Frauenrechte im Islam

Dass ich heute die Predigt zu Frauenrechten im Islam halten darf, ist für mich ein sehr besonderes Anliegen, weil das für mich persönlich ein sehr wichtiges und dringendes Thema ist.

Der Islam ist nämlich eine Religion, die häufig mit Gewalt in Verbindung gebracht wird. Eine spezielle Gewalt soll dabei immer eine ganz bestimmte Gruppe treffen, nämlich die Frauen. Es wird gesagt: „Der Islam unterdrückt die Frau“, „der Islam ist frauenfeindlich“, „der Islam schließt Frauen aus dem öffentlichen Leben aus“ etc. Diese Positionen werden nicht nur formuliert, diese werden tatsächlich auch in Teilen der muslimischen Community gelebt. Das sieht man vor allem daran, wenn man den Koran wortwörtlich versteht. In der Sure 4, Vers 176 findet man: „Sie fragen dich um Belehrung. Sag: „Allah belehrt euch über den Erbanteil seitlicher Verwandtschaft. Wenn ein Mann umkommt, der keine Kinder hat, aber eine Schwester, dann steht ihr die Hälfte dessen zu, was er hinterlässt.“

Bestimmte Muslime lesen den Vers und sagen „Aha! Vers spricht gegen Frau, billigt Mann erbrechtliches Privileg zu und bekommt noch durch die heilige Offenbarung eine gewisse göttliche Legitimation.“ Geht man nach einer solchen Lesart vor, hätten wir gewaltige Probleme mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Mit dieser Lesart würde man aber zudem auch vieles mehr nicht zur Kenntnis nehmen, wie z.B. eine historisch-konkrete Situation, politische und gesellschaftliche Verhältnisse usw. Lässt man dies alles außer Acht, könnte man nicht verstehen, wieso dieser Vers überhaupt offenbart wurde. In welchem Zusammenhang ist dieser Vers im alten Wüstenarabien überhaupt entstanden?

Wenn man bedenkt, dass Frauen in dieser Zeit überhaupt nichts erben durften, dann gesteht dieser Vers den Frauen doch zumindest ein Erbrecht zu. Da ist also was völlig neues entstanden! Jetzt sollte man die Frage stellen, ob diese Lebensänderung für Frauen auf überwiegende Zustimmung seitens der muslimischen Gemeinde gestoßen war? Natürlich nicht! Den Männern wurde ein ganz zentrales Privileg durch diesen Vers genommen, nämlich das alleinige Recht auf Erben. Fatima Mernissi schreibt dazu: „„Dieser kleine Vers versetzte die männliche Bevölkerung Medinas in helle Aufregung. Sie befand sich zum ersten Mal in direktem und persönlichem Konflikt mit dem muslimischen Gott. […]. Die Männer fanden, dass die neue Gesetzgebung bezüglich des Erbes einen Bereich tangierte, in den der Islam sich nicht einzumischen hatte: ihre Beziehungen zu den Frauen.“

Es waren also Männer, die auf die Barrikaden gingen und sich dagegen gewehrt haben. Wobei doch der Geist des Verses war, Frauen an mehr Rechten heranzuführen.

Wie kann es eigentlich sein, dass diese Verbesserungen der Frauensituation über die Jahrhunderte hinweg keinen weiteren gesellschaftlichen Ausdruck fand? Wie kann es sein, dass man in der Vergangenheit stehen geblieben ist und man sich nicht die Frage gestellt hat, ob man die Situation von Frauen in Richtung Verbesserung weiter entwickelt hätte? In den Gassen Medinas hat man sehr kontrovers über die Gleichheit der Geschlechter gestritten.

Einer der Wortführer für Männerprivilegien war Umar Ibn al-Khattab, der zum Stamme der Quraish gehörte und sich immer wieder mit dem Propheten (s.a.w) anlegte, was vor allem Frauenrechte betraf. Er war Frauen gegenüber sehr aufbrausend und ungeduldig und ihnen gegenüber auch sehr streng. Seiner Ansicht nach und auch vieler Gläubigen in Medina sollte sich der Islam auf das geistige und öffentliche Leben beziehen, während das Privatleben weiterhin von der vorislamischen Zeit geprägt bleiben sollte. Es war ihm nicht geheuer, dass selbst seine eigene Frau ihm widersprach und diese als Vorbild den Propheten (s.a.w.) anführte. Umar selbst geriet nicht selten in Streit mit der Frau des Propheten (s.a.w) Umm Salma, wobei jeder der beiden für ihre Geschlechtsgenossen sprachen. So gab es auf der einen Seite die Forderungen der Frauen, an mehr Rechte beteiligt zu werden und auf der anderen Seite den vehementen Widerstand der Männer um Umar. Zudem waren es auch solche Männer die Gerüchte in die Welt setzten, um beispielsweise die Frauen des Propheten (s.a.w.) in Verruf zu bringen.

So wie diese Männer, die ich eben in dem Mernissi-Zitat genannt habe, waren sie es auch, die die Deutungshoheit über den Islam in den folgenden hunderten von Jahren besaßen. Und sie haben den Frauen erzählt, wie sie zu sein haben, wie sich zu kleiden haben, welche gesellschaftliche Rolle ihnen als Frau zukommt. Wie hätte sich eigentlich der Islam entwickelt, wenn Frauen Koranauslegungen angestellt hätten. Wenn also nicht Männer den Frauen gegenüber bevormundend aufgetreten wären. Hätten sie vielleicht aus dem Koran Dinge raus gelesen und verstanden, die ihnen keine einschränkende Rolle zugewiesen hätte?

Vielleicht gebe es dann keine unterdrückerischen Verhältnissen gegen Frauen in islamischen Ländern, wie z.B. in Afghanistan. Wo Frauen dort wirklich auf den unterschiedlichsten Ebenen leiden und täglicher Gewalt ausgesetzt sind, weil sie eben Frauen sind. Aber nicht nur in islamischen Ländern, auch in Europa gibt es das Phänomen, dass wenn muslimische Frauen sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheiden, sie häufig von ihren Familien daran gehindert werden und dies dann am Ende sogar in Morden gipfeln kann.

Wenn man sich das alles anschaut, fragt man sich doch ernsthaft, ob das die Botschaft des Islams ist, Frauen zu unterdrücken. Wobei doch der Islam Verbesserungen für die Lebenssituation für Frauen im alten Wüstenarabien brachte. Und genau dieser Geist der Verbesserung ist schließlich verloren gegangen. Positiv gestimmt ist man aber dennoch, wenn man sieht, dass es immer wieder auch Frauen in Vergangenheit und Gegenwart gibt, die sich kritisch damit auseinandergesetzt haben. Zu nennen wäre die bereits erwähnte Fatima Mernissi oder auch Amina Wadud. Eine Frau, die ich persönlich sehr bewundere, ist Chadidscha, die erste Frau des Propheten. Sie galt in der damaligen Zeit als eine einflussreiche Händlerin, war selbständig und ergriff die Heiratsinitiative, also sprich: Sie hat um die Hand des Propheten (s.a.w) angehalten. Solche Frauen wünscht man sich doch wieder.

Warum halte ich als Mann eigentlich hier eine Predigt über Frauenrechte im Islam? Das hat zwei Gründe: Der eine Grund lautet, dass es einen identitären Diskurs gibt, der lautet, dass nur Frauen Frauen verstehen können, dass nur Männer Männer verstehen können, dass nur Schwule Schwule verstehen können usw. Mich persönlich interessiert es wenig, welches Geschlecht du hast, woher du kommst oder wen du liebst. Ich sehe dich also nicht als bloßes Geschlecht oder sonst was an, sondern ich frage dich, welche Überzeugung vertrittst du, sprich, für welche Werte trittst du ein? Haben wir eine gemeinsame Wertebasis gefunden für die wir zusammen kämpfen, ist es völlig unerheblich, woher du kommst oder wer du bist. Ich setze mich also für Geschlechtergerechtigkeit ein und sehe jeden als Verbündeten an, der sich ebenso dafür einsetzt, egal ob Mann oder Frau. Und deshalb möchte ich als Mann ein Zeichen setzen, dass auch Männer sich für Frauenrechte einsetzen können, ja auch im Islam. Das hat auch eine gewisse Tradition, wenn ich beispielsweise an Qasim Amin, einem ägyptischen Frauenrechtler aus dem 19. Jhd. und frühen 20. Jhd. erinnern darf, der sich für Frauenrechte eingesetzt hat und eine hitzige Debatte in Ägypten auslöste. Was ich damit sagen möchte, ist einfach nur, dass auch Männer Feministen sein können und ich mich in dieser Tradition auch selbst wiederfinde.

Der zweite Grund bezieht sich darauf, dass es muslimische Imame gibt, die frauenfeindliche Positionen islamisch begründen. Und leider sind es nicht wenige. Ich denke es ist an der Zeit, eigene muslimische Prediger zu zeigen und predigen zu lassen, die sich solidarisch mit Frauen erklären. Die diesen konservativen muslimischen Prediger sagen, dass auch ich als Mann zwar traditionell über Frauen Macht habe, aber ich darauf gänzlich verzichte, weil ich niemanden unter mir stehen haben möchte. Und ich denke der Geist des Korans hätte sich zu genau diesem Punkt der Gleichheit hinbewegt, wenn das Patriarchat nicht die Oberhand gewonnen hätte.

Und schließlich haben Frauen und Männer etwas, was sie gemeinsam teilen: eine Menschenwürde. Ein Philosoph aus dem 15. Jhd. Namens Pico Della Mirandola schrieb über die Menschenwürde: „Wir sind geboren worden unter der Bedingung, dass wir das sein sollen, was wir sein wollen.“

Um das zu erreichen, ist es wichtig, geschlechtergerechte Verhältnisse zu schaffen. Und das ist ein Auftrag, der sich an alle Menschen richtet.

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