Toleranz 

 

Tim Marshall
Tim Marshall

Ich möchte heute über Toleranz sprechen. Wir begegnen heutzutage ständig Leuten aus anderen, uns fremden Kulturkreisen, manchen mit offenem Herzen oder abweisend, misstrauisch. Aber allzu oft wissen wir nicht, wie wir ihnen begegnen sollen, unterschwellige Angst oder Scheu oder unmissverständliche Geringschätzung und Unfreundlichkeit ist unser unsichtbarer Begleiter.

Es heißt, wir sollen tolerant sein. Aber was bedeutet eigentlich Toleranz?

    Die Erklärung ist leicht, aber die Ausführung?

    Toleranz bedeutet allgemein, wenn ich etwas gelten oder jemanden gewähren lasse, wie z.B.  eine Duldung anderer Meinungen oder Weltanschauung, Handlungsweisen und Sitten. Es ist damit aber keine Gleichberechtigung gemeint, so wie es heute oft verstanden wird.

     Das Verb tolerieren kommt aus dem lateinischen Wort ‚tolerare‘   und bedeutet so viel wie erdulden, ertragen, duldsam sein, großzügig sein. Das Gegenteil ist die Intoleranz, also keine andere Meinung oder eine Weltanschauung wird gelten gelassen.

   Ein einfaches Beispiel: Ich unterhalte mich mit jemanden, der ein miserables Benehmen zeigt, aber er hat interessante Ideen. Nun muss ich mich entscheiden, gehe ich weg, weil mir echt sein Benehmen auf den Geist geht oder übersehe ich seine Manieren, also ich toleriere sie, und lasse mich von seiner Begeisterung anstecken.

    Wir finden beide Begriffe vor allem im Zusammenhang mit dem Umgang und der Regelung von Konflikten in sozialen Systemen. Da ist besonders der gegenseitige Respekt des Einzelnen oder einer Gruppe gegenüber einem anderen oder einer Gruppe sowie deren Meinung gefragt. So kann im politischen und gesellschaftlichen Bereich Toleranz auch als eine Antwort einer feststehenden Gesellschaft und ihres verbindlichen Wertesystems gegenüber anderen Gruppierungen mit abweichenden Überzeugungen gelten, die sich in die herrschende Gesellschaft nicht so leicht  integrieren lassen. Insofern schützt die Toleranz einerseits die bestehende Gesellschaft, da man die fremden Auffassungen zwar zur Kenntnis nimmt, aber sie nicht unbedingt übernehmen muss. Andererseits schützt die Toleranz aber auch die Meinungen oder Werte der Mitglieder der anderen Gruppierung vor Repression oder Ausgrenzung und gilt insofern als eine Grundbedingung für Humanität. So ist Toleranz auch die Vorbedingung einer friedlichen Auseinandersetzung um miteinander ringende Wahrheitsansprüche.

     So die Theorie. Ein anderes simples Beispiel: Beim Teetrinken frage ich mein Gegenüber: „Wie trinkst du am liebsten deinen Tee?“ „Sehr stark und mit vieeeel Zucker.“ „Igitt“, rufe ich entsetzt aus, „da schmeckt doch der ganze Tee nicht mehr!“ „Na und? Mir aber!“ Ich schüttele entsetzt meinen Kopf und denke dabei an mein großes Schubfach mit vielen unterschiedlichen Teesorten. Der Gedanke, ihn für so viel Geschmacklosigkeit auszulachen, kommt mir zum Glück nicht. Schulterzuckend stelle ich fest: „Ich muss ja nicht deinen Tee trinken. Du trinkst deinen Tee und ich meinen.“

     Ich komme später noch auf eine ähnliche Formulierung.

   Ich toleriere also den Geschmack meines Gegenübers und er auch, denn ich zwinge ihn nicht, so zu trinken wie ich meinen Tee trinke.  Ihr kennt sicher viele ähnliche Beispiele.

   Zu Beginn des 16. Jahrhunderts setzte in Europa die Renaissance durch den entstehenden Humanismus und auch durch die Reformation eine Entwicklung in Gang, die zur Entstehung einer neuen Toleranzidee führte. Luther verfasste Schriften, in denen er von einer weltlichen Obrigkeit ausging, der Anfang einer Trennung vom Weltlichen und Geistlichem, also von Staat und Kirche.  Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 begründete die Menschenrechte: Gleichheit, Recht auf Leben und Freiheit, einschließlich der Religionsfreiheit. Das Bekenntnis zur Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz setzte historisch ebenfalls den Glauben an die Gleichheit der Menschen vor Gott voraus. Im Zeitalter der Aufklärung wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen. Der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird auch über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder. Der Philosoph Voltaire sprach sich in seiner Schrift aus dem Jahr 1763 über die ‚Abhandlung über den Toleranzgedanken‘, über eine uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit aus. So gilt in Lessings 1779 veröffentlichtes Drama „Nathan der Weise“ die Ringparabel als eine zeitgenössische Formulierung des Toleranzgedankens, bezogen auf die drei großen monotheistischen Religionen. Das bedeutet Toleranz eines jeden Menschen hinsichtlich seiner Religion und Meinung.

      Und heute? Unser ehemaliger Bundespräsident Joachim Gauck fasst das ganz prima zusammen: Toleranz meint keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Denken und Tun anderer, sie bedeutet auch nicht Nachgiebigkeit und Akzeptanz anderer Meinungen. Die Betonung liegt auf dem friedlichen und respektvollen Zusammenleben der Menschen mit ihren Unterschieden. Tolerant wird aber erst erforderlich bei einem Zusammenleben, das wegen der Unterschiede nicht als bereichernd, sondern sogar als belastend empfunden werden kann, also trotz der Unterschiede. Es ist nicht selbstverständlich, Toleranz zu üben und sie muss im Zusammenleben erst erlernt werden.

     Er meint: Die Fähigkeit und Bereitschaft, das Anderssein des anderen ist zu akzeptieren und auszuhalten. Toleranz lässt das andere und den anderen leben. Ohne Toleranz hätte sich die Menschheit aufgrund ununterbrochener Kämpfe längst selbst vernichtet.

   Es gibt unterschiedliche Arten von Toleranz:

      Toleranz bei Differenzen: Toleranz wird erst dann erforderlich, wenn jemandem eine Differenz gegenüber dem anderen erkennbar stört. Toleranz ist dann nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit zu setzen. König Friedrich II. von Preußen hat das kleine Sprichwort geprägt: „Jeder soll nach seiner eigenen Façon selig werden.“

     Toleranz als Zumutung: Das Gebot von Toleranz fordert von allen Seiten auf, zu ertragen, zu erdulden, zu respektieren, aber nicht gutzuheißen. Wir alle sind aufgefordert, z.B. die Geschlechtsidentität (z.B. während der Arbeit, gleicher Lohn für gleiche Arbeit) des anderen anzuerkennen. Muslime sind in einer Demokratie angehalten, ebenso die Religionsfreiheit oder Lebensweisen anderer anzuerkennen.

    Toleranz als Duldung kann z.B. in einem muslimischen Land die Duldung von nichtmuslimischen Bürgern sein. Dabei sind sie aber immer abhängig vom Grad der Duldung. Auch in einer Demokratie gibt es Toleranz als Duldung, z. B. ein Oben-Unten-Verhältnis, Chef und Arbeiter, Direktor und Untergebener. Der eine legt fest, der andere muss die Anweisung dulden. Wie Gauck feststellt, bedeutet die Gleichberechtigung der Akteure nämlich nicht, dass Inhalte, Ziele und Urteile als gleichwertig erachtet werden. Beispiele dafür sind: Katholiken bzw. viele Leute halten die Abtreibung für eine schwere Sünde, sie müssen sie aber hinnehmen. Die muslimischen Gäste in unserer Moschee müssen hinnehmen, dass ich als Frau predige und vorbete, da wir in einer Moschee sind, deren Mitglieder das gutheißen, also als richtig erachten, auch wenn der Gast darin eine Missbilligung sieht. Toleranz als Duldung muss nicht beleidigend sein. Beleidigend wird Missbilligung erst dann, wenn hässliche Worte fallen.

   Toleranz als Koexistenz: Diejenigen Personen oder Gruppierungen, die toleriert werden, verdanken dies meist ihrer eigenen Stärke, die ihr Gegner nicht bekämpfen kann, oder durch politische Einsicht, die sie zur friedlichen Kooperation zwingt, etwa während der Zeit von Nichtangriffspakten.

     Für Diskriminierungen jeglicher Art darf es keinerlei Toleranz geben. Aber Toleranz ist erlernbar und sie muss von jedem Einzelnen, von jeder Gesellschaft immer wieder neu erworben werden, da sie ja immer wieder durch ‚Andere‘ konfrontiert werden und sie darauf reagieren müssen. Aber sie gibt auch die Chance, durch das ‚Neue‘ sich auf

     Nun will ich eine Brücke schlagen zur Sure 109, „al-Kafirun“- „Die Ungläubigen“.

Viele muslimische Gruppen weisen mit dieser Sure darauf hin, dass der Islam keine religiöse Toleranz kennt.

„Sprich: Oh ihr Ungläubigen!

Ich verehre nicht, was ihr verehrt,

Noch verehrt ihr, was ich verehre.

Und ich werde nicht verehren, was ihr verehrt,

Noch werdet ihr verehren, was ich verehre.

Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

    Die Sure richtet sich an Ungläubige und sie ist an die Mekkaner gerichtet. Aber dennoch will ich anmerken, dass ich die Bezeichnung ‚Ungläubige‘ nicht ganz für richtig erachte, denn sie glaubten ja ebenfalls, wenn auch an viele Götter, unter anderem an den Einen, an Allah. In dieser Sure, die mit der Aufforderung „Sprich“ beginnt, legt Gott seinem Propheten Mohammad die Worte in den Mund, die er an seine mekkanischen Landsleute richten soll. Ihnen soll einfach nur deutlich klargemacht werden, dass Mohammad einen anderen Glauben hat als sie, mehr nicht, keine Abwertung, nur eine Feststellung. Der letzte Vers leitet daraus die Forderung ab: „Ihr habt eure Religion und ich habe meine!“

       Es geht hier nicht um irgendwelche Religionsfreiheit, sondern lediglich um Mohammeds eigene Religion.  Er predigte eine neue Religion, den Islam, der auf einem strikten Monotheismus beruhte. Deswegen waren die vielgläubigen Mekkaner darüber empört und begannen Mohammed anzufeinden. Dagegen verwahrt er sich in dieser Sure und besteht auf das Recht auf seinen eigenen Glauben. Muhammad musste zu diesem Zeitpunkt noch die Vielgläubigen bis zu einem Zeitpunkt dulden, aber er konnte mahnen.

    Mir gefällt die Übersetzung von Muhammad Asad besser:      

 Sag!: Oh ihr, die ihr die Wahrheit leugnet!

 Ich bete nicht an, was ihr anbetet.

Und ihr betet auch nicht das an, was ich anbete.

Und ich werde nicht das anbeten, was ihr angebetet habt,

und ihr werdet auch nicht das anbeten, was ich anbete.

Für euch euer Moralgesetz, und für mich meines.“

     Ich kann die Sure auch so sehen: Es gibt unter den Zuhörern auch Christen wie du Hans. Sie glauben an die Dreifaltigkeit. Für mich ist Jesus nur ein verehrter Prophet. Du denkst so und ich so, aber ich kann deinen Glauben tolerieren und du kannst meinen Glauben tolerieren, denn wir beide glauben an den einen Gott. Unsere Handlungen sind das letzte Indiz und deswegen kann ich dich sogar akzeptieren, das Höchste der Toleranz. Das soll schon ein Hinweis auf meine nächste Predigt sein.

   Zusammengefasst: Heute stoßen immer wieder fremde Kulturen und mit ihnen die damit verbundenen Unterschiede, unbekannte Gewohnheiten oder Sitten, verschiedene Meinungen oder politische Ausrichtungen aufeinander. Da ist unbedingt Toleranz gefragt, das Hinnehmen dieser anderen Überzeugungen, Verhaltensweisen, Vorlieben oder gerade in aktuellen Zusammenhängen auch Religionen, Kulturen und Weltanschauungen. Ein tolerantes Verhalten zeigt sich dadurch, dass jeder nachsichtig, respektvoll und freundlich behandelt wird oder seine Religion frei ausleben lässt.

Man kann ein anderes Verhalten vielleicht nicht ganz nachvollziehen oder verstehen, doch anstatt den anderen eines Besseren belehren zu   wollen oder diesen gar zu verspotten oder zu verachten, kann man die Unterschiede hinnehmen und dulden.

    Übrigens, mir gefällt, was der Islamwissenschaftler Milad Karimi festgestellt hat: Wir Deutschen sind ein bequemes Volk geworden, waren zufrieden mit unserem Glück, Frieden und Freiheit. Plötzlich wurden wir aus unserem Dornröschenschlaf herausgerissen durch Flüchtlinge, die mit einem Mal vor unserer Haustür standen. So richtig konnten wir nichts mit ihnen anfangen, die einen hießen sie willkommen, die anderen wollten sie lieber wieder loswerden. Aber ob wir es wollten oder nicht, alle mussten ihre Komfortzone verlassen und sich mit fremden Einflüssen auseinandersetzen. Und das bedeutet für unser Land eine große Chance in vielerlei Hinsicht.

Manaar

                                                                                                                 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.