, dass eine liberale Moschee eröffnet werden sollte. Ich hatte davon zuvor nichts gehört, und da ich keinen Fernseher habe und Nachrichten sehr selektiv schaue, hatte ich auch von Seyran Ates keine Kenntnis. Am nächsten Tag wollte ich mal schauen, was es denn mit dieser Moschee auf sich hatte. Mit meinem roten Kopftuch zog ich also los um kurze Zeit später an einem Ort anzukommen, der sich Moschee nannte, an dem aber kaum eine andere Frau ein Kopftuch trug – mit Abaja und Tuch war ich die am konservativsten gekleidete Frau auf dieser Feier. Das war dann wohl auch der Grund, aus dem ich schließlich gebeten wurde, zum Abendgebet zu rufen. Zunächst lehnte ich dankend ab, da ich das noch nie gemacht hatte und mir nicht einmal der Wortlaut richtig geläufig war. Natürlich hatte ich den Adhan schon tausendmal gehört, in den vielen Städten des Libanon, die ich besucht hatte, aus dem Lautsprecher des Radios meiner Freundin, und in der Moschee. Doch hatte ich nie darüber nachgedacht, in welcher Reihenfolge welche Wörter genau verwendet werden, ganz geschweige von der passenden Melodie. Ich verließ also den Raum in Richtung Garten, um mich draußen weiter zu unterhalten, doch noch bevor ich ganz aus dem Gebäude herausgetreten war, kehrte ich um. Der Gedanke, dass eine andere Person als ich nun zum Gebet rufen würde, erfüllte mich mit einem ganz unangenehmen Gefühl; ich befürchte, es war Eifersucht. Ich ging also zurück und fragte, ob ich denn noch rufen dürfte. Im Eilverfahren ging man mit mir die Wörter durch, die Anzahl der Wiederholungen und ließ mich dann allein. Ich trat nach vorn, in Richtung Mekka, und dachte: „und mit welcher Melodie??!!“ So sang ich den ersten Ton und dann kam meine eigene Melodie ganz von allein. Natürlich nicht ganz unähnlich denen, die ich zuvor gehört hatte, aber dennoch meine eigene. Sie ist seitdem ungefähr dieselbe geblieben. Ich rief also zum Abendgebet, und seit diesem Tag ist mir Gottes Gnade noch viel deutlicher bewusst als zuvor, denn das Rufen erfüllt mich immer wieder mit Freude und Zuversicht, auch wenn es manchmal besser klappt und manchmal weniger.

Es ist etwas ganz Besonderes, den Adhan zu rufen, aber erst nach und nach komme ich dahinter, was diese Besonderheit ausmacht. Nun ist es mir ein Bedürfnis, ein paar Gedanken darüber zu teilen.

Zunächst aber einige Sätze dazu, dass ich eine Muezzinin bin, also offensichtlich kein männlicher Vertreter meiner Spezies. Der eine oder andere Muslim vertritt ja nach wie vor die Meinung, ich als Frau dürfe nicht zum Gebet rufen, denn diese Aufgabe sei allein Männern vorbehalten. Diese prä-emanzipatorische Einstellung beruft sich auf ein Hadith, das ich gleich erzählen werde, beruht aber sicher nicht auf diesem, sondern auf tradierten Vorstellungen der Frau als Verführerin und ihrer Stimme als Instrument dieser Verführung. Aufgewachsen bin ich mit diesen Gedanken nicht. Als ich anfing, hier zum Gebet zu rufen, war mir gar nicht bewusst, dass ich eine Männerdomäne betrete! Ich hatte darüber tatsächlich nie nachgedacht. Irgendwann, nachdem ich schon an einigen Freitagen recht regelmäßig gerufen hatte, fragte mich jemand, ob es mir nicht seltsam vorkäme, als Frau zum Gebet zu rufen. Ich wusste beim besten Willen nicht, warum; doch langsam lernte ich, was die konservative muslimische Welt hierzu zu sagen hatte. Hier also der überlieferte Hadith von Bukhari, auch zu finden bei Muslim, auf den sich die Meinung stützt, dass nur Männer zum Gebet rufen dürfen:

Nach Al Bukhari (604) und Muslim (377) also, erzählt von Ibn Omar, standen die Muslime von Medina Freitags immer vor der Moschee, um auf das Gebet zu warten. Die Ungewissheit über den exakten Beginn des Gebets empfanden sie als unangenehm, suchten daher nach einer Möglichkeit, genauer zu wissen, wann das Gebet beginnen würde. Eines Tages nahm diese Suche konkrete Züge an, und so sagten manche von ihnen: „Lasst uns eine Glocke benutzen, wie es die Christen tun“. Andere sagten: „Nein, wir verwenden ein Horn, wie die Juden“. Omar sagte zum Propheten Mohamed: „Warum schickst du nicht einen Mann, um zum Gebet zu rufen?“ Da sagte der Prophet: „Oh Bilal, steh auf und ruf die Leute zum Gebet.“

Omar hatte also gefragt: „Warum schickst du nicht einen Mann um zum Gebet zu rufen?“ und Mohamed hatte daraufhin einen Mann ausgewählt. Er verwendete in der Tat das Wort Mann – aber stellt dies ein konstituierendes Element dar? Ich gehe davon aus, dass es üblicher war, einen Mann vorzuschlagen, einfach so, ohne große Gedanken darüber, wohin so ein kleines Wort führen könnte. Wir bedenken ja nicht alles, was wir sagen, bezüglich der Zukunftswirkung jedweden Wortes. Es wird eher der Zufall oder patriarchale Grundgedanken des Sprechers gewesen sein, die dazu führten, dass nach einem Mann gefragt wurde.

Ein besonders kluger Kopf schreibt im Internet auf der Seite Quora, dass ja mittlerweilse seit 1400 Jahren immer nur Männer zum Gebet gerufen haben, wodurch bewiesen wäre, dass dies die korrekte Praxis sei. So kann man es natürlich auch sehen.

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist, dass sich Menschen von derartigen Beweisführungen beeindrucken lassen. Zufallsäußerungen, unlogische Kausalverknüpfungen, Vermischung von kulturellem Zeitgeist und Religion werden nicht von jedem hinterfragt. Die gute Nachricht ist, dass es überhaupt kein Problem darstellt, wenn ich als Frau zum Gebet rufe, denn die Aussage des Hadiths ist meiner Ansicht nach nicht großartig relevant. Im Koran habe ich ebenfalls nichts gefunden, was dagegen spräche, als Frau zum Gebet zu rufen. Wir finden in Sure 33, Vers 32 zwar Folgendes:

“O Ehefrauen des Propheten! Ihr seid nicht wie irgendwelche von den anderen Frauen, vorausgesetzt dass ihr euch (wahrhaft) Gottes bewusst bleibt. Darum seid nicht überweich in eurer Rede, dass nicht einer, dessen Herz krank ist, bewegt würde (nach euch) zu verlangen: aber überdies sprecht auf gütige Weise.“ Dieser Vers wird herangezogen, um Frauen dazu zu bewegen, ihre Stimme nicht im Rahmen des Gottesdienstes zu erheben. Dies ist eine Anweisung an die Frauen des Propheten (!), die in der Geschichte des Islam eine besondere Rolle innehatten. Dies wird in den vorangehenden Versen 30 und 31 sehr deutlich erklärt: „O Ehefrauen des Propheten! Wenn eine von euch offenkundigen unmoralischen Verhaltens schuldig werden würde, ihr Leiden (im Jenseits) wäre das Doppelte (dessen anderer Sünden): denn das ist fürwahr leicht für Gott. Aber wenn eine von euch demütig ergeben Gott und Seinem Gesandten gehorcht und gute Taten tut, ihr werden Wir ihre Belohnung zweifach erteilen: denn Wir werden für sie eine höchst vortreffliche Versorgung (im kommenden Leben) bereitet haben.“ Ganz offensichtlich sind also diese Vers an die Frauen des Propheten gerichtet. Eine solche bin ich nicht, auch wenn ich den Propheten Mohamed besonders in mein Herz geschlossen habe. Die Frauen des Propheten hatten eine Stellung in der Gesellschaft die vor und nach ihnen niemand haben konnte. Auch rein inhaltlich muss man sich recht weit aus dem Fenster lehnen, um hieraus ein Verbot des Adhan für Frauen zu schließen. So rufe ich also wann immer es mir möglich ist, am Freitag nach der Arbeit hier in unserer Moschee zum Gebet. Als Frau, und nicht als einzige Frau der Welt. Auch Amina Wadud und Ani Zoneveld rufen zum Gebet.

Der Ruf läutet das Freitagsgebet ein. Man sammelt sich im Gebetsraum, spricht miteinander, lacht und scherzt, tauscht Fragestellungen aus und Antworten über Arbeit, Familie, Sorgen, Freuden und die Wissenschaften. Meist wird leise geredet, während man auf den Adhan wartet, den Ruf zum Gebet.

Vor dem ersten Ton gibt es im Moscheeraum meist noch das eine oder andere Geräusch. Beim ersten gesungenen Ton entsteht zunächst Geräuschlosigkeit. Die Menschen hören auf, sich zu unterhalten.

In dieser Geräuschlosigkeit erklingt nun der erste Ton, und es entfaltet sich der Ruf zum Gebet. Es ist die tonale Manifestation unserer Verbindung zu allem was ist – zu allem, was hört, und zu allem, was Schwingungen wahrnimmt, der Verbindung zu Allah und all seiner Schöpfung.

Wenngleich der Gebetsruf eine Melodie hat, ist er doch kein Lied. Er ist auch kein Gebet. Er ist ein Ruf, an die Gläubigen gerichtet, sich nun bereit zu machen, sich zu reinigen, innerlich wie äußerlich, um vor den Schöpfer aller materiellen wie nicht materiellen Dinge zu treten und ihm Ehrerbietung zu erweisen. Doch nun geschieht häufig das, was mich immer wieder ein wenig erschreckt. Die Stille, die zuvor lediglich die Abwesenheit von Geräusch war, wird nun gerade durch die Anwesenheit des tönenden Klanges zu wahrer Stille. Denn während des Adhans entsteht hin und wieder eine Stille, die mächtiger ist, als die Stille, die ihr vorangeht, obwohl es sich streng genommen nun gar nicht mehr um Stille handelt, denn es gibt ja den Klang des Adhan. Es ist dies vielleicht die Stille der Seelen, die sich im Raum ausbreitet und deren Kraft der Rufer mit einem leichten Erschrecken spürt. Möglicherweise ist es die Stille einer Macht, die, da sie gerufen wurde, nun angekommen ist, im Raum. Nicht immer stellt sich diese Stille ein – woran auch immer dies liegen mag, manchmal bleibt es bei der Geräuschlosigkeit – aber manchmal ist sie recht deutlich zu spüren. Ich glaube, diese Art Stille entsteht dann, wenn alle Seelen von innen ganz still werden und dem Ton erlauben, sie tief zu berühren. Wenn die Seele ganz im Hier und Jetzt ist, aber als vollkommene Seele, mit all ihren Erinnerungen, ihrem Schmerz, ihrer Freude und ihrer Hoffnung. Der Ton resonniert gewissermaßen in den Seelen der Zuhörer und wird das Außen des Innen. Zunächst bin nur ich der Rufer, aber jede Seele wird mit mir zum Rufer und ruft Allah an, und plötzlich verliert sich mein Ich und der Rufer ist jeder – jede Seele vereint sich gleichsam in diesem Ton und ich als Person bin nur noch diejenige, die den äußeren Ton zur Verfügung stellt. Ich bin nicht der Rufer, ich bin der Ton.

Dabei glaube ich nicht, dass das mit jedem Ton möglich ist, oder mit jedem Text.

Die Töne treffen nicht zufällig auf die Seelen der hierfür Empfänglichen. Hierzu tragen ganz klar auch die gerufenen Worte bei. Nach sunnitischer Überlieferung hatte Bilal die Eingebung dieser Worte. Er war es, der sich überlegte, welche Aussagen und Aufforderungen zu rufen sinnvoll wären. Nach schiitischer Überlieferung erschienen die Worte dem Propheten Mohamed in einem Traum, überbracht vom Engel Gabriel. Ich bin geneigt, letzteres zu glauben, denn genau diese Wörter haben einen besonders intensiven emotionalen Stimmungsgehalt. Der erste Ton, der gehalten wird, ist ein Ah – ein lautes Anrufen Allahs und zugleich ein klagender Laut. Wessen Seele klagt, der hört ihn deutlich und lang und empfindet ihn möglicherweise als etwas Angenehmes, denn dieser Vokal bringt sein Inneres zum Klingen. So lange es um Allah geht, bleibt das Ah der vordringliche Vokal. Das Ah ist auch ein Laut der Bewunderung und ein Laut, den wir von uns geben, wenn wir etwas Überraschendes erfahren oder lernen. Klage und liebende Bewunderung liegen auf der Gefühlsebene eng beieinander. Klage und Bewunderung bilden einen engen Dreibund mit der Hoffnung, die im Guten liegt, das wir wünschen und nach dem wir streben. Das A ist ein offener Laut. Er öffnet das Innere des Menschen hin zum Universum.

Das erste Zeugnis des Adhan gilt dem Bezeugen des einzigen, allmächtigen Gottes. Wir tun ihm kund: „Ich bin da. Bemerke mich und höre mich an, in meiner Bewunderung deines Wesens und in meiner Liebe zu dir. Ich rufe dich, damit du mich hörst und deinen schützenden Arm um mich legst, denn ich klage dir mein Leben und bitte, dass du mich nicht verlässt. Ich kann dies nur von dir wünschen, Allah, denn nur du bist wahrhaft größer als alles in mir und alles außer mir.“ „Allahu akbar“.

Das zweite Zeugnis gilt dem Propheten Mohamed, dem Rassul; und hier wechselt der Adhan zum Uh. Im Gegensatz zum Ah, das einen ausrufenden Klang der Brust und des Herzens darstellt, ist das Uh ein einkehrender Ton des Unterleibs. Er bezieht die Seele zurück zum Inneren. Legt man die Hände zum Rufen an den Mund, so bewegen sich die Arme beim Ah ganz automatisch nach außen, lassen den Brustkorb groß und weit werden, um sich beim Uh wieder zusammen zu ziehen, und den Brustkorb zu schützen. So ergibt sich gleichermaßen ein Flügelschlag vom Ah zum Uh und dann zurück zum Ah, gleich mehrere Male, denn der Satz wird zweimal gerufen, bis der Ton letztendlich beim Ah bleibt, denn nun darf die Seele dorthin schweben, wohin sie schweben mag, in ihre eigene Welt, die sich ihr nun durch den Ton eröffnet hat. So ist der Adhan ein Hin und Her zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Ruf hinaus ins Universum und der Rückkehr zum Selbst, einem erneuten Ruf nach Gott und einer erneuten Rückkehr zum Selbst oder zu unserer Seele. Man könnte auch sagen, die Seele bewegt sich hin und her zwischen der Weite des Universums und der engen Nähe des Selbst.

Klang ist Leben, nennt Barenboim sein lesenswertes Buch. Der Klang jeder Musik, und so auch der Klang des Adhans, repräsentiert gleichsam unsere Existenz. Wir sind ein Klang, und so wie ein Klang entsteht, entsteht unser Leben – gleichsam aus dem Nichts heraus werden wir geboren. Der Klang wächst langsam heran, so wie auch wir heranwachsen, wird laut und voller Lebenskraft, um dann wieder langsam wieder leiser zu werden, zu vergehen und schließlich hier auf der Erde nur noch in der Erinnerung weiter zu leben. Wie der Klang, so sterben auch wir, verlassen diese Welt und bleiben als Gedanken oder vielleicht als Energiefelder im Diesseits zurück. Im Universum ist jedoch alles, was einmal angestoßen wurde, unendlich, so wie das Universum selbst. Einmal angestoßen, tönt der Klang, der Klang unseres Lebens, endlos weiter, unabhängig von Raum und Zeit. Vor ein paar Tagen las ich so passend im Beitext zu einem psychologischen Spiel: „In alten Mythen ist der Mensch selbst ein Gefäß, dem Gott seinen Atem eingehaucht hat – ein Gefäß, das zu klingen beginnt. Unser Wort „Person“ drückt das ebenfalls aus. Person heißt wörtlich „durchtönend“, von lateinisch sonare – tönen, klingen.Wenn die großen Zusammenhänge im einzelnen Menschen Widerhall finden, und – umgekehrt – wenn auch das Besondere eines Individuums an vielen Stellen in der Welt Resonanz findet, dann wird eine Person zur wohlklingenden, stimmigen Persönlichkeit.“ (Johannes Fiebig, „Du bist, was du vergisst“, 2018). Wir sind also ein Gefäß, das klingt, indem wir etwas von Außen aufnehmen und klingen lassen. Und zugleich lassen wir durch unseren Klang etwas von innen hinaus.

Um noch einen Moment im Bild zu bleiben – wahrscheinlich sind wir nicht ein einzelner Ton, sondern ein ganzes Geflecht von Tönen, die wir stets versuchen, zu harmonisieren. Diese Töne sind Manifestationen unserer Erfahrungen, Erlebnisse, Gedanken. Manche unserer Klänge verbinden sich zu wundervollen Harmonien. Andere Klänge bilden zusammen eine Kakophonie, die das ungeübte Ohr kaum zu ertragen vermag. Wir versuchen stets automatisch, unsere verschiedenen Klanganteile, die Klanganteile unserer Seele also, so miteinander zu verbinden, dass eine ansprechende Harmonie entsteht. Erlebnisse und Erfahrungen bilden so eine Klangharmonie, die unsere Identität ausmacht, welche mit jeder Erfahrung erweitert wird. Auch mit äußeren Klängen, das heißt mit anderen Menschen, versuchen wir Harmonie zu erreichen. Manche Klänge empfinden wir als zu uns unpassend und meiden sie, mit anderen verbinden wir uns ganz mühelos und freudvoll, weil sie mit unseren eigenen Klängen so gut zusammen passen. Wir sagen dann, wir sind miteinander im Einklang. Manchmal arbeiten wir unter Einsatz von Selbstdisziplin daran, dass unser Denken und unser Handeln miteinander in Einklang kommen.

Unser Prophet Mohamed war ein Warner. Als solcher, müsste er eigentlich durch einen lauten Klang verkörpert sein, den man überall hört, einer Art Warnschuss oder Trompetengetöse. Dennoch stelle ich ihn mir besonders leise vor. Der Klang des Propheten ist ein Ton, den man bei übermäßiger Geschäftigkeit nicht zu hören vermag, unübertroffen jedoch an Wärme und Liebe. Vielleicht haben wir alle so einen ganz warmen, leisen Ton in uns. Vielleicht ist das der Ton der selbstlosen Liebe. Der Ton liebender Ergebenheit, der in uns singt, wenn wir „muslim“ sind? Muslim nicht im Sinne einer Religionszugehörigkeit, sondern als Zustand. Muslim sein bedeutete dann, einen leisen Ton in sich zu tragen, der nie vergeht. Einen leisen, warmen Ton, der in unseren Gebeten zu Gott hin klingt und von ihm wahrgenommen wird. Ein Ton, ähnlich eines fein gesponnenen Fadens, der immer weiter klingt und in sich die Hoffnung trägt, und das Vergeben, die Liebe und die Gnade und das, was in den Interpretationen des Wortes „Islam“ immer als „Unterwerfung“ wiedergegeben wird, aber tatsächlich eine liebevolle, friedfertige Hingabe meint. Während alle Veränderungen, die wir von Tag zu Tag, sogar von Stunde zu Stunde, in uns spüren, unsere Klänge ändern, mal laut, mal leise, mal hart, mal weich, mal kälter, mal wärmer – so ist dieser eine, feine Ton, doch immer da – der Ton der beweist, dass wir muslim sind. Muslim, wie gesagt, als Zustand, als Sein. Diese Verbindung zu Gott besteht zwar immer, doch bekräftigen wir sie in unserem Leben stets in zwei besonderen Momenten: Wenn wir beten, und wenn wir Gutes tun.

Im Koran lesen wir:

2:2-4

Diese Göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist (dazu bestimmt,) eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten (zu sein), die an (die Existenz dessen) glauben, was jenseits der Reichweite der menschlichen Wahrnehmung ist, und beständig das Gebet verrichten und für andere von dem ausgeben, was Wir ihnen als Versorgung bereiten; und die an das glauben, was dir (o Prophet) von droben erteilt worden ist, wie auch an das, was vor deiner Zeit erteilt wurde: denn es sind sie, die in ihrem Innersten des kommeden Lebens gewiss sind!

2:43

…und verrichtet beständig das Gebet, und gebt aus Mildtätigkeit, und verbeugt euch im Gebet mit allen, die sich also verbeugen.

2:83

Und siehe! Wir nahmen dieses feierliche Versprechen von (euch) den Kindern Israels an: Ihr sollt keinen außer Gott anbeten; und ihr sollt Gutes tun euren Eltern und euren Verwandten und den Waisen und den Armen; und ihr sollt zu allen Leuten auf gütige Weise sprechen; und ihr sollt beständig das Gebet verrichten; und ihr sollt ausgeben aus Mildtätigkeit.

2:277

Wahrlich, jene, die Glauben erlangt haben und gute Werke tun und beständig das Gebet verrichten und aus Mildtätigkeit ausgeben – sie werden ihren Lohn bei ihrem Erhalter haben, und keine Furcht brauchen sie zu haben, noch sollen sie bekümmert sein.

8:2-4

Gläubige sind nur jene, deren Herzen vor Ehrfurcht erzittern, wann imer Gott genannt wird, und deren Glauben gestärkt wird, wann immer Seine Botschaften Ihnen übermittelt werden, und die iher Vertrauen auf ihren Erhalter setzen – jene, die beständig das Gebet verrichten und für andere ausgeben von dem, was Wir ihnen als Versorgung bereiten: es sind sie, die wahrhaft Gläubige sind! Für sie wird es große Würde in der Sicht ihres Erhalters geben und Vergebung der Sünden und eine höchst vortreffliche Versorgung.

In 19:31,32 lesen wir, wie der Prophet Jesus sagt: „Siehe, ich bin ein Diener Gottes. Er hat mir Offenbarung gewährt und mich zu einem Propheten gemacht und mich gesegnet gemacht, wo immer ich sein mag; und Er hat mir Gebet und Mildtätigkeit geboten, solange ich lebe, und hat mich versehen mit liebender Achtung gegenüber meiner Mutter; und Er hat mich nicht überheblich oder bar der Gnade gemacht.“

19:54,55

Und erinnere dich, durch diese göttliche Schrift, an Ismael. Siehe, er hielt immer sein Versprechen und war ein Gesandter Gottes, ein Prophet, der seinen Leuten Gebet und Mildtätigkeit zu gebieten pflegte und in der Sicht seines Erhalters Gunst fand.

22:41 sagt uns, dass Gott wohl den Betenden und Mildtätigen wohl gewahr ist .

…(wohl gewahr) jener, die selbst wenn wir sie auf Erden in sicherer Position einsetzen, weiterhin beständig das Gebet verrichten und aus Milttä geben und das Tun dessen gebieten, was recht ist, und das Tun dessen verbieten, was unrecht ist; aber bei Gott liegt das endgültige Ergebnis aller Geschehnisse.

Wenngleich es noch eine Vielzahl solcher Koranstellen gibt, ende ich mit 98:5

und überdies, ihnen wurde nichts anderes geboten, als dass sie Gott anbeten sollten, aufrichtig in ihrem Glauben an Ihn allein, sich abwendend von allem, was falsch ist, und dass sie beständig das Gebet verrichten sollten; und dass sie aus Mildtätigkeit ausgeben sollten: denn dies ist ein mit immerwahrer Triftigkeit und Klarheit versehenes Moralgesetz.

In wenigen Minuten werden wir das Freitagsgebet verrichten. Wir könnten dafür genauso gut zu Hause bleiben und da beten, wo wir es immer tun, doch kommen wir hier zusammen, um das gemeinsam zu tun. Dabei senden wir jeder einzeln einen Ton, zart wie ein Faden und zugleich kraftvoll wie ein Seil, hell wie der lichte Tag und zugleich dunkel wie die tiefste Nacht, eifersüchtig, hartherzig, unumsichtig und gnädig zugleich. Unseren eigenen Ton, der sich manchmal Bahn bricht, entgegen unseren Wünschen und unserem Verstand. Manchmal ist es die reine Pflichterfüllung, die uns bewegt, in der Moschee zu beten, denn nicht immer kann der Mensch seine spirituellen, geistigen Ideale leben, und es gibt auch solche Pflichtmenschen, die dem Spirituellen wenig abgewinnen können, aber deren Ton stark und reißfest trägt. Jeder eigene Ton verbindet sich nun mit allen anderen Tönen in diesem Raum und alle zusammen

hallen hinaus ins Universum. Das Gebet hält uns nicht einfach zusammen als Gemeinde, sondern wir sind die Verkörperung der Schöpfung als Einheit. Indem sich unsere Einzeltöne miteinander verbinden, verbinden auch wir uns miteinander. Sure 62 Vers 9 erinnert uns: Oh Ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Wenn am Tag der Gemeindeversammlung (also des Freitagsgebets) der Ruf zum Gebet ertönt, eilt zum Gedenken Gottes und lasst allen weltlichen Handel: dies ist zu eurem eigenen Wohl, wenn ihr es nur wüsstet. Und wenn das Gebet beendet ist, zerstreut euch freizügig auf Erden und sucht etwas von Gottes Huld zu erlangen; aber gedenkt Gottes oft, auf dass ihr einen glückseligen Zustand erlangen möget! Doch es kommt vor, dass wenn Leute einer Gelgenheit für weltlichen Gewinn oder eines vergänglichen Vergnügens gewahr werden, sie üerstürtzt dorthin eilen und dich stehen und predigen lassen. Sag: Das was bei Gott ist, ist weit besser als alles vergängliche Vergnügen und aller Gewinn! Und Gott ist der Beste der Versorger!“

Frauenrechte im Islam

Frauenrechte im Islam

Dass ich heute die Predigt zu Frauenrechten im Islam halten darf, ist für mich ein sehr besonderes Anliegen, weil das für mich persönlich ein sehr wichtiges und dringendes Thema ist.

Der Islam ist nämlich eine Religion, die häufig mit Gewalt in Verbindung gebracht wird. Eine spezielle Gewalt soll dabei immer eine ganz bestimmte Gruppe treffen, nämlich die Frauen. Es wird gesagt: „Der Islam unterdrückt die Frau“, „der Islam ist frauenfeindlich“, „der Islam schließt Frauen aus dem öffentlichen Leben aus“ etc. Diese Positionen werden nicht nur formuliert, diese werden tatsächlich auch in Teilen der muslimischen Community gelebt. Das sieht man vor allem daran, wenn man den Koran wortwörtlich versteht. In der Sure 4, Vers 176 findet man: „Sie fragen dich um Belehrung. Sag: „Allah belehrt euch über den Erbanteil seitlicher Verwandtschaft. Wenn ein Mann umkommt, der keine Kinder hat, aber eine Schwester, dann steht ihr die Hälfte dessen zu, was er hinterlässt.“

Bestimmte Muslime lesen den Vers und sagen „Aha! Vers spricht gegen Frau, billigt Mann erbrechtliches Privileg zu und bekommt noch durch die heilige Offenbarung eine gewisse göttliche Legitimation.“ Geht man nach einer solchen Lesart vor, hätten wir gewaltige Probleme mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Mit dieser Lesart würde man aber zudem auch vieles mehr nicht zur Kenntnis nehmen, wie z.B. eine historisch-konkrete Situation, politische und gesellschaftliche Verhältnisse usw. Lässt man dies alles außer Acht, könnte man nicht verstehen, wieso dieser Vers überhaupt offenbart wurde. In welchem Zusammenhang ist dieser Vers im alten Wüstenarabien überhaupt entstanden?

Wenn man bedenkt, dass Frauen in dieser Zeit überhaupt nichts erben durften, dann gesteht dieser Vers den Frauen doch zumindest ein Erbrecht zu. Da ist also was völlig neues entstanden! Jetzt sollte man die Frage stellen, ob diese Lebensänderung für Frauen auf überwiegende Zustimmung seitens der muslimischen Gemeinde gestoßen war? Natürlich nicht! Den Männern wurde ein ganz zentrales Privileg durch diesen Vers genommen, nämlich das alleinige Recht auf Erben. Fatima Mernissi schreibt dazu: „„Dieser kleine Vers versetzte die männliche Bevölkerung Medinas in helle Aufregung. Sie befand sich zum ersten Mal in direktem und persönlichem Konflikt mit dem muslimischen Gott. […]. Die Männer fanden, dass die neue Gesetzgebung bezüglich des Erbes einen Bereich tangierte, in den der Islam sich nicht einzumischen hatte: ihre Beziehungen zu den Frauen.“

Es waren also Männer, die auf die Barrikaden gingen und sich dagegen gewehrt haben. Wobei doch der Geist des Verses war, Frauen an mehr Rechten heranzuführen.

Wie kann es eigentlich sein, dass diese Verbesserungen der Frauensituation über die Jahrhunderte hinweg keinen weiteren gesellschaftlichen Ausdruck fand? Wie kann es sein, dass man in der Vergangenheit stehen geblieben ist und man sich nicht die Frage gestellt hat, ob man die Situation von Frauen in Richtung Verbesserung weiter entwickelt hätte? In den Gassen Medinas hat man sehr kontrovers über die Gleichheit der Geschlechter gestritten.

Einer der Wortführer für Männerprivilegien war Umar Ibn al-Khattab, der zum Stamme der Quraish gehörte und sich immer wieder mit dem Propheten (s.a.w) anlegte, was vor allem Frauenrechte betraf. Er war Frauen gegenüber sehr aufbrausend und ungeduldig und ihnen gegenüber auch sehr streng. Seiner Ansicht nach und auch vieler Gläubigen in Medina sollte sich der Islam auf das geistige und öffentliche Leben beziehen, während das Privatleben weiterhin von der vorislamischen Zeit geprägt bleiben sollte. Es war ihm nicht geheuer, dass selbst seine eigene Frau ihm widersprach und diese als Vorbild den Propheten (s.a.w.) anführte. Umar selbst geriet nicht selten in Streit mit der Frau des Propheten (s.a.w) Umm Salma, wobei jeder der beiden für ihre Geschlechtsgenossen sprachen. So gab es auf der einen Seite die Forderungen der Frauen, an mehr Rechte beteiligt zu werden und auf der anderen Seite den vehementen Widerstand der Männer um Umar. Zudem waren es auch solche Männer die Gerüchte in die Welt setzten, um beispielsweise die Frauen des Propheten (s.a.w.) in Verruf zu bringen.

So wie diese Männer, die ich eben in dem Mernissi-Zitat genannt habe, waren sie es auch, die die Deutungshoheit über den Islam in den folgenden hunderten von Jahren besaßen. Und sie haben den Frauen erzählt, wie sie zu sein haben, wie sich zu kleiden haben, welche gesellschaftliche Rolle ihnen als Frau zukommt. Wie hätte sich eigentlich der Islam entwickelt, wenn Frauen Koranauslegungen angestellt hätten. Wenn also nicht Männer den Frauen gegenüber bevormundend aufgetreten wären. Hätten sie vielleicht aus dem Koran Dinge raus gelesen und verstanden, die ihnen keine einschränkende Rolle zugewiesen hätte?

Vielleicht gebe es dann keine unterdrückerischen Verhältnissen gegen Frauen in islamischen Ländern, wie z.B. in Afghanistan. Wo Frauen dort wirklich auf den unterschiedlichsten Ebenen leiden und täglicher Gewalt ausgesetzt sind, weil sie eben Frauen sind. Aber nicht nur in islamischen Ländern, auch in Europa gibt es das Phänomen, dass wenn muslimische Frauen sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden, sie häufig von ihren Familien daran gehindert werden und dies dann am Ende sogar in Morden gipfeln kann.

Wenn man sich das alles anschaut, fragt man sich doch ernsthaft, ob das die Botschaft des Islams ist, Frauen zu unterdrücken. Wobei doch der Islam Verbesserungen für die Lebenssituation für Frauen im alten Wüstenarabien brachte. Und genau dieser Geist der Verbesserung ist schließlich verloren gegangen. Positiv gestimmt ist man aber dennoch, wenn man sieht, dass es immer wieder auch Frauen in Vergangenheit und Gegenwart gibt, die sich kritisch damit auseinandergesetzt haben. Zu nennen wäre die bereits erwähnte Fatima Mernissi oder auch Amina Wadud. Eine Frau, die ich persönlich sehr bewundere, ist Chadidscha, die erste Frau des Propheten. Sie galt in der damaligen Zeit als eine einflussreiche Händlerin, war selbständig und ergriff die Heiratsinitiative, also sprich: Sie hat um die Hand des Propheten (s.a.w) angehalten. Solche Frauen wünscht man sich doch wieder.

Warum halte ich als Mann eigentlich hier eine Predigt über Frauenrechte im Islam? Das hat zwei Gründe: Der eine Grund lautet, dass es einen identitären Diskurs gibt, der lautet, dass nur Frauen Frauen verstehen können, dass nur Männer Männer verstehen können, dass nur Schwule Schwule verstehen können usw. Mich persönlich interessiert es wenig, welches Geschlecht du hast, woher du kommst oder wen du liebst. Ich sehe dich also nicht als bloßes Geschlecht oder sonst was an, sondern ich frage dich, welche Überzeugung vertrittst du, sprich, für welche Werte trittst du ein? Haben wir eine gemeinsame Wertebasis gefunden für die wir zusammen kämpfen, ist es völlig unerheblich, woher du kommst oder wer du bist. Ich setze mich also für Geschlechtergerechtigkeit ein und sehe jeden als Verbündeten an, der sich ebenso dafür einsetzt, egal ob Mann oder Frau. Und deshalb möchte ich als Mann ein Zeichen setzen, dass auch Männer sich für Frauenrechte einsetzen können, ja auch im Islam. Das hat auch eine gewisse Tradition, wenn ich beispielsweise an Qasim Amin, einem ägyptischen Frauenrechtler aus dem 19. Jhd. und frühen 20. Jhd. erinnern darf, der sich für Frauenrechte eingesetzt hat und eine hitzige Debatte in Ägypten auslöste. Was ich damit sagen möchte, ist einfach nur, dass auch Männer Feministen sein können und ich mich in dieser Tradition auch selbst wiederfinde.

Der zweite Grund bezieht sich darauf, dass es muslimische Imame gibt, die frauenfeindliche Positionen islamisch begründen. Und leider sind es nicht wenige. Ich denke es ist an der Zeit, eigene muslimische Prediger zu zeigen und predigen zu lassen, die sich solidarisch mit Frauen erklären. Die diesen konservativen muslimischen Prediger sagen, dass auch ich als Mann zwar traditionell über Frauen Macht habe, aber ich darauf gänzlich verzichte, weil ich niemanden unter mir stehen haben möchte. Und ich denke der Geist des Korans hätte sich zu genau diesem Punkt der Gleichheit hinbewegt, wenn das Patriarchat nicht die Oberhand gewonnen hätte.

Und schließlich haben Frauen und Männer etwas, was sie gemeinsam teilen: eine Menschenwürde. Ein Philosoph aus dem 15. Jhd. Namens Pico Della Mirandola schrieb über die Menschenwürde: „Wir sind geboren worden unter der Bedingung, dass wir das sein sollen, was wir sein wollen.“

Um das zu erreichen, ist es wichtig, geschlechtergerechte Verhältnisse zu schaffen. Und das ist ein Auftrag, der sich an alle Menschen richtet.

Kinderehen

Kinderehen

Ihr Lieben, liebe Gemeinde, liebe Gäste!

Vielen Dank, dass Ihr da seid und vielen Dank, dass wir zusammen sein können, um über bestimmte Dinge nachdenken und uns Fragen stellen können.

Wofür ist eine Predigt da? Diese Frage stelle ich mir eigentlich jedes Mal, wenn ich über einer Predigt sitze oder Predigten zuhöre. Warum gibt es Predigten überhaupt, warum ist es notwendig, dass wir predigen? Was ist eine gute Predigt, was ist eine schlechte Predigt und wer bewertet das und muss man das überhaupt bewerten? Muss sie lang sein, muss sie kurz sein? Muss sie überhaupt irgendwie sein, gibt es da überhaupt ein „Muss“? Ich denke ein „Muss“ sollte es nicht geben, sie darf mal kurz sein und mal lang sein, das haben wir in unserer Gemeinde auch schon praktiziert. Der eine sagt, das war viel zu kurz, es hätte länger sein könne, der andere sagt, nein wir schlafen ja fast ein, warum so lang? All das kennen wir. Ich versuche immer, die Mitte irgendwie zu finden und Euch Anregungen zu geben, überhaupt über ein Thema nachzudenken und natürlich, um meine eigene Meinung einfließen zu lassen. Aber auch um zu schauen, was gibt es denn überhaupt in der Welt für ein Thema, um das dann mit Euch – nicht jetzt während der Predigt – aber danach zu besprechen oder einfach mal darüber nachzudenken. Und das sind oft Dinge, die täglich im Alltag passieren und uns anregen oder uns eine Idee geben für die Predigten. Und so ist das oft bei mir, dass wenn ich mich vorbereite zu einem Thema, dann etwas passiert, wo ich denke, nein ich möchte eigentlich genau darüber sprechen. Und so ist es passiert, dass ich gestern eine Beratung gemacht habe im Süden von Berlin. Sechs deutsche Frauen und Männer, die in der Beratungstätigkeit für Flüchtlinge tätig sind haben mich gebeten, sie zum Thema „Kinderehe“ zu beraten. Sie haben einen Fall, der sie fassungslos macht und sie sind ganz verzweifelt. Es war noch ein syrischer Übersetzer dabei. Und so habe ich eine Gruppe von Menschen vorgefunden, die sehr verzweifelt waren. Sehr verzweifelt darüber:

Was machen wir in einer Situation? Ein Vater – uns so erzähle ich Euch die Geschichte, was passiert ist – hat seine Tochter mit 16 Jahren einem jungen Mann übergeben, der Mitte, Ende Zwanzig ist. Er hat den Behörden gegenüber und auch diesen Menschen, die ich gestern getroffen habe, erklärt: Ich erlaube meiner Tochter bei dem Mann Soundso zu leben. Die beiden sind verlobt und sie werden dann heiraten, wenn sie 18 Jahre alt ist.

Und alle wissen, dass dieser Mann nicht darauf warten wird, bis die 16-jährige volljährig wird, dass er sie „heiratet“. Und was heißt das „heiraten“ in diesem Zusammenhang? Die Ehe vollziehen, also Geschlechtsverkehr. Die Mitarbeiterinnen dieser Einrichtung waren verzweifelt und hatten mich auch schon in der Zeit, als es passierte angerufen: Was sollen wir tun, wir sind uns so sicher, dass dort ein Kind gerade missbraucht wird. Wir sind uns so sicher, dass da eine Ehe vollzogen wird nach islamischen Verständnis, die aber für uns nicht akzeptabel ist und sie waren bei Jugendamt und haben das alles so vorgetragen. Das Jugendamt als Behörde hat gesagt, sie können nichts unternehmen, wenn der Vater damit einverstanden ist. Und als man es irgendwie geschafft hat, das Mädchen zu sprechen, hat das Mädchen gesagt, dass sie alles freiwillig macht, meine Familie will das, es ist alles in Ordnung, mit geht es gut. Auch da greift das Jugendamt nicht ein. Was passiert mit dem Kind – alle sind verzweifelt – es ist ein Kind und es entwickelt sich weiter. Es heißt, sie sei jetzt schwanger und dann heißt es, nein, sie ist doch nicht schwanger. Wie sollen wir reagieren? Wenn wir das jetzt an die große Glocke hängen, wenn wir uns jetzt darum kümmern, könnte es sein, dass dieser junge Mann, der ja jetzt ihr „Ehemann“ ist, kommt und uns das Haus zusammenschlägt. Die Angst der Behörde oder die Angst dieser Menschen, die ich gestern getroffen habe ist, dass wenn sie reagieren, ein Mann kommt und das Büro dieser Beratungsstelle auseinandernimmt.

Wie können wir jetzt darauf reagieren war die Frage. Wir haben ein langes Gespräch geführt und dieses lange Gespräch und dieses Erlebnis hat mich dazu angeregt, hier zum Thema Ehe, Sexualität, Familie überhaupt ein wenig vorzutragen. Aus den Büchern, die ich habe, aber auch meine Gedanken, die ich dazu habe. Das ist ein Einzelfall sagen viele, das ist kein Einzelfall sage ich. Vielleicht will das Mädchen das auch, sagen einige und ich sage, wer weiß, ob sie überhaupt eine Möglichkeit hat, alleine zu sprechen. Sie ist ständig unter Kontrolle. Niemand schafft es, mit ihr alleine ein Gespräch zu führen. Vielleicht schafft sie es, in einigen Jahren aus dieser Situation heraus zu kommen. Und dann gibt es welche die meinen, naja, sie macht das alles vielleicht wirklich freiwillig und dann müssen wir das akzeptieren.

Sollen wir Kinderehen hier in Deutschland akzeptieren? Und müssen wir das akzeptieren und hinnehmen und dürfen wir das nicht kritisieren, weil das im Islam so ist? Es wird ganz oft damit verteidigt: Es ist so im Islam, es ist bei uns so.

Ich habe mir viele Gedanken gemacht seit gestern und ich mache mir diese Gedanken natürlich seit 30 Jahren und immer wieder kommen wir zu dem Punkt, dass es um das Thema Sexualität geht. Im Buch der „Weisungen für Frauen“ von Abu l-Faradj Ibn al-Djauzi habe ich ein Kapitel herausgesucht, was ich vorlesen möchte. Jetzt kann jeder sagen, ach Mindermeinung existiert nicht. Aber wir müssen uns damit auseinandersetzten, dass diese Dinge in Büchern geschrieben stehen und verbreitet werden. Mein Argument, warum ich Euch das vorlese, ist nicht, dass ich das vertrete, sondern ich möchte Euch – und dafür denke ich, ist eine Predigt geeignet – ich möchte Euch etwas vortragen, was in der Welt kursiert über unseren Glauben, den Islam, über die Rolle der Frau, des Mannes und der Familie.

In Kapitel 6 heißt es hier: „Von der Beschneidung der Frau“.

Warum fange ich mit diesem groben Thema an? Weil ganz oft gesagt wird: Das hat nichts mit dem Islam zu tun. Aber wenn wir das Büchlein „Weisungen für Frauen“ haben, herausgegeben vom Verlag der Weltreligionen hier in Deutschland und wenn das übersetzt wurde, dann existiert doch sogar etwas Schriftliches darüber, dass es im Islam Beschneidungen für Frauen gibt. Nun, diese Diskussion müssen wir hier nicht weiter ausführen. Ich will Euch das nur vorlesen und nachher aus anderen Büchern noch weiter gehen:

Die Beschneidung ist Pflicht bei Mann und Frau. Über die Sitte der Beschneidung ist überliefert: In Medina gab es eine Frau, die beschnitt. Der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, sprach zu ihr:

“Beschneide nicht viel. Das ist für den Vorteil der Frau und ist für den Mann anziehend.“ Zitatende.

Es wird der Prophet hier zitiert! Es wird hier gesagt, dass ist ein Hadith, es wird gesagt, es ist vorgekommen, es ist passiert. Deshalb müssen wir uns darüber Gedanken machen.

In einem anderen Hadith heißt es:

“Media, wenn Du beschneidest, beschneide nur wenig. So wie Du auch nur wenig Parfüm aufträgst. Es macht sie angesehener und ist genussvoller für den Ehemann.

Zitatende.

Abu l-Faradj Ibn al-Djauzi sagte, dass der Grund, warum die Frauen ursprünglich beschnitten wurden, nicht darin lag, die Schönheit zu vergrößern ohne das Begehren zu schwächen, sondern allein der war, ihre Sittsamkeit zu erhöhen. Sittsamkeit ist ein Stichwort, was immer wieder Thema ist. Der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke im Heil, meinte mit seiner Rede: Beschneide nicht viel. „Das man beim Geschlecht der Frau nur so viel abschneidet, dass es ihr zu einem Grad der Mäßigung verhelfe. Denn wenn die Begierde gänzlich abnimmt, versiegt auch der Genuss. Solches aber führt zur Verminderung der Liebe zwischen den Eheleuten, die bekanntermaßen eine Fessel ist, die von Unzucht abhält.“

Der Prophet soll also gesagt haben: Bitte nicht zu viel wegschneiden, sondern nur ein bisschen, denn sonst würde die Frau nicht genießen können.

Das heißt, der Prophet sagt im Grunde genommen, die Frau soll auch genießen und deshalb bitte nicht zu viel wegnehmen, denn die Liebe, der Genuss, das fesselt ja die beiden an einander.

„Einige der ehrbaren Leute pflegten über die Beschneidung zu sagen: Beschneide nur das, was sichtbar ist. Die meisten Sittsamen sind beschnitten. Die Unzucht des Mannes und sein Verlangen zielen mehr auf indische und byzantinischen Frauen, da deren Begehren nach Männern heftiger ist. Dafür kann es keine andere Erklärung geben, als die, dass sie einen Überschuss der Haut an der Klitoris besitzen.“

Solche Sätze sind ernsthaft erst vor ein paar Monaten im türkischen Fernsehen gelaufen! Es ist nicht so, dass ich Euch hier etwas vortrage, was aus einem Schriftstück ist, das aus einem Jahrhundert kommt, auf dass wir uns nicht mehr beziehen müssen, sondern es gibt Menschen, die sich genau das herausnehmen und das im Fernsehen oder Moscheen verkünden.

„Meistens bewegt Frauen zum lesbischen Liebesspiel das Aneinander reiben der Stellen, die zur Beschneidung bestimmt sind. Weil sie dort eine herrliche Lust empfinden. Immer dann, wenn diese Stelle bei einer Frau reichlicher ausgeprägt ist, wird jener Akt genussvoller. Deswegen positionieren die geschicktesten Männer ihren Penis so, dass sie damit den Ort der Beschneidung – die Klitoris – kraftvoll berühren können, denn dort vereinen sich die Begierden.

Der Beweis, dass die Beschneidung eine Notwendigkeit ist, liegt in der Verletzung, die dadurch entsteht und in der Entblößung der Scham. Wäre es nämlich keine Notwendigkeit, würde es keinen Spielraum dafür geben.“

Die Logik erschließt sich mir nicht, aber anderen offensichtlich.

Und was im am Ende dieser Geschichte, die ich einleitend erzählt habe, passiert? Meine Überlegungen dazu sind: Da ist ein junger Mann, der sollte heiraten, er hat Bedürfnisse nach Sexualität und bevor er Unzucht begeht – und das wird an vielen Stellen auch immer gesagt – führt man ihm lieber eine Frau zu, so dass er seine Sexualität leben kann. Denn am Ende geht es darum, dass er nicht Unzucht begeht. Und wenn man von dieser Idee ausgeht – und von dieser Idee gehen viele Familien leider aus – führt man eben dem Mann eine junge Frau zu, die sich nicht wehren kann.

Und damit wären wir bei dem Thema Zwangsverheiratung und Zwangsehen.

Ist das erlaubt, ist das genehmigt? Nein, selbstverständlich nicht! Dennoch wird sehr viel und sehr gerne Bezug genommen auf die Gebote zum Heiraten und über den Vorzug der Ehe. Wie auch in dieser Überlieferung:“Wir waren jungen Männer und hatten nichts, als wir mit dem Gesandten Gottes – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – zusammen waren. Da sprach er:“ Ihr jungen Männer, wer es von euch vermag, ein Heim zu bereiten, der soll heiraten. Denn das lässt den verlangenden Blick versiegen und bewahrt das Schlecht vor Übel. Wer das nicht kann, soll fasten. Denn das Fasten hält sein Begehren im Zaum“.

Im Kapitel 63 – und damit komme ich gleich langsam zum Ende – geht es um das Gebot „Ein Mädchen zu verheiraten, wenn es volljährig ist“. Überliefert ist: „Es gibt drei Dinge, die du auf keinen Fall aufschieben darfst: Das Gebet, wenn die Zeit dafür gekommen ist, das Begräbnis, sobald es vorbereitet ist und die ehelose Frau zu verheiraten, wenn du einen geeigneten Mann für sie gefunden hast“. Der Gesandte Gottes, Gott segne ihn und schenke ihm Heil, sagte: „Wer erkennt, dass sein Kind heiratsfähig ist und die Möglichkeit hat, es zu verheiraten, tut es dann aber nicht und es geschieht etwas deswegen, so liegt die Sünde bei beiden.“

Ich erspare Euch den Rest, aber wenn wir über diese Themen diskutieren, dann deshalb, weil es die Praxis ist und die Praxis ist es deshalb, weil es Leute gibt, die diese Praxis ausüben, weil es diese Schriften dazu gibt. Und nicht, weil sie sich das eigens ausgedacht haben! Es gibt Menschen, die sich darauf berufen und meiner Ansicht nach sollte es unsere Aufgabe sein, das Narrativ der Erzählungen zu erkennen beziehungsweise wir müssen wissen, dass es das gibt, damit wir auch daran arbeiten können, etwas daran zu verändern. Das machen wir hier in unserer Moschee, was nicht bedeutet, dass wir am Ende die besseren Menschen sind. Ich will mich hier nicht als arrogant hinstellen, aber an dieser Stelle möchte ich es doch sagen: Ich finde es nicht richtig, wenn Kinder verheiratet werden und ich finde es falsch, wenn wir nicht dagegen aufbegehren. Ich finde es falsch, wenn man sich aus Angst vor der Gewalt von irgendwelchen Männern zurückhält. Denn am Ende sind das – und wenn es nur Einzelfälle sind – Menschenrechte, die da verletzt werden! Jede einzelne Frau, jedes einzelne Kind ist es wert, dass wir uns zu Wehr setzten.

In vielen Gesprächen mit Journalisten höre ich: „Wie viele sind es denn überhaupt? Es gibt doch so wenig Kinderehen, da muss man doch nicht so viel Theater machen“.

Ich habe heute Morgen ein Interview gegeben und der Journalist aus Österreich sagte: „Im Kindergarten sind es doch nur ganz wenige Mädchen, die ein Kopftuch tragen.“ Was heißt denn „ganz wenige“? Jedes einzelne Kind ist es doch wert, dass ich dagegen aufbegehre, dass ich protestiere. Warum muss es erst eine Vielzahl sein von Hunderttausenden, ab welcher Zahl gelten die Menschenrechte? Und ab welcher Zahl gilt die Liebe und Barmherzigkeit? Ab welcher Zahl setzten wir uns für Menschen ein und wenn der Begriff von Ehe, das Heiraten, wenn all das von Überlieferungen bestimmt wird, dann finde ich, ist es unsere Aufgabe, dagegen zu halten. Wir finden hier Sätze wie: “Die Ehe ist eine Sklaverei und eine Knechtschaft. Und darum soll genau geschaut werden, wer wen verheiratet. Über die Vorzüge des Heiratens sind die Meinungen der Gelehrten geteilt. Die einen übertreiben so sehr, dass sie meinen, heiraten sei besser, als sich ausschließlich den Dienste Gottes zu widmen. Andere erkennen zwar dessen Vorzüge an, meinen aber, der ausschließliche Dienst Gottes sei das bessere, vorausgesetzt, dass der Geschlechtstrieb nicht so stark ist, dass er das seelische Gleichgewicht stört und durchaus seine Befriedigung verlangt. Wieder andere behaupten, in den jetzigen Zeiten sei es besser, nicht zu heiraten. Während es früher umgekehrt war, als man beim Erwerb nicht so sehr auf der hut zu sein brauchte und die Frauen noch keinen so üblen Charakter hatten.“ Und ihr werdet in diesem gesamten Buch immer wieder finden, wie schlecht doch die Frauen eigentlich sind und dass sie gemäßigt werden müssen.

Selbstverständlich habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, was finde ich denn im Koran zum Thema Ehe. Wo finde ich eventuell den Hinweis, ob eine Jungfrau gefragt werden

darf oder nicht. Ich habe mich lange mit dem Thema Zwangsheirat beschäftigt, wie viele wissen. Und es ist sehr schwierig, dort explizit etwas zu finden. Die Frage ist immer: Was ist die Norm, was ist die Sittlichkeit, was ist die Moral um die es geht. Und auch am Ende des Tages kommen wir nicht umhin, uns Gedanken darüber zu machen, was wollen Religionen, wenn sie sich zu den Themen Ehe, Sitte und Moral äußern? Was ist eigentlich der Sinn und Zweck dahinter? Und da kann man durchaus finden, dass Dinge, wie das Anregen zur Heirat doch auch ihr Positives hatte. Wenn ich da genau ins 7. Und 8. Jahrhundert gehe und mir die Vorschriften und Formulieren anschaue, weil ich mir Gedanken mache, was war denn in dieser Zeit, wie war die Gesellschaft. Dann kommt man dazu, das bestimmte Dinge, die wir aus unserer heutigen Sicht als sehr frauenfeindlich oder menschenverachtend betrachten, vielleicht gar nicht so sind und so gedacht waren. Auch das Drängen in die Ehe. Als Familienrechtsanwältin weiß ich, dass die Idee der Verheiratung auch etwas mit der Idee der Verantwortung hatte. Dass nämlich die Frauen nicht einfach nur benutzt wurden, sondern dass die Männer Verantwortung tragen und deshalb eher die Ehe befürwortet wurde. Dass es dann aber im „Buch der Ehe“ von al Ghazali in die andere Richtung beschrieben wurde, das ist sehr viel später, im 12. Jahrhundert passiert. Deshalb wünsche ich mir – ich kann Euch nicht dazu drängen, aber deshalb wünsche ich mir, dass Ihr Euch das genauer anschaut, in welchem Jahrhundert hat al Ghazali geschrieben und wie waren die Verhältnisse vorher. Die Überlegungen waren, dass die Eheschließung für die Frauen ein Schutz sein soll, dass sie eben nicht einfach nur benutzt werden und mit ihren Kindern allein zurückgelassen werden, dass es den vielen alleinerziehenden Frauen ohne Versorgung, die es damals schon gab, nicht passieren soll. Dies war mit eine Überlegung. Und deshalb ist die Idee der Ehe nicht alles schlecht gewesen. Natürlich nicht. Im Koran heißt es dazu in Sure 2:223:

„Eure Frauen sind euer Acker. Geht zu eurem Acker, wenn ihr wünschen mögt, aber sorgt zuerst mit etwas für eure Seelen und bleibt euch Gottes bewusst und wisst, dass euch bestimmt ist, ihm zu begegnen und gebt frohe Kunde jenen, die glauben.“

In der Fußnote heißt es zu der Stelle „Aber sorgt zuerst für eure Seelen vor“: „Mit anderen Worten, eine spirituelle Beziehung zwischen Mann und Frau wird als die unverzichtbare Grundlage der sexuellen Beziehung postuliert.“

Der Vers, der oft zitiert wird „Eure Frauen sind eure Acker“ um zu belegen, dass der Islam frauenfeindlich ist, dieser Vers ist nicht nur einfach so als frauenfeindlich zu betrachten. Wenn man sich den Text genau anschaut, geht es schon durchaus in dieser Stelle darum zu sagen: „Aber sorgt zuerst mit etwas für eure Seelen vor“. Ist das jetzt eine Beschönigung, wenn ich sage, so wie auch der Kommentator Mohamed Asad sagt, dass es eine Beschönigung, ein Freisprechen sei? Nein, ich denke, dass wir uns die Texte immer mystisch und im übertragenen Sinne und in Bildern vorstellen müssen und nicht wortwörtlich nehmen können, weil es eine andere Sprache war, als die Suren offenbart wurden. Mit anderen Worten, eine spirituelle Beziehung zwischen Mann und Frau wird als die unverzichtbare Grundlage der sexuellen Beziehung postuliert. Es ist schon so, dass auf die Ehefrauen Bezug genommen wird und das Miteinander eine wichtige Rolle spielt. Nichtsdestotrotz benutzen viele Menschen genau diese Stelle, um zu sagen: „Ich als Mann habe das Recht über dich als Frau zu entscheiden.“

Es gibt noch eine andere Stelle, die ich zitieren möchte. Sure 30 Vers 22:

„Und unter seinen Wundern ist dies: Er erschafft für euch Partnerwesen aus eurer eigenen Art, auf dass er ihnen zuneigen möget. Und er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen Euch hervor. Hierin sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken.“.

Und hier haben wir im Abschluss genau das, was wir hier oft genug besprechen: Es sind die Partnerwesen, nicht Mann und Frau. Vorher war das eine Ehefrau, die explizit bezeichnet wurde, aber man muss auch da – wie gesagt – tiefer hinschauen.

Unter dieser Sure: „Unter seinen Wundern“ die Liebesbeziehung als Wunder der Schöpfung zu sehen, finde ich, könnten wir so viel mehr subsumieren. Es ist die Schöpfung des Himmels und der Erde und die Vielfalt eurer Zungen und der Farben. Wir sind so vielfältig. Und so unterschiedlich. „Und er ruft Liebe und Zärtlichkeit zwischen Euch hervor. Hierin sind fürwahr Botschaften für Leute, die denken.“.

Mütter

Mütter

Im Namen Gottes des Allerbarmers des Barmherzigen

Ich suche Zuflucht bei Gott, vor den Einflüsterungen des Teufels.

Alles Lob und aller Dank gebühren alleine Gott, dem Einen, der Niemanden neben sich hat.

Ich bezeuge, dass es nur den Einen Gott gibt,das Muhammad sein Prophet ist und dass ich alle Propheten vor ihm genauso anerkenne und achte und alle heiligen Schriften,die sie erhielten.

Mein islamischer Name ist Zahra, ich bin Muslima und seit August 2017 aktives Gemeindemitglied hier. Gott sei aller Dank dafür! Sonst sitze ich immer Freitags hier auf dem Gebetsteppich um einer Khutbah zuzuhören und heute darf ich diese Predigt halten. Dank sei Gott dafür,dass in unserer Moschee auch Frauen eine Predigt halten können. Schon viele Tage zuvor konnte ich vor Aufregung kaum schlafen und tausende Gedanken schwirrten wie kleine Vögel in meinem Kopf herum.Ich suchte nach einem Thema für meine Predigt,dabei vielen mir so viele ein, die ich sehr interessant fand und ich konnte mich einfach nicht entscheiden.Der 11. Mai, der Tag wo ich die Predigt halten sollte kam immer näher. Gott öffnete mir rechtzeitig die Augen und zeigte mir das Thema meiner ersten Khutbah. Der Vatertag war schon, aber der Muttertag liegt noch vor uns.Ist schon seltsam, das ich als Mutter diesen Tag ganz vergessen hatte.Endlich war mein Thema gefunden.Eine Mutter erinnert an alle Mütter.

Lasst mich bitte um ruhiger zu werden ein kurzes Bittgebet vom Prophet Moses (a.)aus dem heiligen Quran, Sure 20 Ta Ha Verse 25-28 rezitieren:

„Mein Herr, weite mir meine Brust, und mache mir meine Angelegenheit leicht. Und löse die Knoten in meiner Zunge, so dass sie meine Worte verstehen.“

Am Sonntag ist zu Ehren aller Mütter wieder Muttertag, wie jedes Jahr. Wir in Deutschland feiern ihn jeden 2. Sonntag im Mai. 1922/23 wurde dieser Tag durch den Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber mit Plakaten „Ehrt die Mutter“ in den Schaufenstern etabliert und – betont unpolitisch – als Tag der Blumenwünsche gefeiert.

Auf der ganzen Welt feiert man diesen Tag zu unterschiedlichen Zeiten. Z.B. ist er in Belgien im August zu Mariä Himmerlfahrt. Im Iran ist der Muttertag zugleich der Geburtstag von Fatima Zahra (a.) der Tochter des Propheten Muhammad(s) und in anderen Ländern feiert man diesen Tag nicht extra, sondern verbindet ihn mit dem Frauentag. Z.B. Macht man das in Afghanistan, Bulgarien.

Ich finde, dass es nicht wichtig ist, wann man ihn begeht, sondern das man an alle Mütter denkt! Egal wann!

Eigentlich sollte jedes Kind täglich an seiner Mutter denken und sie ehren, nicht nur einmal im Jahr. Im Islam ist jeder Tag ein Ehrentag für beide Eltern, denn

im heiligen Quran, in Sure 17, Vers 23 steht:

„Und dein Herr hat befohlen: „Verehrt keinen, außer ihm, und (erweist) den Eltern Güte. Wenn ein Elternteil oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sage dass nicht ‚Pfui!‘ zu ihnen und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen in ehrerbietiger Weise.“

Prophet Muhammad (s.a.s.) wurde einmal gefragt:

„Oh Prophet Allahs! Wer verdient meine Gesellschaft und Fürsorge am meisten?“ Allahs Prophet (Allahs Sehen und Frieden auf ihm und seiner Familie) antwortete:

„Es ist deine Mutter.“ Der Mann fragte: ‚Und wer dann?‘ Er (s.) sagte: „Deine Mutter.“ Wieder fragte der Mann: ‚Und wer kommt dann?‘ Er (s.). sagte: „Deine Mutter.“ Der Mann fragte wieder: ‚Und wer kommt dann?‘ Er (s.) sagte: „Dein Vater, dann der nächste und der nächste.“ (Dieser Hadith wurde von Buchari und Muslim berichtet.)

Diese Überlieferung zeigt doch die hohe Stellung einer Mutter und diese wird noch durch eine weitere Überlieferung bestärkt, wo unser Prophet (Friede sei mit ihm und seiner Familie sagte:

„Das Paradies liegt zu Füßen der Mütter!“

Gott segne Muhammad und die Familie Muhammads!

Eine Mutter trägt ihr Kind 9 Monate unter ihrem Herzen. Sie schützt es in dieser Zeit mit ihrem Körper und versorgt es mit ihrer Nahrung. Sie ist mit dem noch Ungeborenen durch eine Nabelschnur verbunden. Eine Mutter bringt das Baby zur Welt. Danach ist sie wieder es, die ihm Nahrung gibt und die sich um das Neugeborene kümmert bis es groß ist und selbstständig wurde.

Der Islam misst der Rolle der Frauen als Mutter eine sehr große Bedeutung bei, denn gemäß seiner Lehre liegt das Schicksal der Gesellschaft in der Hand der Mütter und sie gelten als das wichtigste Element für die Entfaltung der Mitglieder einer Gesellschaft.

Eine Mutter übt als Erzieherin einen wesentlichen Einfluss auf ihre Kinder aus, das Kind ahmt sie nach und richtet sich nach ihrem Verhalten. Somit haben die Mütter eine große Verantwortung, dessen sich manche gar nicht so richtig bewusst sind. Die Mutter ist es zumeist, die den Kleinen das sprechen beibringt oder das sitzen, stehen und laufen. Die Mutter zeigt dem Kind, wie es essen soll und so vieles mehr. Eine liebevolle, fürsorgliche Mutter wird dem Kind sehr viel Liebe und Zuversicht mit auf seinem Wege geben. Es heißt nicht umsonst, das die Kinder, das Spiegelbild der Eltern sind.

Ich möchte hier in dieser Predigt auch kurz an die „Mütter der Gläubigen“ erinnern.

Als Mütter der Gläubigen werden die 13 Ehefragen des Propheten Muhammad (s.), gemäß dem 7. Vers aus dem Heiligen Quran von der Sure 33: Die Gruppierungen/al Ahzab bezeichnet:

„Der Prophet steht den Gläubigen näher als sie sich selbst, und seine Frauen sind ihre Mütter …“

„Die Mütter der Gläubigen“ hatten eine wichtige Funktion in der jungen islamischen Gemeinschaft. Sie unterwiesen vor allem Frauen, manchmal auch Männer in geistigen Dingen, überlieferten und erläuterten Lehren des Propheten Muhammad (s.) in allen Lebensbereichen, halfen Kranken und Niedergeschlagenen und dienten der Sache des Islam auf vielerlei Art und Weise. Der Lebenslauf von allen Müttern der Gläubigen, gab nicht nur Einblicke in deren Familienleben und ihren Lebensumständen der damaligen Zeit, sondern zeigte auch ein anschauliches Beispiel für die Rolle der Frauen bei der Ausbreitung des Islam und war ein Schlüssel zum Verständnis vieler Quellentexte. Nach dem Ableben des Propheten durften die Frauen ihre Räumlichkeiten nicht mehr verlassen auch keine neue Ehe mehr eingehen, während normalerweise eine Witwe nach Ablauf der vorgeschriebenen Wartezeit wieder heiraten konnte. Damit sollte die hohe Stellung als „Mütter der Gläubigen“ nochmals gefestigt werden.

Gott möge Ihnen allen Frieden schenken!

Möge Gott, Al-Mu’min (der Wahrer der Sicherheit), der Barmherzigste allen Müttern auf der ganzen Erde, Sein Licht und Seine Liebe in Ihre Herzen legen!, damit Sie ihre Kinder mit viel Liebe und Licht und Achtung gegenüber andersdenkenden Menschen erziehen!

Alles Lob und aller Dank gebühren alleine Allah, unserem Gott, dem Herrscher am Tage des Gerichts.

Ihm alleine dienen wir und Ihn alleine beten wir an!

Friede sei auf Muhammad und seiner Familie, so wie auf allen Menschen, die Gutes tun und Schlechtes verbieten und die Frieden schaffen!

Einen gesegneten Freitag allen hier im Raum!

Herausragende Frauen im Islam

Herausragende Frauen im Islam

Bismillahir/Rahmanir/Rahim
Im Namen Allâhs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Al salam alykum wa rahmatullah wa barakatuh –
Der Friede sei mit euch, die Barmherzigkeit Allâhs und Sein Segen!

Sure al-‚Alaq (Das Sich Anklammernde/die Keimzelle), Aya 1-5:

  1. Lies! Im Namen deines Herrn, Der erschuf –
  2. Erschuf den Menschen aus einem sich Anklammernden.
  3. Lies! Denn dein Herr ist gütig,
  4. Der durch die (Schreib-)Feder gelehrt hat –
  5. Den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.

Ein Ausspruch des Propheten Muhammad (Gott segne ihn und schenke ihm Heil), lautete: „Das Streben nach Wissen ist Pflicht für muslimische Männer und muslimische Frauen.“ Aber wenn wir in unseren Bücherregalen nach einem islamischen Buch sehen, finden wir unter anderem Hadith-Werke von Bukhari und Muslim, einige Werke von Ghazali, Ibn Arabi, etliche Werke über die Sira des Propheten, aber alles von Männern geschrieben. Wenn wir von den Sahabia sprechen, dann fallen uns ganz schnell Namen ein wie: Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali, alles Männernamen. Fast zaghaft sagen wir dann noch Khadidscha, `Aischa Fatima, – als Ehefrauen und Tochter. Wo sind die Frauen, die die islamische Welt mitgeprägt haben, die Sahabiat?

Ja, es gab sie! Ihre Namen und ihre Bedeutungen sind nur in den vergangenen Jahrhunderten bis auf einige wenige vergessen worden, besonders in den letzten beiden Jahrhunderten, in denen die Männerherrschaft dominierte und die Frauen fast namenlos blieben.

Gott als der Schöpfer erschuf Männer und Frauen als ebenbürtige Wesen aus einer Seele. „O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, Der euch erschaffen hat aus einem einzigen Wesen; und aus ihm erschuf Er seine Gattin, und aus den beiden ließ Er viele Männer und Frauen entstehen. (…) . Wahrlich, Allah wacht über euch.“ (4:1)

Begeben wir uns also auf den Weg in die Geschichte, erkunden wir, wie Frauen nach Wissen strebten und als bedeutende Gelehrtinnen wirkten. Ich möchte sie heute anlässlich des gestrigen Internationalen Frauentages ehren.

Laut Bukhari sagte der Prophet- salla Allahu 3alayhi wa salam): „Wer auch immer mit der Absicht, nach Wissen zu streben, einem Weg folgt, dem wird Allâh den Weg ins Paradies erleichtern.“

Der Qur’an und die Hadithe (die überlieferten Aussagen des Propheten) ermutigten Frauen wie Männer, nach Wissen zu suchen. Auch die Frauen haben wesentliche Beiträge zur Erziehung und auf vielen anderen Gebieten geleistet. Die erste und wichtigste unter ihnen war ‘Aischa, eine der Ehefrauen des Propheten und die Frau mit dem meisten Wissen in den ersten Jahrzehnten des Beginns der islamischen Zeit. ‘Aischa verfügte über einen außerordentlichen Verstand und ein hervorragendes Gedächtnis. Sie gilt unter den sunnitischen Muslimen als eine der verlässlichsten Quellen und als erste Lehrerin für Hadithe. Sie hatte Wissen vom Koran, den Anteilen des Erbrechts, den erlaubten und verbotenen Dingen, Dichtung, Literatur, Arabische Geschichte, Abstammungslehre und Medizin im Allgemeinen.

Die erste Madrassa (Schule) für Frauen mit einer Lehrerin wurde im Haus von ‘Aisha gegründet. Auch Männer konnten an ihrem Unterricht teilnehmen.

Sowohl Männer als auch Frauen nahmen also an ihrem Unterricht teil.

Sie kannte den gesamten Koran auswendig und war Zeugin vieler Ereignisse der frühen Geschichte des Islam, die sie weitergab. Dank ihrer Überlieferungen wissen wir viele Details aus dem privaten sowie öffentlichem Leben des Propheten, es gibt über 2000 Ahadith (Aussprüche, Anweisungen und Handlungen des Propheten.

Als der Prophet starb, war `Aisha war erst 18 Jahre alt, galt jedoch bereits als religiöse Gelehrtin. Über die nächsten vier Jahrzehnte bis zu ihrem Tod, wurde sie von Muslimen konsultiert wegen ihres beträchtlichen Wissens und Verständnisses des Qur’an, der islamischen Rechtsprechung (Fiqh), der islamischen Lehren und Traditionen (Sunnah). Dank ihr gab es also schon eine Reihe von weiblichen Gelehrtinnen.

Zum Beispiel war ‘Aischas Schülerin und enge Freundin, Amra bint ‘Abdurahman eine herausragende Gelehrte, deren Lehrmeinungen diejenigen anderer ‘Ulama‘- Gelehrte überragten. Sie gilt als erste Quelle bei drei Rechtsfragen: das Verbot der Öffnung von Gräbern, die Untersagung des Verkaufs unreifer Früchte sowie die Auswirkungen von beschädigter Ernten beim Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Das waren damals wichtige Punkte.

In den Überlieferungsketten des Ahadith gehörten auch Frauen, wenn auch nicht viele.

Dennoch haben sie sich große Verdienste im Tradierungswesen der Ḥadiṯhwissenschaft erworben.

z.B. die Hadithgelehrte Shuhda bint Abi Nasr Ahmad al-Ibari (gest. 1178) wird als eine der besten Gelehrten ihrer Zeit bezeichnet. Sie unterrichtete unter anderem die Hadithwerke von Bukhari und hatte eine große Anzahl von Schülern in Bagdad. Sie war unter den Namen “al-Katiba” (die Schreiberin) aufgrund ihrer Kalligrafiekünste bekannt. Shuhda wird bei Ibn Khallikan folgendermaßen beschrieben: „Shuhda gehörte zu der Art Gelehrter, die auch über eine sehr gute Handschrift verfügten. Viele Leute “hörten” und lernten von ihr. Sie hatte deshalb eine große Anhängerschaft und ihr Publikum bestand aus Jungen und Alten. Sie wurde sehr bekannt und ihre Berühmtheit sprach sich weit herum.”

Der Gelehrte al-ʿAsqalānī (1449) beschreibt in seinem biographischen Werk für das vierzehnte Jahrhundert die Biographie von 170 Gelehrtinnen, unter anderem auch von Zaynab bint al- Kamāl (1339), die in Damaskus unter der mamlukischen Dynastie lebte und in ihren späteren Lebensjahren eine große Anerkennung als Lehrerin in der Ḥadithwissenschaft genoss. Aufgrund ihrer zahlreichen Lehrdiplome (ijazas), wurde ihr der Titel ‚musnidat ad-dunya‘ zugeschrieben.

Nafisa bint al-Hasan (762-824) ist die Großenkelin des Propheten und die Tochter von al-Hasan ibn ‘Ali Sie kannte den Koran auswendig und kannte sich auch im Kommentieren des Korans (Tafsir) aus und auch in rechtlichen Fragen. Sie wuchs in Medina auf und zog später, nach ihrer Eheschließung mit Ishaq ibn Ja’far, nach Fustat , dem Vorläufer von Kairo. Sie hielt öffentlichen Unterricht, an dem auch Imam ash-Shafi’i und verschiedene zu der Zeit berühmten Gelehrten teilnahmen. In seinem letzten Willen verfügte ash-Shafi’i, dass seine Totenbahre auf dem Weg zum Friedhof an ihrem Haus innehielt. Er war Begründer einer der vier – heute bestehenden – Rechtsschulen des Islam. In Kairo habe ich ihre Moschee besucht, sie wird noch heute in Ägypten als Volksheilige des Islam verehrt.

Aisha bint ‘Ali (1259-1336) war eine hanbalitische Gelehrte aus Kairo. Sie lernte zunächst von ihrem Großvater und erhielt später auch Lehrlizenzen (Ijaza) von anderen Gelehrten aus Syrien und Ägypten. Außer dem Koran studierte sie Kalligrafie, Geschichte, Sira, Poesie und Recht. Unter ihren Studenten waren Ibn Hajar al-Asqalani, der sie für ihre ausgezeichnete Schrift rühmte und al-Maqrizi, der sie für ihren Verstand, ihr Gedächtnis und ihren Intellekt hoch lobte.

Eine wichtige Rechtsgelehrtin war Fatima bint Abbas b. Abu l-Fath (1314) dar, die selbst von dem berühmten und widersprüchlichen Theologen Ibn Taimiya aufgrund ihres Intellekts bewundert wurde. Ferner beschreibt sie der bekannte Gelehrte Ibn Rağab als die ‚Einzigartigste ihrer Zeit‘.

Eine der ersten bedeutenden Frauengestalten im Tasawwuf war Rabi’a Al-Adawijja (713-801). Tasawwuf ist eine Sammelbezeichnung für Strömungen, die asketische Tendenzen und eine spirituelle Orientierung aufweisen, die oft mit dem Wort Mystik bezeichnet wird. Im umfassenderen Sinn bedeutet Tasawwuf die Vervollkommnung von Iman (Glaube an Gott -Seine Engel, Seine Bücher, Seine Propheten, und an den Letzten Tag, und an die Göttliche Vorsehung) und Islam (Bezeugung, dass es keine Gottheit gibt außer Gott), die durch Ihsan (Zustand, als ob du Gott sähest, und wenn du Ihn auch nicht siehst, so sieht Er doch dich) ­erlangt wird. Rabi’as Ausgangspunkt war weder die Furcht vor der Hölle, noch der Wunsch nach dem ­Paradies, sondern nur die Liebe. „Allah ist Allah“, sagte sie, „und dafür liebe ich Allah (…) nicht wegen irgendwelcher Gaben, sondern um Seiner Selbst willen.“ Es gibt einige wundervolle Geschichten über Rabi’a und ihren Zeitgenossen, den berühmten Gelehrten und Schaikh Al-Hasan Al-Basri. Er sagte über sie: „Ich verbrachte eine ganze Nacht und einen Tag mit Rabi’a – über den Weg und die Wahrheit sprechend – und es kam mir niemals in den Sinn, dass ich ein Mann war, noch kam es ihr in den Sinn, dass sie eine Frau war; und am Ende, als ich sie anschaute, sah ich mich selbst als spirituell bankrott und Rabi’a als wahrhaft aufrichtig.“

Die islamische Geschichte zeigt, dass die frühen muslimischen Gesellschaften weibliche Gelehrten als religiöse Autoritäten respektierten und ihnen Qualifikation und die Kompetenz der Unterweisungen zusprachen. Ihre Unterweisungen wurden in Häusern und Moscheen durchgeführt, in Bereichen wie Geschichte, Logik, Literatur, Ethik und Philosophie. In staatliche oder offizielle Ämter wurden sie allerdings weniger eingebunden.

Die vielen starken Frauen in der islamischen Geschichte sind vergessen. Hiermit wollte ich sie und die vielen Namenlosen ehren.

Wenn ich an heutige großartige Frauenpersönlichkeiten denke, dann steht das pakistanische Mädchen Malala an erster Stelle.

Mit 11 Jahren schrieb sie heimlich einen Blog bei der BBC. Sie informierte darüber, was in ihrer Region geschah, seit die Taliban an die Macht gekommen waren. Ein Journalist interviewte Malala im Fernsehen. Dadurch wurde sie bekannt. Mit ihren Ansichten über das Schulrecht für Mädchen machte Malala sich Feinde in ihrer Heimat. Malala wurde im Oktober 2012 in ihrer Heimatstadt Mingora im Schulbus von zwei Taliban-Mitgliedern in Kopf und Schulter geschossen. Sie überlebte den Angriff knapp, wurde anschließend in einem Krankenhaus in Birmingham behandelt. Die Familie hatte Angst, nach Pakistan zurückzukehren, nachdem die Taliban Drohungen ausgesprochen hatten. Sie setzte sich vor allem für das Recht von Mädchen auf Bildung ein. 2014 wurde ihr der Friedensnobelpreis zuerkannt.

Anfangs waren die Pakistaner im ganzen Land schockiert und beteten für ihre Heilung, die Politiker im Lande lamentierten laut gegen ihre brutalen Attentäter. Doch diese erste Solidarität mit der damals 15-Jährigen verblasste schnell, während sich das Land gleichzeitig radikalisierte.

Inzwischen ist Malala für viele Pakistaner nicht mehr eine der ihren, der Unrecht geschah, und die unterstützt und beschützt werden muss, sondern eine Verräterin, eine Abtrünnige, eine, die Schmutz und Schande über die Heimat bringt. Die einen nennen sie Agentin des Westens, die anderen halten sie für eine politische Schachfigur, die dafür ausgenutzt wird, Pakistan und den gesamten Islam in Misskredit zu bringen.

 Fatima Grimm war eine der ersten Konvertitin in Deutschland. Sie war eine unabhängige deutsche Muslimin, gebildet, wortgewandt und mitfühlend, voller Verständnis für das Unverständnis der Anderen, nie belehrend, nie abweisend. Sie  nahm die Menschen, wie sie sie waren, war nie dogmatisch, sondern begegnete jedem freundlich und wertschätzend. Sie wurde meine beste muslimische Freundin, beriet mich beim Schreiben eines meiner Bücher. Ihr wahrscheinlich größtes Vermächtnis ist die Übersetzung des Korans mit ausführlichen Kommentaren. Dies ist die erste deutsche Übersetzung, die gemeinsam von sunnitischen und schiitischen Muslimen erarbeitet und herausgegeben wurde. Dieses Werk gehört zu einem neuen Kapitel der deutschen Koranrezeption. Fatima Grimm hat den deutschen Muslimen Wissen und Worte zu ihren religiösen Schriften gegeben. Am 6. Mai 2013 ist Fatima Grimm im Alter von 78 Jahren gestorben. Sie ist ein großer Verlust für die deutsche muslimische Gemeinschaft – Von Gott kommen wir und zu ihm kehren wir zurück. Möge Er mit ihr zufrieden sein.

Halima Krausen – ein Vorbild für deutsche Muslime

Sie ist eine, die es in Deutschland sogar in religiöse Ämter schaffte, sie zählt weltweit zu den wenigen Imaminnen, sie ist Imamin an der Moschee zur Schönen Aussicht in Hamburg. In Hamburg betreut sie die deutsche Gemeinde der Moschee an der Außenalster. Halima Krausen wollte sich keiner Konfession oder Gruppe zuordnen lassen. Ihr war vor allem das eigenständige Denken wichtig.

Sie sagte, dass die Vernunft eine Gabe Gottes sei. Sie ermögliche es dem Menschen, Zusammenhänge zu erkennen, sich selber einzuordnen in ein Gesamtes und Schlussfolgerungen zu ziehen, vor allem, wenn es um ethisches Verhalten geht. Und damit ist nicht einfach der Verstand gemeint, sondern unter Vernunft versteht sie auch etwas Ganzheitliches.

       Von ihrem Vorgänger, Imam Mehdi Razvi, hat sie auch Ihre Lehrbefugnis erhalten. Es war ein großartiger Schritt, als sie nach seinem Tod 2013 seine Nachfolge antrat – als erste Imamin Deutschlands.

Seit 2014 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg und der Akademie der Weltreligionen tätig.

Es gibt heute viele muslimische Frauen in Deutschland, die still und ohne Aufsehen erregend für einen liberalen Islam arbeiten. Die beiden Genannten habe ich stellvertretend für sie ausgewählt.