Feiertage

Ramadan

Ramadan

Ramadan ist die höchste Schule des Lebens.
Diese gesegnete Fastenzeit ist ein wertvolles Geschenk des Himmels an unser Leben. Die Lektionen Ramadans AlMoubarak sind einmal im Jahr wie eine Erfrischungskur für unser Denken, unser Fühlen, unser Verhalten, unsere Taten, unser Glauben und unser Leben.
Ramadan AlMoubarak ist die Zeit des Fastens, des Verzichts, der Enthaltsamkeit, der inneren Reinigung, des Nachdenkens, der Kraft und des Energietankens, des gesunden Lebens.
Ramadan AlMoubarak ist viel mehr als Verzicht auf Essen und Trinken, auf Egoismus, auf Überfluss und auf Verschwendung und Missachtung unserer Lebensgrundlagen. Ramadan AlMoubarak lehrt und vermittelt uns das Gefühl der Wertschätzung und Dankbarkeit.

In vielen Gegenden dieser Welt ist ein Tropfen sauberes Wasser mehr wert als Geld, und eine Handvoll Reis am Tag rettet ein Menschenleben.
Ramadan AlMoubarak lehrt uns, wie gut es uns geht, und vor allem, Mitgefühl für die Menschen, denen es schlecht geht und die in katastrophaler Armut leben müssen. Zumal unser Wohlstand und unser Wohlergehen auf Kosten und durch Ausbeutung der
ärmsten der Armen beruht. Ramadan AlMoubarak lehrt uns die Gemeinsamkeiten. Alle Gläubigen fasten, beten und
feiern als eine große Familie. Ramadan AlMoubarak lehrt uns abzugeben und zu spenden. Ramadan AlMoubarak ist ein Monat voller gesegneter Geschenke an unsere Gesundheit und unser Leben. In dieser Zeit tanken wir viele positive Energie, Liebe und Glücksgefühle.
Ramadan AlMoubarak ist eine gesunde Quelle.
Ramadan AlMoubarak ist der Frühling des Lebens.

Weltweit kennen viele Religionen das Fasten als Zeremonie, die zur Reinheit und Erleuchtung führen soll. Das Fasten sollte eine Zeit des Betens und des Verzichts auf alle Genüsse sein.
Die Fastenzeit ist Einkehr, Umkehr und Besinnung. Eine Zeitlang auf Gewohntes verzichten ist mehr, als eine alte Tradition.
Es gibt zahlreiche Heilfastenarten und Fastenkuren. Die Natur fastet auch. Bei den Tieren, z.B. zur Brutzeit, beim Winterschlaf und auf ihren Zügen.
Auch Bäume und Pflanzen „fasten“ zu bestimmten Jahreszeiten.
Medizinisch gesehen wird Fasten als die unblutige Operation der Inneren Medizin bezeichnet. Es gibt kaum eine andere Heilmethode, die den Organismus so positiv beeinflusst wie das Fasten.
Das Fasten bewirkt eine Umstimmung und Veränderung des körperlichen und geistig-seelischen Zustands. Es werden die körpereigenen und seelischen Selbstheilungskräfte angeregt, d.h. die Aktivierung des inneren Arztes.
Ich wünsche alle Fastenden eine gesegnete und gesunde Fastenzeit.
Unsere Gedanken und Gefühle sind auch bei Allen, die aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen nicht fasten dürfen oder können.
Zum Ramadan gehören Spenden. Wer nicht spenden kann, der kann zum Spenden aufrufen und wird von Gott genauso gesegnet und geschätzt.
Wir danken Allah, dass wir fasten können und dürfen.
Gott segne Euer Fasten, Eure Gesundheit, Eure Gebete und Euer Leben.

Ramadan

Ramadan

Seit einigen Tagen befinden wir uns im Monat Ramadan, im Islam ein ganz besonderer Monat. Deshalb heißt mein heutiges Thema auch Ramadan. Aus dem Grunde ist es auch wichtig, uns die Zeilen, die im Koran über diese Zeit stehen, in unser Gedächtnis zurückzurufen.

Sure Al-Baqara: 183-185: „Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget.

Es sind nur eine bestimmte Anzahl von Tagen. Aber wer immer von euch krank ist oder auf einer Reise, soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten, und in solchen Fällen obliegt es jenen, die es sich leisten können, ein Opfer durch Speisung eines Bedürftigen zu bringen. Und wer immer mehr Gutes tut, als er zu tun verpflichtet ist, tut sich damit selbst Gutes; denn zu fasten ist euch selbst Gutes zu tun – wenn ihr es nur wüsstet.

Es war der Monat Ramadan, in dem der Koran zuerst von droben erteilt wurde, als Rechtleitung für den Menschen und evidenter Beweis dieser Rechtleitung und als Maßstab, mit dem das Wahre vom Falschen zu unterscheiden ist. Darum, wer immer von euch dessen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten. Aber wer krank ist oder auf einer Reise, soll stattdessen die gleiche Anzahl dafür von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet. Aber Er wünscht, dass ihr die Anzahl der erforderlichen Tage vervollständigt, und dass ihr Gott lobpreist, dass Er euch rechtgeleitet hat, und dass ihr Ihm euren Dank abstattet.“

Eigentlich alles, was wir bedenken, tun oder lassen müssen, wie wir uns zu verhalten haben, kommen in diesen Versen zum Ausdruck.

Aber warum verlangt eigentlich Gott, dass wir einen ganzen Monat lang fasten? Was hat Gott vom Fasten des Menschen und was hat der Mensch davon, sich für einen relativ langen Zeitraum sich abzumühen, auf Sparflamme zu bleiben? In den vorangegangenen Versen finden wir die Antwort: Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget. Auch der Prophete Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn hat darauf eine Antwort. Er zeigte, als seine Kameraden ihn danach fragten, auf sein Herz und sagte: „Es gibt einen Teil in unserem Körper, dessen Gesundheit bedeutet, dass auch der Rest des Körpers gesund, und dessen Krankheit bedeutet, dass auch der Rest des Körpers krank ist. Es ist das Herz.“

Es meinte damit die seelische und spirituelle Gesundheit und damit den Charakter, das Handeln und die Ausgeglichenheit derjenigen Person. Es geht beim Fasten also nicht um die Strapazen, wenn man Durst oder Hunger kaum noch ertragen kann. Gott gibt uns damit die Möglichkeit, sich mit seinem Inneren auseinanderzusetzen und das klappt nicht oder nur unzureichend, wenn das Fasten nur für eine kurze Zeit wäre. Natürlich ist auch die Erfahrung, Tag für Tag Hunger zu haben wichtig. Es ist nicht das Verständnis für die stets Hungernden, denn von ihnen wird das gleiche Fasten verlangt. Es ist vielmehr das Nachdenken über seine Beziehung zu Gott, zu dessen Schöpfung und über sich selbst.

Es ist das Fasten des Herzens.

Bei Ahmad lesen wir den Hadith: „Wenn der Fastende Lügen, unaufrichtiges und unverantwortliches Handeln nicht unterlässt, braucht Gott nicht von ihm, dass er auf sein Essen und Trinken beim Fasten verzichtet.“ Ich möchte den Satz einmal ganz krass übersetzen: Vielleicht musste Gott zu dieser Kraftanstrengung greifen, um dem Menschen klar zu machen, was richtiges und wahrheitsgemäßes Handeln bedeutet. Gott sagt vielleicht (in Anführungsstrichen): Ok, wenn du nicht willst, dann lasse es! Ich brauche es nicht von dir, aber dir gehen bestimmt später ein paar Pluspunkte verloren.

Noch einmal wiederholt: Das Ziel dieser langen Dauer des Fastens und sicher auch die damit verbundene Härte ist also eine innere, spirituelle Reinigung. Es beinhaltet eine anspruchsvolle Übung zur Selbstbeherrschung.

Das, was Gott von uns mit dem Fasten verlangt, ist das Läutern unseres Herzens durch Selbstkritik und Selbstreflexion.

Nicht nur das Herz fastet, auch die Zunge. Für sie gilt es, sich von jeglicher Form der schlechten Rede zu enthalten. Das bedeutet: Kein schlechtes Gerede über jemanden, kein Lästern, Fluchen, Beleidigen. Übrigens gilt das auch für jeden Tag, aber im Ramadan ist es besser, auf jedes Wort zu achten als eine Voraussetzung für die Reinheit des Herzens.

Weiter geht es in der Sure 2 Vers 186: „Und wenn mein Diener dich nach Mir fragt- siehe, ich bin nahe; ich erhöre den Ruf dessen, der ruft, wann er immer zu Mir ruft: so sollen sie denn auf Mich hören und an Mich glauben, auf dass sie dem rechten Weg folgen mögen.

Es ist die Zeit des Bewusstseins von Gottes Anwesenheit.

Gott wird immer antworten, sicher nicht gleich, denn Er weiß am besten, wann seine Hilfe, seine Antwort vonnöten ist. Jemand mit einem starken Gottesbewusstsein lebt stets sein Leben im Bemühen, nur diejenigen Dinge zu tun, die Gott gefallen. Das Bitten und Fragen bei Gott bezieht sich aber gewiss nicht nur auf diesen besonderen Monat, sondern gilt für alle Tage.

Abu Huraira überlieferte vom Gesandten Allahs, dass Allah sagte: „Jede Handlung des Sohnes von Adam gehört ihm selbst, außer dem Fasten. Es ist Mein, und Ich werde ihn dafür entlohnen. Das Fasten ist ein Schutz. Wenn einer von euch fastet, soll er weder unsittlich noch zu laut sprechen, und wenn ihn jemand beleidigt oder herausfordert, dann soll er sagen: ‘Ich faste.’ Bei Dem, in Dessen Hand die Seele von Muhammad ist, der Atem desjenigen, der fastet, ist bei Allah genehmer als der Duft von Moschus. Der Fastende hat zwei Freuden: Wenn er sein Fasten bricht, erholt er sich, und wenn er seinem Herrn gegenübersteht, hat er Freude an seinem Fasten.“

Der Monat Ramadan bietet dem Menschen die Gelegenheit, intensiver in sich hineinzuschauen, sich von belastenden Gedanken frei zu machen, Ruhe zu finden, wieder zu sich zu kommen, auf den Boden der Tatsachen. In einem Hadith von Ahmad kann man lesen: „Wer richtig fastet, ist nach dem Fasten wie am Tag seiner Geburt.“

Ramadan ist eine Reise in die Tiefe seines eigenen Herzens und Bewusstseins, ein selbstkritisches und ehrliches Nachfragen und Überarbeiten. Das ist das eigentliche Ziel und das der Prophet – Frieden und Segen auf ihn- mit dem großen Dschihad beschrieben hat: al-dschihadu fiy sabil-illah- die Anstrengung auf Gottes Weg“.

Es ist der eigentliche Kampf gegen das Böse im Herzen des eigenen Ichs, die innere Läuterung zur moralischen Vervollkommnung.

Das ist die wichtigste Bedeutung des Fastens, und nicht die körperliche Anstrengung. Aber dabei lernt man den Hunger und den Durst zu beherrschen und stärkt den Willen des Menschen. Der Mensch. Er entdeckt sich neu. Er entdeckt vielleicht neue, vorher nicht geahnte Kräfte und entfaltet sie. Durch das Fasten kann er zu einer neuen Willenskraft finden und sie stärken, um schlechte Eigenschaften zu erkennen und zu überwinden und seine guten Eigenschaften zu stärken.

Etwas aus der wissenschaftlichen Forschung, Thema Fasten: Der Darm ist innen mit einer Zellschicht ausgekleidet, die etwa alle fünf Tage durch Stammzellen erneuert wird. Das ermöglicht eine schnelle Geweberegeneration z.B. nach einer Darmerkrankung. Allerdings lässt diese Fähigkeit im Alter nach. Jetzt konnten amerikanische Forscher bei Mäusen nachweisen, dass eine nur 24-stündige Fastenperiode ausreicht, um die altersbedingt verringerte Aktivität dieser Stammzellen zu reaktivieren. Entscheidend dafür war, dass das kurzzeitige Hungern den Fettabbau in den Zellen verstärkte, Das Fasten aktiviert einen Schalter im Stoffwechsel der Darmstammzellen, so dass sie statt Kohlenhydraten Fett verbrennen. Jetzt weiß ich, dass das Fasten hin und wieder guttut.

In den letzten zehn Nächten im Ramadan kommt Lailatu’l-Qadr, die ‚Nacht der Macht‘, die Nacht des Schicksals, von der Gott sagt, dass sie besser als tausend Monate sei. Es ist die Nacht, in der ein Teil des Korans vor vielen Jahrzehnten zum ersten Mal dem Propheten Mohammad, Friede und Segen Gottes auf ihn, offenbart wurde. In dieser Nacht steigen die Engel von den Himmeln herab.

Es ist gute Sitte unter den Muslimen, in dieser Nacht Gott in Bittgebeten anzuflehen und auch gemeinsam das Tarawih-Gebet abzuhalten. Der Gesandte Allahs sagte, dass ein Du’a, welches in der Lailatu’l-Qadr gesprochen wird, von Allah angenommen wird und die Fehler des Bittenden vergeben werden. Aber ohne das Bezahlen der Zakat Al-Fitr und für das ‘Id (Feiertags)-Gebet am Ende des Monats ist der Ramadan nicht vollständig und wird von Allah nicht angenommen. Das sollte man also nicht vergessen.

Was bedeutet eigentlich das Wort Ramadan?

Es leitet sich von ‚ramad‘ ab, was so viel bedeutet: ‚von der Sonne intensiv erhitzt‘. ‚Das Wort ‚ramda‘ bezeichnet die ‚Hitze der Sonne‘. Ramadan könnte also bedeuten: die falschen und schlechten Handlungen der Gläubigen verbrennen.

Imam Al-Qurtubi, er war einer der hervorragendsten islamischen Wissenschaftler Andalusiens im 13. Jh., sagte: „Er (der Monat) wurde Ramadan genannt, weil er die falschen Handlungen der Leute durch rechtschaffene Taten verbrennt“. Also schlechte Handlungen werden durch gute ersetzt. (Aber es muss wenigstens eine gute Tat überwiegen.)

Was bedeutet dieser Monat noch? Es ist einer der Monate des Friedens.

Es betrifft die Menschen, die Gemeinschaft. Der Ramadan ist eine Zeit, die die Gemeinschaft aller Menschen, aber insbesondere die der Muslime, wiederbelebt und kräftigt und den Glauben stärkt. Und wir sind aufgerufen, uns von allen Streitereien, Anfeindungen fern zu halten, keine Missgunst auf jemandem zu haben, (vielleicht in der Arbeitswelt), den Nachbarn nicht mehr scheel anzusehen. Wie wäre es, ihn vielleicht mit einem Blumenstrauß zu überraschen, zumindest mit einem netten Gruß. Ihr werdet sehen, wie man auch eingefleischte Miesepeter verblüffen kann. Vielleicht klappt es auch in diesem besonderen Monat, unterbrochene familiäre Verbindungen wiederzubeleben.

Und es ist die Zeit, vor allem sich selber wiederfinden, aus dem alltäglichen Rhythmus herauszubrechen, mal eine Stunde weniger fernzusehen, dafür alte Freunde aufzusuchen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Was ist noch mache? Ich gehe hinaus, auf die Straße, in den Park, schaue mich um und bewundere die Schönheit von all dem, was ich sehe. Ich verstehe wieder besser das Wunder der Schaffenskraft von Gott. Und ich fühle, wie mein Inneres, mein Herz hingezogen wird zu Gott, dem Schöpfer all dieser Schönheiten. Es ist ein wunderbares Gefühl und ich wünsche es jedem, dass er Ähnliches erfährt.

Es ist einfach die Zeit, sich verstärkt auf Gott zu besinnen, Zeit für tiefe Anbetung und Hinwendung zu Gott. Der Ramadan ist geprägt von Barmherzigkeit, Gottes Barmherzigkeit zu den Menschen und Barmherzigkeit, des Erbarmens und der Nächstenliebe in der Gemeinschaft der Menschen. Wer Gott nahe sein will, kann sich durch Hilfeleistungen, Zuwendungen zu den Bedürftigen beweisen. Jede freiwillige, gute Handlung wird von Gott registriert und sicherlich angenommen. So bitte ich bei Gott für alle Muslime eine wunderbare, gesegnete Zeit.

Möge Gott eure Gebete, euer Fasten und gutes Handeln annehmen. Ich wünsche euch Zufriedenheit, Ruhe und Gelassenheit mit euch selbst und mit eurer Familie, ein offenes Ohr und eine helfende Hand für die Notleidenden, Waisen und allen, die eurer Hilfe bedürfen.

Ich wünsche euch und euren Familien einen segensreichen Fastenmonat, in dem all unsere Gebete erhört werden und unsere Ibadaat angenommen werden. Möge Gott uns die Tore Seiner Barmherzigkeit Güte und Vergebung öffnen. Ich wünsche euch ein gesegneten Monat Ramadan.

Ramadan karim!

Islamisches Neujahr

Islamisches Neujahr

von Awhan (Christian Hermann)

Frohes neues Jahr!

Das habe ich bislang nur einmal alle 365 Tage gehört, in der Silvesternacht, beim Jahresübergang des Gregorianischen Kalenders.

Doch jetzt ist – zusammen mit dem Islam – ein zweiter Neujahrstag in mein Leben gekommen. Der heutige Tag markiert den Beginn des Jahres 1439 des islamischen Kalenders. Und er war und ist damit der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Dingen, denen ich mich heute hier widmen möchte.

Heute ist der erste Tag des Monats Muharram, des ersten Monats im islamischen Kalender. Muharram ist einer der vier heiligen Monate des Jahres, in denen jede Form von Konflikt, Streit und Krieg im Islam verboten ist. In diesem Monat sind alle gläubigen Musliminnen und Muslime dazu angehalten, sich aufrichtig und aktiv zu bemühen, miteinander friedvoll auszukommen.

Schon in der vorislamischen Zeit verstanden die arabischen Stämme und Völker die besondere Bedeutung von Muharram. Es war ihnen in dieser Zeit nicht erlaubt, Krieg gegeneinander zu führen. Sogar der Name „Muharram“ bedeutet „verboten“. Es liegt auf der Hand, dass die Wichtigkeit dieses Monats durch die Ereignisse in der islamischen Geschichte nur noch bedeutender wurde.

Nach Ramadan ist Muharram der heiligste der Monate, auch und gerade, weil sein Beginn ein besonderes Ereignis innerhalb der islamischen Geschichte markiert. Denn heute, am ersten Muharram, gedenken wir des Tages, an dem Prophet Mohammed (saw) seine Auswanderung von Mekka nach Medina begann. Unser Prophet und seine Gefolgsleute waren in Mekka mit dem Tod bedroht worden und mussten fliehen, um in Sicherheit zu kommen.

So wie für uns der Beginn des neuen Jahres ein Start in einen neuen Abschnitt unseres Lebens ist, so war der sogenannte Hidschra – der Exodus des Propheten Mohammed (saw) und seiner Leute – der Beginn eines neuen Kapitels im Leben dieser Menschen. Sie hatten die Hoffnung auf eine bessere und vor allem friedvolle Lebenssituation. Auf diesen Aspekt werde ich später zurückkommen.

Viele außergewöhnliche Ereignisse trugen sich in den ersten Tagen des ersten Monats unseres religiösen Jahres zu. In dieser Zeit war die Sintflut, die Prophet Noah und seine Arche durch Gottes Willen überlebten. In dieser Zeit vollzog sich der Exodus des Volkes Israel aus Ägypten unter Führung von Prophet Moses. In dieser Zeit prüfte Gott den Propheten Hiob mittels Krankheit und Schmerzen.

Der zehnte Tag des Monats Muharram ist überdies noch bedeutsamer. Dieser Tag wird „Ashura“ genannt, abgeleitet vom arabischen Wort „ashara“, dem Zahlwort für die Nummer Zehn.

Am Ashura-Tag ereigneten sich für die Beteiligten jeweils umwälzende Geschehnisse. An Ashura erreichte die Arche von Propheten Noah wieder festen Grund an einem Bergrücken in der heutigen Türkei. An Ashura teilte Gott für Moses das Rote Meer, um die endgültige Flucht der Israeliten vor den Ägyptern zu vollenden. Und an Ashura heilte Gott Hiob für seine Glaubenstreue.

In den verschiedenen Ausprägungen des Islam haben Muharram und Ashura zudem noch weitere, unterschiedliche Bedeutungen. Mancherorts wird der Jahreswechsel freudig gefeiert, unter den schiitischen und alevitischen Musliminnen und Muslimen beginnt mit dem neuen Jahr eine Trauer- oder sogar Fastenzeit. Der rituelle und kulturelle Umgang mit dieser Zeit des islamischen Jahres ist sehr vielfältig und wirkt oftmals – aus einer Perspektive von außen – mitunter widersprüchlich. Bei allen unterschiedlichen, manchmal sogar barbarisch anmutenden Bräuchen und Handlungen ist das verbindende Element all dieser Dinge sicherlich die Ernsthaftigkeit, mit der die Gläubigen sie begehen.

Es gab jedoch ein Ereignis am Ashura-Tag innerhalb der islamischen Geschichte, das immense Auswirkung auf die gesamte Gemeinschaft hatte. Am 10. Oktober des Jahres 680 gregorianischer Zeitrechnung kam es im Gebiet des heutigen Iraks, in Kerbela, zu einer Schlacht zwischen Hussein, dem Enkel von Prophet Mohammed (saw) und dem Kalifen Yazid I.

Die Schlacht von Kerbela führte zum Tod von Hussein und seinen Gefolgsleuten, doch sie hatte darüber hinaus noch viel weiterreichende Auswirkungen. Denn sie bewirkte, dass der Bruch zwischen den Sunniten und den Schiiten endgültig wurde und fortan dieses Ereignis auch zur Rechtfertigung von Gewalt, Krieg und Terror herangezogen wurde und wird. In der Folge töteten Angehörige beider Ausprägungen einander immer und immer wieder.

Ich werde die Bilder einer TV-Dokumentation vielleicht niemals vergessen. Das Kamerateam besuchte eine Moschee nach einem Selbstmordanschlag, bei dem Dutzende Menschen während des Freitagsgebets durch eine Sprengstoffexplosion getötet wurden, vor den Augen des Imams, der gerade die Chutpa hielt. Die Explosion hinterließ einen Krater im Betonboden, an den Wänden war überall noch Blut zu sehen. Der Imam überlebte unverletzt diesen Terrorakt, der aufgrund der anhaltenden Auseinandersetzungen in der islamischen Welt zwischen Sunniten und Schiiten stattgefunden hatte.

PAUSE

In den letzten Jahrzehnten wurde Muharram und speziell der Ashura-Tag immer wieder zu Gewalt und Anschlägen genutzt. In einem Monat, der ein heiliger Friedensmonat sein soll für die gesamte Ummah. In einem Monat, in dem alle Gläubigen dazu angehalten sind, Streit und Krieg jeglicher Art ruhen zu lassen.

Das hinterlässt viele von uns ratlos, sorgenvoll und vielleicht auch mit Angst vor der Zukunft. Einige fragen sich: Wie kann Gott all diesen Hass und diese Gewalt zulassen?

Aber Gott hat uns bereits offenbart, wie wir mit diesen Fragen und Gedanken und Konflikten umgehen sollen.

Es gibt eine Legende, dass nach dem Ende der Sintflut die von Noah geretteten Menschen ein Festmahl kochen wollten, aus Dankbarkeit an Gott über ihre Rettung. Doch sie hatten nur wenige Vorräte und auf der Welt gab es nichts, was sie zur Essenszubereitung nutzen konnten.

Also nahmen sie, was da war.

Gott aber vermehrte das, was sie gekocht hatten, so dass sie alle üppig essen konnten.

Diese Geschichte ist der Ursprung, warum so viele Menschen in der muslimischen Gemeinschaft, auch und gerade die Aleviten, zum Ashura-Tag eine Speise namens „Ashure“ kochen und es mit so vielen Menschen wie möglich teilen.

Ist das ein Weg, wie wir umgehen mögen mit den schlimmen Ereignissen der Welt, speziell mit den Auswirkungen der Schlacht von Kerbela innerhalb unserer Gemeinschaft?

Ein pragmatisches Vorgehen? Wir nehmen, was da ist, machen daraus eine lebensnotwenige Sache und teilen sie?

Aber was soll dann unsere Entsprechung zu der Ashure-Speise sein? Was sollen wir erschaffen, das grundlegend und essenziell wichtig ist – und das den Streit und den Zwist und die Gewalt und den Krieg aufhebt?

Wir wollen uns kurz erinnern, wofür der Beginn des neuen Jahres steht. Unser Prophet Mohammed (saw) ist durch seinen Gang nach Medina in eine sichere und friedliche Umgebung gezogen.

Und auch andere Propheten vor ihm haben das getan oder erlebt. Noah hat mit dem Start des neuen Jahres einen neuen Bund zwischen Gott und den Menschen initiiert, und außerdem an Ashura festen Boden und damit Sicherheit für seine Leute erreicht. Moses durchquerte das Rote Meer und brachte seine Leute in Sicherheit, in eine Zeit ohne Sklaverei und Verfolgung. Und Hiob wurden durch sein Vertrauen in Gott Leid und Schmerz erlassen.

Wir sind heute hier zusammen, weil Freitag ist und ein neues Jahr beginnt. In Vertrauen auf Gott haben wir einen Ort geschaffen, der zur neuen Heimat vieler gläubiger Menschen wurde und noch werden wird. Einen Ort, an dem Frieden herrscht: zwischen den Geschlechtern, zwischen den islamischen Ausprägungen und ja, auch grundsätzlich zwischen den Menschen.

Denn ich habe noch nie eine Gruppe von Menschen erlebt, die so wohlwollend und zugewandt und friedvoll miteinander umgehen. In der so wenige Missverständnisse entstehen. Und in der diese wenigen Missverständnisse zu keinerlei Streitigkeiten und Brüchen zwischen Menschen führen.

So wie die Menschen nach der Sintflut sind wir hier eine Gemeinschaft. Vielfältig zwar in vielerlei Hinsicht. Aber trotz, oder besser, wegen dieser Unterschiedlichkeit verfolgen wir ein wunderbares Ziel: Das friedliche tolerante Zusammenleben von Menschen im verbindenden und – wie Hiob – vertrauenden Glauben an Gott.

Heute feiert nicht nur unsere Religion das Neujahrsfest, sondern auch das Judentum beginnt ein neues Jahr. Das ist eine bemerkenswerte Verbindung unserer Religionen an diesem Tag. Und so, wie alle Musliminnen und Muslime im Monat Muharram aufgefordert sind, Frieden zu halten, sind wir angehalten, den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Juden überall auf der Welt etwas entgegenzuhalten: Die Einigkeit.

Gott hat den Menschen erschaffen. Sein Bund mit den Menschen ist unser aller Bund, nicht nur mit uns Muslimen. Vor Gott sind wir alle Menschen und daher gleich.

Also lasst uns einfach das fortsetzen, was wir seit einigen Monaten hier tun: Wir haben hier einen sicheren Hafen für Menschen erschaffen. Wir verbinden uns hier an diesem Ort im interreligiösen Dialog mit unseren Brüdern und Schwestern in den anderen abrahamitischen Religionen. Wir beten hier und gehen in die Zwiesprache mit unserem Schöpfer. Und an diesem Jahresstart erinnern wir uns daran, ein neues und gutes Kapitel in unserem Leben aufzuschlagen. Nicht nur einmal im Jahr, zu Neujahr oder zu Ashura oder zum Opferfest. Sondern jeden Tag aufs Neue.

Die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit eint uns in diesem Unterfangen. Der integre und liebevolle und offene Umgang mit unseren Schriften, mit den Begegnungen in der Natur und mit der Zwiesprache mit Gott.

Unser Weg zur Auflösung von jeder Form von Streit und Zwist und Gewalt und Krieg ist also:

ein frohes neues Jahr,

jeden Tag aufs Neue.