Buch über Imaminnen Seyran Ates ärgert wieder ihre Gegner

Da sitzt sie nun, selbstbewusst, nicht gebrochen und schon wieder mit vielen neuen Plänen. Die Anwältin, Imamin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hat sich anlässlich des Internationalen Frauentags am gestrigen Donnerstag wieder etwas Neues ausgedacht. Seyran Ates stellte an diesem Tag in ihrer Moschee in Moabit ein Buch vor. Es ist ein unscheinbares, schmales Bändchen, aber natürlich ist es dazu geeignet, einige besonders konservative und fromme Muslime zu verärgern. Das ist Seyran Ates egal. Sie hat das Buch in einem eigenen Verlag publiziert.

„Die Frauen von Medina. Imaminnen, Gelehrte und Kriegerinnen“, heißt es. Verfasst hat es der dänische Islamwissenschaftler Jesper Petersen. Und es belegt, dass es das, was Seyran Ates vor einem Dreivierteljahr zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt gemacht hat, wirklich geben darf: eine Moschee, in der Frauen gleichberechtigt sind. „Das ist jetzt unser nächster Schritt. Wir beschäftigen uns mit den theologischen Grundlagen, auf die wir uns in unserer Moschee beziehen. Und natürlich geht es uns dabei wieder um Geschlechtergerechtigkeit. Deshalb haben wir die Moschee ja eröffnet“, sagt Ates. Denn um die Theologie gehe es ja bei sämtlichen Angriffen gegen ihre Person nie. „Es geht immer nur darum, dass bei uns Männer und Frauen Seite an Seite beten und das auch noch ohne Kopftuch. Sie sagen, wir verändern die Religion, aber das stimmt nicht. Das gab es alles schon mal“, sagt Ates.

Feministische Literatur

Jesper Petersen beschäftigt sich schon lange mit dem Feminismus in islamischer Literatur. Er besuchte die Berliner Moschee-Eröffnung im vergangenen Jahr, weil dort etwas tatsächlich Einzigartiges vonstattenging: Ein Mann und eine Frau leiteten gemeinsam das Gebet vor einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe. In anderen Teilen der Welt beten nur Frauen bei Frauengruppen vor.

Jesper Petersen, Islamwissenschaftler.

Jesper Petersen, Islamwissenschaftler.

Foto:

BLZ/Markus Wächter

Petersens Buch ist in Dänemark bereits im September 2016 erschienen, vor der Eröffnung der Berliner Moschee. Jetzt steht eine deutsche Übersetzung zur Verfügung. Das Buch beschäftigt sich mit Frauen, die Seite an Seite mit Mohammed gekämpft haben sollen, weiblichen Imamen und Frauen, die Männer belehrt haben. Es sind Frauen, die stark waren und deshalb später, als die Geschichten über den Propheten aufgeschrieben wurden, nicht passten zum Islam, wie er sich nach Mohammeds Tod entwickelte. Ihre Geschichten verschwanden. Petersen trägt ein paar Spuren zusammen. Diese Frauen suchten sich ihre Partner selbst aus und trennten sich auch wieder. „Mohammed akzeptierte, dass Frauen in Stammesgesellschaften anders waren und einer anderen Idee folgten, wenn sie eine Familie gründeten“, sagt Petersen.

Weitere Drohungen

Er hat bisher keine Schwierigkeiten mit fundamentalistischen Muslimen und Imamen bekommen. Anders als Seyran Ates. Wir haben viel darüber berichtet, dass ihr im vergangenen Jahr nach der Moschee-Eröffnung mit Gewalt bis hin zum Tod gedroht wurde. Die türkische und die ägyptische Religionsbehörde warnten Gläubige, Ates Moschee zu besuchen. Die türkische Staatsführung beschuldigte sie, aufseiten der Putschisten zu stehen. Seitdem hat Seyran Ates Polizeischutz, und ihre Begleiter sind auch jetzt noch ständig an ihrer Seite. „Das wird wohl so weitergehen“, sagt sie, denn bedroht wird sie immer noch. Sie erhält auch weiter E-Mails, in denen sie beschimpft wird.

Das Buch ist eine Art Antwort darauf. So wie die gemeinsamen Gebete, ihre Vorträge, die Kurse in Koran- und Islamkunde sowie Arabisch. „Das ärgert meine Gegner am meisten, dass es bei uns läuft“, sagt Seyran Ates.

https://www.berliner-zeitung.de/berlin/buch-ueber-imaminnen-seyran-ates-aergert-wieder-ihre-gegner-29840154

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