Orient und Okzident

 

Heute wissen wir, dass die islamischen Wissenschaften im Mittelalter Europa inspiriert hat, so dass Europa auf den Stand gelangen konnte, wo wir heute stehen.

Heute wissen wir, dass die Vereinigung griechischer Wissenschaft mit dem indischen und persischen Wissen die Grundlage für die arabische Wissenschaft und Gelehrsamkeit in der Zeit zwischen dem 8.bis 12. Jahrhundert, den Goldenen Jahren, gebildet hat.

Was war passiert? Der Kalif al-Mamun war ein welt-aufgeschlossener Herrscher, er gründete im Jahre 832 eine Art „Akademie,“ das „Haus der Weisheit“, in dem ungefähr 90 Sprachgelehrte, Wissenschaftler und Philologen an wissenschaftliche Übersetzungen arbeiteten. Besonders die Werke der alten Griechen waren gefragt. Am Anfang stand das Übersetzen, besonders im philosophischen Bereich. Aber es blieb nicht nur das reine Übersetzen. Die arabischen Wissenschaftler schreiben Kommentare, fingen an, auf diesen Grundlagen Neues zu erforschen, besonders in den exakten mathematischen, astronomischen und geometrischen und Wissenschaften wie Medizin, Naturwissenschaften. Es begann ein schöpferisches, in Europa unerreichtes „Goldenes“ Zeitalter der Weltklasse.

Herauszuheben ist beispielsweise die Algebra, das Operieren mit Buchstaben statt mit Ziffern, die Entdeckung des Blutkreislaufs… und ebenso wichtig das friedliche Zusammenarbeiten aller ansässigen Religionen.

Das Bedürfnis, die islamische Theologie wissenschaftlich zu begründen und auszubauen, führte schnell zu einer Aufarbeitung und Neubewertung der griechischen Philosophie und zur Herausbildung einer arabischen Weltanschauung. Die wichtigsten Wissenschaftler waren Al-Kindi, Al-Farabi, Avicenna genannt Ibn Sina, Averroes, genannt Ibn Ruschd und auch Al-Gazali. Al-Ghazali führte die aristotelische Logik in die islamische Rechtswissenschaft und Theologie ein.

Es herrschte eine Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Strömungen der Religionen. Zu den wichtigsten Methoden der muslimischen Rechtsgelehrten zählte damals der sogenannte Idschtihad. Er steht für ein selbständiges Denken und Schlussfolgern. Es entstand die theologische Strömung der Mu‘tazila. Die Themen der Mu’tazila standen für Gerechtigkeit Gottes und Seine Einheit. In Hinblick auf die Gerechtigkeit Gottes folgerten sie, dass der Mensch ungeachtet der Allmacht und dem Allwissen Gottes einen freien Willen ohne Einschränkung besitzen. Sonst wäre das Gericht Gottes nicht möglich bzw. der Mensch nicht für seine Taten verantwortlich. Sie vertraten den Standpunkt, der Koran sei in der Zeit geschaffen worden und nicht das ewige existierende Wort Gottes. Es war damals ein nicht zu unterschätzendes politisches Spiel mit dem Feuer: Wenn der Koran, der die Lebensform, Normen und Werte der islamischen Gemeinschaft bestimmt, als ‚nicht ewig‘ gilt, d.h. der Koran ist erschaffen, erscheint es eher gerechtfertigt und möglich, bestimmte politische Interessen unter Umgehung der koranischen Vorschriften durchzusetzen. Das war natürlich den Gegnern unter Führung von Ibn Hanbal ein Greul.

Ibn Hanbal war einer der bedeutendsten Vertreter des traditionalistischen sunnitischen Islam. Seine Schule hat einen tiefgreifenden Einfluss, der fast jeden Bereich des orthodoxen sunnitischen Denkens betrifft, auf der sich auch heute noch der orthodoxe Islam in Saudi-Arabien stützt.

Damals hatte die Wissenschaft ihre größten Förderer in den Herrschern der Zeit, den Abbasiden-Kalifen. Erst unter dem Kalifen al-Mutawakkil ʿalā Llāh (ab 847) wurden die Mu’taziliten verfolgt und es brach eine neue Zeit an, eine Zeit der Stagnation, ein Stillstand im Denken und Forschen. Sie verabschiedete sich von allem Fortschritt in eine dunkle Zeit! Der letzte Schlag kam durch den Einfall der Mongolen im Jahr 1258. Es trat eine Beschränkung der Meinungsfreiheit, Intoleranz und ein ablehnender Konservatismus ein.

Aber dennoch: Ohne die wissenschaftliche Aufbereitung und Weiterforschung kein ein Aufblühen im westlichen Teil von Europa, keine Universitäten, keine Renaissance, keine Wissenschaft in unserer heutigen Form. Die ganze Welt profitiert noch heute von diesen Gelehrten im islamischen Osten.

Aber was wäre geschehen, wenn dieses Aufblühen der Wissenschaften nicht gewesen wäre? Wenn dieser lockere Umgang mit anderen Religionen nicht stattgefunden hätte? Wenn man sich auf die Forderung Gottes nachzudenken, die im Koran nachlesbar stand, nicht eingelassen hätte, nicht nachgedacht und verwirklicht hätte? Wenn schon gleich am Anfang ein Ibn Hanbal mit seiner lähmenden Strenggläubigkeit stand und wissenschaftliches Denken gar nicht erst zum Zuge käme? Wo stünden wir heute?

Wie ging es weiter?

Das Aufblühen der Wissenschaft verschob sich in den Osten nach Zentralasien, in das alte Persien, nach Indien, Usbekistan. Die großen Städte Buchara und Samarkand blühten im 15. Jahrhundert auf, besonders gefördert durch einer der Enkel des Eroberers Timur Lenk. Im dortigen Observatorium, das der Herrscher Ulug’bek errichtet hat, errechneten Ulug’bek und seine Mitarbeiter das Sternenjahr zu 365 Tagen, 6 Stunden, 10 Minuten und 8 Sekunden, womit sie vom heute gültigen Wert lediglich 58 Sekunden abwichen. Leider wurde dieses Zentrum islamischer Gelehrsamkeit ab dem Ende des 17. Jahrhunderts als Kornspeicher genutzt und zerfiel mit der Zeit mehr und mehr. Welch ein Verlust!

Aber noch wichtiger war Andalusien als Transfer des Wissens. Einige Jahrhunderte lang lebten Christen, Muslime und Juden in Spanien friedlich zusammen.

Toledo gehörte zum Emirat von Granada. Besonders dort herrschte ein Nebeneinander verschiedener Kulturen, Religionen und Sprachen. Es entstanden dort Übersetzerschulen, in denen arabische Dokumente und wissenschaftliche Arbeiten in das Lateinische übersetzt wurden. Von dort aus gelangte das übersetzte Wissen weiter nach Europa.

Es ist wie ein kleiner Kreislauf: 529 u.Z. wird die griechische Akademie in Athen geschlossen, die Araber übersetzen und verarbeiten ihre wissenschaftliche Arbeiten, in Andalusien werden die Werke der alten Griechen wieder übersetzt, nun ins Lateinische und kommt so wieder mitsamt dem neuen Wissen der Gelehrten in den islamischen Ländern nach Europa.

Erst mit der Erfindung der Differential- und Integralrechnung, also der Infinitesimalrechnung, das Rechnen mit unendlich kleinen Zahlen, durch die Europäer Newton und Leibniz kam nach der Geometrie durch die Griechen und nach der Algebra durch die Araber der dritte große Schub in die Mathematik, von der wir heute noch zehren. Also ein Flugzeug bauen ohne Geometrie, Algebra und Infinitesimalrechnung, das geht nicht!

Aber erst durch die Erfindung des Buchdrucks um 1450 machte das christliche Europa den großen Schritt zur Renaissance und nicht zu vergessen, das Herstellen von Papier durch Papiermühlen, die es schon einige Jahrhunderte vorher in arabischen Ländern gab.

Egal wo, vorher mussten alle wissenschaftlichen Arbeiten vielfach kopiert werden, um von anderen Gelehrten überprüft und diskutiert zu werden. Auch wenn es in den wissenschaftlichen Zentren große Schreibbüros gab, immer konnte nur eine kleine Gruppe von Konsumenten Nutzen daraus ziehen. So fand das Wissen kaum Eingang in öffentlichen islamischen Schulen. Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg trug wesentlich zur immer stärkeren Differenzierung des christlichen mit dem islamischen Kulturkreis bei.

Also mit Gutenbergs Druckmaschine und dem Bau von Papiermühlen verschwand in Europa das mühevolle Kopieren. Jetzt stand dem schnelleren Verbreiten von Nachrichten und auch wissenschaftlichen Abhandlungen nichts mehr im Weg und die Wissenschaft nahm einen ungeahnten Aufschwung. Ich will daran erinnern: Die Gutenberg-Bibel entstand zwischen 1452 und 1454 auf Latein. 1534 folgte dann der Druck der Lutherbibel auf Deutsch. Und man kann sagen: Ohne eine deutsche Lutherbibel hätte es sicherlich keine Reformation gegeben.

Aber wie stand es mit dem Koran? Wie lange dauert es, einen Koran per Hand zu kopieren? Es muss natürlich gesagt werden, dass das Arabische eine ziemlich komplizierte Schriftsprache ist, da sie kursiv angelegt ist, also besser geeignet für Kalligrafie als zum Druck.

Aber nicht nur das: Das im Jahr 2017 erschienene Buch „Islam in der Krise“ beschrieb Michael Blume die folgenschwere Fehlentscheidung des Jahres 1485: Kaufleute in Konstantinopel baten den osmanischen Sultan Bayazid II. um die Erlaubnis, eine Druckerpresse aus Europa einrichten zu dürfen. Aber die islamischen Schrift- und Rechtsgelehrten brachten Argumente dagegen an. Sie meinten, dass es ihr über Jahrhunderte hart erworbenes Privileg war, die geheiligten, arabischen Schriftzeichen (auch für persische und osmanische Schriften) verantwortungsvoll zu Papier bringen zu dürfen. Ihr frommes und verantwortungsvolles Handwerk würde durch diese Maschine der Christen entwertet! Und mehr noch: Würde die Einführung der Druckerpresse nicht Tür und Tor für allerhand Schund und aufrührerische Texte öffnen? Warum sollte der Sultan die Grundfesten seines Reiches erschüttern, das sich doch erkennbar gegen die weniger wissenden und zerstrittenen Christen immer weiter durchsetzen würde.

Bayazid II. verbot also 1485 den Buchdruck arabischer Schriftzeichen im gesamten Osmanischen Reich.

Das Ergebnis war: 1717 wurde die Schulpflicht in Preußen eingeführt. Ab 1835 gab es in Sachsen die Allgemeine Schulpflicht. Um 1800 konnten bereits die Hälfte der Briten und Deutschen lesen und schreiben, im Osmanischen Reich weiterhin nicht einmal 5%. Als Napoleon bei seinem Einmarsch in Ägypten eine Druckerpresse mitgebrachte, zerstörte ein ägyptischer Mob auch diese, da sie doch von den weisen, islamischen Vorfahren einst verboten worden war. Auf das Drucken des Korans stand ja die Todesstrafe. Erst 1874 durfte der Koran in Istanbul auf Arabisch gedruckt werden.

Jahrhunderte lang schien die arabische Welt von der modernen Wissenschaft abgekoppelt zu sein. Im 20. Jahrhundert spielten akademische Forschung nur eine untergeordnete Stellung. Wer nach Wissen strebte, der ging ins christliche Ausland.

Mittlerweile investieren viele arabische Staaten – nicht nur am ölreichen Golf – wieder deutlich mehr in Wissenschaft und Forschung. Bis sie europäischen Ländern im großen Stil auf diesem Gebiet Konkurrenz machen, wird es allerdings wohl noch eine Weile dauern.

Es gab in der jüngsten Vergangenheit einige Fortschritte: Pakistan investierte verstärkt in die Wissenschaft und konnte dadurch wesentlich mehr Fachkräfte ausbilden und die Anzahl der veröffentlichten wissenschaftlichen Aufsätze in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends um 40 Prozent steigern. Auch die Türkei, Jordanien und der Iran legten kräftig zu.

Aber dennoch erleben die islamischen Staaten keinen kontinuierlichen intellektuellen Vorwärtsruck, viele junge Leute verlassen nach ihrem Studium ihre Heimatländer, um im Westen erfolgreich zu forschen oder gehen zum Studium gleich ins Ausland und bleiben dort. Nach einer Studie des Gulf Center for Strategic Studies in Kairo wandern jährlich die Hälfte der Studienabgänger in Medizin aus, ebenso 23 Prozent der Ingenieure. Es fehlt an ausreichend Forschungsstellen, eine angemessene Vergütung und Absicherung, aber besonders wichtig eine freie Ausübung und Forschung ohne Bevormundung durch Theologen.

Es galt doch schon einmal, dass man auf der Grundlage des Koran forschen konnte, dass es Meinungsfreiheit gab und dass gleichermaßen Juden, Christen, Feueranbeter und Muslime Seite an Seite forschten und auf einer annehmbaren Diskussionsebene über ihre Forschungsergebnisse diskutierten.

Bis heute hat in fast der ganzen islamischen Welt kaum eine selbstkritische Debatte über die Gründe des eigenen Niedergangs stattgefunden. Es ist einfach, eine Schuld dem Westen anzuhängen.

Wie dem auch sei: Wenn es gelingen soll, die wissenschaftliche Forschung auch in allen islamischen Ländern wirklich voran zu bringen, kann sie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Stärkung der Lebensqualität aller ihrer Bürger leisten und dient gleichzeitig zum Aufbau von Stabilität und Vertrauen, auch in die islamische Religion und damit zur Friedensförderung.

O Gott, gib den Menschen Einsicht in dein wundervolles Erschaffen, gib uns im Diesseits Gutes und im Jenseits Gutes.

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