Fajr und Asr

 

Jordan Wozniak
Jordan Wozniak

Als ich das letzte Mal im Libanon war, um meine Familie zu besuchen, war es mal wieder so weit. Zwischen Einkauf und Abendessen saßen wir im Wohnzimmer in Beirut, plötzlich verschwand der Eine oder Andere, um dann zurückzukehren, den Teppich auf den Boden zu werfen und in Windeseile zu beten. Bevor er den Kopf unten hatte, war er schon wieder oben; stand, beugte sich, richtete sich auf, beugte sich erneut, wieder ging die Stirn zu Boden, und nun richtete sich der ganze Körper auf, um sich gleich danach wieder entlang der Wirbelsäule vor irgend etwas zu verbeugen… Die Schnelligkeit des Beugens und Streckens ist in Worten nicht wiederzugeben und glich mir eher einer sportlichen Übung als einer Meditation. Wie die Wörter des Gebets darin Platz finden, ist mir immer wieder ein Rätsel.

Wer mich kennt, weiß, ich bin die Gebetsschnecke. Zwischen dem Moment, an dem ich schon die Hände kurz vor dem Boden habe, und deren tatsächlicher Berührung des Gebetsteppichs vergehen gefühlt Minuten. Mich aufzurichten dauert seine Zeit, das Niederwerfen ebenso. Die Worte spreche ich langsam aus, jede Silbe bis zum Ende. Die Gebetsgeschwindigkeit ist jedoch kein Maß der Frömmigkeit – weder so, noch so.

Zwischen Bewunderung und Irritation erinnere ich mich daran, dass ich kein Recht habe zu urteilen. Immerhin beten sie öfter als ich und stehen auch nicht selten zum Morgengebet pünktlich auf. Im Gegensatz zu mir. Alf mara wa mara – tausendundeinmal – habe ich mir vorgenommen, zum Fajr-Gebet aufzustehen und es zu seiner angemessenen Zeit zu beten, nur, um mich dann in meinem Bett noch einmal umzudrehen und mir zu sagen, dass es schöner ist, nach dem Duschen zu beten, kurz bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit begebe, nach dem Kaffee – gleich. Doch dieses Gleich ist dann zu spät, die Arbeit ruft.

Diese Aufschieberei führte dazu, dass ich wochenlang stets kurz vor dem Verlassen meiner Wohnung, nach dem Anziehen meiner Schuhe feststellte, dass ich es schon wieder einmal vergessen hatte, das Gebet. Doch nun waren die Schuhe angezogen, und so ging ich verärgert über mich selbst jeden Morgen ohne zu beten aus dem Haus. Tag für Tag.

Eines Tages hatte ich von mir selbst genug. Die Schuhe waren angezogen und ich musste gehen, doch sollte mir dies alles nicht noch einmal passieren. Also ließ ich die Schuhe einfach an. Ich betete, ohne sie mir auszuziehen, aber immerhin frisch geduscht und mit Aufrichtigkeit im Herzen. Zu meiner Überraschung fühlte es sich vollkommen normal an.

Erst später las ich, dass auch der Prophet Mohamed manchmal die Schuhe beim Gebet angelassen hatte, sofern sie rituell rein waren, also auf saubere Füße gezogen. Er pflegte zum Zeichen der rituellen Reinheit mit Wasser über sie zu streichen. So ist es sicherlich besser als gar nicht zu beten.

Ein Gebet ist für mich wie der Besuch bei Allah. Er ähnelt dem Besuch bei einer uns lieben Person. Manchmal gehen wir nur dort vorbei, damit wir nicht vergessen werden. Wir schauen kurz in den Flur und ziehen die Schuhe nicht aus.

Manchmal, besuchen wir jemanden, um der Person Ehre zu erweisen. Manchmal bleiben wir lange und trinken mit ihr Tee, reden uns alles von der Seele, oder hören endlos zu, Stunden um Stunden. Und manchmal denken wir an die Person nur von weitem, ohne den Besuch überhaupt durchzuführen.

So ist auch das Gebet mal sehr nah und intensiv, mal nur ein kurzer Gruß. Jedenfalls wird sich Allah an uns und unsere Gebete erinnern. An den, der immer schnell vorbeikam und schnell wieder ging, aber Allah, nie vergaß. An den, der nicht oft kam, aber dafür lange blieb. An den, der fahrig im Gespräch stets an etwas anderes dachte, an den Lauten, den Leisen, den Frechen, den Zaghaften, den Mutigen, den Wütenden, den Schüchternen, den Weisen, den weniger Weisen. Über jeden wird sich Allah freuen, der seiner gedenkt. In welcher Form auch immer, ob in stillem und unsichtbaren Gedenken oder im sichtbaren rituellen Gebet.

Schon Ibrahim betete zu Gott. Doch zu welchem Gott sollte er beten?

Er hatte seinen Vater und seine Freunde dabei gesehen, wie sie selbstgefertigte Götzen aus Stein anbeteten. An diese Götter wollte oder konnte er nicht länger glauben. So suchte er den, den er anbeten wollte.

Und als Ibrahim zu seinem Vater Azar sagte: “Nimmst du Götzen zu Göttern? Ich sehe dich und dein Volk in einem offenbaren Irrtum”, da zeigten Wir Ibrahim das Reich der Himmel und der Erde, auf dass er zu den Starken im Glauben zählen möge.

Ibrahim machte sich nun seine eigenen Gedanken darum, wen er anbeten wolle. Als ihn nun die Nacht überschattete, da erblickte er einen Stern. Er sagte: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: “Ich liebe nicht die Untergehenden.”

Als er den Mond sah, wie er sein Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr.” Doch da er unterging, sagte er: Wenn mein Herr mich nicht rechtleitet, werde ich gewiß unter den Verirrten sein.” Auch der Mond taugte nicht als anzubetende Gottheit.

Als er die Sonne sah, wie sie ihr Licht ausbreitete, da sagte er: “Das ist mein Herr, das ist noch größer.” Da sie aber unterging, sagte er: “O mein Volk, ich habe nichts mit dem zu tun, was ihr (Allah) zur Seite stellt. Seht, ich habe mein Angesicht in Aufrichtigkeit zu Dem gewandt, Der die Himmel und die Erde schuf, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern. (6:74-79)

Als sich jahrhunderte später der Prophet Mohamed zum Gebet niederbeugte und seine Stirn die Erde berührte, da erfand er also nichts Neues, doch er veränderte es. In der vorislamischen Zeit betete man in Mekka zweimal am Tag, am frühen Vormittag und am Abend.

Der Prophet betete stattdessen zu Fajr und zu Asr. Fajr ist der frühe Morgen, die Zeit des Sonnenaufgangs. Asr der Nachmittag. Es sind vielleicht die beiden Wendepunkte zwischen dem Tag und der Nacht.

Bleiben wir einen Moment bei Fajr, dem Sonnenaufgang. Fajr stellt den Augenblick dar, an dem die Nacht zum Tag wird. Es ist ein spirituell dichter Moment, den man daran erkennt, dass die Welt in vollkommener Stille liegt. In dieser Stille beginnen die ersten Vögel zu zwitschern. Man hört erst einen einzigen Vogel, den ersten Ton des Morgens, ganz allein – erst nach einer Weile den Ton eines zweiten, der ihm antwortet. Dann langsam, ganz langsam, immer mehr. Der Wechsel von der Nacht zum Tag ist vollzogen.

Im Ramadan ist Fajr ein wichtiger Moment, denn nun beginnt die Zeit des Fastens bis zur Nacht. Wenngleich es nicht genau mit den Berechnungen übereinstimmt, richte ich mich im Ramadan gerne nach dem frühen Morgenvogel und stelle meinen Kaffee erst dann zur Seite, wenn sein erster kleiner Ruf erklingt. Ungeachtet des Fehlers meiner Einstellung bestehe ich darauf, mich von der Natur leiten zu lassen, statt von der Technik eines Uhrwerks.

Den Morgen mit seinem Sonnenaufgang empfinde ich besonders im Sommer wie eine orientalische Stadt im Gebirge. Es ist ganz genau wie mit den Vögeln in der Frühe.

Man steigt durch die unbewohnten Berge und denkt, die nächste Stadt sei noch ewig weit entfernt. Dann ein Haus, vielleicht zwei, drei, vereinzelt, die sich geräuschlos an die steinernen Hänge schmiegen. Man geht noch zwei, drei Schritte bergauf, da plötzlich tritt man auf ein Plateau und ist mittendrin, auf der Hauptstraße eines Bergdorfes. Um einen herum bewegt sich das reiche Leben mit allen seinen Geräuschen, Gerüchen und Farben.

Eine Pilgerin in einem asiatischen Gebirge beschreibt es so:

Nicht der Sonnenaufgang bewegte mich so sehr, auch wenn er wunderschön war. Es waren jene Augenblicke zuvor, als die Welt so still war…. Große Vögel breiteten majestätisch und vollkommen geräuschlos ihre Schwingen aus.. Eine natürliche Stille lag über allem, als ob das Leben auf der Erde dem kommenden Tag einen schweigenden Tribut zollte. Jene stille Augenblicke vor Sonnenaufgang waren voller Verheißung auf die bald einsetzende Aktivität. Ich habe nie zuvor einen solch magischen Augenblick erlebt.

In diesem Augenblick der vollkommenen Stille beten wir Salat Al-Fajr, das Morgengebet.

Über diese Zeit, just bevor der erste Vogel singt, sagte der Prophet Mohamed, es sei, sozusagen, die Zeit der Schichtübergabe. Die Engel, die die Nacht bewachen, seien noch bei uns, und die Engel des Tages seien nun ebenfalls schon angekommen. Dies ist eine Möglichkeit, die spirituelle Dichte dieser Tageszeit zu beschreiben, die Magie, die man in der Wüste des siebten Jahrhunderts sicherlich stärker spürte als heute bei uns.

Mit der Änderung der Gebetszeit von Vormittags und Abends zu Früh und Nachmittags verändert sich meiner Meinung nach viel mehr als der Zeitpunkt. Es verändert sich vor allem der Fokus. Dieser liegt jetzt nicht mehr allein auf dem Dank für das Überstehen der Nacht und auf den Bitten für den Tag, sondern er liegt vielmehr auf dem spirituellen Kontakt mit Allah und dem Kosmos. Indem wir zu Fajr beten, treten wir in einen Kontakt mit Allah ein, den wir zu anderen Zeiten des Tages möglicherweise nicht mehr erreichen können. Wir reihen uns damit ein in die Magie der Welt des frühen Morgens und nehmen die Möglichkeit wahr, eins mit der Schöpfung zu sein. Geräuschlos verrichten wir unsere Bewegungen. Stille bedeutet ja nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen. Stille ist auch die Abwesenheit von Bewegung, ein Moment der Regungslosigkeit. Aus dieser Regungslosigkeit tritt das Morgengebet in besonderer Deutlichkeit hervor. Es wird anders wahrgenommen als ein Gebet in der Geschäftigkeit des späteren Tages. Dann, später also, vermischen sich die Bewegungen mit all den anderen Bewegungen um uns herum. Doch hier am Morgen stehen die Bewegungen allein und besonders.

Heutzutage ist das nächste Gebet Dhur, das Mittagsgebet. Doch wurde dieses wahrscheinlich erst später als Pflichtgebet hinzugefügt. Mohamed betete als nächstes das Asr Gebet am Nachmittag.

Asr scheint weniger ein spiritueller Moment zu sein, als vielmehr ein Strukturgebet.

Durch die Zweiteilung des Tages anhand der beiden Gebete, strukturiert der Islam den Tag in einen Teil der Arbeit und einen Teil der sozialen Kontakte. Nach Asr ist der Arbeitstag weitgehend vorbei. In einer Zeit, in der die Menschen nicht auf elektrisches Licht zurückgreifen konnten, zumal in einer Gegend des frühabendlichen Sonnenuntergangs, war Asr eine gute Zeit, sich nur noch maiximal einen kurzen Moment der Arbeit zu widmen, um dann soziale Kontakte zu pflegen, oder jedenfalls mit den Mitmenschen in Begegnung zu treten, denn den Abend musste man vielleicht eher zu Hause verbringen. So beendet das Asr Gebet den Arbeitsteil des Tages und leitet den sozialen Teil ein, der ebenso wichtig ist.

Doch in einem Hadith lesen wir, für mich wenig überraschend, dass auch das Asr-Gebet die Zeit ist, in der sich die Engel abwechseln. Die Engel des Tages verlassen nun die Menschheit, um nun von den Engeln der Nacht abgelöst zu werden. Wieder scheint hier eine spirituelle Dichte zu bestehen, die wir aber nun am Nachmittag aufgrund des Energieflusses des Tages nicht so leicht bemerken können. Unsere Antennen sind längst nicht mehr so empfänglich für leise Geräusche und subtile Veränderungen der Atmosphäre.

Es wird erzählt, dass Mohamed sagte, Allah fragte sie, die Engel, dann, obwohl Er Selbst es doch am besten weiß: In welchem Zustand habt ihr Meine Diener verlassen?

Die Engel antworteten: Sie beteten, als wir uns entfernten. Und als wir am Nachmittag zuvor kamen, beteten sie auch!”
(Al-Bukhari und Muslim)

Wir beten, um Allah zu dienen, zu preisen.

Doch wenn wir Allah in unseren Gebeten besuchen, so tun wir das auch oft, um Antworten auf Fragen des Lebens zu finden. Ich möchte euch einladen, das auch zu tun. Am Ende des Gebets, nach Abschluss mache ich wenn ich allein bin, immer nochmal ein Sujud, bei dem ich eine Frage stelle. Ich erhebe mich erst vom Boden, wenn ich eine Antwort erhalten habe. Sie unterscheidet sich fast immer von der Antwort, die ich außerhalb des Gebetes finde. Stolz, Ärger, Rache, das ganz normale Ego verschwinden beim Gebet. Das Gebet macht mich weich und liebevoll, vergebend und freundlich, geduldig, und hoffnungsvoll. Nie spricht es von Macht, von Beherrschen, von Eifersucht oder Besserwisserei. Es ist freundlich und zuversichtlich. Deshalb ist fünfmal besser als zweimal. Doch für diejenigen unter uns, die ihre Schuhe anziehen, bevor sie daran denken, das Gebet zu verrichten, möge Gott gnädig sein, und sich über den Besuch genauso freuen, wie über den der Barfüßigen. Möge er den Schnellen ihre Hast vergeben und den Langsamen was ihnen zu vergeben ist.

Gehen wir also zum Freitagsgebet. Es ist weder Fajr noch Asr, aber es ist das Gebet der Gemeinschaft, bei dem unsere Reihen zeigen, dass wir fest zusammenstehen in der Liebe zu Allah und der Fürsorge füreinander. Allah jirhamkun.

 

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