Die allgemeingültigen Prinzipien im Koran – Taha’s historisches Verständnis vom Koran.

Der Islamreformer Mahmud Muhammad Taha wurde in einer muslimischen Familie in der Stadt Rufaa, im östlichen Teil des Sudans geboren. Das genaue Geburtsdatum Tahas ist unbekannt, da er entweder im Jahre 1909 oder 1911 das Licht der Welt erblickte. Das Leben des Mahmud Muhammad Taha’s war von einer sehr turbulenten, politischen Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche geprägt, deren historische Aufarbeitung viel Platz in Anspruch nähme. Einige Aspekte dieser Zeit sollen aber kurz angeschnitten werden, um den Lebenslauf Taha’s besser verstehen zu können.

In seinem sozialen Umfeld gehörten viele Menschen Sufi-Bruderschaften an, was sich vermutlich wesentlich auf seine Religiosität niederschlug. Dennoch ist nicht bekannt, dass er oder seine Familie eine direkte Verbindung zu den Sufi-Bruderschaften hatten. An der Gordon Memorial College in Khartoum nahm er ein Studium des Ingenieurwesens auf, was er erfolgreich abschließen konnte und im Jahre 1936 begann als Wasserbauingenieur für eine sudanesische Eisenbahngesellschaft zu arbeiten. Während seines Studiums setzte er sich mit Philosophen wie Karl Marx und Hegel sowie mit der mathematischen Logik auseinander. Doch nicht nur mit diesen Denkern beschäftige sich Taha, auch bedeutende Denker im Islam, wie Al-Ghazali, al-Hallaq und Ibn Arabi regten sein Interesse an.

Nicht nur intellektuelles, sondern eben auch politisches Interesse zeigt sich bei Taha, da er mit der herrschenden Politik im Sudan unzufrieden war. In erster Linie strebte er die Unabhängigkeit des Sudans von Großbritannien an, wobei er auch eine „administrativ-politische Einheit mit Ägypten“ kategorisch ablehnte. Stattdessen ergriff er die Eigeninitiative mit Intellektuellen, um im Jahre 1945 eine neue Partei zu gründen: Die Republikanische Partei (al-Hizb al-Jumhuri). Trotz Konflikten mit der britischen Kolonialverwaltung trat diese Partei für die Umsetzung eines demokratischen Sozialismus ein, samt den Werten von individueller Freiheit sowie sozialer Gerechtigkeit. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass sich seine Partei gegen die Mädchenbeschneidung ausgesprochen hat.

Besonders Moscheen und Kaffeehäuser wurden aufgesucht, um für die politischen Ziele zu werben. Taha wurde daraufhin von den Briten verhaftet, jedoch nach weniger als zwei Monaten wieder entlassen. Doch er kam aufgrund seiner politischen Aktivitäten wieder ins Gefängnis und diesmal für zwei Jahre, wobei diese zwei Haftjahre prägend für sein Islamverständnis wurden. In dieser Zeit setzte er sich mit islamischen Geboten auseinander, wie dem Fasten und dem Beten. Diese beiden Praktiken, die wiederum zu den fünf Säulen des Islam gehören, erweiterten seinen Wissens – und Erkenntnisstand über die Religion selbst, da er in seiner innegehaltenen Spiritualität sich über viele Lebensfragen intensiver Gedanken machen konnte.

Nach seinem Gefängnisaufenthalt trat er Anfang der 1950er Jahre der Partei „Republikanische Brüder“ bei und wollte mittels einer Bruderschaft seine Gedanken zum Islam unter den Menschen bringen. Eine politische Zeit, geprägt von mehreren Konfrontationen religiöser sowie politischer Fraktionen, Putschversuchen und vielem mehr, hinderten Taha nicht daran, dass er sich für Reformen im Islam starkmachte. Der Islamwissenschaftler Thomas Eich sieht in dem Hauptwerk Taha’s „Die zweite Botschaft des Islams“ einen interessanten Gedanken zur Vereinbarkeit von Islam und Moderne, denn es geht darum den: „[…] gelebten Islam nicht primär als eine Observanz und Kontrolle äußerlich-formal korrekt durchgeführter Handlungen aufzufassen, sondern den Blick auf die Verinnerlichung der großen Prinzipien wie etwa Gleichheit und Freiheit zu lenken, die seiner Auffassung nach die Kernbotschaft des Koran darstellten.“ Schließlich, so Eich weiter, gehe es darum: „[…] ethische Fragen wieder verstärkt in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen.“ Und obwohl er auch Einflüsse von westlichen Denkern erfahren hat, wie die obig genannten, weist Eich dezidiert daraufhin: „[…] weder war Tahas rechtstheoretisches Konzept primär vom Westen inspiriert noch war es randständig (vgl. Eich 2010: S.104).“

Womit Taha auf theologischem Gebiet auf besonderer Weise hervorsticht, war seine Unterscheidung zwischen der koranischen Botschaft in der mekkanischen und in der medinensischen Phase. Da es in beiden Zeitperioden um verschiedene Gesellschaften geht, worauf der Koran auch divers reagiert, sollte man diesen wichtigen Umstand beachten, um überhaupt ein besseres Verständnis des heiligen Buches zu gewinnen. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur hat für die ZEIT geschrieben: „Seine Argumentation bezieht sich auf die Tatsache, dass der Koran Mohammed in zwei Phasen offenbart wurde, zuerst in Mekka und dann in Medina. Taha schreibt nur den in Mekka offenbarten Suren überzeitliche Bedeutung zu. Die Suren aus Medina hält er nur für das 7. Jahrhundert gültig, denn in Medina etablierte der Prophet eine Herrschaft. Während in Mekka Verse von friedfertiger Überredungskunst überwiegen, sind die medinensischen Verse voller Regeln und Gebote. Diese waren aber angepasst an die Lebenswirklichkeit des siebten Jahrhunderts, in dem es kein Gesetz gab, außer dem des Schwertes. Diese medinensischen Verse wurden aber zur Basis der Scharia, wie sie von den Rechtsgelehrten in den folgenden Jahrhunderten entwickelt wurde. Sie wird von Taha als die erste Botschaft des Islam bezeichnet. Doch aus seiner Sicht war die Erhebung der medinensischen Verse zur gesetzlichen Richtschnur nicht für immer gedacht. Gott wollte, dass die Verse aus mekkanischer Zeit, die das wahre Ideal der Religion repräsentieren, wiederbelebt werden, wenn die Menschheit ein Entwicklungsstadium erreicht hat, in dem sie in der Lage ist, sie zu akzeptieren und zu verwirklichen. Dann werde sie einen erneuerten Islam einführen, der auf Freiheit und Gleichheit basiert. Taha glaubte, dass die Zeit für die Muslime gekommen war, diese zweite Botschaft zu verwirklichen.“

Während einerseits Reformmuslimen Taha’s Ansichten als bahnbrechend betrachten, gab es andererseits jene, die ihm deswegen feindlich gesinnt waren. Dies hatte zur Folge, dass er 1985 in der sudanesischen Hauptstadt Khartum hingerichtet wurde. Einige Mitstreiter und Taha selbst bekamen die Möglichkeit, ihre aus der Sicht der Orthodoxen begangene Apostasie zu widerrufen und sich dadurch begnadigen lassen. Alle außer Taha nahmen dieses Angebot in Anspruch, weswegen Mahmud Muhammad Taha als Einziger gehängt wurde.

Das Wirken Taha’s hat bis heute einen großen Stellenwert. Im US-Bundesstaat Georgia befindet sich die Emory University an der der Jurist Abdullah an-Naim unterrichtet und in der geistigen Tradition Taha’s für Reformen im Islam eintritt. Seiner Ansicht nach gebe es im islamischen Recht die Fundierung für Islamreformen. Auch in westlichen Ländern gibt es viele Islamwissenschaftler, wie beispielsweise Mouhanad Khorchide, die ebenfalls in ihren Schriften den bedeutungsvollen Unterschied zwischen der mekkanischen und medinensischen Phase betonen. Häufig wird das als ein wichtiger Aspekt betrachtet, um Reformen im Islam anzustoßen. Man kann Mahmud Muhammad Taha’s Einfluss auf heutige Islamreformer als nicht zu unterschätzen werten, da sich viele auf ihn berufen und seine theoretischen Bausteine weiterentwickeln und vermitteln.

Quellen:

Eich, Thomas (2010): Von Wurzeln, Ästen und Bäumen – Kasuistik im sunnitisch-islamischen Recht. In: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften., S.95-106.

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13512035.html

https://www.ezw-berlin.de/html/15_8111.php

http://www.contextxxi.at/die-zweite-botschaft-des-islam.html

https://www.zeit.de/gesellschaft/2016-03/lesart-koran-islam-reform/komplettansicht

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