Sure Al Asr – Trost zu Zeiten des Verlustes

Jeremy Thomas
Jeremy Thomas

Al Asr auf Arabisch und Deutsch rezitieren.

Vor einiger Zeit offenbarte sich mir die Sure AlAsr in ihrer unendlichen Schönheit. Warum sage ich, sie offenbarte sich mir, wenn sie längst dem Propheten Mohamed offenbart wurde? Was ich damit meine ist, dass ich sie zum hundertsten Mal las, als sie sich plötzlich veränderte. Genauer gesagt, ich hörte sie gesprochen von einer Frau, und das Hören hat immer einen anderen Effekt als das Lesen. Sie wurde für mich bedeutsam und klar. Man könnte auch sagen, sie erschloss sich mir, doch das sieht irgendwie so aus, als hätte ich ihre wahre Bedeutung erkannt, während ich eigentlich eher glaube, sie hat für mich eine ihrer vielen Bedeutungen entfaltet. Wer das Spiel SchnippSchnapp kennt, kann sich vorstellen, was ich damit meine. Da faltet man ein quadratisches Papier so und so, wurstelt dann Daumen und Zeigefinger in die Falten, um das Ganze dann hin und her zu öffnen und zu schließen. In die Falten schreibt man Zahlen, die das Gegenüber dann aussuchen darf, und hinter jeder Zahl verbirgt sich ein mehr oder minder geistreicher Satz, z.B. „Du bist ein Huhn“. So hat sich mir die Sure Al Asr entfaltet, aber eben nur der Teil, den ich in diesem Moment meines Lebens gerade begreifen kann. So ist es immer mit allen Ayat, also Zeichen, oder Versen, des Korans. Gott allein kennt die ganze Wahrheit. Eine Offenbarung ist es, weil mir etwas Göttliches gezeigt wurde, was ich zuvor nicht bewusst wahrgenommen hatte, und das ist der Trost, den diese Sure bietet und die Hoffnung auf die sie verweist, indem Gott sagt: „Ich weiß“.

In den deutschen Übersetzungen wird schon der Titel recht unterschiedlich wiedergegeben. Manche übersetzen ihn mit „Der Nachmittag“, andere mit der ebenso alltagsgeläufigen Übersetzung „Das Zeitalter“. Im Leo Online Wörterbuch finden wir auch „die Ära, die Periode“ und als Verb „auspressen, wringen, entsaften“. Alle Übersetzungen haben gemeinsam, dass sie einen Zeitraum beschreiben, der vergänglich ist. Eine Art vertrocknen der Zeit, ein Auswringen des Lebens. Eine Art Frist.

Den Titel AlAsr lese ich mit Ehrfurcht, denn die Menschheit hat von Allah in der Tat eine Frist bekommen, als Ganze und jeder Einzelne, während der sie die Erde beleben darf und gehalten ist, sich um sie zu kümmern. Auch die Planeten haben eine Frist erhalten. Wir lesen (13:2) Gott ist es, der die Himmel erhoben hat, ohne irgendwelche Stützen, die ihr sehen könntet und der auf dem Thron seiner Allmächtigkeit sitzt. Und er ist es, der die Sonne und den Mond seinen Gesetzen dienstbar gemacht hat. Jedes seine Bahn für eine von Allah gesetzte Frist ziehend. Er lenkt alles, was existiert.

(11:6) Und es gibt kein lebendes Geschöpf auf Erden, das für seine Versorgung nicht von Gott abhängt; und Er kennt seine Zeitfrist auf Erden und seine Ruhestatt nach dem Tod. All dies ist in Seiner klaren Bestimmung niedergelegt. (16:61)Wenn nun Gott die Menschen unmittelbar für all das Übel, was sie auf Erden tun, zur Rechenschaft ziehen würde: Er würde nicht ein einziges lebendes Geschöpf auf ihrer Oberfläche übriglassen. Doch er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer von ihm gesetzten Frist.

Das Wort Frist bedeutet etwas Endliches, Vergängliches. Es ist dem Wort Asr inhaltlich nah verwandt. Möglicherweise befindet sich die Menschheit in Bezug auf diese Frist bereits am Nachmittag. Fi’l Asr. Al Asr bedeutet also „Der Nachmittag“, es bedeutet „das Zeitalter“ und es ist der Name des Gebets, welches wir am Nachmittag ausführen, wenn wir uns nach der Arbeit ausgewrungen und müde fühlen. Miteinander verbunden sind alle Übersetzungen durch ein Gefühl, das sie in sich tragen, welches ich auch mitVergänglichkeit beschreibe, mit dem Zur-Neige-Gehen eines Zeitraumes, an den sich ein anderer anschließt. Nach der Steinzeit kommt die Eisenzeit. Nach den Dinosauriern kommt die Menschenzeit. Nach den Menschen…

Ehrfürchtig lese ich Al Asr auch im Gedanken an meine eigene Zeit auf der Erde. Mein Zenit ist längst überschritten, auch ich befinde mich am Nachmittag meines Lebens. Es ist ein schöner Zeitpunkt. Der Frühherbst ist schon überschritten und meine Blätter beginnen, sich bunt zu färben. In vielfältiger Farbenpracht strahlen sie mein inneres hinaus in die Welt, und ich fühle mich an manchen Tagen bunt und golden, doch hin und wieder holt mich die Melancholie ein und ein dunkler Ton der Trauer legt sich über mein Herz, ob all der Dinge, die ich im Leben hätte tun wollen. Vielleicht habe ich klein gelebt. Freundlich, liebevoll, meinen Zweck stets erfüllend, aber alles in allem recht klein. Wayne Dyer bezeichnet den Nachmittag unseres Lebens als die Zeit in der alles bedeutsam wird. Ich gebe ihm Recht. Während wir am Mittag unseres Lebens sehr damit beschäftigt sind, unser Leben aufzubauen und für unser finanzielles Auskommen zu sorgen, unsere Kinder zu bekommen und großzuziehen, unsere Beziehungen aufzubauen, ist der Nachmittag von anderen Aspekten geprägt, insbesondere von der Suche nach der Bedeutung und von der Suche nach einer spirituellen Einheit mit der Schöpfung. Sure Al Asr hat mich gefunden, in dieser Zeit der Ehrfurcht vor der Endlichkeit allen Seins und zugleich der Freude an dessen Unendlichkeit, denn alles was vergeht bleibt erhalten, wandelt nur die Form, war auch zuvor schon irgendwie da, nahm einen Körper an, und wird später wieder zu Erde und noch später zu Staub, um sich dann vielleicht im Ganzen des Universums aufzulösen. Was Körper ist, was Geist, was sich auflöst und was bleibt, darüber können wir nur spekulieren. Die von Gott offenbarten Worte, niedergeschrieben im Koran, erfüllen uns mit Zuversicht.

Wa alasr. Inna al insan lafi khusr. Bei der Endlichkeit der Zeit. Wahrlich die Menschheit ist in großem Verlust.

Bewegend ist an dieser Sure neben ihrem Inhalt ihre Tonalität. Durch die Auswahl ihrer Laute erreicht sie eine beeindruckende Einigkeit zwischen Stimmung und Inhalt. Die Hauptvokale a und u verbreiten eine bedachte Ruhe. Das s in Asr ist ein dunkles s. Gefolgt vom r entsteht ein Wort ohne viel Aufwand. Asr – es ist kaum mehr als ein Flüstern. Noch ruhiger und minimalistischer ist Khusr. Das u ist kaum ein Laut, das s und das folgende r sind zu müde, sich zu öffen. Um Khusr auszusprechen, braucht man kaum seinen Mund zu bewegen. Man kann es nicht rufen, schon gar nicht schreien; es sagt sich leise und voller Empathie. Leiser geht ein Wort nicht zu sagen. Allah zeigt uns seine Zuneigung und Gnade in diesem Wort des Trostes. Denn der Satz inna al insan lafi khusr beweist, dass Allah sehr wohl weiß und anerkennt, dass wir unter unseren Verlusten leiden. Doch will Allah trösten. Trösten heißt, die Trauer seines Gegenübers anzunehmen statt darüber hinwegzusehen, heißt, das Leid des anderen wahrzunehmen, um dann Zuversicht zu bieten. Trösten heißt, jemandem zuzuhören und mit zu fühlen, die Trauer ganz zu verstehen und das Gefühl zu bejahen, dann aber darauf hinzuweisen, dass alles wieder gut werden wird, dass der Schmerz nicht bleiben wird, zumindest nicht in jedem Moment, sondern es auch wieder Momente des Glücks geben wird. Wie alles andere, so ist auch der Schmerz vergänglich.

Es ist tröstend zu wissen, dass es uns besser gehen wird, wenn wir glauben und gute Werke tun. Denjenigen, die Trost spenden und denjenigen, die Trost empfangen, wird es bald wieder besser gehen, allerspätestens im Jenseits. Diese Maxime finden wir auch in Sure 94: „Wahrlich mit jeder Härte kommt die Erleichterung. Mit jeder Härte kommt die Erleichterung“. Und es folgt: „Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe standhaft und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter (Rabak)“.

Ist das denn so? Als Kind des kritischen Umgangs mit Literatur frage ich mich natürlich nach dem Wahrheitsgehalt dessen, was mir da als faktisch zu lesen gegeben wird. Wahrlich, die Menschheit ist in großem Verlust. – Ja, das kann ich bestätigen. Wir können unser ganzes Leben als einen einzigen Verlust deuten, wenn wir es so wollten, doch das wäre ungesund, denn das halb leere Glas ist immer zugleich halb voll. Aber selbstverständlich gibt es Zeiten, in denen uns ein Verlust aus der Bahn wirft. Jeder kennt das, ohne dass ich Beispiele dafür benennen muss. Aber dann folgt: „außer jenen, die glauben und Gutes tun und andere darin bestärken, das Richtige zu tun und Geduld zu haben“.

Der Prophet Ayoub (Hiob) ist beispielhaft für das Erleben von Verlusten. Doch wenn wir glauben und gute Werke tun geschieht etwas ganz Eigenartiges: Wir schaffen Hoffnung. – Gutes zu tun, anderen zu helfen, sie zu unterstützen, ihnen zuzuhören, schafft Hoffnung. Es ist ganz einfach: Wenn wir Hoffnung geben, bedeutet das: Es gibt Menschen, die Hoffnung geben, Menschen die helfen, die unterstützen. Damit können wir auch selbst hoffen, dass in Zeiten von Not oder Verlust auch unseren Liebsten oder vielleicht uns selbst in der Not geholfen wird. Auch dann wird es jemanden geben, der gerne die eigene Hilfe anbietet. Hoffnung ist das Gegenteil von Verlust. Denn Hoffnung ist die Vorstellung, dass es später besser wird, dass das Gefühl des Verlusts vergeht. In dieser Vorstellung liegt die Überwindung des Verlusts. Die Hoffnung ist eine Vorstellung und jede Vorstellung ist eine mentale Realität. Indem sie eine mentale Realität ist, reagiert unser Körper auf die Hoffnung in einer Weise, die uns aus dem Gefühl der Trauer austreten lässt und uns stabilisiert. Das Gefühl der Hoffnung manifestiert sich in unserer Vorstellung als Bild eines gesunden und glücklichen Ichs in einer gesunden und glücklichen Gemeinschaft. Vorstellungen streben, wenn wir es zulassen, zu ihrer realen Umsetzung. So erleben wir den Verlust zwar immernoch als schmerzlich, doch verliert er durch das Gegenbild der Hoffnung seine absolute Zerstörungskraft unserer Seele. Wir fallen in dasselbe Loch wie alle anderen, doch fallen wir nicht so hart, denn in diesem Loch gibt es ein stark gewobenes Netz, das uns auffängt. Diese Hoffnung ist Amal, und zugleich Iman. Hoffnung und zugleich Glaube. Wir drehen unser Gesicht zum Ausgang und sehen das warme Licht der Sonne, während wir uns daran erinnern, dass wir geliebt werden und uns daran erinnern, wie reichhaltig wir versorgt sind. Die Hoffnung beinhaltet die Dankbarkeit für das, was wir haben und bewegt die Waage, Lateinisch Libra, die durch den Verlust in eine schiefe Lage gebracht wurde, wieder in Richtung ihres Equilibriums. Diejenigen, die an Allah glauben, an seine Gnade und Barmherzigkeit, die Gutes tun, verbreiten Hoffnung und schaffen damit Hoffnung für sich selbst. Diejenigen, die andere erinnern, nach gutem Recht zu handeln und geduldig zu sein, verbreiten Stabilität und Würde und schaffen damit einen sinnvollen Überlebensmodus für Momente des Verlusts, für sich selbst, und andere.

Und woran sollen wir uns gegenseitig erinnern? Daran, das Rechte zu tun und geduldig zu sein. Menschen, die unserer Moschee nicht angehören, meinen vielleicht, Rechtschaffenheit würde in einer liberalen Moschee möglicherweise missverstanden. Doch bei aller kritischen Auseinandersetzung mit der wörtlichen Auslegung des Korans gibt es doch eindeutige Anweisungen, denen wir alle zustimmen, wenn wir Muslime sind. Sie bilden den Kern unserer Religion. Daran erinnern wir uns gegenseitig nicht mit dem erhobenem Zeigefinger, sondern durch unser gelebtes Beispiel.

Der erste Teil dessen, worin wir einig sind, ist die Einzigkeit und Einzigartigkeit Gottes, wie auch immer sich jede und jeder Einzelne Allah vorstellt. Sei es als Energie, die alles umfasst und alles durchdringt und die im Äußeren, wie im Inneren unserer Selbst wirkt, sei es in einer anderen Art der Gestalt. Es gibt keinen Gott außer Gott. Wir sind uns einig, dass Mohammed Allahs liebender und warmherziger Prophet war, der uns den Koran anhand seiner eigenen Handlungen erklärt.  Als mitfühlender, sich stets selbst zurücknehmender Mensch, verkörpert er ein hohes Ideal, ohne je zu erwarten, dass wir uns selbst so anstrengen wie er. Wir sind uns einig, dass unser Körper und unsere Seele so wie die unserer Mitmenschen wertvoll sind und wir sie schützen sollen, so wie wir aus Verantwortung für die Schöpfung stets nach unseren Mitteln friedfertig denken und handeln. Dazu gehört das Konzept von Saddaqa – also das ständige Abgeben unseres Eigentums oder Wohlstands an Bedürftige. Es ist eines der absoluten, jeder Hinterfragung oder Kritik widerstehenden Kernkonzepte des Islam – neben der Einzigkeit Gottes DAS Kernkonzept schlechthin.  Zu den Kernkonzepten des Islam gehört Gottes Barmherzigkeit, und der Aufschub, den sie uns gewährt – die Frist, die wir haben, um hier Gutes zu tun. Wir werden gebeten, uns gegenseitig daran zu erinnern. Wa tawassou bil haqq wa tawassou bil sabr.

Die Vergänglichkeit, die ich mit der Sure Al Asr in Verbindung bringe, ist auch Thema weltlicher literarischer Auseinandersetzungen. Eines meiner Lieblingsgedichte über die Vergänglichkeit schrieb Emily Dickinson. Es heißt This Quiet Dust – dieser geräuschlose Staub.  Ich stelle mir die Dichterin vor, wie sie gedankenverloren durch ein großes, altes Sommerhaus geht und im Licht der späten Sonnenstrahlen die Staubpartikel in der Luft betrachtet, auf den Stühlen, den Tischen, den Schränken und dabei das Summen der Bienen und Hummeln wie von weither zu ihr hereindringt. Sie schreibt sinngemäß: Dieser stille Staub war Männer und Frauen und Jungen und Mädchen, war Lachen und Können und Seufzen, und Röcke mit Rüschen. Dieser still daliegende Ort war einst ein Haus behändten Sommers, wo Blumen und Bienen ihren Lebenszyklus froh verbrachten, und es verging, wie diese.

This quiet dust

This quiet dust was gentlemen and ladies
And lads and girls;
Was laughter and ability and sighing,
And frocks and curls;

This passive place a summer’s nimble mansion,
Where bloom and bees
Fulfilled their oriental circuit,
Then ceased like these.

Wie Al Asr spendet auch dieses Gedicht Trost; denn in dieses Sommerhaus kommt jemand, der den Staub sieht und weiß, was er einmal war. Wir vergehen und bleiben zugleich für immer erhalten.

Als ich mich mit AlAsr befasste, fand ich, die Sure gehört eng zusammen mit  93 und 94 und 108, Al Duha, Al Scharh und AlKawthar. Die hellen Morgenstunden, Das Öffnen des Herzens und Die Fülle. Manche von ihnen werden als Trostsuren bezeichnet.

Zum Abschluss möchte ich Sure 93 und 94 rezitieren.

Sure 93, AlDuha

„Betrachte die hellen Morgenstunden und die Nacht wenn sie still und finster wird. Dein Erhalter hat dich nicht verlassen, noch verachtet er dich. Denn fürwahr, das kommende Leben wird besser für dich sein als dieser frühere Teil. Und fürwahr, beizeiten wird dein Erhalter dir gewähren was dein Herz begehrt und du wirst wohlzufrieden sein. Hat er dich nicht als Waise gefunden und dir Schutz gegeben? Und dich auf deinem Weg verirrt gefunden und dich auf einen guten Weg gebracht? Und dich in Bedürftigkeit gefunden und dir Genüge gegeben?

Deshalb sollst du der Waise niemals Unrecht tun. Und den, der deine Hilfe sucht, sollst du niemals schelten. Und von den Segnungen deines Erhalters sollst du immer sprechen.“

Sure 94 Asch-Scharh

Haben wir nicht dein Herz geöffnet und von dir die Last genommen, die so schwer auf deinem Rücken lastete? Und haben wir nicht dich an Würde erhöht? Und siehe, mit jeder Härte kommt Erleichterung. Wahrlich. Mit jeder Härte kommt Erleichterung. Darum, wenn du von Bedrückung befreit bist, bleibe Standhaft. Und wende dich in Liebe zu deinem Erhalter.

Wa AlAsr – ina al Insan lafi khusr

Ila alladhina aminu wa amilu as-salihati

wa tawassou bil haqq, wa tawassou bil sabr.

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