Alexander Sinn

Die Frau mit dem Federkleid oder der Froschkönig – Freiheit und Würde

Heute ist Märchenstunde in der Moschee. Doch wenn ich hier aus zwei Märchen zitiere, aus 1001 Nacht nämlich und aus dem Froschkönig der Grimmschen Sammlungen, dann dient das der Illustration dessen, was man Würde nennt, Karama al Insan, und was den ersten Artikel unseres Grundgesetzes ausmacht. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das heißt, sie hat gefälligst respektiert zu werden. Egal, wie praktisch es anderweitig wäre, und wie nett man es sich einrichten könnte, wenn sie nicht so wichtig wäre. Alles muss hinter das Einhalten der menschlichen Würde zurücktreten. Dazu gehört auch unser Sprachgebrauch. Und zwar unserer eigenen Würde sowie der Würde unseres Gegenübers. Würde und Zwang stehen sich diametral gegenüber. Das bedeutet, ihr Wesenselement ist die Freiheit. In einer freien Gesellschaft die Freiheit zu predigen mag obsolet erscheinen, doch stelle ich immer wieder bei mir selber fest, wie schnell ich bereit bin, die Freiheit anderer einzuschränken, wenn es um die Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse geht.

Würde ist eines der interessantesten Wörter meines Lebens. Um ihre Würde zu wahren, heiratete meine Großmutter nicht den Offizier, den sie nicht liebte, wenngleich ihre drei unehelichen Kinder im Krieg dadurch weiter hungern mussten. Sie hat ihren Kindern dadurch viel abverlangt; und dennoch darf man ihr keinen Vorwurf machen, denn sie empfand die Heirat mit diesem Mann als eine Verletzung ihrer Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie steht nicht zur Debatte, doch können wir sie leicht verwechseln mit dem Stolz. Nicht immer, wenn unser Stolz verletzt wird, geht es um Würde.
Die gelebte Würde des Menschen soll unantastbar sein, doch tatsächlich wird sie ständig und überall verletzt, von der Würde der Tiere ganz zu schweigen. Wenn ich im Folgenden die Würde der Frauen in den Mittelpunkt stelle, dann bedeutet das nicht, dass die Würde von Männern nicht verletzt wird. Männer werden geschlagen, sie werden gefoltert, genauso vergewaltigt wie Frauen und verheiratet mit Frauen, die sie nicht lieben können. Homosexuelle Männer werden zu Heterosexualität gezwungen, oder dazu, sich zu verdingen, statt einem Beruf ihrer Wahl nachzugehen. Am schlimmsten, Männer müssen in Armeen Kriegsdienste leisten, für Diktatoren töten und sich töten lassen, fliehen und es wird von ihnen verlangt, während Frauen und Kinder gerettet werden, mit dem Boot unterzugehen.

Die folgenden Geschichten handeln von Frauen, die sich ihrer Würde bewusst sind. Ich möchte sie erzählen, um uns daran zu erinnern, dass wir frei sind, in unseren Entscheidungen, um also daran zu erinnern, dass Würde immer mit Freiheit, auch Entscheidungsfreiheit, verbunden ist. Ein Sprichwort sagt: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Meine Mutter lehrte mich stattdessen: „Wer A gesagt hat, muss noch lange nicht B sagen.“ Auch Brecht sagt dies, doch hatte sie ihn nicht gelesen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.
Egal, was man versprochen haben mag – wenn man merkt, dass es ein Fehler war, ist es nie zu spät, sich davon zu distanzieren. Selbst, wer geheiratet hat, muss nicht bei seinem Partner bleiben. Im Quran lesen wir an vielen Stellen, dass wer auseinandergeht, dies in Frieden und mit vergebendem Herzen tun soll. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen. Wir sind frei, jederzeit auf unser Leben zu schauen um es zu bewerten und unsere Entscheidungen neu zu treffen, selbst wenn wir damit andere enttäuschen. Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt stehen dabei im Mittelpunkt, unsere, und die der Anderen.

Im Koran steht das Wort Würde nicht. Jedenfalls nicht in der Form Karama. Dort steht auch nicht das Wort Freiheit als Horrie. Doch ist er voll mit dem Gedanken des freien Willens, der die Grundlage dafür bildet, dass wir am Ende unserer Frist für unsere guten Absichten und Handlungen belohnt werden. In 2:30 können wir lesen: Und dein Erhalter sagte zu den Engeln: Seht, ich bin dabei auf Erden einen Khalifa einzusetzen, einen, der sich um sie kümmern wird, sie pflegt und ihre Belange regelt. Da sagten die Engel: Willst du einen solchen einsetzen, der Verderbnis verbreiten und Blut vergießen wird, während wir es sind, die dich Tag und Nacht preisen? – Während die Engel als einzige Option den Gehorsam haben, und Gott Tag und Nacht preisen, haben wir Menschen die Freiheit Sinnvolles, oder weniger Sinnvolles zu tun.

Und was ist mit der Gerechtigkeit? Prägnant verbildlicht uns im Quran das Symbol der Waage die Gerechtigkeit als ein Wesensmerkmal Allahs und zugleich als anzustrebende Maxime unseres Charakters. Auch hier geht es nicht um Worte, sondern um das Handeln, nämlich nicht mit zweierlei Maß zu messen. In 83, Verse 1-5 sagt uns Allah: Wehe jenen, die gekürztes Maß geben. Jene, die, wenn sie von anderen Leuten ihren gebührenden Anteil erhalten, verlangen, dass er voll gegeben werde – aber wenn sie auszumessen oder auszuwiegen haben, was immer sie anderen schulden, weniger geben, als gebührend ist.
Auch Rechte kann man auf die Waagschale legen. Nach dem eben genannten Vers müssen sie ausgeglichen sein, damit es in der Welt rechtens zugeht. Alle Menschen haben dieselben unveräußerlichen Rechte. Für Kinder und Jugendliche, sowie für manche Erwachsene, wird die Freiheit eingeschränkt zu Gunsten des Schutzes. Dann wird vorsichtig formuliert, wo der Schutz wichtiger ist als die Möglichkeit der freien Entscheidung. Doch stets bilden Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt den Ausgangspunkt jeglichen angemessenen menschlichen Miteinanders.
Über die Freiheit als zentrales Element der Würde erzählen die beiden Märchen.

Die Frau mit dem Federkleid
Eigentlich heißt die Geschichte Hassan Al Basri, doch passender finde ich diesen Titel, der anerkennt, dass die Frau gleichermaßen Protagonistin ist, wie der Mann.
Die Frau mit dem Federkleid
„Ihre Geschichte beginnt in Bagdad, damals der Hauptstadt des muslimischen Reiches. Von hieraus segelte Hassan, ein schöner, aber verarmter Jüngling der sein ererbtes Vermögen für Wein und angenehme Gesellschaft verschwendet hatte, zu unbekannten Inseln, um sich eigenen Reichtum zu erwerben. Eines Nachts blickte er von einer hochgelegenen Terrasse gedankenversunken über das Meer, als er die eleganten Bewegungen eines großen Vogels bemerkte, der sich am Strand niedergelassen hatte. Auf einmal warf der Vogel das ab, was sich als ein Kleid aus Federn herausstellte, und da stand eine sehr schöne nackte Frau, die gleich loslief, um in den Wellen zu baden. Sie übertraf an Schönheit alles Menschliche. Ihr Mund war magisch wie das Siegel Salomons, und ihr Haar war schwarz wie die Nacht… Ihre Lippen waren wie Korallen und ihre Zähne wie eine Perlenkette… Ihre Mitte warf reiche Falten, …die Schenkel waren groß und prall wie Marmorsäulen. Was aber Hassan Al-Basris Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war, was die nackte Schöne zwischen ihren Beinen hatte. Beim ersten Blick auf die gänzlich nackte Holde erkannte er, was sich zwischen ihren Schenkeln befand: eine schön geschwungene Kuppel, die auf Pfeilern ruhte, gleich einer Schale aus Silber oder Kristall.
In Liebe entbrannt stahl Hassan der badenden Schönen ihr Federkleid und verbarg es in einer geheimen Höhle. Ihrer Flügel beraubt wurde die Frau seine Gefangene. Hassan heiratete sie und hüllte sie in Seide und Edelsteine. Als sie ihm zwei Söhne geboren hatte, ließ er etwas nach in seiner aufmerksamen Zärtlichkeit und glaubte, sie würde nie wieder ans Fliegen denken. Er begann, lange Reisen zu machen, um seinen Reichtum zu mehren. Aber eines Tages kam er zurück und entdeckte, dass sie nie aufgehört hatte, nach dem Federkleid zu suchen, und dass sie nicht gezögert hatte, davonzufliegen, sobald sie es gefunden hatte. Sie drückte ihre Söhne fest an sich, hüllte sich in das Federkleid und wurde ein Vogel, nach dem Willen Allahs, dem Macht und Majestät gehören. Dann ging sie mit wiegendem Gang voller Grazie und tanzte und reckte sich und schlug mit den Flügeln… sie breitete die Flügel aus und machte sich mit ihren Söhnen auf den gefährlichen Rückweg, flog über wilde Flüsse und tiefe Meere, um ihre Heimatinsel WakWak zu erreichen. Hassan hinterließ sie eine Nachricht, dass er sich dort zu ihr gesellen könne, wenn er den Mut dazu hätte. Niemand wusste zu der Zeit – und noch weniger heute – wo diese mysteriöse Insel Wakwak zu finden sei, mit deren Namen sich Exotik und unbekannte Fremde verbinden.“ ( Ich habe zitiert aus Mernissis Buch Harem, S. 11-12)
In der Buchversion von „1001 Nacht“ zieht Hassan monatelang über das Meer, findet schließlich seine Frau und seine Söhne und bringt alle zurück nach Bagdad, wo sie glücklich leben bis an ihr Lebensende. Doch nun geht die Frau freiwillig mit ihm. Aber vielleicht bleiben sie ja lieber auf Wakwak, weil es dort viel schöner ist. Vielleicht sucht Hassan vergeblich und findet seine Frau nie wieder. Jedenfalls weiß die Frau mit dem Federkleid, dass es Unrecht ist, sie zu etwas zu zwingen.
Ihre Freiheit brauchte Mut. Als die Frau mit dem Federkleid ihre Kinder an sich drückte und losflog, war es weder gewiss, dass sie gesund ankommen würden, noch gab es eine Garantie, dass das Leben auf Wakwak glücklicher verlaufen würde als bisher. Doch besteht sie auf der Freiheit zur Selbstbestimmung.
Nur durch die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie sie es möchte, ist auch ihre Würde gewahrt. Ihre eigene Freiheit und Würde ist untrennbar verbunden mit der ihres Mannes, denn erst durch ihre Flucht wird er vom Gefängniswärter zum Geliebten. Durch ihr Insistieren, ein freier und würdevoller Mensch zu sein, wird auch er zu einem solchen.

Genau dasselbe passiert beim Märchen mit dem Froschkönig. Ich werde es ein bisschen abkürzen. Als eines Tages eine Königstochter mit ihrem goldenen Ball am Brunnen spielte, fiel der Ball in den Brunnen hinein. Sie war traurig und jammerte herum, da brachte ihr ein Frosch den goldenen Ball aus den Tiefen des Brunnens herauf. Dafür musste sie ihm versprechen, dass er am Abend zu ihr durfte. Am Abend kommt der Frosch tatsächlich zum Essen ins Schloss. Immer mehr will der Frosch von der Königstochter. Sie lässt ihn neben sich am Tisch sitzen, lässt ihn von ihrem Teller essen, von ihrem Becher trinken, doch empfindet ihn dabei als aufdringlich und übergriffig. Nach dem Abendessen folgt er ihr bis ins Schlafgemach. Als er schließlich gar zu ihr ins Bett krabbeln möchte, reicht es ihr, denn hier steht ein Gefühl der inneren Würde endgültig auf dem Spiel. Als er erneut insistiert, hebt sie ihn kurzer Hand vom Boden auf und wirft ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Durch diesen Akt der Selbstbehauptung rettet sie nicht vor allem ihre Keuschheit, sondern ihre Würde. Sie nimmt in ihr Bett, wen sie will, nicht jeden dahergelaufenen Frosch, egal, was sie ihm zuvor versprochen haben mag. Wer A sagt, muss noch lange nicht B sagen… In dem Moment, wo sie ihn an die Wand wirft, um ihre eigene Würde zu wahren, indem sie sich nicht zwingen lässt, etwas zu tun, was sie nicht tun möchte, wird aus dem Frosch ein König. Er wird nicht nur Mensch, sondern darüber hinaus ein Mensch ganz besonderer Art, an Reichtum und Schönheit nicht zu überbieten, ein König unter den Menschen. Als die Königstochter nicht von Mitleid geleitet, oder an vorangegangene Versprechungen gebunden war, sondern die Verletzung ihrer ureigensten Würde fürchtete, und diese intuitiv über alles andere stellte, wandte sich ihr Schicksal zum allerbesten.

Im politisch-mondänen Bereich ist es nicht anders. Ich übertrage unsere Geschichten von Fröschen und Federkleidern kurz auf die Politik, und führe uns ins heutige Syrien, dann ins Amerika des frühen 19. Jahrhunderts und schließlich zurück ins zeitgenössische Deutschland.
Immer wieder frage ich Syrer, warum sie die Revolution gemacht haben und bekomme als Antwort: „Wir wollen Freiheit und Würde“. Beide sind im Privaten wie im Öffentlichen zentrale Werte. Dafür haben inzwischen viele ihr Leben gelassen, doch bleibt das Ziel erhalten.
Im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts gab es neben grausamen Sklavenhaltern tatsächlich auch solche, die ihre Sklaven relativ gut versorgten und mit ihnen ein fast brüderliches Verhältnis pflegten. Doch bei der Abschaffung der Sklaverei um 1865 beanspruchten alle Sklaven ihre Freiheit. Zur Überraschung der Master, die gut zu ihren Sklaven gewesen waren, zogen auch diese die Freiheit der Sicherheit und Versorgung vor. In der Freiheit gab es Würdeverletzungen bis hin zu Lynchmorden. Doch eine Rückkehr in die Sklaverei war für niemanden eine Option.
In der deutschen Gegenwart beruht unsere Freiheit, die wir als eng verbunden sehen mit unseren finanziellen Möglichkeiten, auf der Armut anderer. Ob wir Kakao kaufen oder Kaffee, Fleisch oder Kleidung – überall werden die Güter unter Missachtung der Würde ihrer Hersteller gefertigt, sei es Mensch, Tier oder Erde. Wir sprechen von Fair Trade und definieren damit das, was der Normalzustand sein sollte, als gute Tat. Eine wahrhaft perfide Verdrehung der Verantwortlichkeiten. Das Andere, der reale Status Quo, sollte Unfair Trade heißen.
Stellen wir uns einmal den folgenden Dialog in einem Cafe vor:
„Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee.“
„Möchten Sie einen fair gehandelten Kaffee, oder einen unfair gehandelten?“
„Einen unfair gehandelten bitte!“
Dies ist die von uns verdrängte Realität, und so ist eine Khutba über Freiheit und Würde in unserem vermeintlich freiheitlichen Land eben doch nicht obsolet.

Doch ich möchte uns noch einmal zurückführen zur Geschichte der Frau mit dem Federkleid und mit diesem Bild enden. Auch in unserem privaten Bereich kommt es immer wieder zu Würdeverletzungen. Ich möchte behaupten, fast immer dort, wo unsere Würde nicht gewahrt wird, wurde irgendwann zuvor die Würde dieser anderen Person nicht gewahrt oder gar massiv verletzt. Manche Würdeverletzungen entstehen zwar aus Arroganz des Verletzers, doch meist kommt das alles nicht aus dem Nichts, sondern ist Glied einer Kette von Verletzungen. Jemand wird verletzt, und gibt diese Verletzung weiter. Das bedeutet nicht, dass wir nun freimütig oder aus Mitleid anderen gestatten dürfen, unsere Würde zu verletzen, um diese Kette zu brechen. So endet sie ja nicht. Aber es bedeutet, nicht selbst der Ausgangspunkt dieser Kette zu sein. Und es bedeutet, einen sorgsamen Umgang mit uns selbst und mit anderen zu pflegen. Selbst kleine Gesten können verletzen. Den anderen, die andere, so zu akzeptieren, wie sie sind, gehört zur Wahrung ihrer Würde.

Kurz noch einmal zurück zu unserer Partnerschaft, die ja Thema der beiden Märchen ist. Ist unser Partner, unsere Partnerin tatsächlich in unserer Beziehung ein freier Mensch? Wayne Dyer, ein amerikanischer Motivationssprecher und Taoist rät uns zum ultimativen Partnerfreiheitstest. Wenn wir Folgendes sagen können, ist die Freiheit gewahrt.
Ich lasse dich frei, du selbst zu sein, deine eigenen Gedanken zu denken und deinem eigenen Geschmack nachzugehen, deinen Eingebungen zu folgen und dich so zu verhalten, wie du es für richtig hältst. Du bist frei, die Person zu sein, die du sein möchtest.
Auch umgekehrt gilt es:
Ich nehme mir die Freiheit, ich selbst zu sein, meine eigenen Gedanken zu denken und meinem eigenen Geschmack nachzugehen und meinen Eingebungen zu folgen sowie mich so zu verhalten, wie ich es für richtig halte. Ich nehme mir die Freiheit, die Person zu sein, die ich sein möchte.

Wir kommen nun zusammen zum Gebet. Wir bitten um Vergebung für die Momente, in denen wir die Würde anderer verletzt haben und um Heilung, wo unsere eigene Würde verletzt wurde, damit wir unseren Mitmenschen begegnen können wie die Frau mit dem Federkleid ihrem Ehemann oder die Königstochter dem Frosch – mit einem sicheren Gefühl dafür, wann es sich lohnt, auf unserem eigenen Recht zu bestehen und wann wir uns zurücknehmen sollten, um dem Anderen den Vortritt zu lassen, damit auch dessen Würde gewahrt wird.

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