Aufrichtigkeit im Islam

Karsten Würth
Karsten Würth

Aufrichtigkeit oder aufrichtig sein ist ein Merkmal persönlicher Integrität und bedeutet, zu sich selbst, zu seinen Werten und Idealen zu stehen und den eigenen Gefühlen sowie der eigenen, inneren Überzeugung ohne Verstellung in Worten und Handlung Ausdruck zu geben. Aufrichtig zu sein bedeutet aber auch, anderen Menschen wie sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, zu seinen Fehlern zu stehen und sich nicht zu verstellen. Sie ist eine Charaktereigenschaft eines Menschen, der ohne jede List und Falschheit redet und handelt, dessen Tun und Reden mit seiner Haltung und Einstellung vollkommen übereinstimmt und der ohne versteckte Nebengedanken oder unaufrichtige Absichten handelt.

    Eine gute Kommunikation, das aufrichtige Gespräch, welches Wahrheiten vermittelt, zählt zu den Notwendigkeiten einer intakten Gesellschaft. Man spricht miteinander, teilt sich gegenseitig seine Gedanken, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen und Besorgnisse mit.

    Aufrichtigkeit bedeutet auch Ehrlichkeit. Ehrlich zu sein gegenüber anderen; das zu denken, was du tust und das zu sagen, was du tust, und letztlich das zu tun, was du denkst. Aufrichtiges Bemühen ist etwas total Wichtiges, aber sehr anstrengend und nicht immer leicht.

    Aufrichtig ist jener, der Denken, Sprechen und Handlung in Übereinstimmung bringt.

Wenn man nichts zu verheimlichen hat und nach bestem Wissen und Gewissen sich bemüht, der steht aufrecht zu seinen Überzeugungen, er braucht sich dann auch nicht klein zu machen, und aufrecht zu denken, sagen und handeln hat auch etwas mit Mut zu tun und mit dem Herzen.

     Aufrichtig sein beschreibt auch das Verhältnis des Menschen zur Wahrheit. Sollte man sich dennoch einmal irren, so sagt man die Wahrheit über das, was man glaubt und denkt. Und Wahrheit und Ehrlichkeit bedeutet, andere nicht zu belügen, auch sich selbst nicht. Aber wer seine eigene Unvollkommenheit eingesteht und den Mut hat, sich selbst, so wie er ist, anzunehmen, der ist gleichfalls aufrichtig.

    Aber sind wir wirklich immer ehrlich? Können wir uns zum Beispiel anderen mitteilen, wie wir uns in Wirklichkeit fühlen, was wir fühlen und was wir brauchen? In unserer Gesellschaft wird Ehrlichkeit oft als verletzend und unhöflich angesehen. Meistens ist es uns doch unmöglich, ungefiltert die echte Wahrheit auszudrücken.

     Z.B. wenn jemand mich fragt, wie es mir geht, dann sage ich bestimmt nicht ungeschminkt, wie es mir wirklich geht, wie ich mich fühle. Ich weiß ja nicht, wie es ankommt oder wie mein Gegenüber reagiert. Sicher sage ich: „Danke, mir geht es relativ gut!“ Aber bin ich dann wirklich aufrichtig und ist es die Wahrheit? Wer bringt den Mut schon auf zu sagen: „Naja, ich würde jetzt lieber zu Hause sein und mich ausruhen. Oder das Gespräch mit dir strengt mich ziemlich an.“ Das wäre aber Aufrichtigkeit. Es geht darum, sich authentisch mitzuteilen und Unterscheidungen zu geben und nicht verletzend mit Worten zu sein. Das kann man aber meistens nur zu Menschen sagen, die man gut kennt.

     Während Ehrlichkeit hauptsächlich aus dem Verstand kommt, kommunizieren wir Aufrichtigkeit mit den Gefühlen. Ein aufrichtiger Mensch genießt deshalb das Vertrauen seiner Umwelt, man muss nicht seine Worte überprüfen. Der Aufrichtige hält sich an sein Versprechen und hütet das, was man ihm anvertraut, denn er ist ehrlich und somit zuverlässig in Wort und Tat. Durch Aufrichtigkeit wird Missverständnissen und Konflikten vorgebeugt. Denn das Gros aller Kontroversen und zwischenmenschlichen Problemen entsteht dadurch, dass man zueinander nicht ganz ehrlich und aufrichtig ist.

    Im islamischen Sinn steht für Aufrichtigkeit das Wort: al-Ikhlas. Al-Ikhlas heißt auch die 112. Sure, die wir am meisten rezitieren: „Er ist der einzige Gott. Der unwandelbare Gott. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt. Und niemand ist ihm gleich.“ Es ist die Erklärung von Gottes Vollkommenheit. Die Tatsache, dass Gott einer und einzig in jeder Hinsicht ist, ohne Anfang und ohne Ende, gibt es nichts, was mit ihm verglichen werden könnte, so gibt es auch kein Gegenteiliges, es gibt nur die eine Wahrheit, so wie er sich selbst darstellt.

     Ikhlas bedeutet auch, etwas in Reinheit zu bringen, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit, das Herz zu reinigen, Ehrerbietung, etwas ohne Vorteil und Gewinn zu erhoffen und zu bestreben, ohne Vortäuschung und Heuchelei, mit innerer Liebe und Verbundenheit, uns in unseren Taten und Gebeten vor Angeberei zu hüten, in unseren Andachten und in unserer Ergebenheit vor Gott uns vor Heuchelei und das Herz verderbenden Sachen fernzuhalten.

   Es heißt in Sure Al-Bakara:139: „Wir haben unsere Werke, und ihr habt euere Werke (zu verantworten), und Ihm sind wir aufrichtig ergeben.“ Für uns bedeutet das: Mit Aufrichtigkeit in der Absicht unsere Gottesdienste durchzuführen. Gott fordert uns direkt auf, in Aufrichtigkeit verantwortlich für unsere Werke, sprich Taten zu sein, um uns zu belohnen.

    Wenn wir aufrichtig sind, werden wir von schlechten Taten abgehalten, wie z. B. der Prophet Yusuf, als er von der Frau seines Gebieters bedrängt wurde. In Sure Yusuf:24 können wir lesen: „Doch sie begehrte ihn. Und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht ein Zeichen von seinem Herrn gesehen hätte. Dies (geschah), um Schlechtigkeit und Schändlichkeit von ihm abzuwehren. Er war ja einer Unserer aufrichtigen Diener.“ Aufrichtigkeit bedeutet hier: Anstrengung, um sich selbst vor einer Sünde abzuhalten, ansonsten würde er sich selbst belügen, nicht aufrichtig sein. Darum sollten wir in unseren Worten und Taten, in unseren Beziehungen und zu uns selbst unsere Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit bewahren.

    Wie schon gesagt ist Aufrichtigkeit ein Wesenszug des Charakters, nicht nur in der Religion, sondern ein ethischer Grundbestandteil. Er erweckt in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden. Dem Propheten Muhammad, Friede und Segen seien auf ihn, und somit allen Menschen wird in Sure Al-Hud:112 aufgetragen, sich im Glauben, in Wort und Tat niemals von diesem Wesenszug zu entfernen. Da steht: „Verfolge denn den rechten Kurs, wie dir von Gott geboten worden ist, zusammen mit allen, die sich mit dir zu Ihm gewendet haben und keiner von euch soll sich auf anmaßende Weisebenehmen: denn wahrlich, Er sieht alles, was ihr tut.“ Verfolge den rechten Weg bedeutet: Sei aufrichtig!

Gott als Ar-Rahman wendet sich hier nicht nur an Muslime, sondern an die gesamte Menschheit, nicht über die Grenzen der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit hinauszugehen.

   Alle Propheten führten ein höchst aufrichtiges Leben und luden alle Menschen, die sie erreichen konnten, zu solch einer Lebensführung ein, für die sie selbst Vorbilder darstellten. Der Prophet Muhammad antwortete einmal einem Gefährten, der um einen Ratschlag bat: „Sag: ‚Ich glaube an Allah‘ und sei aufrichtig.“ Dieses Hadith finden wir bei Muslim.  Hier wird auf die Wichtigkeit der Aufrichtigkeit im Glauben hingewiesen. In einer anderen Überlieferung sagte Muhammad: „Entfernt euch nicht von der Aufrichtigkeit. Denn die Aufrichtigkeit führt den Menschen zum Guten und das Gute führt ins Paradies. Hütet euch vor der Lüge, denn die Lüge führt den Menschen zur Sünde und die Sünde führt in die Hölle.“  Das ist zu finden bei Buchari.

    Wenn ein Mensch in Wort und Tat seinen Mitmenschen und auch sich selbst gegenüber stets aufrichtig bleibt, pflegt und festigt er das Vertrauen in sich selbst und zu seinen Mitmenschen, zu der Gesellschaft. Und wo Vertrauen ist, dort entsteht Freundschaft, Zuneigung und Respekt. Menschen, die Teil einer solchen Gesellschaft sind, haben ein besseres Wohlbefinden und ein gutes Gefühl für Sicherheit.

    Amin ist ein arabischer Name mit der Bedeutung „gewissenhaft“ oder „vertrauenswürdig“, und ich denke, da könnten wir auch aufrichtig dazu sagen. Schon bevor Muhammad Gottes Gesandter wurde, genoss er unter den Leuten in Mekka großen Respekt und Beliebtheit aufgrund seiner Tüchtigkeit, Wahrheitsgetreue und Vertrauenswürdigkeit. Die Mekkaner ließen ihre Wertsachen bei ihm aufbewahren, sie waren dort so sicher wie in einer heutigen Bank. Sie nannten ihn „al-Amin- der Vertrauenswürdige.“ Kann man noch aufrichtiger und vertrauenswürdiger sein als er?

     Aufrichtig sein ist wohl die wichtigste Handlung des Herzens und der Kernpunkt aller gottesdienstlichen Handlungen und auf dieser Grundlage wird Gott unsere Taten entweder annehmen oder ablehnen.

   Und so bitte ich Gott, unsere aufrichtigen und ehrlichen Bemühungen anzunehmen.

Manaar

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