Musik im Islam – halal oder haram?

Vor Kurzem hat mich ein junger Muslim gefragt, ob Musik halal oder haram sei. Ich stutzte und war etwas verwundert, hatte ich irgendwie doch angenommen, dass wir eigentlich dieses Kapitel überwunden haben sollten. Dann dachte ich nach: Wenn der eine junge Bruder danach fragt und unsicher ist, dann gibt es sicherlich noch andere Geschwister, denen es nicht so richtig klar ist, wie sie zur Musik im Islam stehen sollen oder dürfen. Nur trauen sie sich nicht danach zu fragen. Schwappt da das Gedankengut des IS, der Al-Qaida oder der Taliban herüber? Meine Antwort ist hier:

Ich höre viel klassische Musik, z.B. Musik von J. S. Bach und danke dafür Allah. Die schöne Musik berührt meine Seele, sie beruhigt und führt meine Gedanken zu Gott, denn so etwas Schönes kann auch ein Bach nicht ohne Gottes Hilfe geschaffen haben. Meiner Ansicht nach hat Gott alles geschaffen, so auch die Musik und ihre Instrumente dazu, den Gesang – und die Musik von Bach. Sie verleiht der Seele Ausdruckskraft und lässt stärker empfinden. Und ich danke Gott für diese Musik.

Jeder Mensch empfindet Musik anders. Der eine braucht sie zum Berauschen, der andere findet durch sie zu Gott. Ist nicht auch eine schöne vorgetragene Rezitation Musik, die uns Gott nahebringt?

Seit vielen Jahrhunderten debattieren die Muslime über Musik. An keiner Stelle im Koran steht ein Verbotszeichen für das Singen, Tanzen, Musizieren oder einfach auch Hören von Musik. Dafür finden wir, dass der Prophet David im Koran mit seinen musikalischen Gottesgaben gepriesen wird.

Ein Hadith besagt, dass der Prophet seine Frau Aisha gefragt hatte, ob sie aus Anlass einer Hochzeit Sänger mitgeschickt hätte. Er meinte: „Die Ansar sind Leute, die Gedichte mögen. Du hättest jemanden mitschicken sollen, der singt.“

Was ist eigentlich Musik? Der Begriff ‚Musik‘ bedeutet die Kunst, vokale und/oder instrumentale Klänge und Rhythmen so zu kombinieren, dass verschiedene Ausdrucksweisen zustande kommen. Es ist eine künstlerische Gestaltung von unterschiedlichen Höhen und Tiefen von Tönen und unterschiedlichen Längen dieser Töne.

Musik kann unsere Gefühle verändern und unsere Seele reinigen.

Eine Seele reinigen, das heißt auch eine Krankheit zu heilen. Wusstet ihr, dass die Musik auch dazu da ist, um Krankheiten zu heilen? „Der Körper ist krank, wenn die Seele geschwächt ist, und er ist beeinträchtigt, wenn sie beeinträchtigt ist. Daher geschieht die Heilung des Körpers durch die Heilung der Seele, indem ihre Kräfte wiederhergestellt und ihre Substanz in die rechte Ordnung gebracht wird, auch mit Hilfe von Klängen, die dies bewirken können und dafür geeignet sind.“ Das sagte der Arzt und Philosoph Al-Farabi (870-950). Dieser Satz bildet zugleich die Grundlage der altorientalischen Musiktherapie und der Medizin als Einheit in der mittelalterlichen Zeit. Abu Bakr Ar-Razi, gest. 925, wies ebenfalls auf den Einfluss von psychologischen Faktoren für die Gesundheit hin. Seine Patienten forderte er auf, Musik zu hören und auf die richtige Ernährung zu achten. Schwangeren Frauen half er mit Gesängen und allem was Freude bringt, ihre Schmerzen zu lindern. Diese besondere Art der Musik der Araber wird Maqam-Musik bezeichnet. In der Maqam-Musik werden psychische wie auch physische Wirkungsfelder zur Aktivierung gebracht. Makam, arabisch: Ort oder Rang, sind in der Musik Tongattungen, die durch die Definition der Töne und den bestimmten Melodieverlauf die jeweilige Tonart ergeben. Die Kunst in der Makam-Musik besteht in der Balancierung zwischen melodisch vorgegebenen Strukturen und persönlichen Einfallsreichtum. Ein Maqam besteht also aus einer Art Komposition, ein vorgegebenes Gerüst aus bestimmten Tönen und Improvisation, also ein Ausfüllen dieses Gerüstes mit Musik.

Es gibt keine musiklose Kultur, sie ist von Anfang an mit der Menschheit gewachsen. Sie war also schon immer da. Wir wissen, dass unsere frühen Vorfahren bei ihren Riten Musik genutzt haben. Das beweisen auch Ausgrabungsfunde wie z.B. eine 40 000 Jahre alte Flöte, was bedeutet, dass Musik, Töne und Rhythmen schon immer im Leben des Menschen eine Rolle gespielt haben muss.

Was ist nun islamische Musik? Ich sehe da keinen großen Unterschied, sie ist einfach da angesiedelt, wo muslimische Leben herrscht.

Wie schon erklärt, war seit dem 9. Jahrhundert die Musik in den muslimischen Ländern als reguläre medizinische Hilfsdisziplin anerkannt. So beschäftigten Krankenhäuser im islamischen Siedlungsbereich Harfen- und Lautenspieler, Trommler, eine Praxis, die von einer großen Zahl historischer Quellen belegt wird. Bis heute gilt für die Musiktherapie, die seelische und körperliche Natur des Menschen zu kräftigen.

Die großen Gelehrten im Islam, wie Abu Hanifah (707 – 767), Malik ibn Anas (710 – 795) Al Shafi’i (767 – 819), Al-Ghazali (1058-1111) haben sich dafür ausgesprochen, dass musikalische Aktivitäten niemals als haram zu verurteilen ist, wenn sie nicht im Zusammenhang mit gewissen unerwünschten Verhaltensweisen stehen. Ghazali meinte: Musik im Kontext ohne Laster und Unzucht ist erlaubt. Die innere Einstellung, die Absicht, der Inhalt und auch die Situation sind die Kriterien für das Hören von Musik und selbst musizieren. Darüber hat er sogar ein eigenes Kapitel in seinem Werk „Ihya ulum ad-din“ gewidmet. Dennoch gibt es viele Gelehrte, die die Ansicht vertreten, dass jede Art von Musik verboten sei.

Dennoch verbieten bis heute Fundamentalisten, wie die Wahhabiten und Salafisten Musik, bis auf den Nashid. Nashids sind gesanglich von Männern vorgetragene Lobpreisungen von Gott. Alles andere wäre vom Teufel, meinen sie. So sind heute unter den Salafisten sogenannte „Kampf-Naschids“ als Propaganda- und Kampflieder für den gewaltsamen Dschihad gegen die sogenannten Ungläubigen verbreitet.

Der wahhabitische Gelehrte Ibn Baz (gest. 1999) argumentierte: „Der Gesang ist laut der Mehrheit(!!!) der Leute des Wissens, verboten. Wenn der Gesang oder Musik wie z.B. von der Laute oder einem anderen Instrument begleitet wird, ist es haram und darüber gibt es Konsens (idjma).“ Für wen es Konsens ist und für wen nicht und wer die „Mehrheit der Leute…“ sind, das lässt Ibn Baz offen. Oder sie zitieren die Sure Luqman, Vers 6: „Unter den Menschen gibt es solche, die leeres Gerede vorziehen, um Menschen ohne Wissen von Allahs Weg hinweg in die Irre zu führen, und um damit Spott zu treiben. Solchen Menschen harrt eine schmähliche Strafe.“ Vor was ziehen diese Menschen ein leeres Gerede vor?? Wo ist da die Rede von Musik??

Und dennoch hatte sich die Musik schon im 9. Jahrhundert an den Höfen der Oberschicht in Syrien, Persien, in Andalusien etabliert. Wir wissen vom persischen Musiker Ziryâb (gest. 857), der vor dem Kalifen Harun ar-Raschid seine Gesänge mit der Laute vorgetragen hatte und später am Hof von Abd ar-Rahman II. in Córdoba tätig war, Musikschulen errichtete und die kulturelle Lebensweise der Andalusier auf einen glanzvollen Höhepunkt brachte. Von dort aus gelangte später die Musik durch Minnesänger an die Höfe der Franken und Engländer, mitsamt ihren neuen Instrumenten.

Was sagt der Koran dazu? In Sure Luqman, Vers19 steht: „Darum sei bescheiden in deinem Betragen und senke deine Stimme: denn, siehe, die scheußlichste aller Stimmen ist die Stimme der Esel.“ Man könnte also meinen: Die hässliche Stimme des Esels wird der schönen Singstimme des Menschen gegenübergestellt. Allah sagt in Sure Al-Muzzammil (Der Verhüllte),Vers 4: „… und rezitiere den Koran in langsamen, gemessenen rhythmischen Tönen.“ (Tartil)

Viele Gelehrte unterteilen die islamische Musik in 4 Gruppen:

An oberster Stelle der ersten Gruppe steht die Rezitation des Korans, auch wenn viele denken, die Rezitation gehöre nicht zur Musik. Der Prophet Muhammad sagte: „Schmückt den Koran mit euren Stimmen! Die schöne Stimme mehrt die Schönheit des Korans“. Ein anderer Hadith, von Bukhari und Muslim aufgezeichnet besagt: „Allah hört keinem Geschöpf mit solcher Andacht zu, wie Er einem Propheten mit schöner Stimme zuhört, wenn er den Koran laut in besinnlichem Gesang rezitiert.“ Eine andere Prophetenaussage lautet: „Jedes Ding hat eine Zierde, die Zierde des Korans ist die schöne Stimme.“ Der Theologe ibn Qayyim al-Dschawziya (1292-1350) stellte heraus, dass die ‚Verzierung‘ (arab. Tazyiin) die Verschönerung der Stimme (tahsin as-sawt) und die musikalische Verzückung (tatriib) den Effekt des Vortrages erhöhen, weil sie die Bedeutung erst wirklich in die Herzen der Hörer dringen lassen.

Navid Kermani schreibt heute in seinem Buch „Gott ist schön“ auf S. 403: Der Koranrezitator Sheikh Muhammad Salaama erklärte, er habe Musik gelernt „um des Korans willen“, damit er Besitz von den Herzen der Zuhörer ergreife. Ein früherer Muslim, Umar as- Suhrawardi (gest. 1168), sagte, dass eine Musik, ein Gedicht oder der Koran „im Herzen nichts erwachen lässt, was nicht schon dort ist“.

Jede Koranlesung ist ein einzigartiges, nicht wiederholbares Ereignis, in welchem dem Vortragenden Gestaltungsmöglichkeiten von der Melodieführung und dem situationsbedingten Wechsel des rhythmischen Musters, Wiederholung einzelner Textpassagen bis hin zur Wahl zwischen verschiedenen überlieferten Wortlauten überlassen sind. Das ist Musik, wenn ihr wollt: islamische Musik!

Zur gleichen Gruppe gehört auch der Adhan, wie auch Pilger- und Lobgesänge. Natürlich würde sich ein Muezzin oder ein Rezitator nicht als einen Musiker sehen. Der Gebetsruf wurde neben seiner praktischen Funktionalität dennoch zugleich ein Markenzeichen. Für die großen Sänger früherer Zeiten bot er eine tägliche Gelegenheit zum Üben. Der Adhan war bestimmten musikalischen Gesetzen unterworfen. Jeder Tag und auch Tageszeiten hatten ihre eigene Art der Gestaltung und Abfolge der Melodie, ein Maqam. Der Adhan war also fast eine Wissenschaft für sich.

Übrigens: auch der Koran als das Wort Gottes wird in einem Maqam rezitiert, weil dadurch auf die Notwendigkeit, eine ernste, besinnliche innere Stimmung zu erzeugen, verwiesen wird.

Eine 2. Gruppe beinhaltet verschiedene Arten von Musik für Feierlichkeiten, für Hochzeiten, religiöse Feierlichkeiten, also Hymnengesang, Reiselieder, Hirten- und Arbeitslieder und Militärmusik, die gespielt wurde, um in die Schlacht zu ziehen, Musik für öffentliche Feierlichkeiten, also mehr oder weniger Gebrauchsmusik.

As-Shafi’i vermerkt in seinem ‚Kitab al -Umm‘, dass der Prophet Muhammad dem Singen von Karawanenliedern und der gesungenen Poesie zugehört und zum Singen angeregt hat.

In der 3. Gruppe befindet sich die ganze Breite der Improvisationsmusik, wie die gerade im Orient so beliebten frei rhythmisierte Vokal- oder instrumentale Improvisationen. Die Improvisationen, das sind augenblickliche Einfälle, sind heute immer noch sehr beliebt. Hier hinein gehört auch meines Erachtens die klassische Musik, wie zum Beispiel meine Bach-Musik. Auch in ihnen sind Themen gesetzt, die immer wieder neu aufgegriffen werden.

In der letzten Gruppe befindet sich die sinnliche Musik, die im Zusammenhang mit verbotenen Dingen wie Konsum von Drogen oder zu viel Alkohol, Sinneslust, Prostitution etc. steht. Diese Art der Musik, wenn sie zu üblen Handlungen führt, gehört im Islam zu den verwerflichen Dingen.

Nun lasse ich jemanden zu Wort kommen lassen, den die meisten Muslime zu den bedeutendsten religiösen Denkern des Islam zählen. Auch wenn ich vieles von ihm nicht gut heiße, so möchte ich einige Meinungen dieser berühmten Persönlichkeit im Islam über die Stellung der Musik anführen: Al-Ghazali stellt in seinem umfassenden Kapitel über Musik in seinem bekannten Ihya ulum ad- din (Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften) fest, dass Instrumente mit schönem Klang nicht mehr verboten sein sollten als die Stimme der Nachtigall, außer jenen Instrumenten, die mit Wein, Homosexualität und anderen verbotenen Dingen in Verbindung gebracht werden können. So wie die Stimme der Nachtigall ihr angeboren wurde, also ein natürliches Instinkt ist, so ist die Stimme auch dem Menschen gegeben wie auch der Instinkt von klein auf zum Singen und Rhythmisieren. Al-Ghazali meint, dass Gott diese Instinkte im Menschen für einen guten Zweck geschaffen hat, ohne die der Mensch vielleicht sogar seine Aufgaben im Leben unmöglich erfüllen kann, denn diese Instinkte helfen ihm, seine Ziele zu erreichen. Er fasst zusammen, dass es deshalb unmöglich ist, dass die Sharia gegen diese Instinkte und Freuden ist. Stattdessen sollen sie, die Instinkte, diszipliniert, in richtige Bahnen gelenkt werden mit dem Ziel einer hohen Moral. Weiter schreibt Ghazali: „Der Allmächtige hat im Herzen der Menschen einen Funken geschaffen, der durch Musik und Harmonien zum Feuer erweckt werden kann und ihn in Ekstase geraten lässt! Diese Harmonien sind Echos einer höheren Welt der Schönheit, wir nennen sie die geistige Welt; sie erinnern den Menschen an seine Beziehung zu jener Welt und verursacht außerordentlich tiefe und fremde Gefühle, dass er unfähig ist, diese zu beschreiben. Der Effekt von Musik und Tanz ist viel tiefer als die oberflächlichen Bewegungen, die im Grunde einfach erscheinen, sie entfachen die Flamme einer Liebe, die im Herzen bereits als Funke glimmt, mag sie weltlich und sinnlich sein oder göttlich und spirituell.“ Al-Ghazali führt dazu einen Hadith von Aischa an, die berichtete: „An einem Tag des Id-Festes kamen einige Schwarze zu einer Aufführung in die Moschee. Der Prophet fragte mich: Möchtest du sie sehen? Ich antwortete: Ja. Dann hob er mich mit seiner gesegneten Hand hoch und ich schaute zu, dass er mich mehr als einmal fragte: Hast du noch nicht genug zugesehen?“

Al-Ghazali spricht von Situationen, in denen Musik sogar geboten (halal) ist. Da sind die Gesänge der Hadsch-Pilger, die das Haus Allahs in Mekka in ihrem Lied preisen. Ebenso spricht er von melancholischer Musik, die Trauer erregt über die Sünden und Fehler in seinem religiösen Leben erlaubt. Die Musik Davids, seine Psalmen, gehört zu dieser Art. (An-Nisa‘ 4:163: Und Wir haben David einen Zabur gegeben.)

Jedoch Klagelieder, die die Trauer um Tote vergrößern sind nicht erlaubt, denn der Koran betont: „Trauert nicht über das, was ihr verloren habt.“ Andererseits ist fröhliche Musik für Hochzeiten und Festtage, Beschneidungsfeiern erlaubt.

Wer dem widerspricht, was Ghazali über die Musik sagt, ist er wirklich kein guter Muslim? Die Grenze zwischen halal und haram setzt jeder Mensch anders. Der eine sagt: ein Gläschen Wein oder ein Bierchen ist für mich noch nicht haram. Erst wenn daraus ein Rausch, in Verbindung z.B. mit aufputschender Musik ein Vergehen entstehen könnte, weil der Mensch sich nicht mehr kontrollieren kann, dann wird das Alkoholtrinken haram. Aber wenn jemand über andere herrscht und jegliche Musik verbietet, dann scheint etwas nicht in Ordnung zu sein.

Fazit: Die Ausübung von islamischer Musik ist solange erlaubt, solange sie im Einklang mit der islamischen Ethik steht, sie darf nicht zu Übertreibungen und schlechtem Verhalten führen, die die Menschen dazu veranlassen, ihren Pflichten gegenüber Gott und den Menschen zu vernachlässigen.

Musik bedeutet auch Freude haben, Zufriedenheit und Glück. Zu Terror passt keine Freude, darum auch keine Musik! Aber der Islam sollte auch Freude übermitteln, Freude am Leben und Zufriedenheit und darum gehört im muslimischen Leben auch Musik dazu.

Zum Schluss noch den Kommentar vom Allerhöchsten, von Allah.

Im Koran Sure 5, Vers 4 steht: „Sie fragen dich, was ihnen erlaubt sei. Sprich: ‚Alle guten Dinge sind euch erlaubt.‘“

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