Vertreter der Ankaraner Schule und ihre Lesart der heiligen Schrift im Islam

Ashkan Forouzani

Neben Einzelpersonen in der islamischen Geschichte und Gegenwart, die sich um Reformen oder zumindest um die Durchsetzung moderner Ansätze in der Religion bemühten, sollten Institutionen nicht zu kurz kommen, die sich damit auch wissenschaftlich auseinandersetzten. Selten bekommt man in Europa etwas von ihnen mit, was zum Leidwesen all derjenigen wird, die sich für andere Interpretationen des Islam interessieren. Ein sehr gutes Beispiel gibt die sog. Ankaraner Schule ab, ansässig in der türkischen Hauptstadt Ankara. Das Gründungsdatum der Institution liegt bereits 70 Jahre zurück, da im Jahre 1949 das Bestreben einiger türkischer Theologen darin lag, eine Universität nach westlichem Vorbild zu gründen. Diese Idee findet bereits im türkischen Parlament 1948 Gehör, wo oft die Forderung „Wir brauchen eine Theologie wie im Westen!“ zu hören war. Bis in die 1980er Jahre hinein gab es in der Türkei keine weitere Universität, die sich mit Fragen der islamischen Theologie beschäftigte.

Der Begriff „Ankaraner Schule“ (oder türkisch: Ankara Okulu) geht auf junge Wissenschaftler zurück, die sich in den 1990er Jahren zum Ziel setzten, ihre modernen Arbeitsergebnisse der Koranforschung vorzustellen und kooperativ stetig weiterzuentwickeln. Ein hilfreiches Medium zur Verbreitung ihrer Forschungsergebnisse bot die von der theologischen Fakultät herausgegebene Zeitschrift „Islamiyat“, welche sich grundsätzlich mit theologischen und islamwissenschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzt. Zwar werden die Arbeiten der Ankaraner Wissenschaftler in der arabischen Welt kaum bis gar nicht beachtet bzw. gewürdigt, doch finden sie außerhalb der Türkei Rezeptionen ihrer Forschungen in Zentralasien oder in den Balkanstaaten. Der Theologe Felix Körner geht davon aus, dass man den türkischen Theologen noch zu wenig zutraut in den arabisch – sowie persischsprachigen Ländern.

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur erklärt, dass die „Ankaraner Schule“ sich auf theologische Auseinandersetzungen einlässt und auch eine beachtliche Zahl an Hochschulabsolvent/innen hervorbringt. Sie schreibt: „Ihre Mitglieder betreiben gerade keine avantgardistische Theologie im Elfenbeinturm ohne Breitenwirkung. Vielmehr sind die Theologen eine Schule auch insofern, als sie den theologischen Nachwuchs der Türkei ausbilden. Jährlich machen etwa hundert Studentinnen und Studenten an der Ankaraner Fakultät ihren Abschluss und werden danach als Religionslehrerinnen – und lehrer sowie Imame und Beamte der türkischen Religionsbehörde1 tätig (Vgl. Amirpur 2018: S.109).“

Doch wodurch zeichnet sich die Ankaraner Schule eigentlich aus? Der Jesuiten Theologe Felix Körner, der ein ausgewiesener Kenner der Ankaraner Schule ist, stellt dabei die Denkweise eines pakistanisch-muslimischen Theologen heraus, namens Fazlur Rahman, der eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für das islamische Institut in Ankara hatte. Jedoch sollte nicht unter den Teppich gekehrt werden, dass der Theologe Raman zwar wichtige Denkanstöße für das Institut in Ankara lieferte, aber er auch von bestimmten Vertretern dieses Institut kritisiert wurde, wo man nicht einen Konsens erzielte. Felix Körner skizziert punktuell das Denken Rahmans: „Fazlur Rahmans hermeneutische Ausgangsfrage war: Wie kann man den Koran als Offenbarung ernstnehmen, ohne seine doch zum Teil offenkundig veralteten Vorschriften heute anwenden zu müssen? Er sah den Koran als Handbuch der Ethik, das nicht Einzelanweisungen, sondern Prinzipien bietet. Diese Prinzipien seien lediglich anhand von konkreten Beispielen, den koranischen Regelungen, erklärt. Folglich konnte Fazlur Rahman ein dreischrittiges Auslegen vorschlagen. Um den Koran zu verstehen, müsse man ihn im Kontext der Zeit seiner Verkündigung verstehen. Der erste Schritt ist also die Rückkehr in die Offenbarungszeit. Aus dem so Verstandenen sind die den Einzelregelungen zugrundeliegenden allgemeingültigen ethischen Prinzipien zu destillieren. Das zweite Schritt lautet also: hinter das Geschichtlich-Einzelne, zum Allgemein-Prinzipiellen. Das so gewonnen Destillat sei nun in jeder Zeit neu aufzugießen. Drittens also folgt der Schritt zurück ins Jetzt (Vgl. Körner 2015: S.13).“

Diese dargestellten Schritte findet man auch in Abstufungen bei den Vertretern der Ankaraner Schule, jedoch teilweise auch kritisch kommentiert. Was die theologische Schule letztlich methodisch von anderen Schulen unterscheidet, ist ihre historisch-kritische Lesart des Koran. Anregungen dazu holen sie sich beispielsweise vom Philosophen Hans-Georg Gadamaer, der eine wahre Koryphäe auf dem Gebiet der Hermeneutik ist. Schließlich geht es bei den Vertretern der Ankaraner Schule darum, welches Verständnis man vom Koran haben sollte? Da die koranische Botschaft im 7. Jahrhundert offenbart wurde, müsse zum Textverständnis die historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen mit in die Exegese einbezogen werden. Die Fragen, von denen es sehr viele gibt, aber hier nur einige wenige kurz angerissen werden sollen, lauten: Was waren die Offenbarungsanlässe der einzelnen Verse und Suren? In welchem historischen Kontext fand die Offenbarung statt? Stehen hinter dem geschrieben Wort nicht am Ende Prinzipien, die einen universellen Charakter haben, man sie herausfiltern und versuchen sollte, in die eigene Lebenssituation zu übertragen?

Um das ganze besser zu veranschaulichen, wäre es am logischsten zumindest einen Vertreter der Ankaraner Schule zu Wort kommen zu lassen. Ömer Özsoy ist im Jahre 1963 in der türkischen Stadt Kayseri geboren. In Ankara nahm er das Studium der Sozialwissenschaften sowie islamische Theologie auf, erweiterte sein Horizont in Heidelberg um das Fach der Islamwissenschaft. Er gilt als Spezialist, was die Koranexegese betrifft, weshalb es auch kein Zufall ist, dass er eben Professor für Koranexegese an der theologischen Fakultät der Universität Ankara war. Derzeit arbeitet er in Frankfurt am Main an der Goethe-Universität im „Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam.“ In der Frankfurter Universität nahm er die Professur zur Koranexegese an. Ömer Özsoy betont, dass die Ankaraner Schule vielfältige Forschungsmethoden auf Lager hat, wobei die historisch-kritische sehr stark heraussticht und er auch diese vertritt.

Ömer Özsoys Artikel, der von Felix Körner ins Deutsche übertragen wurde, trägt den Titel: „Die Geschichtlichkeit der koranischen Rede und das Problem der ursprünglichen Bedeutung von geschichtlicher Rede.“ Er kritisiert, dass abweichende Ansichten über den Koran schnell vorverurteilt werden, ohne aber genau zuzuhören, was gesagt wird. Özsoy stellt drei Probleme heraus: „[…] (a.) die breite Masse kann nicht unterscheiden zwischen koranischer Botschaft und koranischer Sprechweise […]; (b.) sie hat keinerlei Begriff davon, was es heißt, den Koran als ‚Text‘ zu charakterisieren; (c.) und jene Gruppierungen, von denen man ein Bewusstsein für die besagte Unterscheidung erwarten könnte, nutzen diese (ersten beiden) natürlichen Gegebenheiten aus (Vgl. Özsoy 2004: S.78).“

Der Unterschied zwischen gesprochenem Wort und geschriebenem Text liegt darin, wie sie konzipiert wurden. Um zu diesem Gedanken vorzudringen, worin die Unterscheidung nun genauer bestimmt liegt, erläutert Özsoy: „Während der Autor bei der Abfassung eines Textes allein ist, ist der Adressat in der Sprechsituation […] als konkretes Gegenüber anwesend. ‚Text‘ ist eine Sprachsituation, in der der Autor nicht sehen kann, ob er sein Ziel erreicht oder nicht. Die Sprechsituation dagegen erlaubt, dem Sprecher genau das. D.h. die Sprechsituation ist eine direkte Dialog-Situation (ebd. S.84 f.).“

Mit anderen Worten: Wenn wir davon ausgehen, dass das was mündlich überliefert wurde in einem bestimmten historischen Moment ‚gesagt‘ wurde, besteht ein fulminanter Unterschied zum ‚geschriebenen‘ Wort, weil im Ersteren eine ‚Rede‘ zwischen Absender und Adressaten existiert. Den Gedanken kann man auch umschreiben als einen Dialog zwischen beiden, weshalb es wichtig ist zu fragen, wie die jeweiligen Offenbarungsanlässe kontextuell entstanden sind. Bei der Beschäftigung mit dem Koran sollte ja nicht aus dem Blick geraten, dass die koranische Botschaft in einem Zeitraum von 23 Jahren offenbart wurde und somit auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen reagiert.

Wie es momentan mit dem Stand der Ankaraner Schule in der Türkei ausschaut, ist schwer einschätzbar, da sich die Türkei in einer schwierigen politischen Krise befindet. Offiziell heißt es von türkischer Seite, dass es keine Einflussnahme auf die theologische Fakultät in Ankara gibt. Ob man diese Behauptung bei der momentanen politischen Lage in der Türkei weiter aufrechterhalten kann, soll kein weiterer Gegenstand dieses Artikels werden. Die Forschungsergebnisse sind jedenfalls sehr lesenswert, auch wenn sie teilweise wissenschaftlich und abstrakt gehalten sind. Doch wie Jürgen Habermas in seinem Buch: „Das Projekt der Moderne. Ein unvollendetes Programm“ sehr treffend beschreibt, ist die Übersetzung der Wissenschaftssprache in die Alltags – und Bildungssprache zwar schwierig, aber nicht unmöglich. Fakt ist jedoch, dass es interessante Forschungsansätze aus Ankara gibt, die man sicherlich produktiv nutzen kann, um ein besseres Verständnis vom Koran zu gewinnen.


Quellenverzeichnis:

Amirpur, Katajun (2018): Reformislam. Der Kampf für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. 2. Durchgesehene und erweiterte Auflage C.H. Beck: München

Körner, Felix (2015): Einleitung. In: Alter Text – neuer Kontext. Koranhermeneutik in der Türkei heute. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Felix Körner. 2. Auflage 2015 Verlag Herder: Freiburg im Breisgau

Özsoy, Ömer (2004): Rede, nicht Text. Die Geschichtlichkeit der koranischen Rede und das Problem der ursprünglichen Bedeutung von geschichtlicher Rede. In: Alter Text – neuer Kontext. Koranhermeneutik in der Türkei heute. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Felix Körner. 2. Auflage 2015 Verlag Herder: Freiburg im Breisgau

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/islam-lexikon/281754/ankaraner-schule

https://www.zeit.de/2007/10/Allahs_scheuer_Bote/komplettansicht

https://www.deutschlandfunkkultur.de/theologen-im-portraet-die-traditionen-im-kopf.1278.de.html?dram:article_id=271316

1 Hier ist wahrscheinlich von der türkischen Religionsbehörde Diyanet die Rede. Die Ausrichtung der Diyanet hängt sehr stark davon ab, welche Regierung gewählt ist, da sie sich in einem abhängigen Verhältnis zum türkischen Staat befindet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.