Feiertage

Opferfest

Opferfest

 

       Heute ist das große Fest zum Abschluss der diesjährigen Pilgerreise. Mit diesem Fest ehren Muslime den Propheten Abraham, der nach der Überlieferung im Vertrauen zu Gott bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern. Im letzten Augenblick verhinderte Gott das Opfer und Abraham opferte stattdessen ein Lamm. Es ist der Höhepunkt der Pilgerreise nach Mekka.

       Der Hadsch ist ein fester Brauch, eine Säule in der islamischen Glaubenslehre.

In der Sure 3:96-97 steht: Siehe, der erste Tempel, der jemals für die Menschheit errichtet worden ist, war fürwahr in Bakka; reich an Segen und eine Quelle der Rechtleitung für alle Welten, voller klarer Botschaften. Es ist die Stätte, an der einst Abraham stand; und wer immer sie betritt, findet inneren Frieden.

    Eigentlich spielt sich der Haddsch außerhalb von Mekka ab. Am 8. Tag des Haddschmonats wandern die Pilger nach Mina, wo sie übernachten und dann am nächsten Tag durch das Tal von Muzdalifa in die Ebene des 15 km entfernten Arafat ziehen. Dort versammeln sich die Gläubigen, gedenken Gottes und sprechen Bittgebete für sich und für Angehörige oder Freunde bis die Sonne untergeht, es ist das Ritual des ‚Stehens vor Gott‘. Ein Kanonenschuss beendet das Ritual und man sollte möglichst im Laufschritt zurück nach Muzdalifa eilen, um dort die beiden zusammengelegten Abend- und Nachtgebete verrichten. Hier werden auch die Steinchen gesammelt für die spätere Steinigung des Satans. Zurück in Mina beginnt der eigentliche Höhepunkt der Zeremonien: das Schlachten der Tieropfer, in Gedenken an Abraham und seiner Opferbereitschaft.

    Danach schneiden sich die Männer die Haare und ihren Bart und dann geht es wieder möglichst im Laufschritt zurück nach Mekka mit der obligatorischen Umrundung der Ka’ba.

  Während der nächsten 3 Tage geht es von Mina aus zur Steinigung der drei Steinmale. Damit ist der Haddsch beendet.

   Seit 969 wird der Behang, genannt Kiswa, der die Kaaba umhüllt, jährlich neu   hergestellt und der alte noch vor dem Beginn des Haddsches abgenommen und zerschnitten an Pilger verteilt.  So ist der normale Ablauf seit über tausend Jahren.

       Ich möchte einen kurzen Ausschnitt aus dem „Tagebuch eines Mekkapilgers“ namens Ibn Dschubair aus dem 12. Jahrhundert vortragen:

  „An jenem Freitagmorgen war eine Menschenmeng auf ‚Arafat‘, die ihresgleichen am Tage der Auferstehung finden kann. Als die Mittags- und Nachmittagsgebete zusammen gesprochen wurden, standen die Menschen reuevoll und tränenüberströmt, demütig die Gnade Gottes erflehend. Die Rufe „Gott ist groß“ erhoben sich, laut waren die Stimmen der Menschen im Gebet. Niemals zuvor hatte es einen Tag solchen Weinens, solcher Reue der Herzen, eines solchen Beugens der Nacken in ehrerbietiger Unterwerfung und Demut vor Gott gegeben.

   Der Emir der Pilgerfahrt war mit einer Anzahl gepanzerter Soldaten angekommen; sie standen nahe dem Felsen neben der kleinen Moschee. Die jemenitischen Sarwa (wahrscheinlich ein Stamm) bezogen ihre Positionen an den festgesetzten Plätzen, die sie durchgehend in der Erbfolge von ihren Ahnen seit den Tagen des Propheten Muhammad innegehabt haben. Ebenso war der Emir aus dem Irak mit einer großen Gruppe wie nie zuvor angekommen. Mit ihnen kamen fremde Emire aus Chorasan, mit jenen aus anderen Ländern. Sie alle bezogen ihre Plätze. Für die Rückkehr von ‚Arafat‘ hatte man den malikitischen Imam als Führer und Vorbeter ernannt. Die Menschen drängten sich auf ihrem Rückweg mit solch einer Wucht voran, dass der Boden zitterte und die Berge bebten. Was für ein Erlebnis war das gewesen und welche Hoffnungen auf glückliche Belohnung hatte es in die Seele gebracht. Gott gebe, dass wir zu denen gehören mögen, denen Er dort Seine Anerkennung gab und die Er mit Seiner Güte bedachte. Als die Pilger in Mina eintrafen, beeilten sie sich, die sieben Steine auf den hinteren Haufen zu werfen. Dann schlachteten sie das Opfertier. Daraufhin ist ihnen erlaubt, alles zu tun, außer Kontakt mit Frauen aufzunehmen und Parfüm zu verwenden.“

 

   Ich hatte das Glück, mein Haddsch schon durchführen zu dürfen. Heute ist es für einen Normalverdiener fast unmöglich, die enormen Reisekosten zu bezahlen.

     Ich fand Gläubige, die im wahrsten Sinne ihre Pilgerreise sehr ernst, mit wahrhaft tiefer Gläubigkeit wahrnahmen. Aber ich war nicht vorbereitet, dass es etliche Muslime gab, die ihre Reise nur als Pflicht ansahen. Es galt wohl mehr, zuhause als ein Haddschi angesehen zu werden. Aber die überwältigende Mehrheit aller Gläubigen  waren ernsthaft bei ihren Riten, man sah es ihren Gesichtern an.

    Meine Gruppe aus Deutschland war groß. Zu den Gebeten gingen wir Frauen in das Männerzelt und standen dort gleich hinter ihnen.

Aber wie erlebt man heute die Pilgerreise? Alles ist kommerziell durchdacht, eigentlich eine gute Sache. Aber dabei kommen die Empfindungen der Gläubigen viel zu kurz. Es ist nicht das, wenn rund 200 Frauen in einem riesigen Zelt untergebracht werden, Liege von 70 cm an Liege, kein Platz für Gepäck. Nein, das überorganisierte Transportieren mit Bussen nach Mina, nach Arafat, nach Mekka, das Abgeben von Geldern für das Schlachttier, das dann in einem Schlachthof geschlachtet wurde und man abends einen Teller voll Reis mit Fleisch von irgendeinem Schaf bekam. Nun zum Steinigen sind wir als ein starker Zug mit Pilgern aus aller Welt von Mina aufgebrochen, unterwegs von der großen Gruppe, wie Soldaten marschmäßig, beiseite geschupst – aus welchem Land sie kamen, will ich lieber nicht sagen.

    Zwei Begebenheiten möchte ich erzählen: Naja, ich kennt mich ja, ich schrecke vor kaum etwas zurück. So hatte ich auch meinen Lauf um die Ka’ba im dichtesten Gewühl, ganz dich an sie durchgeführt. Dadurch habe ich sehr schnell meine 7 Runden erledigt, während meine Kameradinnen oben auf einer Galerie noch lange Zeit dafür brauchten. Ich stand etwas abseits da und wartete auf sie und wartete. Bald hatte ich Angst, dass ich sie in der Menge von Millionen von Gläubigen verloren hatte. Da kam eine aufsichtsführende Muslima zu mir, drückte meine Hand, tröstete mich mit Worten, die ich ja nicht verstand. Ich stand nun erst recht ziemlich bedeppert da, hatte ich in meiner vorhergehenden Umrah eine Übereifrige in einer für mich hässlichen Situation, eben ganz anders erlebt. Weil ich das heilige Gebäude von außen fotografieren hatte, wollte sie mir meinen Fotoapparat wegnehmen. Ich war mir aber nichts Falsches bewusst, ich habe ja nicht innen fotografiert.

     Aber eine andere Situation hatte meinen Haddsch ihren Stempel aufgedrückt. Es war zur Begrüßung bei der Umrundung der Kaaba oder während des Laufs zwischen den Hügeln As-Safa und Al-Marwa, jemand hat meinen weißen Mantel mit einem Rasiermesser aufgeschnitten, die darunter getragene Brusttasche ebenfalls und mein ganzes Bargeld rausgezogen. Ich habe es nicht bemerkt in dem dichten Gedränge. Am nächsten Tag sind wir nach Mina gefahren, dort muss man sich selbst versorgen. Für mich hieß es, die 4 Tage irgendwie rumzukriegen, Wasser war ja genügend da. Hin und wieder bekam ich ein kleines Stück vom Fladenbrot. Aber es war trotzdem schlimm, ich wollte mich ja nicht aufdrängen. Am letzten Tag, als ich von einem Gang zurückgekommen war, erlebte ich eine überwältigende Überraschung: Man hatte für mich Geld gesammelt. So geheult vor Glück und Dankbarkeit habe ich wohl noch nie. Ich sah mir verheulten Augen, aber glücklich, die Frauen an, die mich wiederum von ihren Liegen mit strahlenden Augen ansahen. Ich glaube, in dem Moment spürten wir wohl alle die Anwesenheit von Gott.

     Und dann kam der Tag von Arafat. Wir hatten zwei Busse gemietet, die uns gruppenweise nach Arafat bringen sollte. Ich war in der letzten Gruppe, aber unser Bus kam nicht wieder zurück. Wir standen bis lange nach Mittag und wir hatten schon große Angst, dass wir zu spät kommen würden und unser Hadsch dadurch nicht angenommen werden würde. Als wir dann doch noch Glück hatten, hatten wir gerade mal eine halbe Stunde Zeit, um mit Gott ins Gespräch zu kommen. Man sagte uns, dass unser Bus von einer anderen Gruppe gekapert wurde.

    Es bedeutete für mich eine große Lehre: Glaube und gedulde dich, sei frohen Mutes und du wirst belohnt. Und Gott hat mich belohnt, ich wusste es, als ich nach meiner Abschieds-Umkreisung um die Ka’ba auf das Morgengebet wartete, ganz vorn, gleich hinter den sich um die Kaaba drehenden Pilgern. Ich wusste es einfach.

       Während dieser ganzen Zeit wurde ich als ehemaliger Atheist einfach mitgerissen im Strudel der Ergebenheit vor Allah, empfand tiefe Hingebung bei allen Riten oder Begebenheiten, gemeinsamen Tätigkeiten. Ich glaube, ich war noch nie so erfüllt von Liebe zu Gott und ich weiß, dass Er mich am Ende belohnt hat. Und ich wünsche dieses Gefühl allen, die sich jetzt in Mekka befinden oder sich irgendwann inshaAllah auf den Weg dorthin machen. Aber Gott ist überall und Er wird auch allen, die keine Gelegenheit haben, diese Reise durchzuführen, für ihre Ergebenheit Ihm gegenüber belohnen.

    Und so möchte ich mit dem eingangs rezitieren Vers enden: Mögen alle Menschen ihren inneren Frieden finden und nicht nur zur Zeit der Pilgerreise.

Id mubarak – Ich wünsche allen ein gesegnetes Fest.

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen, alles Lob und Dank gebührt Gott, wir preisen Ihn und suchen Hilfe und Vergebung bei Ihm

Was will uns Gott mit dem Ramadan lehren

Es ist mir eine große Ehre, diese Festtagsansprache halten zu dürfen. Früher hatte ich nur Männer an dieser Stelle gesehen. Aber jetzt halte ich Khutbas, als wenn es nie anders gewesen ist. Es setzt aber gutes Wissen voraus und ich musste lernen selbständig zu denken, nicht in den Schablonen konservativer Prediger. Es hat mich gelehrt, den Koran und damit Gott mit ganz anderen Augen zu sehen. Und dafür geht mein großer Dank an Gott.

Gott hat uns für einen ganzen Monat ein großes Geschenk gemacht: den Ramadan. Warum ein Geschenk? Was will Gott uns mit dem Ramadan sagen?

Eigentlich stellt der Ramadan den Alltag vollkommen auf den Kopf, keine gewohnte Routine, besser gesagt Bequemlichkeit im Tagesverlauf mehr: Verzicht auf Trinken und Essen, Verzicht auf Rauchen, sicher für einige eine Qual.

Ramadan bedeutet nicht nur Anstrengung, für eine bestimmte Zeitdauer zur Probe gestellt und durchzuhalten, sondern auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht das Vergnügen haben, immer genügend Essen und Trinken zu haben, da sie nicht die nötigen Geldquellen besitzen.

Dieser Verzicht ist jedoch nicht alles. Das Wichtige am Ramadan ist das Besinnen auf Gott, die innere Einkehr und auf ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft. Wir gedenken Gott, beschäftigen uns mehr und intensiver mit dem Koran und vergessen nicht, dass es noch Menschen gibt, die Hilfe von uns gerade in diesem Monat erwarten, aber warum nur speziell in diesem Monat? Ich spreche von der Zakat als einen Pfeiler im Islam, der Pflichtabgabe für das Fest, arabisch: Zakatul-Fitr und natürlich die fortwährende Sadaqa. Die Spenden dienen der sozialen Sicherheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen. Die Abgabe von Zakat wird gleichzeitig als eine Art Reinigung von Schlechtem angesehen. Gott hat uns durch die Sure al- ´Ala:14-15 wissen lassen: „Wer sich reinigte, den Namen seines Herrn anrief, dann das rituelle Gebet verrichtete, wird Erfolg haben.“ Im Ramadan kommen dementsprechend 4 von 5 Säulen des Islam zur Geltung: das Gebet und damit das Glaubensbekenntnis, das Fasten und die soziale Pflichtabgabe. Das zeigt, welche Bedeutung die Zeit des Ramadan hat.

Für mich bedeutet das: Ich habe einen ganzen Monat eine Erziehung zur Geduld genossen, mich zumindest angestrengt, daraus entsprang Dankbarkeit und Lob für Gott, aber nur für diesen einen Monat? Ich habe begriffen, was die Sure 3: 92 aussagt:

لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّىٰ تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ ۚ وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ شَيْءٍ فَإِنَّ اللَّهَ بِهِ عَلِيمٌ

„Ihr werdet niemals die Güte erlangen, bevor ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt“. Es ist nicht nur, dass wir uns auf die Gaben des Jenseits vorbereiten, darauf, dass wir letztendlich kein Gut mitnehmen können, sondern es mit anderen teilen, die weniger haben oder gar nichts, und damit die Gemeinschaft stärken. Auch wenn ich nichts zu vergeben hätte, meine Liebe und Achtung zu meinen Mitmenschen zählt, ein Lächeln, eine Freundlichkeit. Und das gilt für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe, es sind alles Geschöpfe von Gott, auch wenn es jemand verneint.

Unser Prophet Muhammad (s) stellte fest: „Wisset, dass die beste der Taten bei Allah diejenige ist, die fortdauernd ist, auch wenn es wenig sein mag.“

Dieser Monat hat uns gelehrt, über unser Verhalten anderen gegenüber nachzudenken und das geht nur im friedlichen Zusammenleben, nachzudenken, was uns tagtäglich Gott zu unserer Verfügung schenkt und was wir Ihm dafür an Dankbarkeit freiwillig schulden. Es ist sicher anstrengend, stets ein gutes Benehmen an den Tag zu legen. In Ruhe mit Nachbarn zu reden, es ist auch nicht immer leicht, wenn sie uns vielleicht mit Skepsis betrachten, kein Schreien, Schimpfen oder ärgerlich auf jemanden zu sein, sondern verzeihen.

Aber eigentlich gilt das nicht nur während der 30 Tage im Ramadan. Gott verlangt von uns, uns ständig um ein gutes Benehmen zu bemühen. Diese Tage sollten uns einfach bewusst gemacht werden, wie wir uns zu verhalten haben und nicht nur im Ramadan. Ein gutes Benehmen sollte geübt, verfestigt und verinnerlicht werden, um danach, während des restlichen Jahres zu profitieren.

Ich habe mir z.B. angewöhnt, beim Aufwachen das Gesicht nicht zu verziehen, weil wieder mal ein anstrengender Tag vor mir liegt, sondern den neuen Tag mit einem Lächeln zu begrüßen, denn Gott gibt uns in Seiner Gnade wieder einen Tag geschenkt, aus dem wir etwas Besonderes machen können. Und mit diesem Lächeln bedanke ich mich bei Gott. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass mir meine anliegenden Aufgaben etwas leichter fallen.

Gott gibt uns Ratschläge durch den Koran, wie wir mit einander umgehen sollen. Eigentlich könnte es Ihm ja egal sein, aber nein, das ist es nicht! Er gibt uns die Gelegenheit, das Richtige zu tun, sozusagen den ersten Schritt zu machen und dann wird Er uns beistehen, vielleicht nicht gleich. Wie heißt es doch: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ In der islamischen Überlieferung äußert der Prophet auf die Frage des Zusammenhangs von Gottvertrauen und eigenem Handeln: „Soll ich mein Kamel anbinden und vertrauen oder nicht anbinden und vertrauen?“ mit „Binde es an und vertraue auf Allah!“

Gott hat uns nicht nur den Weg gewiesen, sondern uns auch zur Probe gestellt. Verzicht auf etwas für eine längere Zeit hilft uns, uns zu überwinden, stärker zu werden, auch nach dem Ramadan. Wir stehen oft vor Problemen des Alltags und denken, wir schaffen das nicht, wie z.B. im Ramadan 12-14 Stunden lang nichts zu trinken, zu essen. Aber den ersten Schritt zu tun, im Ramadan mit dem Durchhaltewillen im Kopf, im Alltag mit dem Wissen, dass da jemand ist, der uns hilft, uns auffängt, gibt uns die nötige Kraft zum Überwinden. Da steckt wieder Gottesbewusstsein drin. Und letztendlich hat uns ja auch Gott geholfen und wir fühlen uns gestärkt und beschützt. Und das ist es, was Gott uns mit dem Ramadan lehrt.

Man kann Regeln und Gesetze für den Ramadan ableiten, aber man vergisst dabei eins: unsere Seele und darin das fühlende Herz.

Manaar

Jon Tyson

Muttertag

Muttertag

Jon Tyson
Jon Tyson

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu.

In zwei Tagen ist in Deutschland Muttertag. Wenn ich heute über Mütter spreche, meine ich nicht nur leibliche Mütter, sondern auch Adoptivmütter, Ziehmütter, liebevolle Begleitermütter…

Nichts ist so schön wie Mutter zu sein. Außer vielleicht, Oma zu sein. Während ich das schreibe, schaue ich ein Video von meiner Enkeltochter an, die von ihrem Papa, meinem Schwiegersohn, auf einem alten Stück Pappe durch die Wohnung gezogen wird, und lacht. Es gibt nichts, was einen mehr erfreut, als dieses Lachen. Ein kleines Kind, ein Jahr alt, schafft es mit seinem so netten kleinen Lachen meinen ganzen schweren, mühseligen Tag von jetzt auf gleich in Honig zu verwandeln. Nichts anderes auf der Welt kann so etwas leisten. Kein Geld, keine Speise, kein Getränk, kein Besitz. Einfach nichts. Nur das Lachen dieses Kindes.

Neulich war ich bei meiner anderen Tochter. Da saß dieses kleine Baby im Wohnzimmer auf dem Teppich – die beiden Kinder meiner Töchter sind gleichzeitig geboren – saß also dieses kleine Baby auf der Erde und streckte mir die Ärmchen entgegen, um mich zu umarmen und lächelte dabei. Ich konnte meine Schuhe gar nicht schnell genug ausziehen. Wie unendlich herzlich ist so ein kleines Kind. Als ich den Kleinen endlich auf dem Arm hielt, schob er sein Köpfchen gegen meine Stirn und lachte.

Während ich schreibe, sitzt auch meine Tochter Fahtma mir gegenüber in der Küche, wir trinken Tee und scherzen über ihre letzten Alpträume. Letzte Woche wurde sie 19 Jahre alt. Sie hat einen großartigen Humor und mit niemandem kann ich lachen wie mit ihr. Nichts und niemand ist mir so vertraut, wie meine Kinder. Für niemanden bin ich so vertraut, wie für sie. Sie kennen mich in und auswendig, lesen meine Gefühle bevor ich mir derer selbst gewahr bin. Ich habe in meinem Leben eine Million toller, guter, schöner Dinge getan, ich bin Gummitwist gesprungen, habe geschrieben, gesungen, bin geritten, habe Menschen geholfen, aber nichts von dem ist auch nur ein Stäubchen wert, wenn ich es in Relation dazu setze, Mutter zu sein. Niemand hat mich so glücklich gemacht, wie meine Kinder. Zu unseren Liebsten sagen wir t’obrini und je älter ich werde, desto mehr verstehe ich den Sinn dahinter. Du wirst mich beerdigen. Ein Satz der die ganze Ehre und den ganzen Schmerz des Mutter-Kind-Verhältnisses beinhaltet.

Dabei ist die Rolle der Mutter überhaupt nicht immer so toll und es gibt darin nicht nur unangeneheme Momente, sondern ganze unangenehme Wochen und Monate, oder mehr noch, negative Grundaspekte. Als Orna Donath vor wenigen Jahren ihr Buch „Regretting Motherhood“ schrieb, gab es regelrechte Shitstorms auf Mütter, und zwar von gebildeten Frauen. Das Buch ist die Verarbeitung einer Studie, bei der Mütter über ihre Mutterschaft befragt wurden. Einige gaben scheinbar paradoxe Statements ab, vor allem dass sie ihre Kinder liebten, aber das Muttersein nicht. Sie liebten ihre Kinder, würden sich aber nicht noch einmal für die Mutterschaft entscheiden. Die Reaktionen auf diese ehrlichen Aussagen reichten vom süffisanten „selber schuld, hätte ja Karriere machen können“ zu „die (gemeint sind die Mütter) schieben ihren Kinderwagen mit der Kaffeetasse in der Hand zum Spielplatz, sitzen den ganzen Tag in der Sonne, und jammern dann auch noch rum“. Eine Zeit-Online Reporterin schrieb, den Müttern gegenüber in höchstem Maße herablassend, Kinder seien jetzt wohl „Wellness-Schädlinge“. Im Zeitalter des Feminismus brauchen wir scheinbar keine Männer, um uns Frauen herunterzumachen. Wir können das jetzt ganz allein.

Wenn ich daran denke, wie meine Mutterschaft war, habe ich zwei vollkommen konträre Erinnerungen – eine helle, leichte, lustige, die ich oben beschrieben habe, und eine sehr dunkle, depressive, die geprägt ist vom Gefühl der Einsamkeit, der intellektuellen Dauerunterforderung, Einkaufsstress und dem Wunsch danach, meinen eigenen Gedanken einmal in Ruhe nachzugehen. Das war damals, als die Kinder klein waren, kaum möglich. Ich habe sechs Kinder. Die ersten vier sind innerhalb von fünfeinhalb Jahren geboren. Ständig zerrte jemand an mir, wollte etwas, und zwar sofort, jetzt. Manchmal schloss ich mich im Badezimmer ein, um einen kurzen ruhigen Moment zu haben.

Damals lebte ich das traditionelle Mutterbild, dessen Blütezeit in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts liegt. Es wird aber heute noch immer in konservativen Bevölkerungsgruppen vertreten. Mutterschaft wird als Lebenserfüllung gesehen. Aus ihr würden Frauen angeblich eine tiefe Befriedigung gewinnen, und darüber hinaus seien sie von Natur aus liebevoll, fürsorglich und aufopferungsbereit. (vgl. hierzu Martin R. Textor in https://www.ipzf.de/pflege4.html). Dass diese Rolle zugleich durch extreme Unfreiheit gekennzeichnet ist, wird übersehen, denn hierzu gehört die Abhängigkeit von einem Versorger und das Opfern der eigenen Lebenszeit zur Erfüllung der Bedürfnisse anderer. Der Vater und das Kind sind in diesem Szenario frei. Die Mutter zwar nicht, aber angeblich belastet sie das nicht, da sie ja als Frau quasi genetisch dazu bereit ist, sich zu opfern. Dass wir Mütter uns negative Gefühle wie Zorn oder Depressionen und Einsamkeit nicht eingestehen dürfen, hat sich, wie man an den Reaktionen zu Regretting Motherhood sieht, nicht geändert.

Hilary Clintons Buch „It takes a village to raise a child“ hat schon den richtigen Titel. Ein Kind großzuziehen braucht in der Tat viele Menschen, viele Helfer, die sich sorgen, unterstützen; aber es braucht nicht nur das ganze Dorf, sondern die Erziehung wird ja vom Dorf, respektive der Gesellschaft, mit übernommen. Es ist kein Geheimnis, dass Mütter nicht die einzigen Personen sind, die Einfluss auf ihre heranwachsenden Kinder haben. Drogenkonsum in der Umgebung des Kindes, ungezügelte Sexualität, schlechte Sprache, Mobbing, die Schule mit ihren guten und schlechten LehrerInnen— es gibt Vieles, worum sich Mütter sorgen. Wenn dann beim Heranwachsen etwas schief geht, waren es aber nicht die anderen, sondern die Gesellschaft schaut auf die Mutter, und auch diese lastet es sich selber an. Vor einigen Jahren las ich in der Zeitung, dass ein Kind im Schwimmbad ertrunken sei. Die Journalisten fragten: „Wo war die Mutter?“ Zu meiner Empörung fragte keine einzige Zeitung: „Wo war der Vater?“ Einige Zeit später fiel ein Kind aus dem Fenster eines oberen Stockwerkes und überlebte den Sturz nicht. Man las: „Die Mutter war kurz aus dem Haus gegangen, um den Müll zu entsorgen“. Und wieder einmal – wo war der Vater? Teile unserer Gesellschaft gehen immernoch davon aus, dass als letzte Instanz die Mutter dafür zuständig ist, für das Kind Sorge zu tragen. Und zwar 24 Stunden am Tag, auch während es sich in der Obhut anderer befindet. Die gesellschaftliche Entwicklung führt zwar längst woanders hin, doch bleibt dieses Bild weiterhin kraftvoll.

Neben der Gesellschaft hatten und haben (?) auch die Kinder große Erwartungen an die Mutter. Selbst wenn sie ihre Väter oft mehr lieben, sind die Erwartungen an die Mutter größer. Zwischen Mutter und Kind besteht möglicherweise immernoch die distanzlosere Verbindung.

Als meine Tochter Ruth ungefähr 15 Jahre alt war, sagte sie zu mir: „Mama, zu dir bin ich am gemeinsten, dabei liebe ich dich am meisten“. Ich mochte diesen Satz, denn es gehört zur Pubertät dazu, dass man öfter mal gemein ist. Das Ziel der Gemeinheit ist die Person, bei der man darauf vertrauen kann, dass sie die Gemeinheit nicht zurückzahlt. Die liebende und geliebte Mutter wird dies vielleicht am wenigsten tun.

Es ist schon komisch, dass man diejenigen Menschen, die einem den meisten Schlaf rauben, die man wickelt und bis zur Erschöpfung füttert und herumschleppt, und die als Teenager auch noch gemein zu einem sind, am meisten liebt. Die Nabelschnur wird wohl nur körperlich zertrennt. Auf seelisch-emotionaler Ebene bleibt sie erhalten.

Zugleich leben wir in einer Zeit, in der der Umbruch der Rollenverteilung bereits vollzogen ist und auch Männer einen Anspruch auf eine emotionale Nabelschnur erheben. Wenn die AfD im Sinne der oben beschriebenen konservatien Mutterrolle behauptet: „Der ideale Betreuungsplatz für das Kleinkind ist auf Mamas Schoß“, dann melden sich heute glücklicherweise Väter laut zu Wort und klagen ihr Recht auf Kinderbetreuung und auf Anerkennung der damit einhergehenden Rolle ein. In meiner Schule habe ich einige Eltern, die aus gleichgeschlechtlichen Paaren bestehen. Gerade diese Woche habe ich zwei Papas gefragt, wie wir das denn mit dem gebastelten Muttertagsgeschenk regeln wollen, wenn das Kind zwei Väter hat. Sie meinten ganz pragmatisch, wir heben das Muttertagsgeschenk für später auf und am Vatertag bekommen dann beide Papas ein Geschenke. Schöne Idee! Zwischen diesen Vätern und ihren Kindern gibt es auch eine Art Nabelschnur. Mit zunehmendem Selbstverständnis der Übernahme traditionell mütterlicher Rollen durch Väter, werden solche figurativen Nabelschnüre wachsen und genauso wirksam sein, wie die der Mütter.

Zurück zu den Frauen. Wie gehen sie mit ihrer Mutterrolle um? Ich möchte hierzu von einer Studie berichten, über die mir vor vielen Jahren meine Tochter erzählte. Fragt man Frauen im Alter von ungefähr 50 Jahren, ob sie bei einem fiktiven zweiten Lebensdurchgang, also, wenn sie noch einmal in ihrer Geschichte zurückgehen würden, statt Mutter zu sein lieber Karriere gemacht hätten, sagen die meisten Frauen ja, und das, obwohl sie bis dahin gar nicht so unzufrieden mit ihrer Mutterrolle waren. Es scheint, dass Frauen im Alter von 50 Jahren ihre Mutterschaft bereuen. Doch dies ist ein Trugschluss. Fragt man nämlich Frauen im selben Alter, die eine gute berufliche Karriere gemacht haben, ob sie stattdessen lieber Mutter geworden wären, wird dies von etwa der gleichen Anzahl bejaht. Das bedeutet, im Rückblick wünscht man sich einfach das Andere. In unserer Gesellschaft sind beide Identitätsvisionen gleichstark – Mutter sein und gesellschaftlich wirken. Ich glaube, das war schon immer so. Die Rolle der Frau in der Geschichte zeigt glaube ich nicht, dass sich Frauen von sozio-politisch unbeteiligten Wesen zu Partizipatorinnen in Politik und Gesellschaft entwickelten. Für mich sieht es vielmehrs so aus, als gäbe es global gesehen immer mal Bewegungen zu mehr Partizipation und solche zu weniger.

Im Moment empfinden zumindest in Europa, vielleicht weltweit, Frauen aller bildungsnahen Schichten die gesellschaftliche Teilhabe als wichtig, ja notwendig, zur inneren Zufriedenheit. Kaum jemand mag einfach „nur“ zu Hause sein, kochen, backen und mit den Kindern Lego bauen. Frauen wollen gesellschaftlich wirken, sie empfinden sich als politisch, und sie suchen nach Anerkennung, weil das zum Wohlbefinden beiträgt. Ich kann das nur bestätigen. Als mein viertes Kind, Maria, ein Jahr alt war und die ersten Schritte machte, breitete ich meine Arme aus, damit sie zu mir liefe. Sie löste sich von ihrem Halt, einem Stuhl bei der Großmutter, lief in meine Richtung, doch auf halbem Wege wendete sie, um nun in die andere Richtung zurückzulaufen.

Verdutzt schaute ich ihr nach und mir wurde schlagartig klar, dass mich dieses Kind wie alle anderen, irgendwann nicht mehr so brauchen würde, wie in diesen frühen Jahren. Das Kind würde seine eigenen Wege gehen, und ich – ja, ich würde dann alleine sein, ohne meine Kinder und zugleich ohne einen anderen Lebensinhalt. In dem Moment entschloss ich mich, nicht nur für das Wohl dieses Kindes zu sorgen, sondern mich auch um meine eigene Entwicklung zu kümmern, das hieß für mich, um meine Bildung, damit ich später, wenn das Kind seine eigenen Wege geht, eine Aufgabe hätte. Ich ging zurück zur Schule, holte das Abitur nach und studierte. Während des Studiums wurde man immer wieder in Seminaren aufgefordert, sich vorzustellen. Weil es andere auch so machten, erwähnte ich in den Anfangssemestern auch immer, dass ich bereits vier Kinder hatte. Später waren es dann sechs. Die Reaktionen waren oft so aversiv, dass ich es mir abgewöhnte, in der Uni über meine Kinder zu sprechen; es gefährdete ernsthaft meinen Prüfungserfolg. Es gab immer wieder Frauen, die Karriere gemacht hatten, dafür ihren Kinderwunsch zurückgestellt hatten, aber damit im Nachhinein darüber traurig waren. Unter den Frauen gab es auf „6 Kinder“ tatsächlich überwiegend zwei Reaktionen: Entweder meinten sie, das wäre unheimlich toll und bewundernswert, oder sie reagierten mit Eifersucht. Auf eine „mittlere Reaktion“, ein neutrales Registrieren der Information gab es selten.

Mein Studium hat meine Kinder belastet. Sie wurden oft als Letzte aus dem Kindergarten abgeholt und werfen mir das immernoch vor. Wieder wird hier die Mutter in die größere Verantwortung genommen. Doch ich freue mich, dass ich die Chance hatte. Leicht war es allerdings nicht, denn Phase zwei meiner Mutterschaft illustriert auch die von MartinTextor als zweites Rollenbild dargestellte Systematik. (Das erste Rollenbild war das Konservative.) Textor schreibt: „Dieses Idealbild [der Karrieremutter]wird ebenfalls von Medien und feministischen Gruppierungen verbreitet: Frauen sollen – und könnten – attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Und zwar gleichzeitig. Als “Beziehungsexpertinnen” sichern sie eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung zu kurz kommt. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringen sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder. Das Bild der glücklichen Supermutter ist genauso utopisch wie das Bild der glücklichen konservativen Mutter. Denn wo die eine einsam, ohne Anerkennung und Freiheit, und intellektuell unterfordert bleibt, lebt die andere in Dauerstress und Überlastung. Wenn wir das als Freiheit definieren, dann ist das Kopftuch auch eine Definition von Freiheit.

Ich glaube aber, heute versuchen Mütter und Väter das in Deutschland irgendwie anders zu wuppen. Im progressiven Deutschland – nicht dem, der AfDler oder Reichsbürger, die uns die erste Lüge verkaufen wollen – geht irgendwie alles, Mutter mit Karriere, Väter ohne Mütter, Frauen ohne Kinder, Mütter ohne Väter…. Man hat die Qual der Wahl, aber immerhin gibt es eine! Es hat etwas Erfrischendes, in dieser Zeit zu leben. Als ich meine ersten Kinder bekam, war es kaum denkbar, dass Väter ihre Babys in Babybjörns tragen, heute sehe ich es überall. Die Väter sind die neuen Mütter.

Zum Muttertag gehören auch dunkle Seiten.

Mein bester Freund und engster Vertrauter ist aus Syrien. Wir sprechen oft über Frauenrollen und Mütter. Ich fragte ihn: „Feiert man bei euch auch Muttertag?“ Er antwortete, dass man früher immer gefeiert hätte, doch heute feiert man ihn nicht mehr, weil so viele Kinder keine Mutter mehr haben, und vielleicht mehr noch, weil so viele Mütter keine Kinder mehr haben. Die syrischen Mütter, deren Kinder noch am Leben sind, wollen den Muttertag nicht mehr feiern, denn er ist für die anderen Mütter ein Trauertag. Mütter sind mit anderen Müttern solidarisch, sie leiden mit ihnen und wissen, dass es nichts Schlimmeres gibt, als das eigene Kind an Krieg oder Krankheit oder durch einen Unfall zu verlieren. Kein Bild scheint mir schlimmer als das der Mutter, die ihr Kind leiden sieht, wie das christliche Bild der Maria, Mutter von Jesus, die zusieht, wie ihr Sohn ans Kreuz genagelt wird.

In diesen Tagen fällt es mir schwer, mich von der folgenden Geschichte zu lösen. Sie verfolgt mich gewissermaßen seit Tagen. „Verfolgt“, weil es keine schöne Geschichte ist, sondern weil sie den ganzen Schmerz symbolisiert, den es beinhaltet, Mutter zu sein.

Auf Grund der schrecklichen Nazi Aufmärsche am 1.Mai dieses Jahres in Plauen und anderen Städten erreichte mich vor ein paar Tagen ein Video von Überlebenden des Holocausts. Die Sprecher erzählten über ihre Erlebnisse in der Zeit der Naziherrschaft in Deutschland. Einer der Sprecher erzählte, dass er eines Tages draußen auf dem Platz einen Galgen sah. Er war dort aufgebaut worden. Vor diesem Galgen stand ein Junge, der hingerichtet werden sollte. Kurz vor seiner Hinrichtung murmelte er ein Wort, das in fast allen Sprachen gleich ist. Er sprach es ganz leise, und doch haben es alle Anwesenden gehört: „Mama“.

Das Kind sprach nicht dieses Wort, weil seine Mutter eine biologische oder gesellschaftliche Funktion erfüllt hat. Was ist das, „Mama“ – was ist eine Mutter? Ist es die Summe aus wickeln, füttern, nachts am Bett sitzen, bei den Hausaufgaben helfen, Frühstück ans Bett bringen, Geschichten vorlesen, beim Bafögantrag helfen, die Studentenwohnung finanzieren, Wäsche waschen, schimpfen, lachen, weinen? Die Summe aus all dem? Offensichtlich nicht. Mutter zu sein bedeutet etwas, das sich der Beschreibung entzieht. Man kann es nicht in Worte fassen. Mutter sein ist keine Rolle, es ist ein Wesenszustand. Ja, eine Mutter ist eine Frau, wir bestehen heute darauf, und sagen, wir möchten nicht auf die Mutterrolle reduziert sein. Aber das ist nur die gesellschaftliche Ebene. Auf einer anderen Ebene sind wir Mütter. Es ist unser Wesen, unsere Identität. Wir haben keine Wahl, sie anzunehmen oder zu lassen. Mit der Geburt unseres Kindes werden wir etwas Anderes, ob wir diesem gerecht werden oder nicht, und wie auch immer wir das gestalten wollen oder können. Die Mutterschaft, wie auch die Vaterschaft, ist ein schützenswerter Aspekt der Gesellschaftsgestaltung, um unseren Kindern die Erfüllung aller lebenserhaltenden, also auch emotionalen, Bedürfnisse zu sichern. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft mit vielen Müttern eine andere ist, als eine Gesellschaft, die sich ausschließlich am eigenen Vorankommen orientiert. Heute ist ein guter Tag, dies zu bedenken.

„Allah, wir Mütter danken Dir für unsere Kinder. Wir Menschen alle danken Dir für alle Kinder. Wir danken Dir für die vielen Momente der Freude, die wir mit ihnen erleben dürfen und wir bitten, dass wir gute Mütter, Eltern, sind. Wir bitten dich, Allah, behüte unsere Kinder vor dem Bösen der Welt. Wir bitten, dass sie immer satt sind und warm; dass sie ein Heim haben, in dem sie in Frieden leben können, ohne zu frieren, dass sie nachts sorgenfrei schlafen und sich am Tag der Sonne und des Lebens erfreuen können und dass sie als Kinder und als Erwachsene geliebt werden.

Wir danken für unsere Eltern, am heutigen Tag besonders für unsere Mütter, und für die, die uns zusätzlich, oder an ihrer Stelle, wie Mütter waren und sind. Behüte uns Allah, und vergib uns, denn du bist der Allvergebende, Barmherzige. Zu Dir allein wenden wir uns und dich allein bitten wir um Hilfe.“

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Fasten bis zum Umkippen in der Schule

Autor: Massud Reza

Bald beginnt Ramadan, also jener Monat, bei der Muslim/innen weltweit fasten werden. Nicht nur, dass in dem Fastenmonat – nach islamischer Überzeugung – der Koran herabgesandt wurde. Vielmehr wird das Fasten an sich zu den fünf Säulen des Islams gezählt, also neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Almosenabgabe sowie der Pilgerfahrt nach Mekka. Mittels des Fastens bzw. der Entbehrung von materiellen Bedürfnissen kann man sich dem Zustand der inneren Ausgeglichenheit annähern, sich intensiv mit seinem eigenen Selbst auseinandersetzen und dies läutern, über Gott und vieles mehr tiefgründiger nachdenken. Gerade der Läuterungsprozess soll dabei nicht aus dem Blickfeld geraten, immerhin sollen dadurch sowohl der Charakter als auch das Handeln von Muslim/innen zu gutem Verhalten führen. Somit gewinnt das Fasten im Islam einen unverrückbaren, hohen Stellenwert.

All die aufgezählten Punkte könnte man vorbehaltlos zustimmen. Doch leider gibt es ein gravierendes Problem, worüber gesprochen werden muss, da das Thema jährlich nicht an Brisanz verliert. Es kommt in Schulen (egal ob Grund – oder weiterführenden Schulen) vor, dass muslimische Schüler/innen unter dem Fasten leiden und sogar ohnmächtig werden. Von morgens bis abends essen und trinken sie nichts, haben zu wenig Schlaf und setzen sich damit sehr stark unter Druck, was wiederum negative Folgen auf ihr gesundheitliches Wohlbefinden zeigt. Schließlich gilt ja auch Stress als Krankheitsverursacher. Aber nicht nur sie selbst setzen sich unter Druck, auch in den Schulen gibt es eine Art sozialer Kontrolle durch muslimische Schüler/innen, die ganz minutiös darauf achten, ob ihre muslimischen Mitschüler/innen sich auch ans Fastengebot halten. So geraten immer mehr junge Menschen unter den Druck, sich des Essens und Trinkens zu entledigen, obwohl sie es körperlich und seelisch nicht aushalten können. Angetrieben zu diesem Verhalten wird man von Fragen, wie z.B. wer ein guter oder gar besser Muslim ist? Wer hält sich am konsequentesten am islamischen Gebot? Wer kann anderen mit Glorie beweisen, wie tapfer und standhaft er/sie das Fasten durchhält?

Führt man sich diese Aspekte vor Augen, so macht es nachdenklich und es beunruhigt. Es geht nicht mehr um einen inneren Läuterungsprozess, wie weiter oben beschrieben, sondern stets um die äußerliche Ebene. Geradeso als wenn man in einem mechanischen Zustand verfällt und dann erst das Fastengebot ausführt. Völlig abgebrüht und dröge, ohne jeglichen Läuterungs – und Reflexionsprozess. Weiterhin ist auch bekannt, dass es muslimische Schüler/innen gibt, die auch vortäuschen, dass sie am Fasten sind. Da sie die soziale Ausgrenzung und den sozialen Druck größtmöglich umgehen wollen, beschummeln sie nicht nur andere, sondern auch sich selbst.

Wie sollte man mit dieser vertrackten Angelegenheit am besten umgehen? Immer mehr Lehrkräfte melden sich bundesweit zu Wort und beklagen, dass ihre muslimischen Schüler/innen aufgrund des Fastens sehr unkonzentriert im Unterricht sitzen, sich vom Sport – und Schwimmunterricht befreien lassen und tatsächlich auch abrupt bewusstlos werden – und das besonders in heißen Sommertagen.

Aus diesem bedenklichen Befund gilt es vor allem eins zu unternehmen und zu vermitteln, nämlich die Bildung! Generell muss man Schüler/innen den unschätzbaren Wert von Bildung vermitteln, damit sie auch nach der Schule für das Leben in der Gesellschaft vorbereitet sind. Statt nach religiösen Fehlleistungen von anderen zu schauen, sollte man auf sich selbst Acht geben, um die eigenen Fehler nicht aus dem Blick zu verlieren. Permanent zu fasten, sich oder auch andere unter Druck zu setzen, geht ebenfalls völlig am Islam vorbei. Vordergründig gilt es den sozialen Druck abzubauen und sich vor Augen zu führen, was das Fasten bzw. Ramadan für einen selbst bedeutet.

Nicht nur das eigene Wohlbefinden muss stets als Bezugspunkt herangezogen werden, um zu überprüfen, ob man in der Lage ist zu fasten. Ein unausweichlicher Aspekt betrifft nämlich den Erwerb von Wissen, Kenntnissen, Fertigkeiten, sozialen Kompetenzen und vielem mehr, also sprich die Bildung. Der Erwerb von Bildung spiegelt sich auch im Islam wider, da es häufig in der Religion heißt, dass man sich Wissen aneignen muss. Konzentrieren sollte man sich auf die Schule, auf den angestrebten Abschluss und auf die Zukunft. Schließlich bringt es weder einem selbst noch Gott etwas, wenn man vor Erschöpfung umkippt, keinen Schulabschluss erwirbt und sich nicht gesellschaftlich einbringt. Das kann gerade der Islam nicht wollen. Diese Gratwanderung zwischen Fasten und Bildung sollte im Interesse der Schüler/innen zugunsten der Bildung fallen. Und bevor kleinkarierte Relativisten nach Zahlen fragen: Es spielt keine Rolle, wie viele junge Menschen das betrifft, weil das Grund – und Menschenrecht auf gesundheitliches Wohlergehen nicht an irgendeiner Zahlenhürde festgelegt werden kann. Lehrer/innen geben immer wieder öffentlich bekannt, dass sie mit den Problemen nicht allein fertig werden können. Meines Erachtens nach liegt die Aufgabe zur Veränderung daher nicht nur in der Schule. Auch muslimische Eltern müssen sich Schritte nach vorne bewegen und ihren Kindern klipp und klar mitteilen, wie wichtig die Schulbildung ist. Solche Vermittlungsangebote können auch von Psychologen organisiert werden, die sehr erfahren mit dem Thema umgehen. Der häufige kollektive Zwang in (Schul-)Gemeinschaften und der damit einhergehende soziale Druck muss aufgebrochen werden, damit Schüler/innen angstfrei und ohne Furcht vor Konsequenzen sich in erster Linie auf die Schule und dem Lernen konzentrieren können. Daher erhoffe ich mir, dass es dereinst mal positive Veränderungen im Schulbereich im Kontext Fasten gibt, um nicht die Bildung und –wichtiger noch – die Gesundheit von Individuen zu gefährden.

Eierfest, Zuckerfest – was feiern wir da eigentlich?

Eierfest, Zuckerfest – was feiern wir da eigentlich?

Autorin: Susanne Dawi

„Wann ist eigentlich das Eierfest?“, fragte mich vor ein paar Tagen ein Neuberliner aus Syrien. „Das Eierfest ist im April – es heißt eigentlich Ostern“, antwortete ich. Keine zwei Tage später fragte mich eine Arbeitskollegin: „Wann ist eigentlich das Zuckerfest?“ – Da musste ich dann aber doch ein wenig lächeln – Eierfest, Zuckerfest, was gibt es denn noch Leckeres zu zelebrieren? Ach ja, das Spargelfest!

Es mag nicht ganz auf der Höhe abiturieller Bildung sein, die Feste nach ihren Hauptspeisen zu benennen, aber es funktioniert. Jeder Deutsche weiß, dass mit „Eierfest“ wohl Ostern gemeint ist, und wir Muslime wissen inzwischen, dass „Zuckerfest“ das Eid al fitr beschreibt. Zu diesem schreibe ich bei Gelegenheit einen kleinen Blogtext. Heute geht es um das Osterfest.

Ostern fällt dieses Jahr auf den 21. April, also schon recht bald. Auf dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) wurde festgelegt, dass Ostern immer auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond fällt. Das Datum ist also jedes Jahr ein wenig unterschiedlich. Was hat es mit diesem Fest der Christen auf sich? Kurz gesagt: Es ist das Fest der Auferstehung des Propheten Jesus.

Als Jesus etwa eine Woche vor seinem Tod mit seinen Jüngern in Jerusalem ankam, um das jüdische Pesachfest zu feiern, begann seine so genannte Leidenswoche. Der erste Tag dieser Karwoche ist der Palmsonntag. Einerseits wurde Jesus in Jerusalem von seinen Anhängern gefeiert, andererseits empfanden ihn die religiösen Machthaber als Bedrohung und wollten seine Vernichtung. Sie boten Geld für denjenigen, der ihnen zeige, wo sich Jesus aufhielt. Judas, einer von Jesus’ Jüngern, erlag diesem Versprechen der Priester. Am Donnerstag Abend saß Jesus zum Abendmahl mit seinen Jüngern auf dem Ölberg, um das Pesachritual zu begehen. Die römischen Soldaten waren von Judas informiert worden, wo Jesus zu finden sei. Nun mussten sie aber noch wissen, welcher der vielen Männer Jesus war. Als die Soldaten vor der Menge standen, gab Judas dem Propheten einen Kuss – so wussten die Soldaten: dieser Mann war Jesus von Nazareth.

Jesus wurde gefangen genommen und am nächsten Tag – so sagen die Christen – an das Kreuz genagelt. Nach seinem qualvollen Tod nahm man ihn vom Kreuz ab, wickelte ihn in Tücher und trug ihn in eine Höhle. Diese wurde mit einem großen Stein verschlossen.

Die Nacht verging, und auch der darauf folgende Samstag. Am Sonntag Morgen ging Maria Magdalena zur Höhle, um den Leichnam ihres geliebten Propheten zu besuchen. Doch sie fand den Stein zur Seite geschoben, die Höhle also geöffnet, und der Prophet war nicht darin. So gingen die Jünger davon aus, dass Jesus in den Himmel gegangen war. Fünfzig Tage später, zu Pfingsten, zeigte sich Jesus den Jüngern in Form von Fleisch und Blut, doch zunächst blieb er verschwunden.

Der Freitag vor Ostersonntag heißt Karfreitag. Es ist der Todestag des Propheten Jesus.

Ostersonntag ist der Tag seiner Auferstehung. Das Osterfest ist das wichtigste christliche Fest des Jahres, denn ohne diese Auferstehung hätte die Geburt Jesus, also das Weihnachtsfest, weit geringere Bedeutung. Soviel also zum religiösen Aspekt von Ostern.

Was hat das mit Eiern zu tun? In vielen Kulturen der Welt wird im Frühling die Fruchtbarkeit gefeiert. Diese ist symbolisiert durch das Ei. Eierschalen wurden schon lange vor dem Christentum beispielsweise von den Sumerern dekoriert. Die Christen haben aber das Ei für ihr Osterfest umgedeutet. Außen tote harte Schale, ist innen doch neues Leben. So ist das Ei ein Symbol für die Auferstehung geworden.

Das kann man sehen, wie man möchte. Jedenfalls haben wir Jahrhundertelang in Gedenken an Jesus’ Auferstehung das Osterfest gefeiert und dazu Eier gefärbt und gegessen. In letzter Zeit scheinen sich die Feste von ihren religiösen Grundlagen zu entfernen und Traditionsfeste, oder Kulturfeste, zu werden. Unabhängig von der Religion färbt, sucht und isst man heute zu Ostern viele Eier. Wird also einerseits die religiöse Bedeutung vergessen, so stiftet diese Art des Feierns andererseits Gemeinschaft, denn nun können alle gemeinsam an den Festen teilhaben, ganz ohne ideologische Zugehörigkeit. Ob man das gut oder schlecht findet, sei hier jedem selbst überlassen.

In diesem Sinne wünschen wir allen Christen ein frohes Osterfest und uns allen gemeinsam ein frohes Eierfest. Vor allem den Kindern.

Neujahr 2019 – كل عام و انتم بخير

Neujahr 2019 – كل عام و انتم بخير

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu

Autorin: Susanne Dawi

Photo by Annie Spratt on Unsplash

Jedes Jahr aufs Neue nehmen wir uns Dinge vor, die wir im kommenden Jahr ändern möchten. Meist halten diese Änderungen gerade mal bis zum nächsten Morgen vor, andere Male vielleicht ein halbes Jahr. Das ist super, immerhin! Aber wirklich verändern können wir uns kaum. Gewohnheiten sind nicht umsonst zu solchen geworden. Sie befriedigen tief liegende Bedürfnisse, wie sehr auch immer wir diese ablehnen mögen. Wenn wir diese Bedürfnisse nicht hätten, hätten wir auch nicht ebendiese Gewohnheiten. Bei den meisten Menschen sind es immer wieder dieselben Vorsätze, die gefasst, befolgt, und gebrochen werden. Doch anstatt irgendwann zu erkennen, dass es so nicht funktioniert, versuchen wir es im nächsten Jahr wieder mit genau denselben Ideen.

Eine Freundin gab mir dieses Jahr einen anderen Vorschlag. Sie habe gelesen, man könne sich zum Beispiel für das Jahr ein Wort aussuchen, das einen in jeder Situation begleitet. Eine Art Leitwort für das ganze Jahr. Dieses Wort führt ganz von allein zu Veränderungen, ohne dass diese Veränderungen vorher absehbar sind. Wenn du magst, probier es aus und schau, was passiert. Vielleicht verändert sich etwas ganz unabsehbares und gibt deinem Leben eine neue Richtung. Vielleicht wird Altes bestärkt und du kannst Frieden damit schließen. Probier es aus, und genieße das neue Jahr! Es soll ein schönes werden! Mit vielen Momenten, an die du dich gerne erinnern wirst.

Was also ist dein Wort für 2019? Freiheit, Liebe, Hoffnung, Gesundheit, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Freude, Leidenschaft, Unabhängigkeit, Produktivität, Bescheidenheit, Ruhe, Gelassenheit, Sparsamkeit, Selbstverwirklichung, Selbstdisziplin, Freigiebigkeit, Geborgenheit, Ordnung, loslassen, festhalten, Frömmigkeit, Verantwortung, Hingabe, Lust, Leichtigkeit, Anstand, Zurückhaltung, Impulsivität, Rücksichtnahme – oder etwas ganz anderes. Welches Wort wählst du?

Wenn du eins gefunden hast, das sich gut anfühlt, hat es sicher schon auf dich gewartet. Für dieses Jahr ist es dein Freund in allen Momenten. Schau mal, was geschieht!

Wir von der Ibn Rushd-Goethe Moschee wünschen Allen ein wundervolles Jahr 2019. Es wird Höhen und Tiefen haben, wie jedes Jahr. Mögen die schwierigen Momente erträglich sein u

nd die schönen Momente vielfältig und reich die Seele erfreuen.

„Gott belastet keine Seele mit mehr als sie ertragen kann. Zu ihren Gunsten wird sein, was immer sie Gutes tut und gegen sie, was immer sie Übles tut.

Oh unser Erhalter! Ziehe uns nicht zur Rechenschaft, wenn wir vergessen oder unwissentlich Unrecht tun!

Oh unser Erhalter! Erlege uns nicht eine solche Last auf, wie du sie jenen auferlegt hast, die vor uns lebten!

Oh unser Erhalter! Lass uns nicht Lasten tragen, die zu tragen wir keine Kraft haben!

Und tilge Du unsere Sünden, und gewähre uns Vergebung, und erteile uns Deine Barmherzigkeit!“

(2:286)

Ramadan

Ramadan

Ramadan ist die höchste Schule des Lebens.
Diese gesegnete Fastenzeit ist ein wertvolles Geschenk des Himmels an unser Leben. Die Lektionen Ramadans AlMoubarak sind einmal im Jahr wie eine Erfrischungskur für unser Denken, unser Fühlen, unser Verhalten, unsere Taten, unser Glauben und unser Leben.
Ramadan AlMoubarak ist die Zeit des Fastens, des Verzichts, der Enthaltsamkeit, der inneren Reinigung, des Nachdenkens, der Kraft und des Energietankens, des gesunden Lebens.
Ramadan AlMoubarak ist viel mehr als Verzicht auf Essen und Trinken, auf Egoismus, auf Überfluss und auf Verschwendung und Missachtung unserer Lebensgrundlagen. Ramadan AlMoubarak lehrt und vermittelt uns das Gefühl der Wertschätzung und Dankbarkeit.

In vielen Gegenden dieser Welt ist ein Tropfen sauberes Wasser mehr wert als Geld, und eine Handvoll Reis am Tag rettet ein Menschenleben.
Ramadan AlMoubarak lehrt uns, wie gut es uns geht, und vor allem, Mitgefühl für die Menschen, denen es schlecht geht und die in katastrophaler Armut leben müssen. Zumal unser Wohlstand und unser Wohlergehen auf Kosten und durch Ausbeutung der
ärmsten der Armen beruht. Ramadan AlMoubarak lehrt uns die Gemeinsamkeiten. Alle Gläubigen fasten, beten und
feiern als eine große Familie. Ramadan AlMoubarak lehrt uns abzugeben und zu spenden. Ramadan AlMoubarak ist ein Monat voller gesegneter Geschenke an unsere Gesundheit und unser Leben. In dieser Zeit tanken wir viele positive Energie, Liebe und Glücksgefühle.
Ramadan AlMoubarak ist eine gesunde Quelle.
Ramadan AlMoubarak ist der Frühling des Lebens.

Weltweit kennen viele Religionen das Fasten als Zeremonie, die zur Reinheit und Erleuchtung führen soll. Das Fasten sollte eine Zeit des Betens und des Verzichts auf alle Genüsse sein.
Die Fastenzeit ist Einkehr, Umkehr und Besinnung. Eine Zeitlang auf Gewohntes verzichten ist mehr, als eine alte Tradition.
Es gibt zahlreiche Heilfastenarten und Fastenkuren. Die Natur fastet auch. Bei den Tieren, z.B. zur Brutzeit, beim Winterschlaf und auf ihren Zügen.
Auch Bäume und Pflanzen „fasten“ zu bestimmten Jahreszeiten.
Medizinisch gesehen wird Fasten als die unblutige Operation der Inneren Medizin bezeichnet. Es gibt kaum eine andere Heilmethode, die den Organismus so positiv beeinflusst wie das Fasten.
Das Fasten bewirkt eine Umstimmung und Veränderung des körperlichen und geistig-seelischen Zustands. Es werden die körpereigenen und seelischen Selbstheilungskräfte angeregt, d.h. die Aktivierung des inneren Arztes.
Ich wünsche alle Fastenden eine gesegnete und gesunde Fastenzeit.
Unsere Gedanken und Gefühle sind auch bei Allen, die aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen nicht fasten dürfen oder können.
Zum Ramadan gehören Spenden. Wer nicht spenden kann, der kann zum Spenden aufrufen und wird von Gott genauso gesegnet und geschätzt.
Wir danken Allah, dass wir fasten können und dürfen.
Gott segne Euer Fasten, Eure Gesundheit, Eure Gebete und Euer Leben.

Ramadan

Ramadan

Seit einigen Tagen befinden wir uns im Monat Ramadan, im Islam ein ganz besonderer Monat. Deshalb heißt mein heutiges Thema auch Ramadan. Aus dem Grunde ist es auch wichtig, uns die Zeilen, die im Koran über diese Zeit stehen, in unser Gedächtnis zurückzurufen.

Sure Al-Baqara: 183-185: „Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget.

Es sind nur eine bestimmte Anzahl von Tagen. Aber wer immer von euch krank ist oder auf einer Reise, soll stattdessen die gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten, und in solchen Fällen obliegt es jenen, die es sich leisten können, ein Opfer durch Speisung eines Bedürftigen zu bringen. Und wer immer mehr Gutes tut, als er zu tun verpflichtet ist, tut sich damit selbst Gutes; denn zu fasten ist euch selbst Gutes zu tun – wenn ihr es nur wüsstet.

Es war der Monat Ramadan, in dem der Koran zuerst von droben erteilt wurde, als Rechtleitung für den Menschen und evidenter Beweis dieser Rechtleitung und als Maßstab, mit dem das Wahre vom Falschen zu unterscheiden ist. Darum, wer immer von euch dessen Monat erlebt, soll ihn durchweg fasten. Aber wer krank ist oder auf einer Reise, soll stattdessen die gleiche Anzahl dafür von anderen Tagen fasten. Gott will, dass ihr Erleichterung habt, und will nicht, dass ihr Härte erleidet. Aber Er wünscht, dass ihr die Anzahl der erforderlichen Tage vervollständigt, und dass ihr Gott lobpreist, dass Er euch rechtgeleitet hat, und dass ihr Ihm euren Dank abstattet.“

Eigentlich alles, was wir bedenken, tun oder lassen müssen, wie wir uns zu verhalten haben, kommen in diesen Versen zum Ausdruck.

Aber warum verlangt eigentlich Gott, dass wir einen ganzen Monat lang fasten? Was hat Gott vom Fasten des Menschen und was hat der Mensch davon, sich für einen relativ langen Zeitraum sich abzumühen, auf Sparflamme zu bleiben? In den vorangegangenen Versen finden wir die Antwort: Oh ihr, die ihr Glauben erlangt habt! Das Fasten ist für euch verordnet, wie es für jene vor euch verordnet war, auf dass ihr euch Gottes bewusst bleiben möget. Auch der Prophete Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn hat darauf eine Antwort. Er zeigte, als seine Kameraden ihn danach fragten, auf sein Herz und sagte: „Es gibt einen Teil in unserem Körper, dessen Gesundheit bedeutet, dass auch der Rest des Körpers gesund, und dessen Krankheit bedeutet, dass auch der Rest des Körpers krank ist. Es ist das Herz.“

Es meinte damit die seelische und spirituelle Gesundheit und damit den Charakter, das Handeln und die Ausgeglichenheit derjenigen Person. Es geht beim Fasten also nicht um die Strapazen, wenn man Durst oder Hunger kaum noch ertragen kann. Gott gibt uns damit die Möglichkeit, sich mit seinem Inneren auseinanderzusetzen und das klappt nicht oder nur unzureichend, wenn das Fasten nur für eine kurze Zeit wäre. Natürlich ist auch die Erfahrung, Tag für Tag Hunger zu haben wichtig. Es ist nicht das Verständnis für die stets Hungernden, denn von ihnen wird das gleiche Fasten verlangt. Es ist vielmehr das Nachdenken über seine Beziehung zu Gott, zu dessen Schöpfung und über sich selbst.

Es ist das Fasten des Herzens.

Bei Ahmad lesen wir den Hadith: „Wenn der Fastende Lügen, unaufrichtiges und unverantwortliches Handeln nicht unterlässt, braucht Gott nicht von ihm, dass er auf sein Essen und Trinken beim Fasten verzichtet.“ Ich möchte den Satz einmal ganz krass übersetzen: Vielleicht musste Gott zu dieser Kraftanstrengung greifen, um dem Menschen klar zu machen, was richtiges und wahrheitsgemäßes Handeln bedeutet. Gott sagt vielleicht (in Anführungsstrichen): Ok, wenn du nicht willst, dann lasse es! Ich brauche es nicht von dir, aber dir gehen bestimmt später ein paar Pluspunkte verloren.

Noch einmal wiederholt: Das Ziel dieser langen Dauer des Fastens und sicher auch die damit verbundene Härte ist also eine innere, spirituelle Reinigung. Es beinhaltet eine anspruchsvolle Übung zur Selbstbeherrschung.

Das, was Gott von uns mit dem Fasten verlangt, ist das Läutern unseres Herzens durch Selbstkritik und Selbstreflexion.

Nicht nur das Herz fastet, auch die Zunge. Für sie gilt es, sich von jeglicher Form der schlechten Rede zu enthalten. Das bedeutet: Kein schlechtes Gerede über jemanden, kein Lästern, Fluchen, Beleidigen. Übrigens gilt das auch für jeden Tag, aber im Ramadan ist es besser, auf jedes Wort zu achten als eine Voraussetzung für die Reinheit des Herzens.

Weiter geht es in der Sure 2 Vers 186: „Und wenn mein Diener dich nach Mir fragt- siehe, ich bin nahe; ich erhöre den Ruf dessen, der ruft, wann er immer zu Mir ruft: so sollen sie denn auf Mich hören und an Mich glauben, auf dass sie dem rechten Weg folgen mögen.

Es ist die Zeit des Bewusstseins von Gottes Anwesenheit.

Gott wird immer antworten, sicher nicht gleich, denn Er weiß am besten, wann seine Hilfe, seine Antwort vonnöten ist. Jemand mit einem starken Gottesbewusstsein lebt stets sein Leben im Bemühen, nur diejenigen Dinge zu tun, die Gott gefallen. Das Bitten und Fragen bei Gott bezieht sich aber gewiss nicht nur auf diesen besonderen Monat, sondern gilt für alle Tage.

Abu Huraira überlieferte vom Gesandten Allahs, dass Allah sagte: „Jede Handlung des Sohnes von Adam gehört ihm selbst, außer dem Fasten. Es ist Mein, und Ich werde ihn dafür entlohnen. Das Fasten ist ein Schutz. Wenn einer von euch fastet, soll er weder unsittlich noch zu laut sprechen, und wenn ihn jemand beleidigt oder herausfordert, dann soll er sagen: ‘Ich faste.’ Bei Dem, in Dessen Hand die Seele von Muhammad ist, der Atem desjenigen, der fastet, ist bei Allah genehmer als der Duft von Moschus. Der Fastende hat zwei Freuden: Wenn er sein Fasten bricht, erholt er sich, und wenn er seinem Herrn gegenübersteht, hat er Freude an seinem Fasten.“

Der Monat Ramadan bietet dem Menschen die Gelegenheit, intensiver in sich hineinzuschauen, sich von belastenden Gedanken frei zu machen, Ruhe zu finden, wieder zu sich zu kommen, auf den Boden der Tatsachen. In einem Hadith von Ahmad kann man lesen: „Wer richtig fastet, ist nach dem Fasten wie am Tag seiner Geburt.“

Ramadan ist eine Reise in die Tiefe seines eigenen Herzens und Bewusstseins, ein selbstkritisches und ehrliches Nachfragen und Überarbeiten. Das ist das eigentliche Ziel und das der Prophet – Frieden und Segen auf ihn- mit dem großen Dschihad beschrieben hat: al-dschihadu fiy sabil-illah- die Anstrengung auf Gottes Weg“.

Es ist der eigentliche Kampf gegen das Böse im Herzen des eigenen Ichs, die innere Läuterung zur moralischen Vervollkommnung.

Das ist die wichtigste Bedeutung des Fastens, und nicht die körperliche Anstrengung. Aber dabei lernt man den Hunger und den Durst zu beherrschen und stärkt den Willen des Menschen. Der Mensch. Er entdeckt sich neu. Er entdeckt vielleicht neue, vorher nicht geahnte Kräfte und entfaltet sie. Durch das Fasten kann er zu einer neuen Willenskraft finden und sie stärken, um schlechte Eigenschaften zu erkennen und zu überwinden und seine guten Eigenschaften zu stärken.

Etwas aus der wissenschaftlichen Forschung, Thema Fasten: Der Darm ist innen mit einer Zellschicht ausgekleidet, die etwa alle fünf Tage durch Stammzellen erneuert wird. Das ermöglicht eine schnelle Geweberegeneration z.B. nach einer Darmerkrankung. Allerdings lässt diese Fähigkeit im Alter nach. Jetzt konnten amerikanische Forscher bei Mäusen nachweisen, dass eine nur 24-stündige Fastenperiode ausreicht, um die altersbedingt verringerte Aktivität dieser Stammzellen zu reaktivieren. Entscheidend dafür war, dass das kurzzeitige Hungern den Fettabbau in den Zellen verstärkte, Das Fasten aktiviert einen Schalter im Stoffwechsel der Darmstammzellen, so dass sie statt Kohlenhydraten Fett verbrennen. Jetzt weiß ich, dass das Fasten hin und wieder guttut.

In den letzten zehn Nächten im Ramadan kommt Lailatu’l-Qadr, die ‚Nacht der Macht‘, die Nacht des Schicksals, von der Gott sagt, dass sie besser als tausend Monate sei. Es ist die Nacht, in der ein Teil des Korans vor vielen Jahrzehnten zum ersten Mal dem Propheten Mohammad, Friede und Segen Gottes auf ihn, offenbart wurde. In dieser Nacht steigen die Engel von den Himmeln herab.

Es ist gute Sitte unter den Muslimen, in dieser Nacht Gott in Bittgebeten anzuflehen und auch gemeinsam das Tarawih-Gebet abzuhalten. Der Gesandte Allahs sagte, dass ein Du’a, welches in der Lailatu’l-Qadr gesprochen wird, von Allah angenommen wird und die Fehler des Bittenden vergeben werden. Aber ohne das Bezahlen der Zakat Al-Fitr und für das ‘Id (Feiertags)-Gebet am Ende des Monats ist der Ramadan nicht vollständig und wird von Allah nicht angenommen. Das sollte man also nicht vergessen.

Was bedeutet eigentlich das Wort Ramadan?

Es leitet sich von ‚ramad‘ ab, was so viel bedeutet: ‚von der Sonne intensiv erhitzt‘. ‚Das Wort ‚ramda‘ bezeichnet die ‚Hitze der Sonne‘. Ramadan könnte also bedeuten: die falschen und schlechten Handlungen der Gläubigen verbrennen.

Imam Al-Qurtubi, er war einer der hervorragendsten islamischen Wissenschaftler Andalusiens im 13. Jh., sagte: „Er (der Monat) wurde Ramadan genannt, weil er die falschen Handlungen der Leute durch rechtschaffene Taten verbrennt“. Also schlechte Handlungen werden durch gute ersetzt. (Aber es muss wenigstens eine gute Tat überwiegen.)

Was bedeutet dieser Monat noch? Es ist einer der Monate des Friedens.

Es betrifft die Menschen, die Gemeinschaft. Der Ramadan ist eine Zeit, die die Gemeinschaft aller Menschen, aber insbesondere die der Muslime, wiederbelebt und kräftigt und den Glauben stärkt. Und wir sind aufgerufen, uns von allen Streitereien, Anfeindungen fern zu halten, keine Missgunst auf jemandem zu haben, (vielleicht in der Arbeitswelt), den Nachbarn nicht mehr scheel anzusehen. Wie wäre es, ihn vielleicht mit einem Blumenstrauß zu überraschen, zumindest mit einem netten Gruß. Ihr werdet sehen, wie man auch eingefleischte Miesepeter verblüffen kann. Vielleicht klappt es auch in diesem besonderen Monat, unterbrochene familiäre Verbindungen wiederzubeleben.

Und es ist die Zeit, vor allem sich selber wiederfinden, aus dem alltäglichen Rhythmus herauszubrechen, mal eine Stunde weniger fernzusehen, dafür alte Freunde aufzusuchen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Was ist noch mache? Ich gehe hinaus, auf die Straße, in den Park, schaue mich um und bewundere die Schönheit von all dem, was ich sehe. Ich verstehe wieder besser das Wunder der Schaffenskraft von Gott. Und ich fühle, wie mein Inneres, mein Herz hingezogen wird zu Gott, dem Schöpfer all dieser Schönheiten. Es ist ein wunderbares Gefühl und ich wünsche es jedem, dass er Ähnliches erfährt.

Es ist einfach die Zeit, sich verstärkt auf Gott zu besinnen, Zeit für tiefe Anbetung und Hinwendung zu Gott. Der Ramadan ist geprägt von Barmherzigkeit, Gottes Barmherzigkeit zu den Menschen und Barmherzigkeit, des Erbarmens und der Nächstenliebe in der Gemeinschaft der Menschen. Wer Gott nahe sein will, kann sich durch Hilfeleistungen, Zuwendungen zu den Bedürftigen beweisen. Jede freiwillige, gute Handlung wird von Gott registriert und sicherlich angenommen. So bitte ich bei Gott für alle Muslime eine wunderbare, gesegnete Zeit.

Möge Gott eure Gebete, euer Fasten und gutes Handeln annehmen. Ich wünsche euch Zufriedenheit, Ruhe und Gelassenheit mit euch selbst und mit eurer Familie, ein offenes Ohr und eine helfende Hand für die Notleidenden, Waisen und allen, die eurer Hilfe bedürfen.

Ich wünsche euch und euren Familien einen segensreichen Fastenmonat, in dem all unsere Gebete erhört werden und unsere Ibadaat angenommen werden. Möge Gott uns die Tore Seiner Barmherzigkeit Güte und Vergebung öffnen. Ich wünsche euch ein gesegneten Monat Ramadan.

Ramadan karim!

Islamisches Neujahr

Islamisches Neujahr

von Awhan (Christian Hermann)

Frohes neues Jahr!

Das habe ich bislang nur einmal alle 365 Tage gehört, in der Silvesternacht, beim Jahresübergang des Gregorianischen Kalenders.

Doch jetzt ist – zusammen mit dem Islam – ein zweiter Neujahrstag in mein Leben gekommen. Der heutige Tag markiert den Beginn des Jahres 1439 des islamischen Kalenders. Und er war und ist damit der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Dingen, denen ich mich heute hier widmen möchte.

Heute ist der erste Tag des Monats Muharram, des ersten Monats im islamischen Kalender. Muharram ist einer der vier heiligen Monate des Jahres, in denen jede Form von Konflikt, Streit und Krieg im Islam verboten ist. In diesem Monat sind alle gläubigen Musliminnen und Muslime dazu angehalten, sich aufrichtig und aktiv zu bemühen, miteinander friedvoll auszukommen.

Schon in der vorislamischen Zeit verstanden die arabischen Stämme und Völker die besondere Bedeutung von Muharram. Es war ihnen in dieser Zeit nicht erlaubt, Krieg gegeneinander zu führen. Sogar der Name „Muharram“ bedeutet „verboten“. Es liegt auf der Hand, dass die Wichtigkeit dieses Monats durch die Ereignisse in der islamischen Geschichte nur noch bedeutender wurde.

Nach Ramadan ist Muharram der heiligste der Monate, auch und gerade, weil sein Beginn ein besonderes Ereignis innerhalb der islamischen Geschichte markiert. Denn heute, am ersten Muharram, gedenken wir des Tages, an dem Prophet Mohammed (saw) seine Auswanderung von Mekka nach Medina begann. Unser Prophet und seine Gefolgsleute waren in Mekka mit dem Tod bedroht worden und mussten fliehen, um in Sicherheit zu kommen.

So wie für uns der Beginn des neuen Jahres ein Start in einen neuen Abschnitt unseres Lebens ist, so war der sogenannte Hidschra – der Exodus des Propheten Mohammed (saw) und seiner Leute – der Beginn eines neuen Kapitels im Leben dieser Menschen. Sie hatten die Hoffnung auf eine bessere und vor allem friedvolle Lebenssituation. Auf diesen Aspekt werde ich später zurückkommen.

Viele außergewöhnliche Ereignisse trugen sich in den ersten Tagen des ersten Monats unseres religiösen Jahres zu. In dieser Zeit war die Sintflut, die Prophet Noah und seine Arche durch Gottes Willen überlebten. In dieser Zeit vollzog sich der Exodus des Volkes Israel aus Ägypten unter Führung von Prophet Moses. In dieser Zeit prüfte Gott den Propheten Hiob mittels Krankheit und Schmerzen.

Der zehnte Tag des Monats Muharram ist überdies noch bedeutsamer. Dieser Tag wird „Ashura“ genannt, abgeleitet vom arabischen Wort „ashara“, dem Zahlwort für die Nummer Zehn.

Am Ashura-Tag ereigneten sich für die Beteiligten jeweils umwälzende Geschehnisse. An Ashura erreichte die Arche von Propheten Noah wieder festen Grund an einem Bergrücken in der heutigen Türkei. An Ashura teilte Gott für Moses das Rote Meer, um die endgültige Flucht der Israeliten vor den Ägyptern zu vollenden. Und an Ashura heilte Gott Hiob für seine Glaubenstreue.

In den verschiedenen Ausprägungen des Islam haben Muharram und Ashura zudem noch weitere, unterschiedliche Bedeutungen. Mancherorts wird der Jahreswechsel freudig gefeiert, unter den schiitischen und alevitischen Musliminnen und Muslimen beginnt mit dem neuen Jahr eine Trauer- oder sogar Fastenzeit. Der rituelle und kulturelle Umgang mit dieser Zeit des islamischen Jahres ist sehr vielfältig und wirkt oftmals – aus einer Perspektive von außen – mitunter widersprüchlich. Bei allen unterschiedlichen, manchmal sogar barbarisch anmutenden Bräuchen und Handlungen ist das verbindende Element all dieser Dinge sicherlich die Ernsthaftigkeit, mit der die Gläubigen sie begehen.

Es gab jedoch ein Ereignis am Ashura-Tag innerhalb der islamischen Geschichte, das immense Auswirkung auf die gesamte Gemeinschaft hatte. Am 10. Oktober des Jahres 680 gregorianischer Zeitrechnung kam es im Gebiet des heutigen Iraks, in Kerbela, zu einer Schlacht zwischen Hussein, dem Enkel von Prophet Mohammed (saw) und dem Kalifen Yazid I.

Die Schlacht von Kerbela führte zum Tod von Hussein und seinen Gefolgsleuten, doch sie hatte darüber hinaus noch viel weiterreichende Auswirkungen. Denn sie bewirkte, dass der Bruch zwischen den Sunniten und den Schiiten endgültig wurde und fortan dieses Ereignis auch zur Rechtfertigung von Gewalt, Krieg und Terror herangezogen wurde und wird. In der Folge töteten Angehörige beider Ausprägungen einander immer und immer wieder.

Ich werde die Bilder einer TV-Dokumentation vielleicht niemals vergessen. Das Kamerateam besuchte eine Moschee nach einem Selbstmordanschlag, bei dem Dutzende Menschen während des Freitagsgebets durch eine Sprengstoffexplosion getötet wurden, vor den Augen des Imams, der gerade die Chutpa hielt. Die Explosion hinterließ einen Krater im Betonboden, an den Wänden war überall noch Blut zu sehen. Der Imam überlebte unverletzt diesen Terrorakt, der aufgrund der anhaltenden Auseinandersetzungen in der islamischen Welt zwischen Sunniten und Schiiten stattgefunden hatte.

PAUSE

In den letzten Jahrzehnten wurde Muharram und speziell der Ashura-Tag immer wieder zu Gewalt und Anschlägen genutzt. In einem Monat, der ein heiliger Friedensmonat sein soll für die gesamte Ummah. In einem Monat, in dem alle Gläubigen dazu angehalten sind, Streit und Krieg jeglicher Art ruhen zu lassen.

Das hinterlässt viele von uns ratlos, sorgenvoll und vielleicht auch mit Angst vor der Zukunft. Einige fragen sich: Wie kann Gott all diesen Hass und diese Gewalt zulassen?

Aber Gott hat uns bereits offenbart, wie wir mit diesen Fragen und Gedanken und Konflikten umgehen sollen.

Es gibt eine Legende, dass nach dem Ende der Sintflut die von Noah geretteten Menschen ein Festmahl kochen wollten, aus Dankbarkeit an Gott über ihre Rettung. Doch sie hatten nur wenige Vorräte und auf der Welt gab es nichts, was sie zur Essenszubereitung nutzen konnten.

Also nahmen sie, was da war.

Gott aber vermehrte das, was sie gekocht hatten, so dass sie alle üppig essen konnten.

Diese Geschichte ist der Ursprung, warum so viele Menschen in der muslimischen Gemeinschaft, auch und gerade die Aleviten, zum Ashura-Tag eine Speise namens „Ashure“ kochen und es mit so vielen Menschen wie möglich teilen.

Ist das ein Weg, wie wir umgehen mögen mit den schlimmen Ereignissen der Welt, speziell mit den Auswirkungen der Schlacht von Kerbela innerhalb unserer Gemeinschaft?

Ein pragmatisches Vorgehen? Wir nehmen, was da ist, machen daraus eine lebensnotwenige Sache und teilen sie?

Aber was soll dann unsere Entsprechung zu der Ashure-Speise sein? Was sollen wir erschaffen, das grundlegend und essenziell wichtig ist – und das den Streit und den Zwist und die Gewalt und den Krieg aufhebt?

Wir wollen uns kurz erinnern, wofür der Beginn des neuen Jahres steht. Unser Prophet Mohammed (saw) ist durch seinen Gang nach Medina in eine sichere und friedliche Umgebung gezogen.

Und auch andere Propheten vor ihm haben das getan oder erlebt. Noah hat mit dem Start des neuen Jahres einen neuen Bund zwischen Gott und den Menschen initiiert, und außerdem an Ashura festen Boden und damit Sicherheit für seine Leute erreicht. Moses durchquerte das Rote Meer und brachte seine Leute in Sicherheit, in eine Zeit ohne Sklaverei und Verfolgung. Und Hiob wurden durch sein Vertrauen in Gott Leid und Schmerz erlassen.

Wir sind heute hier zusammen, weil Freitag ist und ein neues Jahr beginnt. In Vertrauen auf Gott haben wir einen Ort geschaffen, der zur neuen Heimat vieler gläubiger Menschen wurde und noch werden wird. Einen Ort, an dem Frieden herrscht: zwischen den Geschlechtern, zwischen den islamischen Ausprägungen und ja, auch grundsätzlich zwischen den Menschen.

Denn ich habe noch nie eine Gruppe von Menschen erlebt, die so wohlwollend und zugewandt und friedvoll miteinander umgehen. In der so wenige Missverständnisse entstehen. Und in der diese wenigen Missverständnisse zu keinerlei Streitigkeiten und Brüchen zwischen Menschen führen.

So wie die Menschen nach der Sintflut sind wir hier eine Gemeinschaft. Vielfältig zwar in vielerlei Hinsicht. Aber trotz, oder besser, wegen dieser Unterschiedlichkeit verfolgen wir ein wunderbares Ziel: Das friedliche tolerante Zusammenleben von Menschen im verbindenden und – wie Hiob – vertrauenden Glauben an Gott.

Heute feiert nicht nur unsere Religion das Neujahrsfest, sondern auch das Judentum beginnt ein neues Jahr. Das ist eine bemerkenswerte Verbindung unserer Religionen an diesem Tag. Und so, wie alle Musliminnen und Muslime im Monat Muharram aufgefordert sind, Frieden zu halten, sind wir angehalten, den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Juden überall auf der Welt etwas entgegenzuhalten: Die Einigkeit.

Gott hat den Menschen erschaffen. Sein Bund mit den Menschen ist unser aller Bund, nicht nur mit uns Muslimen. Vor Gott sind wir alle Menschen und daher gleich.

Also lasst uns einfach das fortsetzen, was wir seit einigen Monaten hier tun: Wir haben hier einen sicheren Hafen für Menschen erschaffen. Wir verbinden uns hier an diesem Ort im interreligiösen Dialog mit unseren Brüdern und Schwestern in den anderen abrahamitischen Religionen. Wir beten hier und gehen in die Zwiesprache mit unserem Schöpfer. Und an diesem Jahresstart erinnern wir uns daran, ein neues und gutes Kapitel in unserem Leben aufzuschlagen. Nicht nur einmal im Jahr, zu Neujahr oder zu Ashura oder zum Opferfest. Sondern jeden Tag aufs Neue.

Die Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit eint uns in diesem Unterfangen. Der integre und liebevolle und offene Umgang mit unseren Schriften, mit den Begegnungen in der Natur und mit der Zwiesprache mit Gott.

Unser Weg zur Auflösung von jeder Form von Streit und Zwist und Gewalt und Krieg ist also:

ein frohes neues Jahr,

jeden Tag aufs Neue.