Deutsche oder Muslime?

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“. So zitierte vor einigen Wochen eine Moscheebesucherin ein deutsches muslimisches Schulkind. Und in einem muslimischen Diskussionsforum sagte vor einigen Monaten eine der Rednerinnen: „Für mich steht der Koran über dem Grundgesetz.“ Anlässlich der Feierlichkeiten zum Dritten Oktober möchte ich diese Zitate als Ausgangspunkt meiner heutigen Khutba nehmen.

„Ich bin keine Deutsche, ich bin Muslim“ (Zitat).

Ich stehe hier als Europäerin vor euch und vertrete gewissermaßen qua meiner Sozialisation die europäischen Werte. Ich bin also sozialisiert in europäischen Gesellschaftszusammenhängen, der letzten 50 Jahre.

Zugleich bin ich ganz offensichtlich wie recht viele Konvertiten und Konvertitinnen recht Orientaffin. Konvertitinnen zeigen sich gerne in unterschiedlichen Maßen arabisiert, laufen manchmal gar draußen auf der Straße in der Abaja herum, als wäre es ein selbstverständliches Kleidungsstück in Deutschland. Selbst aufgeklärte Musliminnen, die ganz deutsch aussehen und die sich von traditionellen, gar konservativen, stereotyp „arabischen“ Rollenbildern fernhalten, erkennt man häufig an kleinen orientalischen Accessoires – Ohrringen, gekauft in der Sonnenallee, selbstgefertigten orientalisch anmutenden Stickereien auf der Bluse und dergleichen. Irgend etwas mögen wir an der arabischen Welt. Wir suchen uns auch unsere Partner danach aus. Ein arabisch-muslimischer Partner kommt für so manche von uns eher in Frage als ein deutscher Mann. Die Ursachen liegen vielleicht eher im psycho-sozialen Bereich als in der Religion.

Innerlich hingezogen zu bestimmten Aspekten des arabischen Lebens, oder vielleicht nur einer orientalischen Ästhetik, treten wir gleichzeitig ein für die europäischen Grundwerte.

So vertreten wir beispielsweise mit Selbstverständlichkeit für den Wert der Meinungsfreiheit ein. Mit Blick auf die Diktaturen oder ähnlichen Regierungsformen, wie praktiziert in der Türkei, Syrien, Afghanistan, schätzen wir diesen hier im Grundgesetz verankerten Begriff der Meinungsfreiheit als eines der höchsten Güter.

Ein weiterer essentieller Wert, den wir hier in Deutschland wiederfinden, ist die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, zumindest der Weg in diese Richtung. Das heißt eigentlich, die Selbstbestimmung. Wir dürfen als Frauen arbeiten, wo und wie viel wir wollen, der Mann kann mit den Kindern zu Hause bleiben, wenn er möchte. Festgefahrene Rollenbilder sind passé.

Wir können heterosexuelle oder homosexuelle Ehen schließen, können uns geschlechtlich umdefinieren, auch umoperieren, und es wird, wenngleich nicht von allen Mitbürgern, so doch vom Gesetz her, akzeptiert und geschützt. Auch hier sind wir nicht am Ziel, aber auf einem guten Weg.

Freiheit der Meinung und der Lebensgestaltung, sexuelle Selbstbestimmung und vieles mehr sind Grundwerte unserer Gesellschaft, unserer Demokratie – wir erkennen sie als Errungenschaft, die Demokratie. Zurzeit werden diese Werte wieder in Frage gestellt von Deutschen, die behaupten, es gäbe eine erstrebenswerte allein-deutsche Homogenität, oder Identität. Die sogenannte identitäre Bewegung, Nationalisten und Faschisten schreien nicht nur in Chemnitz „Deutschland den Deutschen“. Wir rufen zurück: „Nein danke“ und „wir sind mehr“- Der Integrationsmonitor vom September 2017, von der Welt veröffentlicht, berichtet: „Das Zusammenleben mit Zuwanderern wird in Deutschland überwiegend positiv wahrgenommen. Das ist das zentrale Ergebnis des Integrationsmonitors des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration der im September in Berlin vorgestellt wurde. Über 70 Prozent der Befragten empfanden Zuwanderung als Bereicherung. https://www.welt.de/politik/deutschland/article181557280/Integrationsbarometer-Mehrheit-der-Deutschen-sieht-Migration-als-Bereicherung.html

Zu behaupten, die Multikulturalität wäre gescheitert, ignoriert die vielen Momente, in denen sie zur absoluten Selbstverständlichkeit geworden ist. Das neue Deutschsein, oder einfach das Sein, der Mehrheit beinhaltet das Andere als das Eigene, das bedeutet, es ist gar nicht mehr das Andere – es ist Teil des Eigenen. Das Eigene ohne das Andere, gibt es nicht mehr für uns. Sie sind eins geworden, bedingen sich gegenseitig und machen das Leben reicher, liebenswerter, lebenswerter, froher, gesünder, ehrlicher und Vieles mehr. Die nationale Homogenität ist dabei Teil einer fiktiven Vergangenheit. Es gab niemals eine homogene Gesellschaft und inscha‘ allah wird es sie auch nie geben, denn eine homogene Kultur erreicht man, wenn überhaupt, nur durch eine Diktatur der Angst. Wir trauern den aus der deutschen Geschichte bekannten angstinduzierten gesellschaftlichen Homogenisierungsversuchen nicht nach.

Wir Konvertiten und Kovertitinnen, wir Einwanderer wir hier geborene Muslime sind Bindeglieder und repräsentieren auf vielfältige Weise zugleich das Deutsche und den Islam. Symbolisieren tun wir dies durch Namen wie Ulf Abdullah Meier, oder Sabine AlJamous. Indem wir dann das Gute aus beiden Kulturen zusammenziehen und das Schlechte aus beiden Kulturen verwerfen, lassen wir etwas Neues entstehen. So tun wir dies auch hier in der Moschee. Wir verwerfen von uns als ungünstig empfundene Traditionen und ersetzen sie durch neue, von uns als besser empfundene, ohne dabei die Religion zu verlieren. Nicht die Religion wird verworfen, sondern Aspekte turko-arabischer Traditionen, die für unsere heutige Lebenswirklichkeit sinnlos und störend geworden sind. Was für die Moschee gilt, gilt auch für die Bewegung außerhalb der Moschee – wir schaffen etwas genuin Neues. Diese Neue will nicht die Spaltung, sondern Verbindung. Wir gehören ja zusammen; konservative Mitmenschen, Progressive, solche, deren politische Meinung wir vielleicht nicht teilen mögen, religiöse Traditionalisten… alle haben genau dasselbe Recht auf Meinungsfreiheit. Wir sind eine Gemeinschaft, denn wir teilen ein Schriftstück.

Dieses gesellschaftsverbindende Schriftstück ist das Grundgesetz. Es ist ein aus der Geschichts- und Gesellschaftsreflexion gewachsenes politisches Werk der Formulierung und Wahrung menschlicher Freiheit. Durch das Grundgesetz und die Durchsetzung der hier verbrieften Rechte und Pflichten verhindern wir das sogenannte Recht des Stärkeren. Das Grundgesetz ist die rechtsphilosophische Basis der Einhaltung der Menschenwürde. Doch ist es kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Wir haben ein Grundgesetz und dennoch wurde gerade vor wenigen Wochen in Chemnitz die Menschenwürde verletzt. Der Garant für die Wahrung der Menschenwürde sind allein die Menschen selbst. Die Menschen, die diese Würde zu schätzen gelernt haben, weil ihre eigene Würde gewahrt wurde. Jeder Mensch hier in Deutschland untersteht den Pflichten des Grundgesetzes. Jeder muss seine Freiheiten beschneiden, um die Freiheiten anderer und auch seine eigenen, zu wahren.

Doch das Grundgesetz ist nicht ein Buch der Pflichten. Es ist vor allem ein Buch der Rechte. Jeder Mensch hier in Deutschland, unabhängig von seiner Staatsangehörigkeit, unabhängig von Herkunft, Sprachkenntnissen, Einstellungen, hat ein Recht auf die Erhaltung seiner Würde. Keiner darf geschlagen werden, keiner angeschrien, keiner verletzt, keiner erniedrigt, keiner darf verarmen, keiner darf vertrieben werden, und keiner soll um sich selbst oder gar um seine Kinder fürchten. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wir Muslime in Deutschland bilden ebenfalls eine Gemeinschaft. Wir stehen nicht neben der Deutschen Gesellschaft, wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt wird, sondern wir sind Teil davon, wir sind diese Gesellschaft. Alle Teile dieser Gesellschaft sind diese Gesellschaft. Die Spaltung zwischen Deutschen und Muslimen ist absurd. Wo dieser Gegensatz noch in Köpfen weiter besteht, gibt es ein Missverständnis. Muslime in der Deutschen Gesellschaft sind diese Deutsche Gesellschaft. Sie sind, wie alle anderen, das Volk. Und auch wenn manche Muslime in Deutschland noch keine Staatsangehörigkeit besitzen, sind sie gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft, und sind, wie alle anderen, die Gesellschaft. Denn Gesellschaft definiert sich nicht über den Pass, sondern über den Aufenthaltsort.

Neben dem Grundgesetz teilen wir als Muslime ein weiteres essentielles Schriftstück. Es ist der Koran. Er steht für uns an oberster Stelle unserer Religion, aber er setzt nicht das Grundgesetz außer Kraft. Auf die Sharia gehe ich in einer anderen Khutba ein. Hier sei nur gesagt, der Koran ist kein Gesetzbuch sondern ein Buch des Glaubens und der Religion. Ist das Grundgesetz die rechtsphilosophische Grundlage gesellschaftlichen Lebens, so ist der Koran die religionsphilosophische Grundlage von allem, was den Menschen und seine Umwelt betrifft. Er bildet damit für uns Muslime auch das philosophische Fundament des Grundgesetzes. Eines der wichtigsten Prinzipien, die beide vereint, ist die Gerechtigkeit auf der Basis der Gleichheit. Vor Gott sind wir alle gleich. Dies ist sowohl die Basis der 114 Suren des Korans als auch die Basis der 146 Artikel des Grundgesetzes. „Jeder Mensch“, heißt es dort; und nicht „die Wohlhabenden“ oder „die Gebildeten“. Die beiden Schriften – Grundgesetz und Koran – widersprechen sich nicht.

Koran wie Grundgesetz dienen der Wahrung von Gerechtigkeit und Würde. Aber genau wie unsere Verfassung ist auch der Koran kein Garant dafür, dass die Würde der Menschen nicht verletzt wird. Es sind die Menschen, die die Wahrung der Würde von Gottes Schöpfung garantieren. Der Koran stellt den Begriff der Würde in den Mittelpunkt und setzt den Impuls zur deren Wertschätzung. Aus der Summe aller moralischen und sozialen Grundwerte des Koran entsteht eine Haltung, die den Anderen wertschätzt und achtet, die dafür sorgt, dass keiner verarmt, keiner verhungert, keiner getötet wird, Tiere leidfrei gehalten werden, Pflanzen gewässert und Kinder geliebt.

Wo im Koran steht das?

Zuerst steht es am Anfang jeder Sure. Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. Er, Allah, ist der Barmherzige und dies ist sein absolutes Wesensmerkmal. Die Vergebung aller Sünden steht als bekannteste und am häufigsten wiederholte Eigenschaft Gottes an erster Stelle. Sie setzt den Ton des Schriftstückes und wird wieder und wieder im Koran erwähnt. Gott ist barmherzig, allvergebend und voller Gnade.

In Sure 57:9 lesen wir: Gott Er ist es, Der Seinem Diener klare Zeichen offenbart, damit Er euch aus den Finsternissen ins Licht hinausbringt. Und Allah ist wahrlich mit euch Gnädig und Barmherzig.

Der Diener ist Mohammed, der Prophet. An Liebe zu seinen Mitmenschen unübertroffen sollen wir seinem Beispiel folgen.

Der Koran verbrieft die Meinungsfreiheit in der Offenbarung, dass es keinen Zwang im Glauben geben darf. Die Frauen des Propheten Mohamed stritten nachweislich mit ihm und er musste aushalten, wie sie ihm ihre Meinung deutlich kundtaten. Der Koran verbrieft die Gleichberechtigung, indem er ein Erbrecht initiiert, welches nicht nur Männer sondern auch Frauen in Betracht zieht. Ja, es ist nicht ausreichend gleichberechtigt, aber der Impuls ist gesetzt und muss nun von den nachfolgenden Menschen weiter entwickelt werden. Der Garant der Gleichberechtigung sind die Menschen.

Der Koran verbrieft die Speisung der Armen und die Mitmenschlichkeit gegenüber Kindern ohne Eltern und den Alten ohne Kinder, indem er zu deren Versorgung anhält. Auch dieser Impuls wird im Koran gesetzt. Der Garant für ein würdevolles Aufwachsen und ein würdevolles Altern sind die Menschen, die andere versorgen.

Doch brauchen wir hier gar nicht die Einzelheiten aufzuzählen. Keiner von uns kennt ja auch alle 146 Artikel des Grundgesetzes. Nichtmal fünf könnte ich aufzählen, und dennoch habe ich das Gefühl, das Grundgesetz zu kennen – denn ich kenne dessen Geist.

Auch vom Koran kenne ich nicht alle Einzelheiten. Dennoch habe ich das Gefühl ihn zu kennen und seine Botschaft zu verstehen, denn auch hier gilt, ich kenne seinen Geist. Es ist der Geist der Liebe, der Vergebung und der Unterstützung, der Geist des Lernens und des Wissens, der Geist der Freiheit und der Gerechtigkeit.

Das Grundgesetz garantiert uns die freie Ausübung der Religion und deren individuelle Auslegung. Es wird dem Geist des Islam durchaus gerecht. Die Vorstellung, unsere Gesellschaft könne vollständig durch den Koran geregelt werden, mag für einen kleinen Moment erstrebenswert erscheinen. Doch die darauf unweigerlich folgende Frage: „Nach welcher Auslegung?“, zeigt deutlich die Gefahren einer solchen vermeintlichen Errungenschaft auf. Die Trennung von Staat und Religion stellt eine positive gesellschaftliche Entwicklung dar. Das friedvolle, freiheitliche, kreative und entspannte Miteinander braucht einen Rahmen, der von allen Menschen egal welcher Religion oder Ideologie als Mindestrahmen akzeptiert wird. Nur in diesem sicheren Rahmen sind Mitmenschlichkeit und Zuwendung möglich.

Dennoch bilden wir als Muslime eine besondere Gemeinschaft. Wir haben ja bewusst unsere Religion gewählt, bzw. aufrecht erhalten. Das folgende Hadith zeigt auf fröhliche Weise den Geist der Liebe und Zuwendung im Islam. Mohamed bietet einem Mann, der nach eigenem Dafürhalten in Sünde verfallen ist, verschiedenste Möglichkeiten an, bei Gott Vergebung zu finden. Diese Möglichkeiten zeigen seine Zugewandtheit zu den Menschen, die im Koran geschrieben steht und in Mohameds Herz verankert ist, und der zu folgen wir aufgerufen sind. Der Garant der menschlichen Würde ist weder der Koran noch das Grundgesetz, wenngleich beide gemeinsam hierfür den Rahmen bieten. Der Garant des Erhalts der Würde aller Menschen sind wir Menschen.

Abu Huraira berichtete: „Während wir beim Propheten, Allahs Segen und Friede auf ihm, saßen, kam ein Mann zu ihm und sagte: »O Gesandter Allahs, ich gehe zugrunde!«

Der Prophet fragte: »Was ist mit dir passiert?«

Der Mann sagte: »Ich fiel über meine Frau her, während ich noch am Fasten war!«

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte dann zu ihm: »Kannst du einen Sklaven finden, den du freikaufen kannst?«

»Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du zwei Monate hintereinander fasten?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Der Prophet fragte: »Kannst du sechzig arme Menschen speisen?«

Der Mann entgegnete: »Nein!«

Da ging der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, für eine Weile weg. Während wir noch da warteten, kam der Prophet mit einem Kübel voll Datteln zurück und sagte:

»Wo ist der Fragende?«

Der Mann sagte: »Ich!«

Und der Prophet sagte zu ihm: »Nimm diese (Datteln) und spende sie!«

Der Mann entgegnete: »Soll ich diese, o Gesandter Allahs, einem anderen Menschen geben, der noch ärmer sein soll als ich? Ich schwöre bei Allah, dass es in der ganzen Wohngegend keine anderen Menschen gibt, die ärmer sind als meine Familie!«

Da lachte der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, dass man seine Eckzähne sehen konnte, und sagte: »Dann speise damit deine Familie!«“

Mögen wir immer gespeist sein, mit Nahrung und mit Freude.

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