Toleranz im Islam

In unserer heutigen Gesellschaft ist Toleranz ein wichtiges Thema und wird z.B. diskutiert in Zusammenhang mit Religiosität, sexuellen Neigungen, kulturellen Unterschieden und prinzipiell Andersdenkenden. Als Begriff wird es erst seit der Zeit der Aufklärung verwendet.

Was ist also Toleranz? Toleranz – man kann auch Duldsamkeit sagen – ist allgemein ein Gewähren lassen anderer oder fremde Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.

Tolerant sein bedeutet duldsam, nachsichtig, großzügig sein. Dabei wird die Toleranzidee zur Forderung einer Duldung aller Konfessionen, und der Bedeutungsbereich des Toleranzbegriffs wird über das Religiöse hinaus erweitert, auf eine allgemeine Duldung anders Denkender und Handelnder.

Intolerant bedeutet dementsprechend unduldsam, keine andere Meinung oder Weltanschauung als die eigene Meinung gelten lassend.

Als Steigerung der Toleranz gilt die Akzeptanz, die gutheißende, zustimmende Haltung gegenüber einer anderen Person und ihrem Verhalten oder gegenüber einer anderen Religion und das Annehmen als höchste Stufe oder das Ablehnen.

Es ist eine wunderbare Eigenschaft eines Menschen, tolerant zu sein. Ein toleranter Mensch besitzt Weisheit und benutzt sein Verständnis und seine Sinne mit offenen Augen.

Hören wir erst einmal, was die „Erklärung von Prinzipien der Toleranz“ der UNESCO von 1995 aussagt:

Artikel 1 sagt aus: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“

Tolle Worte!

Toleranz wird also gegenüber anderen Meinungen und Ideen, aber auch Menschen anderer Hautfarbe, sexueller Orientierung und Religion, Ethnie, Weltanschauung, Herkunft, Abstammung, gegenüber Menschen jeder Nationalität und jeden Geschlechts, jeden Alters und jeder Behinderung ausgeführt. Kurz: Toleranz wird geübt, wer Teil der Mehrheit einer Gesellschaft oder einer Gruppierung ist und Toleranz genießt, der restliche Teil es nicht ist.

Aber ist das wirklich so einfach?

Es gibt unterschiedliche Bedeutungen von Toleranz. Aber es gibt einen Kern des Begriffs: Wir tolerieren nur Dinge, die andere tun oder sagen, wenn das, was sie sagen oder tun, uns stört, mehr noch: Wenn wir da etwas falsch dran finden.

Es geht um die gegenseitige Anerkennung in einem Konflikt. Das geht folgendermaßen vor sich: Erstens: Man hat ein Problem mit dem, was andere tun oder denken. Zweitens: Es gibt Gründe, die dafür sprechen, es dennoch zu tolerieren bis, drittens, eine Grenze der Toleranz erreicht ist oder das Problem wird angenommen, es löst sich als Problem auf.

Tolerieren kann ich eigentlich nur das, was da ist und mir missfällt, womit ich ein Problem habe. Also ist Toleranz eine Haltung, etwas zu dulden, was ich eigentlich falsch finde.

Das Gegenteil ist, wenn ich an dem, was andere tun oder denken, nichts auszusetzen habe und das gern als etwas Bereicherndes begrüße, oder wenn das, was die anderen tun, mir egal ist, dann ist das keine Toleranz, wird aber oft mit Toleranz verwechselt.

Unser Wissen voneinander alleine reicht nicht, um Toleranz zu üben. Wir müssen uns gegenseitig besser kennenlernen, um Vorurteile abzubauen und breite Brücken der Verständigung aufbauen. Das kann z.B. ein interreligiöser Dialog für das gegenseitige Verständnis sein. Aber dazu müssten die religiösen Führer der Religionsgemeinschaften diesen Dialog beginnen bzw. vorantreiben, um Vorbilder für die Gemeinden zu werden. Werden sie für diesen Dialog aktiv, setzt sich das bei den einfachen Mitgliedern, bei den einfachen Menschen weiter fort. Wie ich schon vorher betonte, ist Wissen, Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung von entscheidender Bedeutung. Wenn sich jemand nur leiten lässt ohne sich selbst zu bemühen, der macht nur das nach, was ihm vorgelebt oder gesagt wird. Und oft ist das kein Tolerieren des Anderen, der anderen Religion. Man bleibt zu starr auf das Vorgelebte seit Jahrhunderten. Dennoch, der Gedanke der Toleranz ist aber ein wesentlicher Bestandteil unserer Religion.

Toleranz ist jedoch die Vorbedingung einer friedlichen, theoretischen, Auseinandersetzung um konkurrierende Wahrheitsansprüche.

Wo kann Toleranz z. B. sein? Während die einen die Beschneidung tolerieren, halten andere sie für intolerant. Die einen sind für die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, andere sehen das wiederum als intolerant an, sie wollen für sie keine gleichen Rechte wie bei einer Ehe von Mann und Frau.

Anderes Beispiel: Die Meinung oder Handlung einer Freundin gefällt mir nicht, das heißt, sie stört mich, ich mag sie nicht, ich lehne sie sozusagen ab. Aber ich mag meine Freundin, also, sollte die Handlung nichts Schlimmes bewirken, kann ich sie tolerieren. Ich mag ihre Handlung nicht, aber ich toleriere sie. Komme ich damit klar, kann ich ihre Handlung, ihre Meinung akzeptieren, weil meine Freundin mir Gründe für ihre Handlung nennt. Es tritt also von meiner Seite eine Akzeptanz hinzu oder wenn das Negative überwiegt, die Zurückweisung als Grenze der Toleranz.

Im religiösen Sinn kann ich eine mir fremde Religion ablehnen, aber im Geiste des Friedens toleriere ich sie. Genauso ist es, wenn man sich auf Menschenrechte oder auf das Recht auf Religionsfreiheit beruft. Ich muss ja keine andere Religion annehmen, aber ich kann die Menschen, die an sie glauben tolerieren.

Die Toleranz kann demnach eine staatliche Haltung sein, die Minderheiten die Erlaubnis gibt, ihrem Glauben gemäß zu leben – und zwar in dem Rahmen, den die Erlaubnis gebende Seite allein festlegt. Alle drei Komponenten – Toleranz, Akzeptanz und Zurückweisung – sind in der Hand der Obrigkeit, und die Tolerierten sind als Bürger zweiter Klasse markiert und geduldet – und auf den Schutz durch den Gesetzgebenden angewiesen. Dies war die Toleranzvorstellung während der goldenen Jahrhunderte im Islam oder in Andalusien vor der Reconquista. Aber dennoch hatten z.B. die Wissenschaftler eine hohe Stellung, egal ob sie Juden, Christen oder Sabäer waren.

Die Gelehrten hatten sich damals öffentlich zu regelmäßigen Diskussionsrunden gestellt. Jeder hatte seine Meinung, seine Vorstellung zu wissenschaftlichen oder religiösen Themen vorgestellt, um darüber mit anderen Gelehrten oder mit dem Publikum zu diskutieren. Der nächste Redner stellte vielleicht seine ganz entgegengesetzte Meinung vor. Egal, wie hart sie stritten, am Ende gingen sie friedlich auseinander. Sie tolerierten die Meinung der anderen, ein Toleranzzeitalter.

So zumindest wünsche ich es auch für die heutigen Gemeinschaften, sich zusammenzusetzen, jeder Ansicht anzuhören, akzeptieren oder nur tolerieren. Es geht doch dabei um die heutige Menschheit und deren Zukunft, die nur im friedlichen Miteinander leben kann.

Zum Tolerieren gehören mindestens 2 Personen. Auch mein Gegenüber muss mich zumindest tolerieren. Toleranz und Akzeptanz kann man nur ausüben, wenn man ebenso toleriert und akzeptiert wird. Das vergisst man einfach zu oft. Mein Gegenüber findet mich ja genauso fremdartig, wie ich ihn.

Dabei ist tolerieren nicht gleich tolerieren. Viele Leute tolerieren z.B. den Flüchtling als leidgeprüfter Mensch, aber als Person, die dem Staat Geld kostet, wo bleibt da oft die Toleranz?

Toleranz ist meist dort, wo mindestens 2 Personen zusammen sind. Auch in unserer Moschee muss mindestens Toleranz herrschen, jeder muss seine Meinung, Vorstellung von einem islamischen Leben auf den Tisch bringen dürfen. Man kann darüber diskutieren und nachdenken und auch bei einer Akzeptanz sich einigen.

Es gibt hier in Deutschland eine Menge liberaler Religionswissenschaftler, aber ich habe einfach das Gefühl, jeder kämpft für sich allein, fühlt sich vielleicht sogar als der mit der „richtigsten“ Meinung. Es tut mir im Herzen weh, wenn ich in ihren Büchern oder Schriften lese, wie sie sich gegenseitig herabwürdigen und auf ihre richtige Meinung oder auf ihre Auslegung bzw. Interpretation des Koran bestehen. Eigentlich wollen sie doch alle dasselbe: einen offenen, toleranten Islam. Vielmehr würde ich sie auf einer Plattform für einen liberalen Islam sehen, anstatt sich gegenseitige Vorwürfe oder einfach Nichtakzeptanz üben. Sie können gemeinsam, auch mit unterschiedlichen Meinungen, viel mehr bewirken, wenn sie eine gemeinsame Diskussionsform finden, an der man sich halten kann. Es ist gut so, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, es bereichert unser Leben. Nur so können wir liberal denken, stark sein gegenüber den orthodoxen Gemeinschaften und Religionsgelehrten.

Am Ende muss ich feststellen, dass ich nicht weiß, in wieweit meine Khutbas toleriert, akzeptiert und angenommen werden. Sie vertreten meine Meinung. Aber man kann darüber reden.

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