Die Freiheit den Koran zu interpretieren – Abu Zaids zeitgemäße Lesart der heiligen Schrift im Islam

„Wenn Du einmal Muslim bist, kannst Du – laut vorherrschender Meinung der Islamgelehrten – den islamischen Glauben nicht wechseln. Oder Du musst verschwinden. Ich meine, dass die Einladung des Propheten an die Menschen, ihm im Glauben zu folgen auf der Annahme der Freiwilligkeit beruhte. Denn es können ja keine Leute eingeladen werden, die keine freie Wahl haben. Die grundsätzliche Freiheit eines jeden Individuums, einem neuen spirituellen Führer zu folgen, sollte damit abgesichert werden, dass er auch die Möglichkeit hatte, seine Meinung wieder zu ändern“ (vgl. Quantara 2009). Mit diesen Worten spricht Abu Zaid ein wichtiges Thema an, was in der islamischen Welt weitestgehend tabuisiert ist: Die Freiheit, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen, ja auch in Religionsfragen. Nasr Hamid Abu Zaid wurde im Jahre 1943 in Qufaha bei Tanta in Ägypten geboren und starb im Jahre 2010 in Kairo. Bekannt wurde er vor allem als Koranwissenschaftler, der den Koran einer modernen Lesart öffnen wollte. Er war der Meinung: Man solle den Koran nicht als das unantastbare Wort Gottes betrachten, sondern den Text in seinem historischen Kontext verorten und ihn aus dieser Perspektive versuchen zu interpretieren. Grundsätzlich war er der Auffassung, dass die Koran-Interpretation beim einzelnen Exegeten obliege. Daher verwarf er die Vorstellung, es gebe nur eine wahre Islamdeutung. Auch setzte er sich sehr stark dafür ein, dass man Religion und Staat voneinander trennen müsse, da der Staat keine Person sei und somit auch keinen Glauben haben könne. Er betrachtete es vor allem als Gefahr an, wenn man den Staat mit Religion assoziiere, da es dann unweigerlich zu Konflikten zwischen individuellen Religions– bzw. Islamverständnissen und einem staatlich verordneten Islamverständnis käme. Dies bringe oft folgenreiche, negative Konsequenzen mit sich. Ebenfalls war er konsequenter Gegner des religiösen Fundamentalismus, der die kanonischen Texte des Islams wortwörtlich ins Hier und Heute überträgt. Gerade weil der Koran mündlich überliefert wurde, zeige das doch, laut Abu Zaid, dass es folgerichtig unterschiedliche Interpretationen gab und gibt. Um es auf den Punkt zu bringen: „Aufgrund der immer noch hauptsächlich mündlichen Überlieferung war es nur zu natürlich, dass es unterschiedliche Lesarten des Korans im Umlauf waren. Unter dem dritten Kalifen Uthman einigte man sich zwar auf eine einheitliche schriftliche Fassung, aber die verschiedenen Lesarten existierten fort, weil diesem Schriftstück noch die diakritischen Punkte und Vokalzeichen fehlten und es unterschiedlich rezitiert werden konnte“ (Vgl. Abu Zaid 1999: S.22).
Er wagte es, muslimische Prediger zu kritisieren und blieb somit nicht lange unbemerkt. Schriften und Ansichten Abu Zaids sollen den Islam beleidigt haben, hieß es seitens der muslimischen Konservativen. Dies hatte tiefgreifende Folgen für das Leben von Abu Zaid. Ein Scharia-Gericht kündigte wegen des angeblichen Abfalls vom Glauben seine Ehe auf und die zunehmenden verbalen Angriffe und Morddrohungen zwangen ihn zu baldigem Handeln. Mitte der 1990er Jahre ging er ins niederländische Exil. Er lehrte zunächst an der Universität Leiden und wenig später an der Universität Utrecht, wo er den Lehrstuhl für Islam und Humanismus innehatte. Im Jahre 2005 erhielt er in Berlin den Ibn-Rushd-Preis für Freies Denken.
In seinem autobiographischen Gespräch mit Navid Kermani betont Abu Zaid das Individuum sehr klar und deutlich: „Keine Religion ist auf die Autorität des Staates und die Macht seiner Organe angewiesen, damit ihre Prinzipien und Normen durchgesetzt werden. Der Glaube ist eine Angelegenheit zwischen Gott und dem Individuum. Wer ihn zu einer Sache des Staates macht, misstraut dem Individuum, und er misstraut letzten Endes Gott, der dem Menschen im Koran die Wahl überlassen hat, zu glauben oder sich von ihm abzuwenden. Er misstraut dem Vertrauen Gottes in das Individuum“ (ebd. S. 63). Zitate wie diese zeigen Abu Zaids modernes und fortschrittliches Denken für den Islam. Er verwarf den Gedanken eines kollektiven Zwangs, welches dem Individuum aufgebürdet wird.
Abu Zaid zeigte auch auf methodischer Ebene, wie man an den Koran herangehen könnte, indem er Anknüpfungspunkte bei den Mu‘taziliten (rationalistische Schule des Islam vom 9. – 11. Jhd.) fand. Da die arabische Sprache, in der der Koran sich zunächst mündlich und später schriftlich zeigte, eine menschliche Sprache ist, folgen für ihn daraus bestimmte Konsequenzen. Abu Zaid bringt es so auf den Punkt: „Wenn Gottes Wort erschaffen ist, dann ist dessen Sprache die menschliche, erschaffene Sprache, und dann gelten die Gesetze der menschlichen Sprache für die Interpretation des göttlichen Wortes: die Metapher, die Ellipse, die Voranstellung, die Nachstellung und so weiter. Verbessert sich die Kenntnis von den Gesetzen der Sprache, verändert sich notwendig auch die Kenntnis vom göttlichen Wort“ (ebd. S.107). Um den Koran zu verstehen, darf es nicht tabuisiert werden, wenn kritische Fragen gestellt werden. Das wären beispielsweise Fragen, die darauf abzielen, was eigentlich das Wesen des Korans ist. Erst wenn man sich darauf verständigt hat, um welche „[…] Eigenschaften, Besonderheiten, sprachliche Strukturmerkmale und Adressaten […]“ (ebd. S.124) es sich hierbei handelt und auch in welchem Zeitraum der Koran offenbart wurde und ob der Koran überhaupt als ein einzelner Text entstand, kann man als Wissenschaftler eine Methode verwenden, die dem Text angemessen ist. Und genau deshalb wehrt er sich dagegen, wenn man bei bestimmten Fragen stehen bleibt, also bei der Frage der Authentizität, der Frage was erlaubt oder verboten ist oder dass es Menschen gibt, die den Koran lediglich als etwas literarisches betrachten oder auch aus philosophischer Perspektive versuchen logische Zusammenhänge zu erkennen. Bei all diesen (berechtigten) Vorgehensweisen werden jedoch, die oben genannten Punkte Abu Zaids nicht ausreichend betrachtet. Der Koranwissenschaftler sagt ebenfalls, was ihm am Koran am meisten interessiert. Dabei geht es für ihn um „[…] die Natur, den Menschen, die Schöpfung, die Existenz. In dieser Sicht ist jedes Wesen Teil eines Ganzen. Der Mensch gehört zu einer Familie, und die Familie gehört wiederum zu einer Gemeinschaft, und diese Gemeinschaft ist Teil einer Geschichte, und diese Geschichte ist Teil einer Kosmologie. Die Sonne, der Mond, die Sterne, die Meere, die Erde und die Berge sind nicht nur Elemente der Natur. Sie sind auch Zeichen Gottes, und zwar im semiotischen Sinn. Gott spricht durch sie“ (ebd., S.127). Diese Betrachtungen leitet er u.a. aus dem Koran ab, wie z.B. in der Sure 2:164: „In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Tag und Nacht und in den Schiffen, die das Meer befahren mit dem, was den Menschen nützt, und im Wasser, das Gott vom Himmel herabsendet, um die Erde nach ihren Tod zu erwecken, und in dem Getier von allerlei Art, das er auf ihr ausgebreitet hat, und im Wechsel der Winde und der Wolken, die dienen müssen zwischen Himmel und Erde – Wahrlich, darinnen sind Zeichen für ein Volk, das erkennt.“ In diesem Kontext kritisiert er Theologen, die z.B. nur über (göttliche) Attribute diskutieren. Kritik wird seinerseits ebenfalls an Rechtsgelehrten im Islam geübt, die sich von der juristischen Ebene nicht fortbewegten. Von den Sufis hingegen kann man etwas zentrales lernen, „[…]dass in der Weltanschauung des Korans Natur, Kosmos und Mensch Teil eines organischen und semiotischen Systems sind. In diesem System ist der Mensch weder Zentrum noch Herrscher. Vielmehr ist er Teil eines Gefüges, in dem der Kosmos, die Natur und der Mensch untrennbar miteinander verbunden sind. Dies ist für mich der Kern der koranischen Weltanschauung“ (ebd. S.130).
Quellen:
Abu Zaid, Nasr Hamid (1999): Ein Leben mit dem Islam. Erzählt von Navid Kermani. Herder Verlag. Freiburg im Breisgau.

http://www.fr.de/kultur/nasr-hamid-abu-zaid-der-den-koran-oeffnete-a-1016227

http://www.deutschlandfunk.de/christen-muslime-und-die-religionskritik-so-schnell-wird.2540.de.html?dram:article_id=357157

https://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-nasr-hamid-abu-zaid-ich-bin-zeuge-des-wandels-im-islam

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