11.12.2020

Soma

Assalamu alaikum wa rahmatullah wa barakatuhu. Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten, dem Meister des Gerichtstages. Ihm allein dienen wir und ihn allein bitten wir um Hilfe. Möge Gott uns auf den rechten Weg führen und uns Gnade erweisen, wo wir Fehler machen gegen Gott und Gottes Schöpfung.

Alles Lob gehört Allah, der Mutter der Welten, der sich Zuneigenden, wenn wir uns sorgen, der uns Aufrichtenden, wenn wir fallen. Ihrer Zuneigung und Gnade bewusst wählen wir stets diejenigen Wege, die unsere liebende Zugehörigkeit beweisen, und stets erweisen wir ihr unsere Dankbarkeit und Huld.

Gott ist ein einziges Wesen – lam jalid wa lam julad – größer als das Maskuline, größer als das Feminine, größer als jedes Stereotyp. Wörter wie Meister oder Mutter sind nur Hilfsmittel unserer Sprache, damit wir uns austauschen können. Keineswegs immer, aber sicherlich manchmal, wäre es besser, nicht so viel zu reden, sondern mehr zu fühlen, unsere Gefühle zu akzeptieren und in uns zu ruhen.

In meiner heutigen Khutba geht es um Körper und Seele und dabei auch um somatoforme Neurosen und um Achtsamkeit.

Soma ist übrigens das alt-griechische Wort für Körper. Somatoform bedeutet, dass eine Krankeit die Form einer Körperstörung hat, aber hinter den körperlichen Symptomen keine körperlichen Ursachen stecken. So bleibt die Seele, auf griechisch Psyche, als Ursache der Körperstörung.

Alle Geschichten, die ich heute erzähle, haben sich tatsächlich ereignet, sind also wahr. Die erste ist nur ein kleiner Vorspann.

Als ich noch jung verheiratet war, ging mein Mann eines Tages zum erstenmal zu seiner neuen Arbeitsstelle als Manager-Assistent. Knapp zwei Stunden später war er schon wieder zu Hause. Der Chef habe ihn gefragt, ob seine Frau heute zum ersten Mal gebügelt hätte. Er solle sich das Hemd ordentlich bügeln lassen und anschließend zurück zur Arbeit kommen. Ich nahm das hellblaue Teil und bügelte was das Zeug hielt – es war 1982, und ich war eigentlich ein kleines Mädchen von 18 Jahren, das sich schämte.

Fast hatte ich das Geschehen vergessen, bis ich vor kurzem im Rahmen meiner Fortbildung über eine Geschichte stolperte, in der es auch zunächst ums Bügeln ging.

Eine Frau bügelte jeden Tag die Hemden ihres Mannes, denn sie war Hausfrau und sah es als ihre Aufgabe an. Zugleich hasste sie diese Tätigkeit. Daher verschob sie sie immer auf den letzten Drücker, bügelte, wenn ihr Mann bereits zu Hause war, und nicht selten nörgelte sie passiv aggressiv dabei herum. Als die Beiden eines Abends beim Bügeln in Streit gerieten, eskalierte die Situation. Wütend hob die Frau das Bügeleisen hoch, um es in Richtung ihres Mannes zu schleudern. Doch während sie den Arm hob, verloren die Muskeln plötzlich ihre Kraft. Es ging nichts mehr – kein Werfen, kein Bügeln, der Arm war wie gelähmt.

Diese Art der plötzlichen Lähmung ist besonders in den Armen nicht selten. Es handelt sich um eine somatoforme Störung. Erleidet die Seele einen großen Schmerz, oder steht sie in einem unlösbaren Konflikt, so hat sie unter verschiedenen Möglichkeiten auch die Möglichkeit, den Schmerz an den Körper abzugeben. Dadurch ist die Seele entlastet. Der Mensch hat nun zwar ein körperliches Problem, aber immerhin wird er nicht verrückt.

Ein weiteres wahres Beispiel:

Ein ruhmreicher, ausgezeichneter Sternekoch mit weitreichendem Ruf konnte plötzlich nicht mehr arbeiten, da sein Arm lahm geworden war. Er ließ sich krankschreiben. Woche um Woche verging, doch es tat sich nichts. Der Arm blieb wie gelähmt, und die Karriere des Kochs schien beendet. Nach Abklären der körperlichen Situation suchte er, wie die Frau mit dem Bügeleisen, einen Psychotherapeuten auf. Der Therapeut nahm an, dass ihn der Ausfall des Armes daran hindern wollte, zur Arbeit zu gehen.

Aber warum? Die Arbeit selbst hatte dem Koch immer großen Spaß gemacht. Dem Therapeuten erzählte er nun in allen Details, was sich an der Arbeitssituation vielleicht verändert habe und ihn stören könnte. So kam er darauf, dass es besonders der neue, junge Koch war, der dem breitschultrigen älteren Sternekoch immer hinterherstarrte, ihn beobachtete, nicht aus den Augen ließ. Das machte den Sternekoch fuchsig. Es irritierte und nervte ihn. Doch wo lag der unlösbare Konflikt, der den Arm lahmgelegt hatte und damit die Arbeit unmöglich machte?

Erst nach vielen Gesprächen erkannte der Mann, dass er selbst homoerotische Gefühle für den Jungkoch hegte, die er aber niemals zugelassen hätte. Er hatte seine eigene Homosexualität über 40 Jahre lang so verdrängt, dass er nicht einmal selbst davon wusste. Die Seele hatte das Bedürfnis so abgespalten, dass der Körper es auffangen musste, ohne dass es ins Bewusstsein dringen konnte. Erst die Akzeptanz der eigenen Homosexualität führte zur Heilung des Armes.

Ich hätte noch weitere Beispiele, die wir später in der Gesprächsrunde erörtern können. Allen ist ein scheinbar unlösbarer menschlicher Konflikt gemeinsam, der durch die Unlösbarkeit zum Wahnsinn führen könnte, aber stattdessen in den Körper abwandert.

Die Arme übernehmen dabei gerne den Seelenschmerz, denn sie haben in unserem Leben viele Aufgaben. Insbesondere der Konflikt zwischen Lieben und Strafen wird in unseren Armen verkörpert. Das liebende Streicheln und Liebkosen der Hand steht in krassestem Gegensatz zum strafenden, manchmal gar den Hass zum Ausdruck bringenden Schlagen oder Quälen. Dass Konflikte der Liebe, und damit auch Konflikte zwischen Festhalten und Loslassen, in den Arm wandern, können wir leicht nachvollziehen.

Auch neurotische Zwangsstörungen sind häufig somatoforme Seelenschmerze, entstehen also aus einem seelischen Leidensdruck, der so unerträglich scheint, dass man gerne fünfzig mal nachschauen geht, ob der Herd ausgeschaltet ist, oder der Stecker gezogen, denn während man sich darum sorgt, hat man keine Zeit, sich um das eigentliche seelische Problem zu sorgen. Natürlich geschehen solche „Entscheidungen“ unbewusst. Wer den Tisch beim Abwischen stets auf eine bestimmte Weise wischen muss, das Tuch auf eine bestimmte Weise auswringt, dabei mindestens dreimal bis 12 zählen muss, während er auf einem Bein steht und die Luft anhält schützt seine Seele vor dem ganz Schlimmen. Wer kein Schlimmes hat, braucht sie nicht zu schützen. Er kennt das wahrscheinlich nicht. Auf diese Weise übernimmt der Körper Verantwortung für uns und bietet uns eine Art Lösung an. Diese ist nicht perfekt funktional, aber verrückt zu werden wäre schlimmer, als zum Beispiel ein lahmer Arm – mit dem man dann zur Psychotherapie geht, um die eigentliche seelische Problematik im geschützten und unterstützenden Umfeld zu bearbeiten.

Die Heilung stellt sich dann ein, wenn man den Konflikt erkennt, ihn also aus dem Unterbewussten herausholt, und die nicht-akzeptierten Anteile der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren lernt. Dabei muss man behutsam vorgehen, denn wenn die Erkenntnisse zu schnell kommen, verliert die Seele ihren Schutzmechanismus, so unpraktisch dieser auch gewesen sein mag, und verfällt in Depression bis hin zum Suizid oder wählt tatsächlich das Verrücken. Die Wahrheit ist für unser Bewusstsein manchmal nicht nur schwer, sondern tatsächlich unerträglich.

Als Muslime sind wir es gewohnt, uns um unseren Körper zu kümmern. Als die Menschen hier, wo wir heute leben, sich noch gegenseitig die Läuse aus den Haaren kämmten und von den Tugenden der Hygiene keinerlei Ahnung hatten, wuschen sich Muslime der arabischen Halbinsel schon mehrmals am Tag, um äußerlich rein ins Gebet zu gehen. Die Gebetsregeln enthalten Bewegungen, die unseren Körper geschmeidig halten, und das Fasten des Ramadans ist ein Akt körperlicher Selbstaufgabe.

Zugleich lesen wir immer wieder, dass genau diese Handlungen auch spirituelle Handlungen sind, bzw. sein sollen. Als Muslime wissen wir daher auch, dass wir uns um unsere Seele kümmern müssen.

Manche sagen, beim Waschen geht es gar nicht um das Sauberwerden, sondern darum, sich innerlich auf den Kontakt zu Allah vorzubereiten. Das Gebet ist kein körperlicher Akt, sondern ein spiritueller, und im Ramadan geht es nicht darum, seinen Körper zu kasteien, sondern darum, Gott geistig näher zu kommen. Gebet und Fasten sind Inbegriff der Verbindung von Körper und Seele. Weil wir jeden Tag mehrmals beten, liegt hierin eine große Kraft für unsere seelische Gesundheit. Im Gebet können wir unsere Seelenschmerzen ein Stück weit an den Körper abgeben. Sowohl unsere Bewegungen als auch unsere Worte sind routiniert, können zu einem Singsang der Lobpreisung werden und uns zugleich beruhigen. Unsere Verbindung zu Gott in den Momenten des Betens erinnert uns in aller Deutlichkeit immer wieder an unsere Aufgehobenheit im Kosmos.

Doch diese Art des Betens will gelernt sein. Das Erlangen eines Gefühls von Behütet sein und von einer aufgehobenen Sicherheit stellt sich nicht von allein ein. Wir müssen es unseren Kindern, und vielleicht uns selbst, erst einmal beibringen. Sonst bleibt das Gebet ein Akt der Äußerlichkeiten, bleibt der Ramadan einfach ein Hungern und Dürsten nach Nahrung, deren Befriedigung allenfalls zeitlich verschoben, ohne uns zu nützen.

Ich persönlich habe zwei Arten zu beten. Steinigt mich jetzt nicht dafür, aber es gibt bei mir das schnelle Alltagsgebet, das ich zwischen Wäsche waschen und zur Arbeit fahren irgendwie noch unterkriege und dessen zwei Rakat nicht länger als zwei Minuten dauern dürfen. Bei diesem Gebet nehme ich wahr, dass sich in der Zimmerecke Staub angesammelt hat, mein Kopf überlegt während der Rezitation der Fatiha, ob ich die korrigierten Klassenarbeiten schon eingepackt habe, und ob ich den Herd ausgeschaltet habe, ob meine Kinder wohl ihre Hausaufgaben erledigt haben und ob es schon zu spät ist, schnell noch eine Ladung Wäsche in die Maschine zu werfen.

Daneben gibt es das spirituelle Gebet, auf das ich mich gedanklich beim Waschen vorbereite, für das ich mir auch die Zähne putze, und bei dem ich mich besonders langsam bewege. Achtsam registriere ich, wie ich stehe – aufrecht genug, im richtigen Winkel gebeugt? Spreche ich alle Silben vollständig aus? Rezitiere ich das, was als nächstes kommt, erst dann, wenn auch die Bewegung vollständig beendet wurde? Wie lange genau bleibe ich im Sujud? In diesem Gebet hole ich meine Gedanken schnell zurück, wenn mich etwas abzulenken droht. Die Staubflocke wird kaum registriert und sicherlich keines weiteren Gedankens gewürdigt.

So ist es auch außerhalb des Gebets. Ich denke darin liegt kein Problem. Manchmal geht alles schnell, manchmal ganz achtsam und ruhig. Es wird erst dann zum Problem, wenn man sich fast nur noch im Modus des Schnell Schnell bewegt. Wenn man beginnt, auch seinen Tee so zu trinken, seine Abendmilch nur noch herunterzuschütten, zu essen ohne zu kauen, Schulaufgaben zu schreiben ohne zu denken, mit jemandem zu streiten ohne ihn oder sie zu hören, whats app Nachrichten schreibt, ohne auf den Ton zu achten. Das Problem beginnt auch nicht erst bei „immer“, sondern bei „oft“. Achtsamkeit ist Langsamkeit. Achtsamkeit heißt, zu fühlen, was man gerade tut. Es bedeutet auch, wenn einen etwas seelisch trifft, nicht gleich zurückzudonnern, sondern erst einmal zu erfühlen, wo im Körper es einen getroffen hat. Achtsamkeit bedeutet, sich nicht zu schnell zu verteidigen. Es bedeutet, den Schmerz erst einmal auszuhalten, zu erfühlen, zu verstehen und erst dann zu antworten. Das Leben in Einklang mit der eigenen Seele und mit Gott ist viel langsamer als wir es heute leben. Dazu gehört auch, uns selbst zuzuhören und Lösungen für unsere Konflikte zu finden. Allein oder mit einem lieben Menschen gemeinsam.

Doch wenn wir uns mit unseren Konflikten nur im Kreis drehen, unsere Dilemmata nicht selber auflösen können, nicht wissen, was besser ist, weil es kein besser gibt, weil das Handeln wie das Nicht-Handeln gleichermaßen in die Katastrophe führen, dann gehört es auch zur Achtsamkeit, uns Hilfe an der richtigen Stelle zu suchen. Nicht immer ist das der Freund oder die Freundin. Und nicht immer reicht das Gebet. Wenn ich eine Lungenentzündung habe, lasse ich mich nicht von einem Freund über Lungenentzündungen beraten sondern gehe zum Arzt. Wenn ich einen Seelenschmerz habe, den ich innerhalb eines halben Jahres nicht bearbeiten kann, dann gehe ich zu einem Psychologen. Einem Kundigen, der mir wirklich helfen kann. Beten hilft, den seelischen Ballast zu erleichtern, aber es hilft nicht immer dabei, das wirklich Schlimme zu überwinden.

Als Muslime sind wir es gewohnt, uns um unseren Körper zu kümmern und um unsere Spiritualität. Das Kümmern um die Seele, die Akzeptanz der Hilfe durch Psychologen und Heilende, die achtsam mit uns umgehen und uns vorsichtig begleiten, um zu unserer Heilung beizutragen, gelingt uns nicht immer. Noch heute ist die Inanspruchnahme eines Therapeuten mit einem Stigma belegt, wird als peinlich angesehen und nicht selbstverständlich mitgeteilt. So bleibt uns zunächst die Möglichkeit eigener Achtsamkeit beim Gebet und beim Leben. Doch dort, wo das nicht reicht, um ein seelisch gesundes Leben zu führen, dürfen wir uns therapeutische Begleitung holen. Eine Definition von „seelischer Gesundheit“ ist schwer zu formulieren. Aber Schmerzen sollte niemand haben. Nicht im Körper und nicht in der Seele. Bei den weniger dramatischen Problemen helfen Freunde und Partner. Auch die Seelsorge unserer Moschee ist nur einen kleinen Anruf entfernt, wenn jemand Beistand benötigt. Der Anruf ist willkommen.

Ich wünsche uns heute allen ein gesundes und achtsames Freitagsgebet und eine gesunde und achtsame kommende Woche.

Susie

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