16.10.2020

Mu’minun – Muslimun

 

Oft, wenn ich vom Koran spreche, denke ich daran, was ich als neue Muslimin gelernt habe: Immer, wenn die Gläubigen sich nicht mehr an ihre Schriften hielten oder vergaßen und ihre Verhaltensweisen sozusagen den Bach hinunterliefen, sandte Gott einen neuen Propheten, als Letzten den Propheten Muhammad, der die Aufgabe hatte, sie zu mahnen und als schönes Beispiel einer höheren Moral.

Mir ist aufgefallen, dass Gott durch den Koran immer nur die Mu’minun angesprochen hat. Ich habe mich schon immer mal gefragt, was die genaue Bedeutung von Mu’min und Muslim ist.

Ich betrachtete erst einmal den Namen Gottes als al-Mu’min. Seine Bedeutung lautet am ehesten: Jemand, der Schutz gibt, das heißt: Gott als Mu’min ist der Bewahrer oder Verleiher der Sicherheit, und er verleiht sie demjenigen, der Seine Herrschaft anerkennt und Seinen Gesetzen folgt.

Das kommt ganz klar in der Sure 59, Die Versammlung, Vers 23 zum Ausdruck: „Er ist Allah, außer Dem kein Gott da ist, Er ist der Herrscher, der einzig Heilige, der Friede, der Verleiher von Sicherheit, …“

Also sind diese Menschen, die ihn anerkennen und seine Gesetze befolgen, die in Seinen Schriften verankert sind, ebenfalls Mu‘minun. Das heißt: alle, die an Ihn glauben und mit ihrem Herzen vertrauen, sind in Seinem Sinne Mu’munun.

Aber nicht nur der Koran erwähnt den Begriff Mu’min für ‚Glaubender‘, sondern er wird auch in jüdischen und christlichen Schriften, die in Arabisch geschrieben wurden, verwendet.

Das wird auch verdeutlicht in der 4. Sure An-Nisa: يَٰٓأَيُّهَا  ٱلنَّاسُ O ihr Menschen“.

Im Vers 136 dieser Sure heißt es: يَٰٓأَيُّهَا  ٱلَّذِينَ  ءَامَنُوٓا۟  ءَامِنُوا۟  بِٱللَّهِ  وَرَسُولِهِۦ  وَٱلۡكِتَٰبِ Oh Ihr, die ihr gläubig geworden seid, glaubt an Gott und Seinen Gesandten …“ O ihr Menschen: Es werden da keine Muslime angesprochen, die es da so noch gar nicht gab, sondern Gott wendet sich an jeden Menschen. Noch deutlicher wird Er mit der Anrede eines jeglichen Gläubigen, denn Er sagt: …die ihr gläubig geworden seid. Er meint damit vielleicht diejenigen Juden und Christen, die sich um den Propheten Muhammad versammelt haben, nicht in ihren alten Gemeinden. Weiter heißt es: „und an die Schrift, die er (schon) früher herabgeschickt hat! Wer an Gott, seine Engel, seine Schriften, seine Gesandten und den jüngsten Tag nicht glaubt, ist (damit vom rechten Weg) weit abgeirrt.“

Also Er sagt nicht: O ihr Muslime! Gott spricht jeden Menschen an, der auch schon vorher an ihn geglaubt hat bzw. nicht geglaubt hat. Meine Meinung ist: Er spricht auch diejenigen an, die gleichzeitig an Ihn und an andere Götter glauben, z.B. die Vielgläubigen des Stammes Seines Propheten Muhammad, den Quräisch. Und Er sagt nicht nur: glaubt an mich, sondern nennt hier schon verschiedene Stufen des Glaubens. Und so spricht Gott im Koran die neue Gemeinde an: „O ihr, die ihr glaubt.“ Es ist eine Gemeinde der Gläubigen. Darin werden die ‚Leute des Buches‘, also Christen und Juden und Vielgläubige mit einbegriffen.

Gott spricht im Koran, das habe ich schon in verschiedenen Predigten ausgeführt, seine Zuhörer an, gibt Nachrichten und beantwortet daraufhin die Fragen der Zuhörer. Was aber auffällig ist, die Zuhörer werden wie schon betont, immer als Mu’minun angesprochen, nicht als Muslimun, als Muslime. Das Wort Mu’min hat demnach eine ganz besondere Bedeutung: Der Begriff Muʾmin ist also der bevorzugte Begriff, den Gott im Koran verwendet, um monotheistische Gläubige zu beschreiben.

Es entsteht dadurch eine ganz spezielle Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, eine Beziehung der Freiwilligkeit, der Selbstbestimmung, der freien Unterwerfung unter Gott – kein Zwang im Glauben, so wie es in der 2. Sure Vers 256 Gott ausdrücklich erklärt wird.

Früher hatte ich für beide Begriffe kaum einen Unterschied darin gesehen. Aber wenn man sich mehr damit beschäftigt, stellt man fest, dass beide Worte unterschiedlichen Inhalt haben. A:mana und aslamna bedeuten beide: wir glauben. Aber aus dem Koran geht hervor, dass beide Worte nicht identisch sind, nicht dasselbe bedeuten. A:mana setzt ein tiefes, direktes, sehr persönliches Gefühl im Glauben voraus, während aslamna mehr ein Ausdruck der Zugehörigkeit zu der Gemeinde bzw. zur Religion darstellt. Man hat einige Papyrusrollen aus der Zeit des Propheten gefunden und darin wird von Mu’minun – die Glaubenden erzählt.

Die Wörter Muslim und Islam werden im Koran ungefähr 75 Mal erwähnt, aber mehr als 1000 Mal werden die Mu’minun von Gott angesprochen. Die Begriffe Muslim und Islam werden dementsprechend relativ selten von Gott benutzt. Im Koran wird also jemand als Muslim bezeichnet, der sich Gottes Willen unterwirft. Aber eine Unterwerfung muss ja nicht bedeuten, dass man es mit dem Herzen tut, es könnte ja auch aus Furcht getan werden. Gott unterscheidet durch den Koran im alten Arabien die Menschen so, wie wir es in der 49. Sure Al-Hudschurat, Vers 14 lesen können: „Die Araber der Wüste sagen: ‚Wir glauben’ (a:mana). Sprich: ‚Ihr glaubt nicht; sagt vielmehr: ‚Wir bekennen uns zum Islam.‘ (aslamna), und der Glaube ( al- imanu) hat noch nicht seinen Weg in eure Herzen gefunden. Aber wenn ihr Allah und Seinen Gesandten gehorcht, wird er euch nicht nichts von euren Werken verringern. Wahrlich, Allah ist verzeihend, barmherzig.“ Gott also belohnt auch einen Muslim ebenfalls anhand seiner Bemühungen.

Die konfessionellen Identitäten dieser Gläubigen scheinen zu der damaligen Zeit nicht so straff organisiert zu sein. Vielleicht gab es noch keine so strengen Grenzen, als sich der Kern der frühen Gemeinschaft um den Propheten und dem Koran neu formierte und entwickelte, wie später die Muslime im klassischen Sinn. Es herrschte ja noch die Stammesidentität vor.

Aber wie sollte der Charakter und das Verhältnis dieser neuen Gemeinschaft gegenüber den alteingesessenen Religionen und Identitäten werden, welche Ziele wurden angestrebt. Ich glaube, das ist eine interessante und wichtige Frage.

Im Koran steht an keiner Stelle, dass der Prophet Muhammad den Auftrag von Gott erhalten habe, eine neue monotheistische Religion zu gründen. Das war nicht seine Aufgabe. Er sollte den Menschen ein gutes Beispiel sein als ein Gläubiger, der mit großem Herzen Gottes Wohlgefallen anstrebte, d.h. Iman in seinem Herzen zu haben. Iman bedeutet ‚sich wohlfühlen, sich sicher und friedlich zu fühlen, in Sicherheit zu sein‘.

Erinnert ihr euch, was ich über Gottes Name als Al-Mu’mim sagte?

Der Islam bedeutet Hingabe zu Gott. Diese sich Hingebenden sind Muslime, aber nur wer Iman in seinem Herzen hat und dieser Hingabe mit einer inneren Haltung folgt und von Gewissheit über Gott geprägt ist und auch den Menschen mit Vertrauen und Zuversicht begegnet, ist ein Mu’min.

Wer ist nun ein Mu’min? Der Koran gibt auch hier in der 9.Sure, At-Tauba, Vers 112 die Antwort: „Denjenigen, die sich in Reue zu Allah wenden, Ihn anbeten, Ihn lobpreisen, die in Seiner Sache umherziehen, die sich beugen und niederwerfen, die das Gute gebieten und das Böse verbieten und die Grenzen Allahs achten – verkünde diesen Gläubigen, den Mu‘min die frohe Botschaft.“

Gott stellt aber auch mit den Versen 99-101 der 10.Sure Yunus klar, und damit spricht Er nicht nur den Propheten an, sondern die Menschen allgemein: „Und hätte Dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden? Und niemand kann glauben, außer mit Allahs Erlaubnis. Und Er lässt Seinen Zorn auf jene herab, die ihre Vernunft dazu nicht gebrauchen wollen. Sprich: ‚Schaut doch, was in den Himmeln und auf der Erde ist.‘ Aber den Leuten, die nicht glauben, helfen die Zeichen und die Warnungen nichts.“

Gott meint damit: Für Menschen mit einem freien Willen entsteht der Glaube, also ‚mu’min‘ durch aktiven Gebrauch des freien Willens. Aber dennoch brauchen wir Gottes Hilfe und Güte, wenn wir wirklich begreifen wollen, wie z.B. die Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung.

Was könnten eigentlich die Juden und Christen über den Propheten Muhammad gedacht haben? Warum haben sie ihm zugehört? Wie wirkte sich ihre Begegnung mit den neuen Anhängern des Propheten aus und später bei der Bildung dieser neuen Gemeinschaft und der neuen religiösen Tradition? Vielleicht waren sie anfangs nur sehr erstaunt, als Muhammad auch etwas aus ihren Schriften von Gott überbrachte und rezitierte, vielleicht Verse über Maria und ihrem Sohn Isa, oder über ihre Propheten? Das bestätigte doch ihre eigene Religion. So werden sie sich eingereiht habe in die Gruppe der Fragensteller an Gott. Sie mögen wohl auch schnell begriffen haben, dass dieser Gott, von denen Muhammad sprach, ihr eigener war. So wurden sie schnell reale Akteure in dem Dialog zwischen Gott und den Menschen.

Und sie alle müssen begriffen haben, dass Gott von ihnen nicht nur eine Unterwerfung von ihnen verlangte, sondern ein viel höheren Glauben, in dem die Liebe zu Ihm und von Ihm, Vertrauen und tiefe Akzeptanz ihren Platz hatte.

Furcht vor Ihm müssen nur diejenigen haben, die nicht an Seine Güte, Liebe, Barmherzigkeit glauben.

Meine Meinung ist: egal, ob Gott den Mu’min oder Muslim anspricht, Er spricht den Menschen an, den lebendigen, nachdenkenden. Gott gibt uns keine Befehle, nur Hinweise, über die wir nachdenken sollen und je nach der Situation ausführen können. Es sind ethische Grundsätze, wie wir als Gemeinschaft von Menschen zusammenleben können. Alles von Ihm Geschaffene unterliegt Seinen Gesetzen und nur den Menschen bietet Er ihnen durch diese moralischen Hinweise Seine Liebe und Vertrauen an, in der Hoffnung auf Rückgabe der Liebe und Vertrauen. Und ich? Ich möchte Gottes Liebe auch dadurch erwidern, indem ich meine Hilfe zum Wohlergehen dieser Moschee anbiete.

Noch ein Vers zum Abschluss, der eigentlich alles aussagt über den Bund, den jeder Gläubige mit Gott eingeht: Sure al-Baqara: 255-256: „Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen. Wer nun nicht an die Götzen glaubt, aber an Gott glaubt, der hat gewiss den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt. Und Allah ist Allhörend, Allwissend. Allah ist der Beschützer derjenigen, die glauben. Er führt sie aus den Finsternissen ins Licht…“

Manaar

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